Test Titel Mercedes-Benz 300 TE 4Matic S124 W124

Mercedes 300 TE 4MATIC: Test

— 01.01.2010

Mercedes erster Vierradantrieb

AUTO BILD-Archiv 9/1986: Über 13.000 D-Mark kostet der neue High-Tech-Allradantrieb in der Mittelklasse-Baureihe von Mercedes. Was die revolutionäre Allradtechnik 4MATIC alles kann, klärt AUTO BILD im ersten Test.

Ungläubig starrt mir der Platzwart hinterher, als ich langsam den steilen Schotterpfad hinunterrolle. Er hält mich für schlicht verrückt. Sich mit dem schweren Mercedes-Kombi auf ein solches Terrain zu wagen. Schließlich öffnet er sonst die Schranke zum Steinbruch nur für Geländewagen, deren Offroad-Qualitäten gar nicht zu übersehen sind. Mein Auto dagegen sieht hoffnungslos normal aus. Und als ich nach einer halben Stunde wohlbehalten und ohne fremde Hilfe wieder oben neben ihm stehe, quält ihn die Neugier. "Mit der Karre stimmt was nicht", stellt er verwundert fest, "das gibt's doch nicht, dass der diese Steigung schafft." Gibt's doch. Denn mein Merce­des-Kombi ist kein gewöhnlicher Mercedes, sondern ein ganz be­sonderes Exemplar, das es faust­dick unter dem Blech hat. 4MATIC heißt des Rätsels Lösung, und ist die Antwort der Stuttgarter Auto­bauer auf die Allrad-Offensive der Konkurrenz.

Das Original: Der Artikel von 1986 als kostenloser Download

AUTO BILD konnte als erste Zeitung die Stärken des neuen revolutionären Allradan­triebs auch im Kombi-Modell prü­fen. Erstens: im Alltagsbetrieb auf trockener und nasser Straße. Zweitens: auf Sand und  Schotter. Drittens: bei Schnee und Eis im hohen Norden. Wie fährt sich so ein Super-Mercedes, dem die Techniker die wohl eleganteste und modernste Variation zum Thema Allradantrieb eingepflanzt haben? Antwort: wie jeder andere Mercedes. Da ruckelt und zuckelt nichts, die perfek­te Mercedes-Verarbeitung lässt keinerlei Verdacht auf Allrad-Kön­nen aufkommen. Wenn es auf Schotter plötzlich steil bergan ging, nutzte das Auto plötzlich auch die Vorderräder zum Antrieb. Doch das merkte ich nur daran, dass der Kombi plötzlich Steigun­gen schaffte, an denen er sonst mit Hinterradantrieb auf der Strecke geblieben wäre. Den Stuttgarter Autobauern kam es zunächst einmal darauf an, trotz Allradantrieb das typische Fahrverhalten eines heckgetrie­benen Mercedes beizubehalten. Und das ist ihnen gelungen.

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Wie das geht? So: Die beiden Vorderräder werden nur dann an­getrieben, wenn es notwendig ist. Ansonsten fließt die Motorkraft nur zu den Hinterrädern. Was so simpel klingt, ist ein kompliziertes technisches Wun­der. Ein permanenter Allradan­trieb, oder ein durch den Fahrer zuschaltbarer, war den Schwaben natürlich nicht gut genug, sie woll­ten die totale Perfektion. Unab­hängig vom Fahrer entscheidet nun die Messelektronik, wann und in welchem Maße Vierradantrieb erforderlich ist. Und das blitz­schnell: In Sekundenbruchteilen wird die Situation analysiert und über ein Hydrauliksystem der Allradantrieb zugeschaltet. Ich merke von diesem geister­haften Geschalte nie etwas. Der Allrad-Mercedes benimmt sich gerade so, als wolle er seine wahren Qualitäten verbergen. Un­merklich schalten sich bei Bedarf die beiden Vorderräder zu und bringen mich sicher auch einen steilen, seifigen Anstieg hinauf. Wenn nicht ein orangefarbenes Lämpchen im Tachometer flackern würde, hätte ich überhaupt keine Ahnung, ob und wann mein guter Stern mit vier angetriebenen Rädern unterwegs ist – und wann ihm simpler Hinterradantrieb reicht.  

Warum 4MATIC?

