Mercedes 300 SL (1971-1989)

Youngtimer Mercedes 300 SL Youngtimer Mercedes 300 SL

Mercedes 300 SL (1971-1989)

— 04.03.2002

Der Glanz von Gestern

Er ist im Grunde schon ein Klassiker: der Mercedes Roadster 107. Vermutlich das einzige Stück 70er Jahre, das wirklich schön war.

Der König des Chrom



Die Schlaghose ist wieder tragbar. ABBA läuft ohne Proteste in CD-Spielern, und die geschmacklosen Salzcracker, die Mutter ihrer Canastarunde auftischte, liegen wieder im Aldi-Regal. Aber der SL von damals? Diese Protzkiste? Nee.

Tausendmal berührt. Tausendmal ist nix passiert. Bis mir das tausendunderste Mal passierte: Der offene Roadster bog eine Spur zu gelassen in unsere Straße, rollte ins Sonnenlicht - und explodierte in einem Meer von Lichtreflexen. Peng, Einschlag, und es hat Zoom gemacht: Ja, das ist der König des Chroms, das ist Glitter und Glamour der Siebziger, ein echter SL. Welch späte Youngtimer-Erleuchtung. Wie konnten wir den nur so verschmähen? Da war bei anderen der Groschen schon gefallen. Längst haben die notorischen Mercedes-Liebhaber, aber auch junge Computerfreaks und Leute, die heute demonstrativ Ernte 23 rauchen, den SL für sich entdeckt. Sozusagen als rollende Discokugel, als perfektes Accessoire für Lifestyle-gemäßes Flanieren.

Wo an modernen Autos das Chrom wieder in ersten zarten Blüten auf Kunststoff-Basis sprießt, zeigt der Mercedes protzigen Glanz mit der hemmungslosen Naivität der Vor-Aids-Zeit. Was damals "barock" war, ist heute hip. Muss an der optischen Dauerhaltbarkeit liegen, ich jedenfalls könnte den R 107 mindestens die 18 Jahre lang anschauen, die Mercedes ihn gebaut hat.

Wo anfangen? Vielleicht beim Stern, der dick und senkrecht im Kühler steht, ungebeugt vom Windkanal oder irgendwelchen Elch-Desastern. Dann bei den schmalen Dachpfosten oder dem zierlichen Hardtop, das doch tatsächlich wieder leicht konkav ist wie beim Vorgänger, der Pagode. Trotzdem umschifft der 107 alles Puppenhafte am Frauen-SL der Sechziger ebenso wie den Tresor-Auftritt seines Nachfolgers R 129, der in diesem Sommer als "Last Edition" endgültig ausläuft. Nein, der 107er schwebt schon im Stehen. Breit, flach und herrschaftlich wie ein alter Jaguar XJ, aber mit einem Heck so leicht wie ein Sahne-Häubchen. Was haben die Kritiker sich 1971 gerieben an diesem Hinterteil, das so gar nicht zur wuchtigen Haube passen sollte. Stimmt ja, aber im Weichzeichner der Distanz verschwimmen solche Macken zur liebevollen Eigenart.

Qualität und Verarbeitung

Gekauft wurde er trotzdem, der Roadster wie auch das bis 1980 gebaute Coupé mit den umstrittenen Lamellenfenstern. Udo Jürgens fuhr SL, Uschi Glas, später "Dallas"-Bobby Ewing einen roten. Und manchmal auch sehr ungelegene Kundschaft, die ihm Tiefbettfelgen in Wagenfarbe und peinliche Spoiler aufwürgte. Der SL hat alle Nachrüstungs-Debatten unbeschadet überstanden.

Schließlich erhielt er 1985 den letzten Ritterschlag, als Mercedes ein legendäres Kürzel wiederbelebte: 300 SL, den Namen des Flügeltürers, trug bis zum Produktions-Ende 1989 der kleinste Roadster. Auch unser Foto-Modell, ein ehrlicher 86er mit 158 000 Kilometern auf dem riesigen Rundtacho. Die Reifen seien runter, hat uns der Besitzer gewarnt, überflüssigerweise. Denn richtig geradeaus läuft der Mercedes ohnehin nur, wenn man aufmerksam am großen Lenkrad rudert. Ehrlich gesagt, das Sportlichste an diesem Auto ist das "Becker Grand Prix" in der Mittelkonsole.

Das Interieur verbreitet nicht halb so viel Glanz wie das Zuckerbäcker-Chrom außen. Die Schalter stammen noch aus der Ära, bevor die Anfass-Ästheten auch bei Mercedes das Kommando übernommen haben: grobe Hebel, die auch im militärischen G-Modell dienen könnten. Aus heutiger Sicht betrachtet, schrumpft die sagenhafte Mercedes-Qualität ("der Letzte aus dem Vollen Gefräste") auf normales (Fugen-) Maß.

