Mercedes 350 SLC

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Mercedes 350 SLC

— 25.04.2014

Unerwartet preiswert

Acht Zylinder, Stern am Kühler, H-Kennzeichen: Klingt teuer, doch ein guter Mercedes 350 SLC ist schon für 10.000 Euro zu haben. Wer hätte das gedacht?

Was schert’s die stolze deutsche Eiche, wenn sich ein Borstenvieh dran reibt? Der Mercedes C 107 muss im Premierenjahr 1971 einiges aushalten. Tester fremdeln mit den Jalousieattrappen an den Fenstern, und Formgestaltungs-Visionär Colani lästert, die Waschbrettlinien unter den seitlichen Zierleisten seien ein Griff in die unterste Trickkiste des Autodesigns. Allein: Die Kunden kaufen es trotzdem, das neue Coupé. Obwohl auch sie manches verkraften müssen. Kümmerliche Ausstattung ist die Mercedes-Klientel gewohnt.

Gelungen gestaltet? Der SLC polarisiert. Fenster-Jalousien und seitliche Waschbrettlinien verstören Coupé-Ästheten.

©A. Emmerling

Auch 1977, im Baujahr unseres Fotowagens, stört sich deshalb niemand daran, bei einem 45.000 Mark teuren Luxus-Zweitürer den rechten Außenspiegel extra bezahlen und die Scheiben per Hand hoch- und runterkurbeln zu müssen. Viel schlimmer: Der C 107 will als Kulturschock verdaut werden. "Tausende Tests lassen keinen Platz für Spielereien", entschuldigt das Werk. Daher der Verzicht "auf Schalterkult und formalistische Spiele". Wer den in Ehren ergrauten W 111 schätzte, dürfte vorm klobigen Lenkrad-Pralltopf und der betont schmucklosen Armaturenlandschaft dennoch der alten Pracht der zarten Elfenbein-Volants und filigranen Holz-Intarsien nachgetrauert haben. Schnee von gestern. Prestige braucht Anfang der 1970er-Jahre weder Zierrat noch Ausstattungs-Orgien. Acht Zylinder reichen, zumal schon sechs als Zeichen des sozialen Aufstiegs gelten. Ein V8 parkt damals in den Garagen der oberen Zehntausend. SLC fahren Chefärzte und Fabrikanten, meist Herrschaften mit grau melierten Schläfen, deren Kinder aus dem Hause sind.
Ur- oder Spätform: Mercedes SL R 107

Mit Radstand-Stretching zum Familien-Coupé

Weil der SLC leichter durch den Wind schlüpft, ist er trotz seiner 50 Kilo Mehrgewicht nicht langsamer als der SL.

©A. Emmerling

Dabei meint Mercedes die Sache mit dem Familiencoupé durchaus ernst, was angesichts der Roadster-Basis alles andere als selbstverständlich ist. Das Radstand-Stretching – ein Plus von 36 Zentimetern zum SL – erlaubt auf der Rückbank selbst Erwachsenen kommodes Reisen, ohne dass es an Kopf und Knien kneift. Und als gelte es, die Lust aufs Lümmeln noch zu steigern, lassen sich die Sitzkissen im Fond sogar beheizen. Gegen Aufpreis, natürlich. 1977 steht der Popowärmer, wohl wegen geringen Zuspruchs, nicht mehr im Prospekt. Aber der Erstbesitzer unseres Fotowagens aast ohnehin nicht mit Extras. Er gönnt sich lediglich Velours, jenen noblen Samtstoff, den Kenner der gegerbten Tierhaut vorziehen, und delegiert das Schalten an die 1776 Mark teure Dreistufenautomatik. Sie passt zur großbürgerlichen Gemütlichkeit, die der 350 SLC verströmt, raubt dem drehfreudigen Achtzylinder aber Temperament, was ihn bereits zu Lebzeiten in die Bredouille bringt: Der sechszylindrige 280er ist ähnlich schnell, verbraucht aber weniger. Wer es sich leisten kann, greift daher gleich zum stärkeren 450 und lässt den kleineren V8 links liegen.
Vom Dach der Welt: 50 Jahre Mercedes Pagode

Geradeaus fährt er am liebsten

In den 70ern versachlicht Mercedes den Luxus. Plastik-Pralltopf und nüchterne Uhren statt fragiler Hupringe und handgedrechselter Instrumentenhutzen.

