Mercedes AMG-Vergleich: E 60 gegen E 63

Mercedes AMG-Vergleich: E 63 gegen E 60

— 05.06.2014

Die Machtdemonstration

Zwei E-Klassen mit AMG-Tuning und 19 Jahren Altersunterschied im AUTO BILD SPORTSCARS-Vergleich. Welche Renn-Limousine hat die Nase vorn?

Nimm ihn so mit, wie er da steht: 118.762 Euro Grundpreis fr den aktuellen E 63 AMG S.

Als Physiklehrer wre er bei seinen Schlern total beliebt. Ganz ohne komplizierte Formeln und langatmige Theorie fhrt der Mercedes E 63 AMG S unmissverstndlich vor, was Drehmoment bedeutet. Kein Wunder, wenn man seine Lehrmeister kennt. 300 SEL 6.8, der Hammer, oder SL 73. Allesamt Legenden. Doch heute kreuzt ein Vorfahre seinen Weg, der weitaus weniger bekannt ist, unter Kennern aber dafr umso greren Kultstatus geniet der E 60 AMG. Seine Geschichte? 1990 befindet sich die Welt im Wandel. Deutschland wird wiedervereinigt, in Afrika gewinnt Nelson Mandela nach Jahrzehnten seinen Kampf gegen die Apartheid. Und auch bei Mercedes bricht eine neue ra an. Der Hersteller geht mit AMG einen Kooperationsvertrag ein, der den offiziellen Verkauf von AMG-Zubehr und Komplettfahrzeugen

Seltener Fund: Diesen E 60 AMG stellte uns Pannhorst
Classics (www.pannhorst-classics.de) zur Verfgung. 1994 kostete er 179.860 DM.

bei Vertragshndlern und Niederlassungen ermglicht. In den Jahrzehnten zuvor sah man noch die Tuningarbeiten der kleinen, feinen Schmiede von Hans-Werner Aufrecht und Erhard Melcher als Sakrileg an. Doch die Erfolge der Techniker berzeugen selbst eiserne Skeptiker. Beispiel: AMG 300 E 5.6. 1987 erreicht die unscheinbare W124-Limousine mit V8 und 360 PS beeindruckende 303 km/h Spitze. Ein Oberklasse-Triebwerk im Mittelklasse-Gewand hat eben seinen ganz besonderen Reiz. So sehr, dass Mercedes im Wendejahr 1990 seinen eigenen Dampfhammer auf die Strae schickt: den 500 E der Baureihe W124.

Ein Artikel aus AUTO BILD SPORTSCARS 9/2014

Dieser trgt den neuen M119-Achtzylinder aus dem 500 SL zwischen seinen dicken Backen. Leistung: 326 PS (spter 320) und 480 Newtonmeter. AMG kann nach Verkleinerung des Gegengewichtsradius die Kurbelwelle aus dem 560 SEL auch im neuen Motor installieren. Sie bescherte schon dem Vorgnger-Triebwerk M117 einen vergrerten Hub von 94,8 Millimetern. Die Zylinder des M119 bohrt AMG von 96,5 auf glatte 100 Millimeter auf. Zusammen mit der genderten Kurbelwelle ergeben sich statt fnf nun sechs Liter Hubraum. Darber hinaus bearbeitet AMG Ein- und Auslasskanle in den Zylinderkpfen und setzt Ferrocoat-Kolben mit genderten Abmessungen sowie Ein- und Auslassnockenwellen samt anderem Nockenprofil ein. Mit darauf abgestimmter Motorelektronik leistet das Triebwerk nun je nach Produktionsdatum 374 bis 381 PS, das Drehmoment gipfelt bei 580 Newtonmetern. Sie machen den E 60 AMG zum sprintstrksten Mercedes seiner Zeit. Nicht mal die 600er-Modelle von S-Klasse und SL (570 Newtonmeter) halten da Schritt, obwohl sie preislich und leistungstechnisch die damalige Speerspitze von Mercedes markieren. Viel Aufhebens darum macht der krftige 124er nicht. Friedlich suselt der dicke V8 im Leerlauf vor sich hin. Der Whlhebel klackt durch die Kulisse in Stufe D, unter sanftem Grummeln rollt der E 60 los. Im Innenraum klingt vieles bekannt. Die satt klackenden Schalter und Tasten von Licht und Klimaautomatik, das satte Blinkergerusch, der Multifunktionshebel fr Wischer, Blinker und Fernlicht.

