Mercedes 300 E 4Matic

— 01.03.2013

Einbahnstraße zur Perfektion

Das Beste oder nichts. Der Slogan von heute war das Leitmotiv von gestern. Nichts beweist das zugkräftiger als der Allradantrieb 4Matic im Mercedes W124.



Sie hießen Syncro, 4WD oder 4x4: Ihre Hersteller surften in den achtziger Jahren auf der Allrad-Welle, die Audi mit dem Quattro 1980 ausgelöst hatte. Mit einer Ausnahme: Ausgerechnet der Technologiekonzern Daimler-Benz beharrte auf Heckantrieb, lehnte Allradantrieb im Pkw sogar schlichtweg ab. Doch die Allrad-Abstinenz verbesserte nicht unbedingt die Wintertauglichkeit, das erkannte der Daimler-Vorstand noch rechtzeitig. Ein permanentes Allradsystem wie bei der Konkurrenz, womöglich mit einem manuellen Sperrdifferenzial, kam allerdings nicht in Frage. Das passte nicht zum technologischen Führungsanspruch der Marke. Noch war Shareholder Value nur ein Wort aus dem Lehrbuch für Betriebswirtschaftsstudenten. Ingenieure entschieden, nicht Controller oder Sales Manager. Es zählte nur das Beste, das Perfekte. Das Ziel der Ingenieure: optimale Traktion, volle ABS-Funktion und beste Fahrstabilität bei allen Witterungsbedingungen. Im Verkaufsprospekt sprach Daimler ungewohnt unbescheiden von einer "neuen Ära der Antriebstechnik".

Äußerlich sieht man diesem W 124 sein Allrad-System nicht an.

© K.-U. Knoth

Der konstruktive Aufwand nahm absurde Formen an: Das Vorderachsdifferenzial platzierten die Ingenieure neben der Ölwanne, die rechte Antriebswelle läuft tunnelartig mittendurch! Zweites Hindernis: die Schraubenfedern vorn. Kein Problem für die kreativen Schwaben, sie ließen sich die Schraubenfeder mit "Stich" einfallen. Die dritte Windung der vorderen Federn wurde weit in die Länge gezogen, damit die Antriebswellen hindurchpassen. Im Innenraum deuten nur die breitere Mittelkonsole und die orangefarbene Kontrolllampe im Tacho auf den Allradantrieb hin. Zusätzliche Schalter gibt es keine – die 4Matic agiert vollautomatisch. Beim Anfahren ist grundsätzlich Allradantrieb eingeschaltet. Haben alle vier Räder volle Haftung, fährt der 4Matic ab einer Geschwindigkeit von 20 km/h mit Heckantrieb. Auch beim Bremsen sind Allradantrieb und Differenzialsperren ausgeschaltet, damit das ABS funktionsfähig bleibt. Gesteuert wird das System über Sensoren, die die Drehzahlen messen. Treten unterschiedliche Raddrehzahlen an Vorder- und Hinterachse auf, erhält die Hydraulikeinheit einen Regelimpuls.

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Erst im tiefen Sand erkennt man den 4MAtic, wenn die automatischen Differenzialsperren zuschalten.

© K.-U. Knoth

Ohne Einfluss des Fahrers agiert die 4Matic in drei Regelstufen: Der Vorderantrieb schaltet sich zu, die Differenzialsperren bleiben frei. Die Kraft verteilt sich vorn/hinten im Verhältnis 35:65. Tritt immer noch Schlupf an einem oder mehreren Rädern auf, sperrt die 4Matic das zentrale Planetenrad-Ausgleichsgetriebe zwischen Vorder- und Hinterachse. Dabei ergibt sich ein Kraftschluss von 50:50. Sind weiterhin Drehzahlunterschiede an den Rädern vorhanden, sperrt die 4Matic auch das Hinterachsdifferenzial. Oberhalb von 35 km/h wird die dritte Stufe nicht mehr geschaltet. Alle Vorgänge laufen in Millisekunden ab, nur die leuchtende Kontrolllampe im Tacho signalisiert die aktive 4Matic. Im alltäglichen Fahrbetrieb bemerkt der Fahrer nichts von all dem Zauberwerk, ein 300 E 4Matic fährt sich wie sein Pendant mit Heckantrieb. Das ändert sich jedoch, sobald der Untergrund schlüpfrig wird: Anfahren mit viel Gas quittiert das Heck mit einem kurzen Zucken, blitzschnell schaltet die 4Matic die Vorderräder zu, der Allrad-Benz zieht stoisch seine Bahn.

