Mercedes 190 E 2.3

Mercedes 190 E 2.3 gegen 190 E

— 13.01.2011

2.3 – Braucht der 190E den neuen Motor?

AUTO BILD Archiv-Artikel 2/1987: Er ist ein Renner - bei den Käufern und auf der Autobahn. Den­noch hat Mercedes den 190E jetzt noch weiter aufgewertet: mit einem stärkeren Motor (14 PS) und im Preis (2337 Mark). Was bringt's?

Würde man mir die Augen verbin­den, mich in einem Mercedes 190 E 2.3 mitfahren lassen und nach einer Weile fragen: Sitzt du in einem Zwei­liter-190er oder einem Zwo-Punkt-­Drei-190er?, ich könnte die Frage auf Anhieb nicht beantworten. Nur mit Messinstrumenten, einem feinen Ge­hör und einem gut funktionierendem "Popometer" (will sagen: Tester­gefühl) lassen sich Unterschiede ausmachen. Selten hat mich und das Testteam ein Testwagen so in Zweifel gestürzt. Alle dachten: 14 PS und 232 Kubik mehr Hubraum müssen sich doch bemerkbar machen! 60 Kilo Mehrge­wicht für den größeren Motor und mi­nimale Änderungen am Fahrwerk – eine einen Hauch straffere Abstim­mung von Federung und Dämpfung - sollten schon ein Leistungsplus spü­ren lassen.

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Und da sind dann noch die amtlichen Papierwerte von Werk und TÜV. Höchstgeschwindigkeit laut Kfz-Schein: 190 km/h für den 190 E (Kat) und 197 km/h für den 190 E 2.3 (Kat), beide haben ein Fünfgang­getriebe. Im ersten Durchlauf war der kleine­re schneller als der hubraumstärkere (192 zu 190 km/h). Marsch! Zurück in die MercedesWerkstatt zur peinlich genauen Über­prüfung. Fazit: Alle vom Werk vorge­gebenen Werte für Motor, Getriebe und Hinterachse sind in Ordnung. Um sicherzugehen und um alle Zweifel auszuräumen, rollt ein zweiter 2.3 an den Start. Und sofort ist das Vorurteil wieder da: Der geht kaum besser.

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Er schafft auch nicht die angegebene Höchstgeschwindig­keit. Nach langem Anlauf - und auch das nur im vierten Gang - schafft er schließlich 195 km/h. Nach zweitausend Kilometern zwi­schen Bodensee und dänischer Grenze kann ich Ihnen die Unterschiede zwischen "kleinem" und "etwas größerem" 190er erklären. Der 2.3 beflügelt automatisch die Phantasie, weil jeder meint, nach dem 190 E (der unstrittig eines der besten Autos von heute ist) müssen 232 ccm mehr Hubraum gleich ein noch tolleres Auto entstehen lassen. Pustekuchen! Sicher, in der Stadt macht der 2.3 vieles besser. Schon bei niedrigen Drehzahlen tritt der Motor an und lässt den Baby-Benz mit turbinenhafter Leichtigkeit abziehen.

Triebloses Getriebe

Der größte Mercedes-Vierzylindermotor ist da­bei kraftvoll genug, um sogar bei leicht angehobener Drehzahl im zweiten Gang anzufahren. Doch die Kraft ist leider nicht gleichmäßig verteilt. Auf freier Strecke und vor allem auf der Auto­bahn wird rasch klar, dass dann der erwartete Biss fehlt. Ein typisches Beispiel: Ich rolle mit Tempo 130 (Drehzahl ca. 2700/min), fünfter Gang eingelegt. Ich setze zum Überholen an, schalte in den vierten Gang. Der Motor zottelt tempera­mentlos weiter. Die Drehzahl­erhöhung reicht nicht aus. Ich gehe in den dritten (zwei Gangsprünge!!) zurück. Nun erst zieht er los.

Saufender Spargang

Der fünfte Gang, als Spargang ausgelegt, ist ein fauler Geselle. Er drückt das Drehzahlniveau um rund 1000 Umdrehungen und lässt damit den Motor fast immer in den schlaf­fen Bereich zurückfallen. Dass Motor und Schaltung nicht recht harmonieren, muss an der Tank­stelle bezahlt werden. Engagiertes Fahren mit häufigem Zurückschal­ten, um genug Schub beim Überho­len zu bekommen, ließ den Testver­brauch bei hohem Autobahn-Tempo über 13 Liter/100 km steigen. Kein erfreulicher Wert; denn ein fleißig ge­schalteter kleiner 190er ist gute zwei Liter sparsamer. Mercedes hat sich dennoch etwas mit dem 190 E 2.3 gedacht.

Reisen - nicht rennen

Bei ihm nämlich wächst trotz Katalysator die Leistung um 10 PS, gemessen am "schnellen", nicht entgifteten 190 E. Der Elastizität-Zuwachs beim 2.3 ist ein angenehmes Zubrot für alle diejenigen, die einen 190 nicht nur als verkapptes Rennauto zum Schnellfahren benutzen wollen. Im Kurzstreckenverkehr lässt er sich schaltfau – und sparsam - bewegen. Es gibt aber noch andere Gründe, die für den etwas größeren Motor und den Mehrpreis von 2337 Mark sprechen: Fünfganggetriebe serienmä­ßig (beim 190E kostet es 798 Mark Aufpreis); wer entspannt und mit Automatik reisen will, hat von jedem Kubikzentimeter mehr Hubraum Vor­teile.

Scheibenverwischer

Das gleiche gilt für die, die einen Caravan oder Boots- oder Pferdeanhänger schleppen wollen. Die Geräuschkulisse des 2.3 fällt positiver aus als beim 190 E, der bei sportiver Gangart nicht mehr ganz leise ist. Mercedes hat extra Schallschluckmatten spendiert. Ein paar ererbte Ärgernisse der 190er-Serie stören auch am 2.3. Der technisch elegant gelöste Einarm­scheibenwischer macht die Wind­schutzscheibe selten ganz sauber. Am besten wischt er in der Mitte, wo es der Fahrer nicht braucht. Bei Schmuddelwetter wird die Heck­scheibe von Schmutzwasser-Sturz­bächen, die ungehemmt übers Dach laufen, rasch undurchsichtig. Eben­so nehmen hässliche Schmutzkeile die Sicht auf die Außenspiegel. Mer­cedes-Entwickler testen wohl nur bei Sonnenschein...

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