Mercedes 300 TD Turbodiesel — 01.09.2009

Der Diesel für Dynamiker

Mercedes 300 TDT. Der Turbodiesel. Einst Europas schnellster Ölbrenner. Ein Kombi. T steht für teuer. Früher sowieso. Heute erst recht. Gute Exemplare erzielen mittlerweile einen Marktwert im fünfstelligen Bereich.

Sie hatten ihre eisernen Prinzipien, die Mercedes-Ingenieure jener Zeit: aufgeladene Benziner? Damit sollen andere experimentieren! Der Turbo passe höchstens zum Diesel, hieß es in den Siebzigern, und die Älteren unter den Motorjournalisten erinnern sich, ziemlich geladen gewesen zu sein von den Pressekonferenzen, die zu Technik-Seminaren über Thermik, Leistungscharakteristika und Drehmoment ausuferten. Hängen geblieben ist: Ja, Turbo und Diesel, das läuft einigermaßen harmonisch und womöglich auch auf Dauer. Die gedopten Benziner kollabieren spätestens beim damals noch freien Blasen über die Kasseler Berge. Nicht wahr, BMW?

"Die Sicherheit, besser zu fahren", sie galt nur für die Autobahn

Für den 300 TDT reicht es zum Titel schnellster Diesel in Europa, mit gemessenen 171 km/h.

Auto-Perfektion statt Auto-Konfektion heißt es auf dem Höhepunkt der 123er-Ära, als die Modelle nicht verkauft, sondern verteilt werden, ellenlange Lieferfristen haben und trotzdem auf Platz drei der Zulassungsstatistik parken. Ein guter Zeitpunkt, auch einmal zu experimentieren. Ein bisschen jedenfalls. Und natürlich nur bei überschaubarem Risiko. OM 617, der sagenhafte Dreiliter-Diesel aus seligen Strichachter-Zeiten, hat das Turbo-Tuning schließlich schon im US-Sonderformat der Baureihe W 116 überstanden (300 SDT). Von 1980 bis 1986 haucht er in Europa exklusiv dem Fünfzylinder im T-Modell Leben ein – ein Diesel für die linke Spur. Mit prestigeträchtigem Schriftzug "Turbodiesel" rechts am Heck. Der flotte 300 TDT, Einstandspreis ohne Dachreling 36.521,60 Mark, tut sich am Anfang indes schwer. Er ist kaum preiswerter als die billigste S-Klasse, ein Ford Granada Turnier bestimmt nicht kleiner, und ein Franzose, ausgerechnet, liegt im Temperament fast gleichauf – der Citroën CX TRD Turbo Break. Zudem gibt es aus eigenem Stall den imageträchtigen 280 TE.

Der schnellste Diesel in Europa

Unser Fotowagen ist ungewöhnliche 165.000 km jung.

Trotzdem reicht es für den 300 TDT zum Titel schnellster Diesel in Europa, da er mit gemessenen 171 km/h Endgeschwindigkeit klar über Papierform liegt. "Die Sicherheit", auch insgesamt "besser zu fahren" (Prospekt), knüpft jedoch nicht unbedingt an die legendären Laufleistungen besternter Selbstzünder früherer Jahre an. Am Ende seiner aktiven Zeit ist der Turbo-T entzaubert. Nun gut, 300.000 km sind machbar, aber um welchen Preis? Er ölt, er raucht, klötert und ist laut. Er fährt mit seinem Turbo bums nur auf der Autobahn wirklich gut, und dort kühlen überhitzte Lader die Liebe schnell ab. Den Rest erledigt das Ungeheuer Kraftfahrzeugsteuer, das Ölbrenner wie ihn zum Edelmetall-Hobby macht. Von 28.216 gebauten TDT überleben schon allein rechnerisch keine 200, entsprechend seine Begehrlichkeit heute in Fan-Kreisen. Zumindest für die aktuellen (Durch-)Halter hat sich das Experiment Turbodiesel gelohnt.
Technische Daten Mercedes 300 TD Turbodiesel
Motor Vorkammer-Dieselmotor, fünf Zylinder in Reihe, Garrett-Abgas-Turbolader, eine oben liegende Nockenwelle
Hubraum 2998 cm³
Leistung 92 kW (125 PS) bei 4350 U/min
max. Drehmoment 250 Nm bei 2400 U/min
Antrieb Hinterrad
Automatik Vierstufen
Länge/Breite/Höhe 4725/1786/1470 mm (mit Dachreling)
Radstand 2795 mm
Leergewicht 1650 kg
Räder 195/70 R 14 90 S
Tankinhalt 70 l
Wendekreis 11,29 m
0–100 km/h in 15,0 s
Spitze 165 km/h
Verbrauch 10,5 l Diesel
Neupreis 1980 37.143 Mark

Historie

Präsentation des 300 TD Turbodiesel im September 1979 auf der Frankfurter IAA, Marktstart 10/1980. Nur mit Automatik lieferbar, gleiche Ausstattungsmerkmale wie der 280 TE. Parallelverkauf zum 88-PS-Saugdiesel 300 D (Limousine) und 300 TD (Kombi). In den USA lief der Motor schon seit 1977 in der S-Klasse W116, ab 1981 waren dort alle drei 123er-Varianten (Limo, Coupé, Kombi) mit dem Turbodiesel lieferbar. Produktionsende TDT: Januar 1986.

