Mercedes 220 S Cabrio

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Mercedes 220 S Cabrio

— 22.11.2013

Geh'n Sie mit der Konjunktur

Prachtvoller als im Mercedes 220 S konnte der Erfolgsmensch in den Fünfzigern kaum offen fahren. Unter den großen deutschen Cabrios war es das schönste, das edelste und eines der kostspieligsten. Motto: Wer hat, der hat.

1956, das Wirtschaftswunder gab Vollgas. Die Bäuche wurden dicker, die Zigarren länger, und abends überraschte die Kaltmamsell ihre Herrschaften mit Häppchen am Zahnstocher und Salami-Tüten mit Mayonnaise. Deutschland brummte, besonders bei den Schwaben. Die Stuttgarter leisteten sich ein brandneues Kulturzentrum, die Liederhalle, architektonisch der letzte Schrei (und ideale Kulisse für den Mercedes 220 S oben im Titelbild!). Und draußen, im Karosseriewerk Sindelfingen, leistete sich der Daimler im selben Jahr ein Schmuckstück, das den Zeitgeist verkörperte wie wohl kein anderes Gefährt deutscher Herkunft. Perfektes Timing – mit dem neuen Mercedes 220 S Cabrio vor der neuen Liederhalle aufzukreuzen, das war schwer zu toppen. Ein Auto oberhalb von Gut und Böse. Dass es 9000 Mark mehr (!) kostete als die technisch gleiche Limousine, entlarvte seinen Besitzer als einen, für den Geld keine Rolle spielt, der es mit der deutschen Wirtschaft ganz nach oben geschafft hatte. So wie das Hazy Osterwald-Sextett damals in seinem großen Hit empfahl: Geh'n Sie mit der Konjunktur. Der Mehrpreis hätte für zwei VW Käfer gelangt. Mit 21.500 Mark bewegte sich dieses Cabrio in der Region staatstragender Limousinen und exotischer Traumwagen. Fürs gleiche Geld hätte es ein Jaguar XK150 mit doppelter PS-Zahl sein können; 500 Mark mehr, und ein 300er hätte der Garage gefüllt, das Kanzlermodell.

Der Mercedes 220 S ist eines der prachtvollsten Cabrios der 50er-Jahre, dazu robust, zuverlässig und gediegen. Und vor allem wunderschön.

©A. Emmerling

Gut möglich, dass der ohnehin schon zum Fuhrpark der Kundschaft zählte. Denn dieses Cabrio war weniger für den Alltag gedacht, eher als Belohnung für die schönen Tage des Lebens. Zugleich war es die in Blech gepresste Allegorie des Wirtschaftswunders – unten eine solide Basis, oben frische Luft und dazwischen gediegene Pracht. "Urlaub auf jeder Fahrt" verhieß die Mercedes-Reklame – ein Versprechen, in dem Sportlichkeit nicht vorgesehen ist. Muss ja auch nicht, Stress hatte sein Besitzer auch so schon genug, auch wenn es das Wort noch nicht gab. Zielführend dagegen Begriffe wie Luxus, Exklusivität und Schönheit. Und schön war der Benz ohne Zweifel, blendend schön sogar, denn so viel Chrom blitzte sonst nur an amerikanischen Straßenkreuzern. Neben der 220er-Limousine sah das Cabrio aus wie der Onkel aus Amerika, reicher, modischer, extrovertierter. Auch das Coupé, das zum gleichen Preis angeboten wurde. Hollywood meets Sindelfingen. Glamour vermischt sich mit Gründlichkeit, Prunk mit Perfektion. Und nirgendwo diesseits von Bentley und Rolls-Royce erschien dieser Überfluss so kostbar, so elegant. Die Form folgte der modernen Pontonlinie (keine separaten Kotflügel mehr), das sanft abschwingende Heck erinnert uns an den 190 SL.

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Der 220 fährt sich auch sehr bequem, mit viel Platz für zwei und großem Kofferraum.