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Eine unscheinbare orangefarbene Kontrolllampe im Tacho verrät den Allradantrieb.

© K.-U. Knoth

So viel Traktion hatte ihren Preis: 1990 kostete ein 300 E 4Matic 71.307 Mark – 12.882 Mark mehr als der normale heckgetriebene 300 E. Der Erstbesitzer des Fotowagens investierte weitere 33.191,10 Mark in Sonderausstattungen. 104.498,10 Mark standen als Gesamtbetrag auf der Neuwagenrechnung, zuzüglich Überführungskosten! Zu diesem Tarif gab es bereits einen staatstragenden 500 SEL mit 252 PS starkem V8. Den deftigen 4Matic-Aufpreis zahlten nur 34.177 Kunden, im Vergleich zu rund 2,4 Millionen gebauten 124er-Limousinen und T-Modellen eine geringe Zahl. Gemessen an Exklusivität, technischem Aufwand und den exorbitanten Neupreisen sind 4Matic-Modelle heute günstig zu haben. Vor allem in der Schweiz findet man gut ausgestattete Fahrzeuge ohne Reparaturstau zu Preisen zwischen 5000 und 7000 Euro. Auch nach über 20 Jahren und mehreren 100.000 km funktioniert der Allradantrieb meist noch tadellos. Historisch kommt den 124er-4Matic-Modellen eine besondere Bedeutung zu: Sie markieren einen Höhepunkt der technoiden Ära. Eine derart komplexe Pkw-Allradtechnik hätte heute keine Chance auf Serienproduktion. Der Nachfolger W 210 kam 1997 mit vereinfachtem Allradantrieb, die Differenzialsperren wurden durch elektronisch gesteuerte Traktionskrücken ersetzt. Für die Einbahnstraße reicht’s.

Historie

Auf der IAA 1985 präsentierte Mercedes das "Fahrdynamik-Konzept", das neben den Traktionssystemen ASD (Automatisches Sperrdifferenzial) und ASR (Antriebsschlupfregelung) auch den vollautomatisch agierenden Vierradantrieb 4Matic umfasste. Am 17. Januar 1986 stellte Mercedes das Allradsystem der Fachpresse am schwedischen Polarkreis vor, ausgeliefert wurde ab April 1987. Die 4Matic gab es ausschließlich für die Sechszylinder-Limousinen und T-Modelle des W 124 – zum erwähnten Aufpreis von rund 12.800 Mark. Die 4Matic-Modelle machten den Modellpflege-Zyklus der Baureihe mit, hervorzuheben ist besonders die erste große Modellpflege im September 1989. Wegen geringer Nachfrage entfielen 260 E 4Matic und 300 D 4 Matic im Juni 1991. Die letzte große Modellpflege im Juni 1993 bescherte der Baureihe die neue Bezeichnung E-Klasse (aus 300 E 4Matic wurde E 300 4Matic) und den Plaketten-Kühlergrill. Die bereits im Oktober 1992 eingeführten Vierventil-Motoren blieben den Allradmodellen jedoch verwehrt. Die 4Matic-Modelle blieben bis zum Auslaufen der Serie 1995 in Produktion.

Technische Daten

Verstärkten Motorlager oder das unscheinbare Serviceventil zur Deaktivierung der 4Matic sind Details die den Allradantrieb verraten.