E-Klasse als Dragster? Alles Einstellungssache

Doch wenn die Drosselklappen voll ffnen, weicht die Nchternheit purer Entzckung. Der Motor grollt dezent, die Tachonadel klettert entschlossen nach oben und dazu deutlich schneller als im E 500.  Wie schnell, hngt von der verbauten Achsbersetzung ab. Mit der kurzen 2,82er aus dem  normalen E 500 wird der E 60 zum Dragster, luft aber nur wenig mehr, als die werksseitige  Vmax-Begrenzung von 250 km/h gestattet. Die lngere 2,65er-Achse macht zusammen mit einer Vmax-Anhebung 275 Sachen mglich. So oder so: Die Werksangaben fr Leistung und Drehmoment gelten als Mindestwerte, viele Motoren sollen tatschlich ber 400 PS und 600 Newtonmeter entwickelt haben. Das untermauern auch zeitgenssische Tests. 5,4 Sekunden auf 100 km/h lautet die Werksangabe, gemessen waren es bis zu 5,1 mit steigender Laufleistung des Testwagens. Nach 20 Sekunden fliegt der E 60 AMG mit 200 km/h dahin. Dank Vierventiltechnik und variablen Einlassnockenwellen dreht der M119 freudig Richtung roter Bereich. Kein Wunder, trgt er doch seine Wurzeln im Motorsport, wo er als Biturbo-Variante die Le-Mans-Renner Sauber C9 und C11 befeuerte. Allzu sportliche Ambitionen sind der kultigen Limousine dennoch fremd. Die Kugelumlauflenkung arbeitet teigig, spricht um die Mittellage nur verzgert an. Geradeauslauf geht eben vor Kurvengier. In den Biegungen bleibt der E 60 gutmtig, die serienmige  Antriebsschlupfregelung verhindert durchdrehende Hinterrder. Ein optionales AMG-Fahrwerk mit 20 Millimeter krzeren Federn, 20 Prozent strafferen Dmpfern und grerem Vorderachsstabi reduziert die Seitenneigung, lsst den Abrollkomfort zusammen mit 17-Zoll-Rdern aber auch ins  Steifbeinighlzerne abgleiten. Serienmig montiert wurden die 16-Zller des E 500. Sie sind nicht nur komfortabler, sie steigern den Understatementfaktor auch um ein Vielfaches.

Wahlweise tarnt sich der AMG als brave E-Klasse

Tarnen lsst sich auch der neue E 63 AMG S mittels Business-Paket. Die markante Heckschrze samt Diffusor und Vierrohr-Optik weicht der zivileren Variante schwcherer Modelle, smtliche  Typenschilder fehlen. Kenner werden beim Motorstart trotzdem hellhrig. Zu fllig brabbelt und bollert der V8, dazu gesellt sich ein hauchzartes Pfeifen beim Losfahren das kann kein normales Triebwerk sein. Richtig gehrt! Zwei Turbolader machen aus dem 5,5-Liter-V8 einen wahren Drehmoment-Giganten. 800 Newtonmeter flieen zu zwei Dritteln an die gesperrte Hinterachse, der Rest nach vorn. Allradantrieb erffnet dem 63er ganz neue Mglichkeiten. Audi R8 V10 Plus und Nissan GT-R liegen beim Beschleunigungsduell jetzt in Reichweite. Wo einst zwischen Fensterheber und Sitzheizungsschalter die schlichte Kulisse der Vierstufenautomatik hauste, steht heute die AMG Drive Unit. Bremse treten, Whlrad auf RS, per Paddel die Sprintfreigabe erteilen, Vollgas. Wohldosiert ffnet die Nassanfahrkupplung bei 3800 Touren die Drehmomentschleusen. Alle vier Rder krallen sich kraftgeladen in den Asphalt. Der V8 walzt durchs Drehzahlband, beim  Schaltvorgang schmatzen fette Salven aus dem Auspuff.