©A. Emmerling

Also doch sportliche Ambitionen? Keineswegs, höchstens ein sportiver Look. Indessen gleicht der mächtige Bug dem gewöhnlichen 220er, nur die Hörner der Stoßstange sind wuchtiger. Der wahre Kulturschock erwartete das gemeine Volk der Autofahrer aber erst beim Betreten des Innenraums. Zwischen dieser Kanzel und der blechernen Diät zeitgenössischer Opel oder Volkswagen liegen Welten. Sindelfingens Innenausstatter zogen sämtliche Register – die fettesten Polster, bezogen mit dickstem, wohlriechendem Leder. Teppiche, so teuer, dass die meisten Deutschen sie sich zu Hause nicht leisten könnten. Und Nussbaum satt, wahlweise vom Stamm oder von der Wurzel, ein Armaturenbrett, wie mit Schleifpapier aus dem Baum herausgestreichelt. Holz umrahmt die Frontscheibe, formt die Fensterbrüstungen und ziert die geräumigen Türtaschen. Dazu Chrom, überall schweres Chrom. Es funkelt an Zierleisten, an den Knöpfen, die hier wie Pilze sprießen, an allem, was der Insasse zwecks Bedienung anfasst. Und jedes Detail ist individuell angepasst, denn in den Sonderkarosserien von Mercedes steckte noch viel Handarbeit. Sorgfalt war oberstes Gebot.

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Holz und Chrom, Teppich und Leder. Das Lenkrad gab es in Schwarz oder Weiß. Hier die "Hydrak"-Version mit automatischer Kupplung.

©A. Emmerling

Es fährt sich sanft und unaufdringlich, das Cabrio. Du thronst hinter dem hoch stehenden Lenkrad, genießt eine begnadete Aussicht, vom Fahrtwind umfächelt. Am Signalring zu drehen aktiviert den Blinker, gewitzt, dieser Gag. Voraus der moderne Bandtacho, weiter vorn und fast in Augenhöhe der gute Stern. Ein erhebendes Gefühl. Die Lenkradschaltung im Stil der neuen Zeit – sie hakelt, nichts zum Durchreißen. Aber dergleichen wäre in diesem Elitewagen ohnehin fehl am Platz. Auf Wunsch gab es eine automatische Kupplung namens Hydrak – dann hakt es nicht nur, sondern ruckt auch noch. Freuen wir uns auf die vollautomatische Zukunft. Am Preis gemessen würde man dem Cabrio einen Dreilitermotor zuschreiben, aber er behielt den 2,2-Liter-Sechszylinder der Limousine. Macht ja auch nichts, denn dank oben liegender Nockenwelle bringt der Kurzhuber die in Dreiliterkreisen übliche Leistung: 106 PS, später dank Einspritzung auch 115 und sogar 120 PS. Du musst ihn nur drehen lassen, dann geht es flott voran.

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Unter der Haube findet sich der brave 2,2-Liter-Sechszylinder der Limousine.

©A. Emmerling

Das Temperament (160 Spitze, null auf 100 in 15 Sekunden) erlaubt zügiges Reisen, Marschtempo 130. In den 50ern reichte es, um fast alles, was auf den Autobahnen kreuchte und fleuchte, zu verblasen. Wenn es denn sein musste. Im Grunde seines Wesens favorisierte dieser Wagen den eleganten Fahrstil, gleiten lassen, den Komfort genießen. Dennoch war er immer noch ein Benz und kein Puddingdampfer wie die von der US-Konkurrenz. Er lenkt sich servolos straff, beim Rangieren verlangt er Bizeps. Kurven nimmt er stabil untersteuernd, und sollte die tiefe Lage des Grenzbereichs auch spätere Fahrergenerationen erheitern: Zu seiner Zeit warst du mit ihm vollauf zufrieden. Sein Chassis folgte der Daimler-Plattformstrategie – alle Pontonmodelle haben die gleiche Basis, nur mit vier unterschiedlichen Radständen: von 2,65 Meter (180/190) über 2,70 (Coupé/Cabrio), 2,75 (219) bis 2,82 Meter (220 S/SE Limousine). Das Cabrio ist also kürzer, aber zugleich 100 Kilo schwerer, folglich etwas träger als ein regulärer 220er. Was die Kundschaft aber kaum interessiert haben dürfte. Nicht der Antritt zählt, sondern der Auftritt. Und hier, vor der Liederhalle, hat er die Qualität eines Weltstars.

Technische Daten

Inzwischen übersteigt der Wertzuwachs eines gut erhaltenen Ponton-Cabrios auch die laufenden Kosten.

©A. Emmerling

Mercedes 220 S Cabrio Motor: Reihensechszylinder, vorn längs • vierfach gelagerte Kurbelwelle, obenliegende Nockenwelle, über Kette angetrieben, zwei Ventile pro Zylinder, zwei Register-Fallstromvergaser • Hubraum 2195 ccm • Leistung 78 kW (106 PS) bei 4800/ min • max. Drehmoment 162 Nm bei 3500/ min • Antrieb/Fahrwerk: Vierganggetriebe mit Lenkradschaltung • Hinterradantrieb • Einzelradaufhängung, vorn an Doppelquerlenkern und Schraubenfedern, Stabilisator, hinten Eingelenkpendelachse, Schubstreben, Schraubenfedern • Trommelbremsen vorn und hinten • Reifen 6,70-13 Maße: Radstand 2700 mm • L/B/H 4670/1765/1530 mm • Leergewicht 1470 kg • Fahrleistungen/Verbrauch: 0–100 km/h in 15,0 s • Spitze 160 km/h • Verbrauch 13,5 l S pro 100 km • Tankvolumen 62 Liter • Neupreis: 21.500 Mark (1958).