Plus/Minus

Historisch wertvolles Auto und nahezu genial zu seiner Zeit, da er der erste Diesel mit sehr guten Fahrleistungen war. Deshalb ideal für die Langstrecke, wo er auch überwiegend eingesetzt wurde. Mit zehn bis zwölf Litern akzeptabler Verbrauch, aber nur, wenn Leistungsspitzen unterbleiben. Unharmonisches Ansprechverhalten des Motors in der Stadt. Bedeutet: Bis circa 2500 U/min passiert wenig, danach katapultiert der Turbolader das T-Modell gleich auf 60 km/h. Ansonsten zeigt der 300 TDT alle typischen Stärken und Schwächen der Baureihe. Heißt: hoher Abrollkomfort, solide Verarbeitung, robuste Mechanik. Aber auch aufgrund des Alters: Rost in fast allen Bereichen.

Ersatzteile

Die Ersatzteillage ist ausgezeichnet, dank perfekter Werks-Bevorratung. Für den Fünfzylinder-Diesel gibt es fast alles ab Lager, selbst die Garrett-Turbolader sind noch zu bekommen. Sie kosten allerdings über 3000 Euro. Eng und teuer wird es auch bei bestimmten Ausstattungskombinationen und exklusiven Zubehörteilen. So werden Lederlenkräder und (Plastik-)Chrom für die Lüftungsschlitze bei Ebay mittlerweile jenseits von 200 Euro gehandelt.

Marktlage

300 TD Turbodiesel befinden sich komplett in fester Hand, weiß Hans-Jürgen Brand vom größten 123er-Klub. "Vielleicht gerade mal zwei Dutzend" seien derzeit handelbar. Der TDT war zu seiner Zeit ein typisches Autobahnauto, was die durchgängig hohen Laufleistungen erklärt (oft auch mit zweitem Motor). Entsprechend runtergeritten ist die Technik, gute Exemplare haben nahezu ausschließlich eine Totalrevision hinter sich und repräsentieren nach Klub-Erfahrungen mittlerweile einen Marktwert im fünfstelligen Bereich.

Empfehlung

Sofort zugreifen, wenn denn überhaupt noch ein echter Turbodiesel auftaucht. Der erste Luxuskombi mit aufgeladenem Dieselmotor ist ein Meilenstein in der Geschichte des Automobils, er besitzt die gleiche Ausstattung wie ein 280 TE, genießt aber hohen Exotenstatus und wird, wenn das rettende H-Kennzeichen kommt, die blaue Mauritius unter den 123ern sein. Mit Topausstattung und unter 200.000 km die blaueste unter den blauen Marken.

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Kommentare zum Artikel (8)

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Joachim Buch
21.04.2012, 18:34Uhr

Dem Fotowagen sieht man den Rost ja schon von ferne an - unter den vorderen Stoßstangenauflagen. Wie der wohl um die Schweller aussieht? Der Grund, wieso die 300TDT die 280er gerne abziehen ist, daß die TD leistungsmäßig nach oben, die 280er jedoch eher nach unten streuen. Aber ab einer bestimmten Drehzahl kommt der TD nicht mehr mit. Wenn der 280er nach 400T mal eine Revision bekommen hat, wo ordentliche Kolben und frische Schaftdichtungen reingekommen sind (er also seine 185 PS auch wirklich hat), sieht der TD kein Land mehr, zumal der den deutlich schwereren Motor hat.

Berti
04.10.2009, 11:20Uhr

Zum kritisierten Turboloch kann ich nur sagen, daß dies am falsch eingestellten/gewarteten Testwagen gelegen hat, meine Autos legen beim Ampelstart bei der kleinsten Berührung des Gaspedals dermaßen los, daß ein 280er große Mühe hat zu folgen -- Also Leute, laßt euch von Inkompetenz nicht verunsichern. Nach meiner Erfahrung halten die 617a Turbodiesel genausolang wie die Sauger - das liegt daran, daß dieser Motor ein komplett hochwertigeres der Leistung angepasstes Innenleben aufweist als der Sauger und damit von der Haltbarkeit her auf gleichem Niveau liegt.

200er Diesel
04.09.2009, 16:59Uhr

Halte meinem 200 D (W123) seit 1994 die Treue! Auch im Alltag muss er noch ran. Nach über 200.000 km im 200 D steht für mich fest: 60 PS in einem 1,4 Tonnen-Kfz reichen! Auch ein 200 D schwimmt problemlos im Verkehr mit, auf der Bahn nagelt er bei 110 km/h höchst zufrieden vor sich hin und verbraucht dabei keine sieben Liter. Nach 400.000 km keine Panne, kaum Rost (!), kein Wertverlust und immer wieder ein (Fahr-) Erlebnis. Für mich steht fest: Werde den 200 D niemals verkaufen. Grüße an alle dieselnden Daimler-Fahrer!

Florian
03.09.2009, 15:40Uhr

Achja, das 200D-Erlebnis.. Wir fahren seit 35 Jahren Mercedes und heute dampft unser E-Klasse-Kombi Steigungen mit dem vierfachen der damaligen Motorleistung einfach ein. Aber ich denke immer noch wehmütig an diese rollende Immobilie zurück, an jeder Steigung. Ich hoffe, er fährt noch.

claus
03.09.2009, 09:36Uhr

Der harmonischte 123er war doch wohl der 240D; ausreichend Leistung und nicht so schwer auf der Vorderachse wie der 5-Zylinder.
So nebenbei: Der schnellste Diesel? War das nicht doch der CX, zumindest in der 120 PS-Version? Ich meine mich erinnern zu können, dass es mal hieß, der CX sei der erste Seriendiesel der Welt mit mehr als 200km/h Topspeed ...

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