Zeichen der Zeit: GPS-Dachmodul und Parksensoren beim neuen E-Klasse AMG.

Quelle des Sounds: kurzzeitige Ausblendung einzelner Zylinder mittels einer definierten Rcknahme von Zndung und Einspritzung. In 100 Millisekunden gehts von einer Stufe in die nchste davon kann der alte Wandler nur trumen. Von 11,7 Sekunden bis 200 km/h erst recht. Abseits des Dragstrips macht sich der Traktionszuwachs wesentlich strker bezahlt. Gas zum berholen auf der Landstrae bei Nsse hat keine ESP-Regelwut zur Folge, sondern flssige Temposteigerung. Souvernitt und Fahrsicherheit profitieren merklich und auch die Rundenzeit. Ein Kriterium, dass zu Zeiten des E 60 AMG weitaus weniger Prioritt genoss. Mittlerweile zhlt Idealliniensurfen zum festen Bestandteil des AMG-Lastenhefts. Immer fter finden sich E 63-Khlergrills vor der Nordschleifen-Schranke ein.

Reisen oder Rasen - eine Frage des Stils

Schwer in Fahrt: Allrad generiert Traktion, das AMG-eigene Fahrwerk Agilitt, Keramikbremsen beste Verzgerung.

Eine flotte Runde in der grnen Hlle reicht, um zu verstehen, warum. Die AMG-spezifische Vorderachse mit breiterer Spur und hherem Sturz sttzt sich hervorragend ab. Schneidig lenkt der E 63 S ein, die Lenkung reagiert bereits ab der Mittellage direkt und feinfhlig. Im Sport-Handling-Modus schnippeln radselektive Bremseingriffe eventuelles Untersteuern weg. Ganz aus geht natrlich auch: Dann krnt der E 63 den Kurvenausgang mit zart wegschmierendem Hinterteil. Optional: groe Keramikbremsscheiben, die unter strammem Pedalgefhl souvern das Tempo zurckschrauben. Selbst im Innenraum trgt man die Kurvenlust zur Schau. Carbon statt Wurzelholz, Alcantara und Alu-Schaltpaddel statt Holz-Leder-Lenkrad. Zwischen Fuchsrhre, Brnnchen und Dttinger Hhe fhlt sich die strkste E-Klasse hnlich wohl wie auf Tour von Mnchen ber Kln nach Hamburg. Querdynamisch ist der Altersunterschied

Schicke Dreiteiler: optionale 17-Zoll-Rder von AMG.

von E 60 AMG und E 63 AMG S immens sprbar. Auf der Langstrecke sind sie hingegen Seelenverwandte. berlegene Durchzugskraft bestimmt ihr Wesen, massiert wohlig die Karosserie, verbreitet trotz eilig hochschnellender Tachonadel  Gelassenheit anstelle von Hektik. Auf der Autobahn machen beide klar: Der Unterschied zwischen Reisen und Rasen ist keine Frage der Geschwindigkeit, sondern eine des Stils. Drehmoment als Entspannungstherapie eine Formel, die dank AMG Schule machte.
Frank Wiesmann

Frank Wiesmann

Fazit

Die Formel fr die ultimative Power-Limousine hat bei AMG seit 1967 Erfolg: Massig Drehmoment, generiert von einem hubraumstarken V8 aber bitte ohne groe Kompromisse beim Komfort.  Querdynamisch geigt der E 63 S dank Allrad und Hightech gro auf. Den Kultstatus des E 60 wird er aber auch mit der schnellsten Rundenzeit kaum toppen knnen.

Stichworte:

AMG

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