© K.-U. Knoth

Mercedes 300 E 4Matic Motor: Reihensechszylinder, vorn längs • eine obenliegende Nockenwelle, angetrieben über Steuerkette • zwei Ventile pro Zylinder • mechanisch-elektrische Benzineinspritzung (Bosch KE-Jetronic• Bohrung x Hub 88,5 x 80,2 mm • Hubraum 2960 ccm • Verdichtung 9,2:1 • 132 kW (180 PS) bei 5700/min • max. Drehmoment 255 Nm bei 4400/min • Antrieb/Fahrwerk: Vierstufenautomatik (Aufpreis: 3101 Mark, Serie: Fünfgang-Schaltgetriebe) • Allradantrieb • Einzelradaufhängung, vorn Dämpferbeinachse, Gasdruckstoßdämpfer, Schraubenfedern, Stabilisator; hinten Raumlenkerachse, Gasdruckstoßdämpfer, Schraubenfedern, Stabilisator • Scheibenbremsen vorne/ hinten • Reifen 195/65 VR 15 • Maße: Radstand 2800 mm • L/B/H 4740/ 1740/ 1451 mm • Leergewicht 1510 kg • Fahrleistungen/ Verbrauch: 0–100 km/h 9,1 s • Spitze 217 km/h • Verbrauch 11 ,0 l S/100 km • Neupreis: 71.307 Mark (1990).

Plus/Minus

124er sind noch täglich im Straßenbild zu sehen. Noch wird er meist nicht als Youngtimer wahrgenommen, obwohl die ältesten Exemplare mittlerweile 28 Jahre alt sind. Ein gut gepflegter 124er ist sehr haltbar und uneingeschränkt alltagstauglich, das gilt auch für die seltenen 4Matic-Modelle. Aufgrund des Mehrgewichts von rund 130 Kilogramm und Reibungsverlusten im Antriebsstrang bieten die 4Matic-Versionen etwas schlechtere Fahrleistungen. Der Verbrauch ist um circa ein bis zwei Liter höher, der Wendekreis um rund einen Meter größer als bei den Hecktrieblern. Die mechanischen Komponenten der 4Matic sind sehr robust, treten Störungen auf, liegt es häufig an defekten Sensoren.

Ersatzteile

Die 124er-4Matic-Modelle markierten einen Höhepunkt einer  technologisch ambitionnierten Ära.

© K.-U. Knoth

Die Teilesituation ist entspannt, sowohl gebraucht wie neu ist fast alles zu haben. Schwierig wird es nur bei Teilen für seltene Innenausstattungen wie Leder Mittelrot. Etliche Bauteile sind 4Matic-spezifisch, auch so profane Verschleißteile wie die Bremsscheiben und -beläge vorn. Dennoch sind sie günstig: Zwei Bremsscheiben vorn kosten 164 Euro, die Beläge 124 Euro. Für eine neue 4Matic-Schraubenfeder vorn sind 217 Euro fällig. Erheblich teurer sind die Teile für den Antriebsstrang: Eine neue Antriebswelle vorn rechts kostet 1272 Euro. Wer sich bei einer Fahrt im Gelände das Vorderachsgehäuse ruiniert, ist mit stolzen 4079 Euro schnell an der Grenze eines wirtschaftlichen Totalschadens.

Marktlage

Von knapp 2,6 Millionen gebauten W 124 hatten nur 34.177 Exemplare den 4Matic-Antrieb. Damit sind 4Matic-Modelle ungefähr so selten wie 124er-Cabriolets, jedoch erheblich günstiger. Die Preise für desolate Kilometerfresser beginnen bei rund 1000 Euro. Für 4000 bis 5000 Euro gibt es 4Matic-Modelle in gepflegtem Zustand, unabhängig von Motorisierung und Karosserievariante. Auch Top-Exemplare mit reichhaltiger Ausstattung, vollständiger Historie und geringer Kilometerlaufleistung kosten weniger als 10.000 Euro.

Empfehlung

Vorsicht bei günstigen Offerten aus Alpenregionen: Vor allem 4Matic-T-Modelle haben oft ein hartes Leben hinter sich. Wichtig: Auf einwandfreie Funktion des Allradsystems achten. Reparaturen an der komplexen 4Matic sind teuer, Experten rar.

Autor: Lars Busemann

Fotos: K.-U. Knoth

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