Prunk-Sitzung

Mercedes 600 Pullman

— 11.07.2012

Mehr Prunk, mehr Technik, mehr Cedes!

Mercedes-Benz steigerte sich 1963 mit dem automobilen Monument 600 in den technischen Overkill. Die riesige Staatslimousine hatte alles an Bord, was damals gut und teuer war und manches, was es noch nie zuvor gab.

Gleich mal die ernchternde Einstimmung fr Kaufinteressenten auf das Kaliber dieses Autos: Falls Sie ein neues Heckdeckelschloss brauchen, legen Sie schon mal 7800 Euro beiseite. Nicht dass Mercedes hier Wucher betreibt. Das Ding ist so kompliziert, als gehre es zur Mondlandefhre der NASA. Denn Benz bewahre, der Deckel lsst sich nicht einfach per Armmuskel zuklappen. Wer das versucht, macht alles kaputt. Die Lasche am Schloss muss gedrckt werden! Mercedes versuchte sich beim 600er (Werkscode: W 100) schlielich an der Grande Complication des Automobilbaus. Betrieben wird der Deckel hydraulisch, gesteuert aber pneumatisch per Unterdruck. Dabei lsst sich in jener prdigitalen ra bereits der Zndschlssel nicht abziehen, wenn die Kofferraumlade offen steht. Perfekt ist trotzdem etwas anderes. Der 600er gehrt wegen dieses Deckels zu den gefhrlichsten Autos berhaupt. Die Klappe mutiert nach Drcken des Knopfes zum Krokodil. Wehe, wenn ihm etwas Lebendiges in die Quere kommt. Einen Sicherheitsstopp gab es bei aller Kompliziertheit dann doch nicht, wie Brigaden von leicht deformierten Gepckboys der Luxushotels berichten knnen.

Dank verstellbarer Stodmpfer, Luftfederung und direkter Lenkung lsst sich der 600er sogar ein bisschen Sportwagen-Gefhl erzeugen.

©A. Emmerling

Der 600er war gedacht, der Konkurrenz von Rolls-Royce und Cadillac endgltig zu zeigen, wo der schwbische Bartel den Most holt. Die Sternmarke wollte sie in die lcherliche Ecke drngen, als technologische Witzfiguren des Automobilbaus, weshalb die einschlgigen Potentaten und Diktatoren, sofern sie ber ein bisschen technischen Verstand verfgten, eilig zum 600er konvertierten. Es gab arabische Knigshuser mit bis zu 100 Exemplaren in der Garage, Zaires "Prsident" Mobutu soll 23 gehabt haben, Schah Reza Pahlavi von Persien 20 Stck, Mao elf, auch bei Ugandas Idi Amin stand der Stall voll, dito bei Libyens Gaddafi. Doch auch friedliche deutsche Prsidenten und rmische Stellvertreter Gottes fuhren 600, natrlich die gestretchte Langversion, Pullman genannt. Von der entstanden nur 487 Stck, davon 59 als Landaulet, also hinten offen. Vom ordinren Kurz-600 (Lnge: 5,45 Meter), geliebt von Pop- und Filmsternen sowie Society-Gren wie Elvis Presley, Liz Taylor, Jack Nicholson und Aristoteles Onassis, waren es 2190 Stck. Das ist eine Grenordnung, die an das Debakel mit Maybach erinnert und richtig, auch mit dem 600 hat Mercedes kein Geld verdient. Dafr aber viel Renommee gewonnen.

Die groe Sause: Mercedes 300 SEL 6.3

Allein die schiere Gre flt jedem Beobachter Respekt ein, das Klotzdesign betont die Mae zustzlich.

©A. Emmerling

Mit dem Landaulet sind wir auch gefahren, es gehrte Jugoslawiens Ex-Diktator Tito (sieben 600er), und wir werden ab jetzt Cabrios mit anderen Augen betrachten. Im SL werden wir traurig sein, im Maserati GranCabrio weinen, im Bentley GTC schwermtig werden, denn wir fuhren mal 600 Landaulet. Mehr geht nicht. So viel Platz da hinten, gefedert wie eine Snfte, duftiges Leder, elegante Hlzer, die Minibar in Reichweite, keine schrge und unschickliche Windschutzscheibe zum Anstoen des Kopfes, man kann lssig aufstehen und sein Glck in die Welt winken. Und vorn sitzt der Chauffeur, ganz weit weg, als wre es ein Omnibus. Zum Reden muss man mit ihm telefonieren, wozu eine bordeigene Interkom dient. Herrlichste Dekadenz. Der geschlossene Pullman auf unseren Bildern gehrte hingegen einer niederschsischen Grfin. Da stellt sich die Frage, was treibt einen Menschen blo dazu, so ein Auto privat zu fahren? Gefhlte Kleinheit, die eine ganz dicke Hose braucht? Egal, der 600er krnt nicht die Figur, er krnt den Automobilbau. Wir schreiben das Jahr 1963, Kennedy sagt "Ich bin ein Berliner", ein paar Wochen spter stirbt er in Dallas, England schmunzelt ber den groen Postraub, das ZDF geht erstmals auf Sendung, und auf der IAA steht der Porsche 901, spter 911 genannt. Der Star der Ausstellung ist jedoch der groe Mercedes namens 600. Der wirtschaftswundernde Automensch steht hingerissen vor diesem Meisterwerk und begreift, es muss gerade eine groe Zeit stattfinden, die so etwas Grandioses hervorbringt.

