Mercedes S-Klasse W 116

Mercedes W 116 Mercedes 280 SE

Mercedes S-Klasse W 116

— 19.07.2009

In bester Gesellschaft

Ob Metzgermeister oder Bundeskanzler: Wer in den 70er Jahren oben war, fuhr Mercedes S-Klasse. Als Klassiker kann ein W116 heute aber auch Normal-Familien glücklich machen.

Ach ja: Auto des Jahres war sie auch mal. Die S-Klasse und ihre Erbauer nahmen es ungerührt hin, aber eigentlich war der Titel unter ihrer Würde. Das beste Auto der Welt sollte er sein, der Mercedes mit dem Kürzel W 116, und nicht einmal die Autotester widersprachen. Von "Auto Motor und Sport" über BILD bis zum "Stern": Diese S-Klasse sammelte Superlative, auch wenn anfangs noch 280 S auf dem Kofferdeckel stand und längst nicht 450 SEL 6.9. Im Auto-Alltag der 70er-Jahre musste es nicht das Topmodell sein, um große Männer glücklich zu machen. Ein nackter 280er reichte zum Kleinstadt-Gespräch. Bereits er zeigte diese Grundarroganz, die das Image der ganzen Modellreihe prägte.

Der W 116: schlicht das sicherste und beste Auto der Welt

1972 setzte Mercedes mit dem W 116 einen neuen Meilenstein:Top-Komfort und hervorragende Crash-Sicherheit.

Nichts an diesem Auto wirkt subtil oder kompromissbereit. Wer einen 116er fuhr, hatte in 1,7 Tonnen Selbstbewusstsein investiert. Nicht, dass es den meisten Käufern daran gefehlt hätte. Aber es gab einfach keine andere Luxus-Limousine, die besser zu ihren kiloschweren Hornbrillen, den klotzigen Flachdach-Villen und wuchtigen Chefzimmern gepasst hätte. Längst vorbei, diese 70er mit ihren zementierten Hierarchien, aber die S-Klasse von damals macht sie spürbar. Dieser Mercedes ist ein ernsthaftes und kühles Auto. Man möchte ihn nicht duzen. Dass er es inzwischen zu Coolness gebracht hat, liegt an seinem Alter. Längst wirkt er nicht mehr wie ein fahrendes Machtwort, wenn er sich mit seinen Breitband-Scheinwerfern, den massiven Doppelstoßstangen und der Eleganz eines tanzenden Riesen auf der linken Autobahnspur bewegt.

Neue Sachlichkeit: der W 126 ab 1979

Mittlerweile ist auch der bis 1980 gebaute W 116 von gestern, und das ist gut so. Noch besser ist aber, dass er sich nicht wie eine Antiquität anfühlt. Es gibt nicht viele Familienklassiker mit noch mehr Alltagstalent. Mindestens 156 PS (beim 280 S) und das Kofferraumvolumen einer deutschen Schrankwand nehmen die Furcht vor Fernstrecken. Auf die Rückbank passen notfalls auch drei Kindersitze. Außerdem war der W 116 schlicht das sicherste Auto seiner Zeit. Der satte Tresor-Ton seiner Türen täuscht nicht, die schiere Masse des Wagens stellt selbst ängstliche Naturen ruhig. Je nach Baujahr und Ausstattung sind vier Automatik-Gurte, vier Kopfstützen und sogar ABS an Bord.

Auch der Rest dieses Fünf-Meter-Trumms macht gelassen. Sitze, weich wie eine Wohnlandschaft. Eine Servolenkung, die Widerstand für zwecklos hält. Und eine Federung, die ihren Namen als Verpflichtung nimmt. Fans dieser S-Klasse wäre es auch recht, wenn die Fahrt vom Büro nach Hause erst hinter Florenz enden würde. Die Männer, die dieses Gefühl in den 70er-Jahren genießen durften, waren Konzern- oder Regierungschefs, manchmal Show-Master und oft auch erfolgreiche Metzger. Heute reicht ein Angestellten-Gehalt, um das beste Auto der Welt besitzen zu können. Früher war eben doch nicht alles besser.

