Stuttgarter Stilikone mit acht Töpfen

Mercedes 420 SE W 126 Mercedes 420 SE W 126 Mercedes 420 SE W 126

Mercedes 420 SE (W 126)

— 04.07.2014

Stuttgarter Stilikone mit acht Töpfen

Fans der S-Klasse W 126 haben den nur 13.996-mal gebauten 420 SE meist nicht auf dem Wunschzettel. Deshalb ist er nur halb so teuer wie ein 500er. Zeit, umzudenken!

Ein leises Rauschen aus dem Bug, ein kaum hörbares Sirren der Duplexkette – ganz souverän taucht der Mercedes 420 SE ein in die Flut des Berufsverkehrs, der frühmorgens wie eine mächtige Woge nach Frankfurt am Main hineinschwappt. Sein Spiegelbild irrlichtert an den Glasfassaden der Bankentürme entlang, die wie riesige Nadeln in das Blau des Himmels stechen. Inmitten der vielen neuen S-Klassen, 7er-BMW und Audi A8, die in der Bankenmetropole bevorzugt in Schwarz unterwegs sind, wirkt der blassbraune 420er wie ein Landadliger, der unterwegs in die Stadtwohnung ist – noch im Tweedanzug, versteht sich. "Impala" taufte Mercedes diese Metallicfarbe, obwohl ein W 126 auch mit sehr viel Fantasie kaum an jene grazile Schwarzfersenantilope erinnert, die Pate für die Lackbezeichnung stand.

In einem 420 SE ist man zügig unterwegs, nicht wirklich schnell. Zu Zeiten des W 126 war Ästhetik wichtiger als plumpe PS-Anmache.

©H. Neu

Da passt der Name "Brasil" für die makellosen Stoffpolster unseres Foto-Autos schon besser. Denn die Sitzwangen sind zwar durchgehend in Braun gehalten, doch die Flächen dazwischen wirken, als habe sich der verantwortliche Innenraumdesigner bei der Gestaltung des Musters und der Farbe vom Inhalt einer Dose grob geschnittenen Brasil-Tabaks inspirieren lassen. Gerade in solchen vermeintlichen Fehlfarben ist ein W 126 besonders attraktiv. Wie Niki Lauda mit seiner Kappe hebt er sich wohltuend von der dunklen Masse der Anzugträger-Limousinen ab. Und manchmal scheint es sogar, als würden sie dem 420 SE bereitwillig Platz machen, wenn er sich auf eine andere Spur einfädeln muss. Was seine Motorleistung angeht, könnte er sich kaum mit ihnen anlegen. 224 PS leistet dieser Kat-420 SE von 1989 bei weit über anderthalb Tonnen Gewicht – da sind schon potente Kompaktwagen ernst zu nehmende Gegner. Wenigstens flößt die Zahl "420" auf dem Kofferraumdeckel vielen eine Spur von Respekt ein. Zugegeben: So majestätisch wie ein 500er oder gar ein 560er zieht ein 420 SE nicht von dannen. Sein Leichtmetallmotor basiert auf dem Grauguss-V8 mit 3,5 Liter Hubraum (M 116), der schon 1969 im W 109/111 debütiert. Im W 126 kommt 1979 zunächst die 3,8-Liter-Leichtmetallversion. 1985 wird deren Hubraum auf 4,2 Liter erhöht.
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Die Kraft kommt mit der Drehzahl

Schon potente Kompaktwagen sind ernst zu nehmende Gegner. Wenigstens flößt die Zahl "420" auf dem Kofferraumdeckel vielen eine Spur von Respekt ein.