©A. Emmerling

Liebhaber verzeihen ihm heute, dass er über 15 Liter aus dem Tank schlürft, und lassen wild gewordenen Vertreterkombis auf der linken Spur den Vortritt. Ein SLC ist kein Sportwagen, er kleidet die schwermetallene Dickfelligkeit einer W-116-S-Klasse bloß eleganter ein: Gerade 75 Kilo trennen schlankes Chef-Coupé und dicke Direktorenlimousine. Entsprechend wohlstandssatt walzt er über die Landstraße. Dunkles Stakkato untermalt die Beschleunigung. Untersteuernd sticht der lange Bug in Kehren, wenn man ihn mit dem wenig kommunikativen Laster-Lenkrad dazu zwingt. Es ist nicht so, dass der SLC keine Kurven könnte. Aber geradeaus fährt er am liebsten. Und vermittelt dabei trotz des milden Vortriebs stets den Eindruck großer Souveränität. Seine Position "zwischen den Stühlen" – hier der alerte 280, dort der potentere 450 SLC – wirkt beim 350er bis heute nach. Er ist das Mauerblümchen der C-107-Szene und nicht zuletzt deswegen so preiswert. Ordentliche Autos notieren in der "offiziellen" Classic-Data-Liste nur knapp über 10.000 Euro. Auf dem Markt wird man auch schon darunter fündig. Mehr Mercedes-Luxus für weniger Geld lässt sich im H-Kennzeichen-Alter schwerlich finden.

Technische Daten

Drehfreudig, aber durstig: Der kurzhubige V8 verliert an Attraktivität, als 1974 der sechszylindrige 280er erscheint.

©A. Emmerling

Mercedes 350 SLC Motor: V8, vorn längs • eine obenliegende Nockenwelle pro Zylinderbank, Antrieb über Steuerkette, zwei Ventile pro Zylinder, mechanische Benzineinspritzung (Bosch K-Jetronic) • Hubraum 3499 ccm • Leistung 143 kW (195 PS) bei 5500/min • max. Drehmoment 274 Nm bei 4000/min • Antrieb/Fahrwerk: Dreistufenautomatik (Serie: Viergang-Schaltgetriebe) • Hinterradantrieb • Einzelradaufhängung, vorn an Doppelquerlenkern, hinten an Pressstahl-Längslenkern, rundum Schraubenfedern, Teleskopstoßdämpfer und Drehstab-Stabilisatoren • Reifen 205/70 VR 14 • Maße: Radstand 2820 mm • L/B/H 4750/1790/ 1330 mm • Leergewicht 1690 kg • Kofferraum 303 Liter • Fahrleistungen/Verbrauch: 0–100 km/h in 10,1 s • Spitze 200 km/h • Verbrauch 13,0 l S pro 100 km • Tank 90 Liter Neupreis: 44.910,60 Mark (1977).