Technische Daten

Mercedes-Benz 280 SE
Sechszylinder-DOHC-Reihenmotor • Hubraum 2746 ccm • Leistung 136 kW (185 PS) bei 5800/min • max. Drehmoment 239 Nm bei 4500/min • Hinterradantrieb • Vier- oder Fünfgang-Schaltgetriebe, auf Wunsch Vierstufenautomatik • vorn Doppelquerlenker und Schraubenfedern, hinten Schräglenkerachse mit Schraubenfedern • Scheibenbremsen vorn und hinten • Länge/Breite/Höhe 4960/1870/1425 mm • Leergewicht ca. 1700 kg • Spitze 200 km/h • 0–100 km/h in 11,5 s • Verbrauch 11 bis 15 Liter S/100 km • Neupreis 1979 (ohne Sonderausstattungen): 36.500 D-Mark

Historie

1972: Der W 116 löst die S-Klasse W 108/109 im September ab, anfangs gibt es nur 280 S, 280 SE und 350 SE. März 1973: 450 SE und SEL kommen dazu, ab September auch Langversionen 280/350 SEL. Der 450 SE wird "Auto des Jahres". Mai 1975: Topversion 450 SEL 6.9 mit 286-PS-Motor des Mercedes 600. 1978: 300 SD mit Fünfzylinder-Turbodiesel (nur für Export), ABS (Option) weltexklusiv erstmals in Serie. September 1980: Produktionsende nach 473.036 Exemplaren.

Plus/Minus

Stahl, Blech und Chrom: Breit und flach steht der 116er auf der Straße. Typisch Mercedes: die gerippten Heckleuchten.

Ein W 116 ist komfortabler und geräumiger als viele Neuwagen, außerdem mindestens so zuverlässig und sparsamer, als es neidische Nachbarn ahnen: Ein 280 SE lässt sich auf Langstrecke mit etwa zwölf Litern abspeisen. Mechanisch ist die alte S-Klasse ein Auto für die Ewigkeit, gebaut für Laufleistungen von mindestens 400.000 Kilometern, aber zwischendurch können Verschleißteile der Vorderachse, Lenkgetriebe oder Automatik schwächeln. Größtes Manko des W 116 ist seine Rostempfindlichkeit, ungeschweißte Stücke sind selten. Die schlimmsten Rost-Stellen: Kotflügel, Strinwand am Sicherungskasten, Stehbleche (vor allem am Zündsteuergerät), Quertraverse, Türböden, Schweller, Wagenheberaufnahmen, Kofferraum-Mulden, Schiebedach-Ränder, Stoßstangen.

Marktlage

Großes Angebot, aber viele Blender und oftmals absurd hohe Preisideen. Ein wirklich guter 280 SE ohne Rost, mit maximal 150.000 km und plausibler Vita kostet rund 10.000 Euro, 350 SE sind kaum teurer. Deutlich höher notieren 450 SE/SEL (bis 18.000 Euro ) und 450 SEL 6.9 (bis über 40.000 Euro). Speziell Sechszylinder sind oft karg ausgestattet und deshalb billig – wer mag, kann hier noch Schnäppchen machen.

Ersatzteile

Neu oder gebraucht, Original oder Nachbau? Alles da – bei Mercedes, beim freien Teilehändler, bei eBay und den Klubs. Heikel wird’s bei Teilen für die Innenausstattung, speziell Polstern und Türtafeln, aber die Suche ist nicht hoffnungslos. Preisbeispiele: rostfreie Tür (gebraucht) 300 Euro, Scheinwerfer (gebraucht) 100 Euro, hinterer Kotflügel (neu) 500 Euro, Endschalldämpfer (neu) 220 Euro, Stoßdämpfer 90 Euro.

Empfehlung

Der günstige Dollarkurs macht das Heimholen einer alten S-Klasse aus Amerika interessant, zumal die Exportmodelle meist üppig ausgestattet sind. Ansonsten gibt es nur eine Empfehlung: Qualität kaufen. Nicht Vollausstattung sollte entscheiden, sondern Substanz – Erstlack, Rostfreiheit, niedriger Tachostand und nachvollziehbare Vorgeschichte mit lückenlosen Dokumenten.

Autor: Christian Steiger

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