Meinung: Patina — 01.10.2011
Patina: Fluch oder Segen?
Was Patina ist, weiß niemand so genau. Immerhin verhindern Gebrauchsspuren bei Klassikern das H-Kennzeichen nicht. Ansichtssache: Zwei Redakteure kommentieren hier glänzend.
Heinrich Lingner: Ja bitte!
Darf Patina sein? Da regt mich ja schon die Frage auf. Die professionelle Denkmalpflege war schon vor Jahrzehnten so weit, wie es die Oldtimerszene jetzt erst ist: Gebrauchts- und Alterungsspuren gehören bei einem betagten Kunstwerk dazu. Mit Grausen erinnere ich mich an die Zeiten, als nur ein komplett zerpflückter und in Besser-als-neu-Zustand wieder zusammengepfriemelter Altwagen als echter Oldtimer galt. Hochglanzpoliert, jede Gebrauchsspur auf Innen- und Motorraum entfernt, am besten noch mit Leder- statt der originalen Skaisitze, Drahtspeichen- statt Stahlscheibenrädern und verchromten Ventildeckeln. Alles schön neu. Und so charmant und spannend wie der Ausstellungsraum eines noblen Einrichtungshauses. Viel lieber ist mir da ein Original. Eines, das die Spuren der Jahre mit Würde trägt. Ein Auto, bei dem ich mir vorstellen kann, dass sein Vorbesitzer nach Antibes oder Bad Neuenahr gereist sinst, die Kinder zur Schule und die Oma zum Bahnhof gefahren wurden. Vielleicht sind in den Tiefen der Fondsitze ein paar Kekskrümel verblieben oder eine Haarnadel. Die feinen Kratzer des samstäglichen Waschrituals schimmern matt im Gegenlicht. Dafür liebe ich alte Autos.
Karl-August Almstadt: Nein danke!
Meine Güte, jetzt haben irgendwelche Szenetypen neu für sich erkannt, dass die Spuren des Lebens auch Autos charmant individualisieren können - und wollen gleich einen Trend daraus machen. Fehlt nur noch das Wort "Kult". Klartext: Patinierte Strichachter, Granada oder sonstige Gurken gab's schon vor 25 Jahren reichlich. Manch ein Patina-Perfektionist, behaupte ich, ist nur zu faul zum Entrosten. Oder hat schlicht kein Geld für den Lacker. Das Problem bei der Debatte um die Spuren einer natürlichen Alterung ist doch: Wo hört Patina auf, wo fängt Gammel an? Die Bismarck-Bronzebüste im Garten kann durch chemische Einflüsse attraktiver werden. Mit zehn Jahren Tennengrün auf dem Haupt sieht sie nur erbärmlich aus. Beim Auto greift auch die Broken-Windows-Theorie: erst eine Fensterscheibe kaputt, dann alle. Ist so: Wo Müll nicht weggeräumt wird, kommt immer neuer hinzu. Kratzer im Lack? Dann tut der zweite auch nicht mehr weh. Anders ist's, wenn es nicht um Gammel geht, sondern um echten Erstlack mit milden Gebrauchsspuren. Viel zu schade zum Benutzen, viel zu aufwendig zu erhalten – für jeden, der fahren will und nicht nur bewahren wie ein Museumswärter.
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Kommentare zum Artikel (8)
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Restorieren kann man immer wieder
Patina gibt es nur einmal
Diese Blankpolierten Autos, vor allem die Oldtimer werden meistens eh von Leuten gefahren, die Null Sinn für Ästhetik haben...
Ihre eigene Oberspiessigkeit übertragen die auf ein Auto, dass es schon fast weh tut.
Aber nöö, Hauptsache Show, zeigen, wie Durchstruktuiert einer ist... sehr geil.
Patina: selbstverständlich! Schließlich sind es Gebrauchsspuren, die ein altes Auto genauso adeln wie die Falten das Gesicht eines alten Menschen. Dass aber Herr Almstadt einen /8 oder einen Granada als "Gurken" tituliert, ist eine bodenlose Frechheit und zeugt von einer bodenlosen Arroganz gegenüber allen, die die damaligen "Brot- und Butterautos" lieben und pflegen. Mein Granada hat sich seine kleinen Lackschäden und Gebrauchsspuren redlich verdient. Jedem seine Meinung, aber Beschimpfungen dieser Art disqualifizieren Herrn Almstadt als objektiven Betrachter der Oldtimer-Szene.
ich mag die unrestaurierten Originalexemplare einfach lieber, als ein 40 jahre alter
Klassiker, der ohne Rücksicht auf Kosten in einen "Zustand 0-1"-Fahrzeug versetzt
wurde.
Dem "alten Blech" darf man sein Alter durchaus ansehen, nur ab Produktion direkt
ins Werksmuseum verfrachtete Autos sind auch nach x-Jahren noch quasi "ungebraucht";
aber ist ein Fahrzeug - der Name sagt es doch - zum FAHRen gedacht?
Ich hatte aber auch bei meinen beiden Autos Glück, der 77er Manta - www.ernesti.de/r19
ist auch nach 35 Jahren weder geschweisst oder nachlackiert worden!
Wenn man wie ich nicht zu den " Besserverdiener" gehört, aber sich in besseren Zeiten ein altes gutes Stück angeschafft hat ist es garnicht möglich den Oldie ohne Patina am Leben zu erhalten. Warum sollen nur solvente Mitmenschen das Recht auf einen Oldtimer haben.Wichtig ist doch das diese Ikonen am Leben erhalten werden und auch solche Oldies die für die solventen Mitbürger nicht von Interesse sind bzw. keine Wertsteigerung bringen.Ich freue mich Jedesmal auf die Kommentare der Passanten und auch der solventen Mitbürger. "Für sein Alter ist der ganz schön in Schuss." usw.