Aber was gab es damals? Porsche 928 oder einen Italiener - zu seiner Zeit konnte der Stuttgarter Verarbeitung keiner das Wasser reichen. Der SL ist vielleicht nicht schön gemacht, dafür ungeheuer solide. Beruhigend für Neu-Einsteiger. Die Türscharniere klacken im Panzerschrank-Format auf, und im offenen Verdeckkasten ruht massive Dachmimik, die an unserem Foto-Exemplar auch nach 15 Jahren noch glänzend und reibungslos das dünne Stöffchen zusammenfaltet. Mechanik für die Ewigkeit. Hier bekommt der große Junge noch einmal seinen Modellbaukasten - den mit dem Stern.

Motor und Fahrgefühl

Den nächsten Stern fährt schließlich der Motor im 300 SL ein. Den M 103, so sein werksinterner Titel, hatte Mercedes Mitte der Achtziger angekündigt als den Kerl, der es mit den Reihensechsern von BMW aufnimmt. Und dabei nicht überzogen. Der Dreiliter ist ein Herr der alten Schule: elegant, leichtfüßig und mit 188 PS immer noch fit genug. Lückenspringen in der Stadt wirkt keinesfalls wie peinliche Senioren-Gymnastik. Sein herrlicher Bass, dunkler und rauer als die heutigen V6, quillt so volltönend über den verchromten Scheibenrahmen ins SL-Innere, dass man beim Flanieren intuitiv das Radio ausschaltet. Und nur wer genug Herzlosigkeit besitzt, treibt den Mercedes auch über 180. Das können die ganz dicken Brummer (die USA bekamen die großen V8 bis zum 560 SL) kaum besser. Sie besitzen halt mehr Prestige. Und das dickere Kürzel auf dem Heck.

Vorsicht, hier wabern schon wieder Ausflüge in Richtung Tiefbettfelge. Doch der SL verlangt Genuss und etwas dickeres Blut. Selbst beim Fahren ist der schönste Genuss am 107er eben nicht der Klang oder die Leistung, sondern wieder das Sehen: Man schaut unterwegs übers Lenkrad auf die endlos lange Haube und sieht die Welt als Spiegelbild auf sich zufliegen: gemächlich und geschönt. So viel Luxus schrumpft die Sorgen des Alltags zu leicht verdaulichen Häppchen. In diesem Sinne ist der 107er-SL absolut reif für den Klassiker.

Historie, Daten, Kontakt

Modellgeschichte Bei den Schwaben ticken die Uhren bekanntlich anders: Ein Mercedes hat grundsätzlich ein langes Leben. Doch keiner ein so langes wie der R 107: Im März 1971 vorgestellt, wurde der Roadster bis 1989 gebaut. Und übertrumpfte mit 237.287 Exemplaren seinen so beliebten Vorgänger, die Pagode, um Längen. Dazu kamen noch 62.888 SLC, die Coupé-Variante auf einer 36 Zentimeter längeren Bodengruppe (1972 bis 1981).

Ein Erfolg, der dem SL-Duo nicht in die Wiege gelegt wurde. Anfangs stark kritisiert, fand nur der V8 des Debüt-Modells 350 SL ungeteilten Beifall. Am beliebtesten war jedoch der 450 SL mit 225 PS (ab 1973) und der 218 PS starke 380er ab 1980. Zu dieser Zeit waren die wenigen Rallye-Einsätze schon beendet, auch die Zeit des Heckspoilers auf dem 450 SL 5.0 lief ab. Schritt für Schritt zog mehr Sicherheit in den Roadster ein: ABS 1980, der Airbag 1982, die Kat-Motoren zum einzigen Facelift 1985, das am größeren Frontspoiler zu erkennen ist. Seitdem gab es wieder einen 300 SL, in USA und Japan ab 1986 sogar einen 560 SL mit 227 PS. Und obwohl längst wieder ein S-Klasse-Coupé beim Mercedes-Händler stand, blieb der SL bis zum Ende in der Käufergunst gleichmäßig beliebt.

Literatur Günter Engelen, Mercedes-Benz 280 SL-500 SLC, 391 Seiten, Motorbuch-Verlag

Kontakt Mercedes-Benz R/C 107 SL-Club, Joachim Göldner, Entenfangstr. 22, 50389 Wesseling, Tel. 0 22 32-94 34 35 (Info gegen 8 Mark in Briefmarken)

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