Mercedes-Benz 280 SE W108
— 06.02.2010
Wir sind wieder wer
Wer es sich in den fetten Jahren des Wirtschaftswunders leisten konnte, zeigte auch gern, was er erreicht hatte. Ein standesgemäßer Mercedes 280 SE für 21.586,50 D-Mark eignete sich 1971 gut dafür.
Als Wagen
108 zu Beginn der 60er-Jahre entwickelt wurde, war dies vielleicht eine Herausforderung – aber keine Revolution. Dämmtechnisch rollt die
S-Klasse fast als Nackedei vor. Und der M130-Sechszylinder erinnert in seiner Klangvielfalt an die Berliner Philharmoniker beim Stimmen ihrer Instrumente im Orchestergraben. Wer genau hinhört, erkennt sogar die Solisten: rasselnde Ketten, tickende Ventile und zuletzt die Auspuff-Trompete. Bei 180 km/h mischen sich zusätzlich orkanartige Windgeräusche ins Konzert. Doch bleiben wir fair: Alle unsere Autos erhoben damals die Stimmen, die
S-Klasse W108 war ein leiser Schreihals. So musste das auch sein. Schließlich werden Mercedes-Oberklassen für Verwöhnte gebaut, die sich das Besondere gönnen.
Schlichte Eleganz: Der W108 basiert noch auf der Bodengruppe der Heckflosse, kommt jedoch optisch erheblich schlichter daher.
Außen weist am 280 SE viel Chrom den Weg in die bessere Gesellschaft, innen dominiert gehobener Gelsenkirchener Barock mit reichlich Holz in der Hütte, Teppichen in strapazierfähiger Schlaufen-Qualität und grober Stofftapete an den Wänden. So gediegen wohnten damals nur Direktoren. Genauso schön und beschaulich fährt die S-Klasse der Sixties. Sie fühlt sich an wie Omas Sofa, gemütlich und weich, die Federkernsessel wippen ganz sanft im Takt dazu. Wie der Fuß des Chefs am Steuer, wenn Bert Kaempferts Streichelsound aus dem Mono-Lautsprecher perlt. Das passt. Denn Hektik liebt Wagen 108 gar nicht. Dann stößt die Automatik beim Gangwechsel unsanft zurück. Außerdem sollte ein geübter Fahrer hinter dem Lenkrad sitzen. Wenn das S-Klasse-Heck auskeilt – was passieren kann, schließlich hat der 108 eine Pendelachse –, muss heftig am Kranz gekurbelt werden: trotz Servo dreieinhalb Umdrehungen von Anschlag bis Anschlag.
| Technische Daten Mercedes-Benz 280 SE W108 |
| Bauzeit |
1967 bis 1972 |
| Motor |
Sechszylinder in Reihe |
| Ventile/Nockenwelle |
12/1 |
| Nockenwellenantrieb |
Steuerkette |
| Hubraum |
2778 ccm |
| kW (PS) bei U/min |
118 (160)/5500 |
| Nm bei U/min |
240/4250 |
| Beschleunigung 0-100 km/h |
11,2 s |
| Höchstgeschwindigkeit |
185 km/h |
| Getriebe |
Viergang-Automatik (Sonderausstattung) |
| Antrieb |
Hinterrad |
| Bremsen vorn/hinten |
Scheiben innenbelüftet/Scheiben |
| Testwagenbereifung |
195/70 R 14 T |
| Radgröße |
6.0 x 14" |
| Verbrauch |
ca. 12,3 Liter |
| Tankinhalt/Kraftstoffsorte |
82 Liter/Super |
| Reichweite |
670 km |
| Vorbeifahrgeräusch |
74 dB (A) |
| Anhängelast gebremst/ungebremst |
1200 kg/750 kg |
| Leergewicht/Zuladung |
1495 kg/500 kg |
| Kofferraumvolumen |
610 Liter |
| Wendekreis |
11,7 m |
| Steuer/Versicherung |
192 Euro/167 Euro |
| Zeitwert (Zustand 3) |
9800 Euro |
Andreas Borchmann
Fazit
Ein Typ für Oldie-Freunde. Der W108 lässt seinen Fahrer live miterleben, wie die Technik arbeitet. Vor allem im Vergleich zum W126 wirkt er wie eine mechanische Uhr im Zeitalter der Quarzwerke. Dabei rettet er den gemütlichen Stil der Fünfziger in die Neuzeit.
Kommentare zum Artikel (1)
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Na wenn der Vergleich mal nicht hinkt... Einen offensichtlich zumindest "stark verbrauchten" W 108 zu Testzwecken zu verwenden ist nicht gerade fair. Fahren sie mal einen komplett restaurierten W108 mit korrekter Bereifung, nicht hängenden Türenru0ß, nicht aus USA usw. und Sie werden zu einem anderren Ergebnis kommen.
Gruß