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Ein Big-Block-V8 wirkt gegenüber dem 420er wie ein Football-Spieler im Duell mit einem 400-Meter-Läufer: Die Kraft kommt beim 420 SE nicht aus dem Keller, sondern mit wachsender Drehzahl – eingebremst durch die Vierstufenautomatik, die früh hochschaltet. Doch eine Luxuslimousine vom Schlag des W 126 muss schließlich keine Gazelle sein. Dafür entschädigt sie mit dem ausgewogensten Design, das je für eine S-Klasse entwickelt wurde: Mit dem W 126 liefert das Team um Bruno Sacco ein Meisterwerk ab. Trotz seiner Gediegenheit ist der W 126 ein Auto, das dem Fahrer nicht – wie ein übereifriger Butler – zu viel abnimmt. Bei allem Komfort wirkt er angenehm straff und nicht weich wie ein Wattebausch. Dazu trägt auch die Kugelumlauf-Servolenkung bei: Sie setzt Lenkbefehle so direkt um, dass der Fahrer nicht argwöhnen muss, zwischen ihm und der Straße verstecke sich womöglich ein (elektrischer) Spielverderber.
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Der W 126 ist ein Auto fürs Leben

Der Erstbesitzer mochte Erdfarben, die Kombination des Lacktons "Impala" mit Stoff "Brasil" beweist es. Das Navi-Radio ist nachgerüstet.

©H. Neu

Bei all diesen Vorzügen erstaunt es nicht so, dass ein W 126 ein Auto fürs Leben ist. Oder sogar für zwei. "Der 420 SE ist schon seit 1996, als ihn mein Vater gekauft hat, in der Familie", sagt Besitzer Marcus Janke (56), gelernter Groß- und Außenhandelskaufmann aus Frankfurt. "Mein Vater hatte vorher einen 83er 280 SEL, in dem er einen schweren Unfall überlebt hat. Deshalb habe ich ihm wieder zu einem W 126 geraten." Knapp 27.000 Kilometer zeigte der Zähler des Ersthand-420 SE, als Jankes Vater ihn in der Mercedes-Niederlassung Frankfurt kaufte. Im Herbst 2002 stieg er auf einen S 430 der Baureihe W 220 um. "Da hatte der 420 SE erst 61.000 Kilometer und sollte in Zahlung gegeben werden", sagt Marcus Janke. Doch Mercedes habe weniger für ihn geboten als einst der Verwerter für den demolierten 280 SEL. "Da habe ich gesagt: Dann bleibt er!" Gerade mal 83.000 Kilometer hat der 420 SE heute auf dem Tacho. Es werden wieder ein paar mehr, als er in den Verkehr eintaucht, der ihn aus Frankfurt hinausführt. Bald verschwinden die Glaspaläste aus dem Rückspiegel. Das unverwechselbare Rauschen im Bug bleibt.

Technische Daten

Der 4,2-Liter-Leichtmetall-V8 trägt die interne Konstruktionsbezeichnung M 116 E 42.

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Mercedes 420 SE (W 126) Motor: V8, vorn längs • zwei obenliegende Nockenwellen, über Duplex-Rollenkette angetrieben, zwei Ventile pro Zylinder, mechanisch-elektronische Saugrohreinspritzung (Bosch KE III-Jetronic) • geregelter Drei-Wege-Kat • Hubraum 4196 ccm • Leistung 165 kW (224 PS) bei 5400/min • max. Drehmoment 325 Nm bei 4000/min Antrieb/Fahrwerk: Vierstufenautomatik • Hinterradantrieb • Einzelradaufhängung, vorn Doppelquerlenkerachse, hinten Diagonal-Pendelachse, v./h.: Schraubenfedern, Gummi-Zusatzfedern, Drehstab-Stabilisator, hydraulische Teleskop-Stoßdämpfer • Reifen 205/65 VR 15 • Maße: Radstand 2935 mm • L/B/H 5020/1820/1437 mm • Leergewicht 1640 kg • Fahrleistungen/Verbrauch: 0–100 km/h in 8,3 s • Spitze 220 km/h • Verbrauch 12–16 l S pro 100 km • Neupreis: 81.681 Mark (2/89).