Historie

Der im Oktober 1971 vorgestellte SLC ist das einzige Luxuscoupé von Mercedes, das nicht auf einer Limousine beruht, sondern auf der Architektur des Sportwagens SL. Als die Entwickler Mitte der 1960er-Jahre am Nachfolger für die "Pagode" arbeiten, wird in den USA ein Cabrio-Verbot diskutiert. Um für diesen Fall (der am Ende nicht eintritt) das Kostenrisiko zu mindern, beschließen die Stuttgarter, die Technik des Roadsters auch für ein viersitziges Coupé zu nutzen. Dieses startet im Februar 1972 als 350 SLC mit dem drei Jahre zuvor im Vorgänger W 111 eingeführten Motor M 116, einem 200 PS starken 3,5-Liter-V8. 1973 kommt der 450 SLC (225 PS) und 1974 der sechszylindrige 280 SLC (185 PS) dazu. 1977 krönt Mercedes die Baureihe mit dem durch Motor- und Karosserieteile aus Alu von 1630 auf 1515 Kilo abgespeckten 450 SLC 5.0 (240 PS). 1980 löst der 380 SLC (218 PS) den 350er ab, Automatik ist nun Serie. Der 450er entfällt, der 450 SLC 5.0 wird zum 500 SLC. Während der SL bis 1989 weiterläuft, übergibt der SLC schon im Herbst 1981 nach 62 888 Exemplaren an den wieder von der Limousine abstammenden Nachfolger C 126.

Plus/Minus

Die verschmutzungsresistenten Rückleuchten sind eine patentierte Erfindung von Mercedes und bleiben den Autos mit Stern über Jahrzehnte erhalten.

©A. Emmerling

Rost ist der ärgste Feind des SLC. Werksseitig war es bis 1978 um Korrosionsschutz und Blechqualität nicht zum Besten bestellt. Bevorzugt befällt der Gilb die Schweller, die wegen fehlender Zusatzversteifungen dünner sind als beim SL. Gern nistet er auch in den Wagenheberaufnahmen oder knabbert rund um die Riffelbleche an Kotflügeln, Türen und Radläufen. Hohe Kilometerstände sind kein Ausschlusskriterium. Vor allem die Graugussmotoren (350 und 450) halten bei guter Wartung ewig. Typische Technikmängel sind Standschäden an der Einspritzanlage, zu großes Lenkspiel sowie Verschleiß an Buchsen und Traggelenken der Vorderachse. Wenn die Automatik zu spät oder mit hartem Ruck schaltet, helfen meist Ölwechsel und Einstellen der Bremsbänder. Alle SLC sind inzwischen im H-Kennzeichen-Alter; ob ein Nachrüstkat eingebaut ist oder nicht, macht bei der Steuer also keinen Unterschied. Beim Verbrauch haben die Sechszylinder, vor allem mit Handschaltung, einen deutlichen Vorteil gegenüber den V8, was aber nur bei Vielfahrern ins Gewicht fällt.

Ersatzteile

Wer schraubt oder restauriert, bekommt für Technik und Karosserie so gut wie alles, entweder direkt bei Mercedes nach dem Prinzip "Heute bestellt, morgen geliefert" oder – oft etwas günstiger – bei freien Händlern wie SLS (Barsbüttel) oder Niemöller (Mannheim). Geht es um vergriffene Ausstattungs- und Zierteile, zahlen sich Clubkontakte aus.

Marktlage

Damals wie heute zeigen V8-Fans dem 350 SLC die kalte Schulter, weil er kaum flotter fährt als der sechszylindrige 280er, aber erheblich mehr verbraucht. Das erklärt den vergleichsweise niedrigen Preis. Fündig wird man bereits für weniger als 10.000 Euro. In den nächsten Jahren ist nur leichte Wertsteigerung zu erwarten.

Empfehlung

Lassen Sie sich keinen Blender andrehen. Überprüfen Sie den Kilometerstand auf Plausibilität, und nehmen Sie zur Beurteilung des Karosseriezustands jemanden mit, der sich mit 107ern gut auskennt, wenn Sie sich die Blech-Bewertung selbst nicht zutrauen. Vorsicht bei Amerika-Reimporten: US-Fahrzeuge haben nicht nur andere Scheinwerfer und Stoßstangen (rückrüstbar), sondern – abhängig vom Baujahr – auch Motoren mit weniger Leistung und anders übersetzte Getriebe.

Autor: Martin G. Puthz

Fotos: A. Emmerling

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