Nun, insgesamt vier An­triebsmöglichkeiten kann das Daimler-Benz-System automa­tisch schalten: Erstens: normalen Heckantrieb. Zweitens: ausgeglichenen Vierradantrieb (Kraftverteilung vorn/hinten 35 Prozent/65 Prozent). Viertens: Vierradantrieb mit eingeschal­teter Sperre zwischen Vorder- ­und Hinterachse (längsge­sperrt). Viertens: längsgesperrter Vierradantrieb mit gesperrtem Hinterachsdifferential. Für die einzelnen Schaltzustän­de gilt immer der gleiche Ablauf. Reicht die momentane Kraft­verteilung nicht aus und dreht ein Rad durch, so wird sofort in den nächsten Bereich gewech­selt – wiederum automatisch, stufenlos und nur so lange, wie es unbedingt notwendig ist. Im Extremfall ist also pro Sekunde ein zigfacher Wechsel vom totalen Allradantrieb bis zum einfachen Heckantrieb möglich. Im Fahrbetrieb merkt der Fahrer von all dem Hexenwerk zunächst einmal gar nichts.

Ich ertappe mich dabei, wie ich selbst auf der total vereisten Piste in Nordschwe­den durch Gasstöße versuche, die 4MATIC zu provozieren. Doch das gelingt nicht. Behut­sam und ohne erkennbare Reaktionen durcheilt der Allrad-Mercedes tückische Glatteis-Passagen. Das Warnsignal im Tachometer signalisiert nur, dass die 4MATIC aktiv wird. So bin ich stets informiert, ob für meine augenblickliche Fahrweise der Heckantrieb aus­reicht, oder ob bereits aus Si­cherheitsgründen auf Allradan­trieb gewechselt wurde – dann leuchtet das gelbe Lämpchen. Und das bedeutet: Vorsicht, du fährst im Grenzbereich. So ist das Mercedes­ Allrad-System ein echter Si­cherheitsgewinn. Der Fahrer weiß in jedem Augenblick, ob er noch Sicherheitsreserven hat.

Anti-Blockier-Blockierer sind passé - ABS trotz Allradantrieb

Und auch aus einem anderen Grund gebührt der 4MATIC besonderes Lob. Das serien­mäßig angebotene Antiblockiersystem (ABS) bleibt in seiner Wirkung vollkommen erhalten. Das ist keineswegs selbst­verständlich. Denn bei her­kömmlichen Allrad-Systemen behindern Differentialsperren, die für optimales Vorwärtskom­men unverzichtbar sind, die Wirkung des ABS. Aber was dem Beschleuni­gen nützt, verkehrt sich beim abrupten Bremsen leider ins Gegenteil: Der Kraftausgleich funktioniert nicht mehr, wodurch das Heck zum Ausbrechen neigt. Im Prinzip müsste das auch für die 4MATIC gelten. Denn auch dort werden Differentialsperren eingesetzt. Nur wählten die Mercedes-Techniker hydraulisch betätigte Lamellensperren, die sich beim Bremsen automatisch lösen. So kann sich der Fahrer getrost auf sein ABS verlassen und beden­kenlos auf die Bremse treten.  

Ich habe das ausprobiert. Eben noch am steilen Schot­ter-Hang gekraxelt, bleibt der Kombi bei der anschließenden Vollbremsung auf sandiger Bergab-Kurve voll lenkbar und bricht mit dem Heck nicht aus. Das verleiht eine ungewohnte Sicherheit, die jedoch auch bei diesem Super-Allradler trügerisch wirken kann. Zwar kann die Elektronik allzeit die optimale Kraftübertragung zur Verfügung stellen, die Physik kann sie nicht überlisten. Und das bedeutet, dass eine Kurve nicht mit beliebigem Tempo durchfahren werden kann. Wer zu schnell ist, der fliegt natürlich trotz Super-Allrad und ABS raus. Auf Asphalt spä­ter, auf Eis ganz schnell. Einziger Vorteil: mehr Zeit zum Reagieren. Denn die Ta­cho-Warnlampe signalisiert rechtzeitig die Gefahr.

Fazit

Die Testfahrten in Schweden und Deutschland haben ein ein­drucksvolles Ergebnis geliefert: Die 4MATIC von Mercedes-Benz ist das mit Abstand intelli­genteste Allrad-System, das zur Zeit auf dem Markt ist. Angeboten wird die 4MATIC voraussichtlich ab Herbst zu­nächst nur für die Sechszylin­der-Modelle der Mittelklasse W124. Am sinnvollsten ist es da­bei wohl, den Kombi als Allrad zu nehmen. Die T-Modelle haben am meisten Platz und werden auch gern als Zugfahrzeug für große Anhänger benutzt. Die neue Allrad-Technik macht sie vollends zu Allround-Autos, die Alltags-Anforderungen ganz lässig bewältigen. Rund 13.000 Mark Aufpreis sind für die 4MATIC zu investie­ren. Viel Geld, doch dafür gibt's ein Super-Allrad, bei dem das Antiblockiersystem schon mit drin ist. Und das beruhigt den Fahrer auf allen Straßen – und nicht nur im Steinbruch.



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