Historie

Mercedes präsentiert die S-Klasse der Baureihe W 126 auf der IAA 1979. Lieferbar sind 280 S/SE/SEL, 380 SE/SEL, 500 SE/SEL und 300 SD (für Nordamerika). Im Rahmen des "Mercedes-Benz Energiekonzepts" werden alle Modelle 1981 sparsamer und sauberer. Im Herbst 1985 kommt die zweite W-126-Generation, zu erkennen am glatten Flankenschutz. Der 260 SE löst den 280 S ab, der 300 SE/SEL den 280 SE/SEL. Neu sind 420 SE/SEL, 560 SEL (ab Herbst 1988 auch 560 SE) und der 300 SDL (bis 87). Ab Herbst 1985 werden die Limousinen ab Werk als "Rückrüstfahrzeuge" (RÜF) angeboten. Bei ihnen kann nachträglich ein Kat eingebaut werden. Ab Herbst 1986 ist er Serie, doch bleiben die RÜF-Versionen gegen Preisnachlass noch bis August 1989 im Programm. Eine Ausnahme bildet der 560 SEL "ECE" ohne Kat (300 PS; 1985 bis 1987), der die von der Europäischen Wirtschaftskommission ECE definierten Abgasgrenzwerte erfüllt. 1987 erhöht Mercedes die Leistung der V8, um dem zwölfzylindrigen BMW 750i Paroli zu bieten. Letzte Version ist 1989/90 der 350 SD/SDL. Bis 1992 werden 818.036 W 126 gefertigt – bis heute die meistgebaute Luxus-Limousine aller Zeiten.

Plus/Minus

Eine Luxuslimousine vom Schlag des W 126 muss keine Gazelle sein. Dafür entschädigt sie mit dem ausgewogensten Design, das je für eine S-Klasse entwickelt wurde.

©H. Neu

Der 420 SE kam erst mit der Modellpflege 1985. Gut für ihn, denn Alltagstauglichkeit, Verbrauch und Rostvorsorge sind bei den Zweitserien-Versionen (1985 bis 1992) besser als bei W 126 der ersten Generation (1979 bis 1985). Da Top-Exemplare immer seltener auf dem Markt auftauchen, ist bei angeblich niedrigen Laufleistungen Vorsicht geboten: Wenn kein Scheckheft vorhanden ist oder die Abnutzungsspuren nicht zum Kilometerstand passen – Alarm! Alle W 126 überzeugen mit hoher Verarbeitungsqualität. Dennoch: Rost nagt oft unterm Heckscheibenrahmen, an den hinteren Radläufen (bis unter die Beplankung), an den Wagenheber-Aufnahmen, den Türunterkanten, sogar unterhalb der Scheinwerfer im Motorraum. Auf der Bühne lohnt ein Blick auf die Längsträger der vorderen Bremsmomentabstützung. Typisch sind ausgeschlagene Lenkgetriebe und verschlissene Achs- und Lenkgelenke, ebenso Ölverlust an Getriebe oder Motor. Die V8-Motoren leiden im Alter unter eingelaufenen Nockenwellen, gelängten Steuerketten (auf Rasselgeräusche achten!) sowie spröden Gleit- und Führungsschienen des Kettentriebs – ein Motorschaden kann die Folge sein.

Ersatzteile

Die Versorgung durch Mercedes und freie Spezialisten ist sehr gut. Seltene Teile, etwa für die Innenausstattung, sind teuer. Nicht mehr alles ist lieferbar. Richtig ins Geld geht Elektronikersatz, doch zeigt sich der W 126 hier (bislang) robust.

Marktlage

Sammler suchen bevorzugt Zweitserien-500er und -560er im Topzustand (10.000 bis 15.000 Euro). Ordentliche 300er kosten nur rund die Hälfte (ab 6000 Euro) – und sind wegen des geringeren Gewichts auf der Vorderachse agiler. Der 420er sitzt zwischen allen Stühlen. Für ihn müssen im Zustand vier zirka 2300 und im Zustand zwei etwa 10.900 Euro veranschlagt werden.

Empfehlung

Kalkulieren Sie bei einem W 126 immer 1000 bis 2000 Euro mehr ein, um Wartungsstau zu beseitigen. Und: "Vollausstattung" gibt es nicht, nur eine mehr oder weniger komplette Ausstattung. Tipp: Knöpfe drücken und überprüfen, ob alles funktioniert. Beim 420 SE mit Werks-Kat kann ein Kaltlaufregler nachgerüstet werden, dann erfüllt er die Euro-2-Norm.

Autor: Peter Michaely

Fotos: H. Neu

Stichworte:

V8

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