Wir sind wieder wer: Mercedes-Benz 280 SE W108

Dies ist kein Adventskalender, sondern reiner Luxus. Der Dienstboteneingang befindet sich in der Mitte.

©A. Emmerling

Der kurze 600 kostet 56.500, der lange 63.500 Mark. Dafr bekam man 1963 auch ein Einfamilienhaus. Der Pullman lie sich unterschiedlich konfigurieren. Anders als das Haus gibt es ihn mit vier oder sechs Tren. Oder mit vier plus zwei versteckte Tren, wie bei unserem Fotowagen. Dann zwei Sitzreihen hinten, davon eine vis--vis oder in Fahrtrichtung geklappt oder doch nur eine, mit Bordbar, Telefon, Stereo, Klimaanlage, Trennscheibe oder ohne. Auen wurde der Wagen mit so viel Chrom behngt, als htte Daimler dazu eine eigene Task-Force beauftragt, das Gewicht eines Kleinwagens allein in Glitzer-Zutaten unterzubringen. Von 1964 bis 1981 puzzelten die Besten beim Daimler den W 100 weitestgehend in Handarbeit zusammen. uerlich hat er sich in den 17 Jahren Bauzeit kaum verndert. Unter der Form im Ziegelstein-Design, die den cW-Wert verachtet, liegt ein hochkomplexes Netz aus Nerven, das aus feinen, kilometerlangen elektrischen, hydraulischen, pneumatischen und unterdruckpneumatischen Adern besteht. Die Maxime der Entwickler: das fortschrittlichste Auto der Welt zu bauen, Geld spielt keine Rolle. Daher stand Sparsamkeit auch nicht im Lastenheft. Mit 25 Litern pro 100 km ist zu rechnen.

Fnf bis sieben Keilriemen je nach Ausstattung

Die Passagiere in der zweiten Reihe haben immerhin einen privaten Ascher.

©A. Emmerling

Der 600 bekam einen 6,3-Liter-V8-Motor mit 250 PS, um 100 Kubikzentimeter grer und viel moderner als das damalige Rolls-Royce-Triebwerk. Der dicke V8 ist in seinem Motorabteil umlagert von Pumpen und Kompressoren fr die Druckluftanlage der Luftfederung und die Hydraulik. ber das Klimasteuergert berichtet der Restaurator und 600-Experte Klaus Kienle aus dem schwbischen Heimerdingen: "Wer das aufmacht, denkt, er sei versehentlich an die Steuerung eines Atomkraftwerks geraten." Es gibt zudem fnf bis sieben Keilriemen, je nach Ausstattung, deren Wechsel 1200 Euro kostet. Wenn er funktioniert, ist der 600er aber ein prima Auto, das selbst in der Pullman-Version gut 200 km/h schnell ist und trotz Vierstufen-Wandlerautomatik in rund zehn Sekunden auf Tempo 100 beschleunigt. Dank verstellbarer Stodmpfer, Luftfederung und direkter Lenkung lsst sich mit dem Schiff sogar ein bisschen Sportwagen-Gefhl erzeugen, was untermalt wird vom hellen Pling-Pling des Kristalls in der Bordbar, und rein theoretisch stellen wir uns weit ausladende Drifts im Pullman vor. Schade, dass Mercedes mit dem ber-Auto nie Rennen gefahren ist. Wahrscheinlich htte der 600er auch das gekonnt.

Technische Daten

Vor lauter Pumpen und Kompressoren erkennt man das monstrse 6,3-Liter-Triebwerk erst auf den zweiten Blick.