Historie

Im Juli 1956 werden die ersten Exemplare des 220 S Cabrio ausgeliefert, anfangs noch als „Cabrio A“ mit vorklappbarer Notsitzbank im Fond und "Cabrio B" mit fest installiertem Rücksitz. Im Oktober folgt die Coupé-Variante. Beide haben den 100-PSMotor aus der Limousine. Im Jahr darauf hebt Mercedes die Leistung des 2,2 Liter-Sechszylinders auf 106 PS an (ab August), gegen Aufpreis gibt es den Kupplungsautomaten Hydrak. Die technische Entwicklung läuft analog zu den Viertürern, folglich darf auch der Cabrio-Kunde ab Oktober 1958 den neuen Einspritzmotor ordern (1900 Mark Aufpreis), was die Leistung auf 115 PS hochschraubt und zum prestigeträchtigen E hinter dem S berechtigt. Schon ein Jahr später liegen 120 PS an, denn nun baut Mercedes ausschließlich den Motor der neuen W 111 Limousine ("Heckflosse") ein. Erst im November 1960 wird die Produktion der Ponton-Coupés und -Cabrios eingestellt. Die Stückzahlen erreichen 3429 Exemplare beim 220 S, dazu 1942 vom Typ 220 SE, jeweils inklusive Coupé. Im Frühjahr 1961 füllt der Nachfolger die Lücke, der 220 SE der Baureihe W 111, wieder als Coupé und Cabrio.

Plus/Minus

Es ist eines der prachtvollsten Cabrios der 50er-Jahre, dazu robust, zuverlässig und gediegen. Und vor allem wunderschön. Der 220 fährt sich auch sehr bequem, mit viel Platz für zwei und großem Kofferraum. Allerdings sind die Fahrleistungen für heutige Verhältnisse bescheiden – ein Cruiser eben, kein Auto für Raser. Inzwischen übersteigt der Wertzuwachs eines gut erhaltenen Ponton-Cabrios auch die laufenden Kosten, nachdem der Marktwert viele Jahre lang im Schatten des späteren W 111-Cabrios dümpelte. Der Komfort lässt sich heute durch den Einbau einer elektrischen (natürlich nicht originalen) Lenkhilfe deutlich steigern; das gefährdet allerdings das H-Kennzeichen. Dass auch die Bedienungskräfte auf 50er-Jahre-Niveau liegen, gehört für echte Fans zum Reiz dieses Feudalcabrios.

Ersatzteile

Die gute Nachricht: Es gibt fast alles. Die schlechte: Vieles ist extrem teuer und nicht mehr neu erhältlich. Technikteile sind meist noch vergleichsweise günstig, abgesehen von bestimmten Posten wie Lenkung (1100 Euro) oder Kegel- und Tellerrad an der Hinterachse (1270 Euro). Oft handelt es sich um aufgearbeitete Gebrauchtteile. Schwieriger gestaltet es sich, manche Karosseriebleche und Chromteile aufzutreiben. Allein der Frontscheibenrahmen besteht aus sieben Leisten, und sie lassen sich heute kaum wiederbeschaffen. Problemlos dagegen der Ankauf des Mercedes-Sterns (umklappbar): ab Lager für 213 Euro.

Marktlage

Ponton-Cabrios sind exklusiv, aber nicht wirklich selten. Das Gros der Angebote sind Autos im Zustand 3 oder 2 – zu Preisen um 80.000 Euro. Spitzenexemplare, zumal vom 220 SE, kosten hingegen deutlich mehr: "Mindestens 130.000 Euro sind heute üblich", meint Thorsten Klenk vom Mercedes-Spezialisten Mechatronik.

Empfehlung

Kaufentscheidend sollte der Zustand der Karosserie sein: Schiefe Spaltmaße können ein Vermögen kosten, ebenso die Renovierung des Innenraums oder das Beschaffen der Zierleisten. Aber auch der Motor muss sorgfältig geprüft werden, denn eine Überholung kommt teuer, speziell beim Einspritzer. Eine Komplettrestaurierung kann 200.000 Euro verschlingen – so viel zum Thema Schnäppchen im Zustand 4.

Autor: Wolfgang König

Fotos: A. Emmerling

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