Oldsmobile Toronado

Meinung: Patina

— 01.10.2011

Patina: Fluch oder Segen?

Was Patina ist, weiß niemand so genau. Immerhin verhindern Gebrauchsspuren bei Klassikern das H-Kennzeichen nicht. Ansichtssache: Zwei Redakteure kommentieren hier glänzend.

Patina ist amtlich anerkannt. Auch die neue Richtlinie, die von November 2011 an die Zuteilung eines H-Kennzeichens regelt, stört sich nicht daran. Ausdrücklich würdigt nun der Gesetzgeber "angemessene Gebrauchsspuren". Den Begriff näher zu erläutern, traut er sich allerdings nicht zu. Nur eine Abgrenzung soll helfen: Das Fahrzeug soll nicht "verbraucht" erscheinen. Eine Gratwanderung für jeden, der sich auf eine Beurteilung einlässt. Sicher ist jedoch: Wahre Patina ist ein Phänomen auf Oberflächen, nicht in der Tiefe. Sie wächst nur langsam über viele Jahrzehnte. Und sie ist nicht gewollt, sondern die zwangsläufige Folge geduldiger, schonender Pflege.

Heinrich Lingner: Ja bitte!

Heinrich Lingner hat's lieber original

Darf Patina sein? Da regt mich ja schon die Frage auf. Die professionelle Denkmalpflege war schon vor Jahrzehnten so weit, wie es die Oldtimerszene jetzt erst ist: Gebrauchts- und Alterungsspuren gehören bei einem betagten Kunstwerk dazu. Mit Grausen erinnere ich mich an die Zeiten, als nur ein komplett zerpflückter und in Besser-als-neu-Zustand wieder zusammengepfriemelter Altwagen als echter Oldtimer galt. Hochglanzpoliert, jede Gebrauchsspur auf Innen- und Motorraum entfernt, am besten noch mit Leder- statt der originalen Skaisitze, Drahtspeichen- statt Stahlscheibenrädern und verchromten Ventildeckeln. Alles schön neu. Und so charmant und spannend wie der Ausstellungsraum eines noblen Einrichtungshauses. Viel lieber ist mir da ein Original. Eines, das die Spuren der Jahre mit Würde trägt. Ein Auto, bei dem ich mir vorstellen kann, dass sein Vorbesitzer nach Antibes oder Bad Neuenahr gereist sinst, die Kinder zur Schule und die Oma zum Bahnhof gefahren wurden. Vielleicht sind in den Tiefen der Fondsitze ein paar Kekskrümel verblieben oder eine Haarnadel. Die feinen Kratzer des samstäglichen Waschrituals schimmern matt im Gegenlicht. Dafür liebe ich alte Autos.

Karl-August Almstadt: Nein danke!

Karl-August Almstadt pflegt und hegt

Meine Güte, jetzt haben irgendwelche Szenetypen neu für sich erkannt, dass die Spuren des Lebens auch Autos charmant individualisieren können - und wollen gleich einen Trend daraus machen. Fehlt nur noch das Wort "Kult". Klartext: Patinierte Strichachter, Granada oder sonstige Gurken gab's schon vor 25 Jahren reichlich. Manch ein Patina-Perfektionist, behaupte ich, ist nur zu faul zum Entrosten. Oder hat schlicht kein Geld für den Lacker. Das Problem bei der Debatte um die Spuren einer natürlichen Alterung ist doch: Wo hört Patina auf, wo fängt Gammel an? Die Bismarck-Bronzebüste im Garten kann durch chemische Einflüsse attraktiver werden. Mit zehn Jahren Tennengrün auf dem Haupt sieht sie nur erbärmlich aus. Beim Auto greift auch die Broken-Windows-Theorie: erst eine Fensterscheibe kaputt, dann alle. Ist so: Wo Müll nicht weggeräumt wird, kommt immer neuer hinzu. Kratzer im Lack? Dann tut der zweite auch nicht mehr weh. Anders ist's, wenn es nicht um Gammel geht, sondern um echten Erstlack mit milden Gebrauchsspuren. Viel zu schade zum Benutzen, viel zu aufwendig zu erhalten – für jeden, der fahren will und nicht nur bewahren wie ein Museumswärter.

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