©A. Emmerling

Mercedes 600 Pullmann Motor: V8, vorn lngs je eine obenliegende Nockenwelle ber Duplexkette angetrieben, zwei hngende Ventile pro Zylinder, Achtstempel-Einspritzanlage Hubraum 6330 ccm Leistung 184 kW (250 PS) bei 4000/min maximales Drehmoment 500 Nm bei 2800/min. Antrieb/Fahrwerk: Vierstufen-Wandlerautomatik Hinterradantrieb mit Sperrdifferenzial Einzelradaufhngung vorn an Doppelquerlenkern, hinten Eingelenk- Pendelachse, Luftfederung mit Gummi-Zusatzfedern verstellbare Teleskopstodmpfer Kugelumlauflenkung Scheibenbremsen rundum Reifen 9,00 H 15, selbsttragende Karosserie. Mae: Radstand 3900 mm L/B/H 6240/ 1950/ 1510 mm Leergewicht 2770 kg. Fahrleistungen/Verbrauch: 0100 km/h in 12 s Spitze 200 km/h Verbrauch 25 l pro 100 km. Neupreis: 64.500 Mark (1964).

Historie

Nach dem altmodischen und vergleichsweise simplen Typ 300 ("Adenauer") beschlieen die Mercedes-Bosse 1956, eine Reprsentations-Limousine der Extraklasse zu entwickeln, eine Fortsetzung der Tradition des "Groen Mercedes" aus der Vorkriegszeit. Der Neue soll alles Bekannte  in den Schatten stellen. Auf der IAA 1963 steht schlielich der 600, 1964 kommt er zum Kunden. Eines der Highlights ist die Komforthydraulik, mit der lautlos Fenster, Trennscheibe, Schiebedach und Sitze bewegt, Tren geschlossen und Stodmpfer verstellt werden. 3000 Stck sollen pro Jahr gebaut werden, am Ende sind es 2677 Exemplare in 17 Jahren. 1981 kommt das Ende fr den nur noch selten georderten und inzwischen unmodern gewordenen Superwagen. Die Liste der Kunden liest sich wie das Whos Who der Reichen und Schnen, allerdings auch der Bsen. Wegen des enormen Prestiges fhlten sich Diktatoren im Fond des 600 wohl; in der Regel berlebte das Auto seinen gestrzten Eigentmer. Tiefgreifende Modellpflege betraf 1968 und 1972 nur die Technik, etwa das Getriebe und die Hydraulik. Das Design des 600 blieb unangetastet.

Plus/Minus

Leise klimpert das Kristall,
wenn man den 600 sportiv bewegt.

©A. Emmerling

Er war und ist teuer, der 600er, aber Kenner rechnen damit, dass sein Preis weiter zulegt: Schlielich ist der W 100 ein Meilenstein der Automobilgeschichte, er war in den 60ern und 70ern das mit Abstand hchsttechnisierte Auto der Welt. Er beherrscht viele Komfort-Kunststcke, ist dazu vorzglich ausgestattet mit einem Finish, das nur von Rolls-Royce erreicht wird. Sein Hightech-Plus ist aber gleichzeitig sein grtes Minus: Wehe, wenn etwas kaputtgeht, und das tut es, denn die High-End-Technik war damals weniger haltbar als heute. Weil der Wagen eine unglaublich hohe Technologiedichte unter der ausladenden Karosserie besitzt, sind Reparaturen oft umstndlich und exorbitant teuer. Von daher kommt ein 600er nur infrage, wenn sein heutiger Verehrer genug Geld hat, ihn auch anstndig in Fachwerksttten warten zu lassen.

Ersatzteile

Die Situation ist bei den technischen Bauteilen sehr gut, denn Mercedes hlt praktisch alles vor, allerdings zu teils erschreckenden Preisen, was auf die kleinen Stckzahlen und die aberwitzige Komplexitt einzelner Bauteile zurckzufhren ist. Bei Blech und Chrom sieht es schlechter aus, aber Spezialisten wie Kienle (www.kienle.com) schlachten nicht restaurierungswrdige Fahrzeuge aus und lagern einen Vorrat. Auch fr die Hydraulik gibt es Firmen, die zum Beispiel Dichtungen anbieten (www.mercedes600-hydraulik.de). Leder- und Holzteile mssen in der Regel von Fachbetrieben angefertigt werden.

Marktlage

Erstaunlich groe Auswahl doch viele kurze 600er haben enorme Laufleistungen und sind runtergeritten, besonders die aus den USA oder den Golfstaaten. Eine Totalrenovierung kostet schnell eine halbe Million Euro! Auch beim wenig gefahrenen Pullman ist die Technik oft wund. Also nur mit einem echten Fachmann losziehen! 

Empfehlung

Wegen der umfangreichen Modellpflege 1972 ist zu den "Danach-Modellen" zu raten, sie haben eine bessere Hydraulik. Ansonsten sind die kurzen 600er toll zum Fahren, die Pullman eher zum Sammeln geeignet. Allerdings sind sie auch teurer. In perfektem Zustand kostet ein Kurzer bis zu 185.000, ein Pullman bis zu einer Viertelmillion. Ganz teuer, aber auch sehr rar sind die Landaulets. Sie kosten rund eine Million Euro.

Autor: Bernhard Schmidt

Fotos: A. Emmerling

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