Mercedes T-Modell S 124

Mercedes-Benz 200 TE Innenraum Mercedes-Benz 200 TE

Mercedes T-Modell S 124

— 19.12.2008

So sieht (k)ein Schnäppchen aus

Ein Mercedes T-Modell aus der Baureihe W124 soll es sein. Die Suche nach einem gepflegten Exemplar dauert fast zwei Jahre, der wirtschaftliche Totalschaden keine vier Wochen. Die Geschichte einer schwer geprüften Liebe.

Stimmt schon: Hinterher ist man immer schlauer. "T-Modelle vom 124er , die gibt's doch noch reichlich!" Manche Kollegen wissen eben alles besser. "Ja, hättest du mich gefragt", unkt der Hobby-Dealer, "ich hatte da gerade ein supersauberes Exemplar – erste Hand, Scheckheft, Klima, Leder ..." – ach, lass man stecken. Und mache wen auch immer damit glücklich. Tatsächlich kreuzen sie jetzt verschärft meine Wege, die gepflegten Exemplare dieses schönsten und wohl auch besten Kombis aller Zeiten. Oder ist es nur der verschärfte Blick? Vermutlich. Ich jedenfalls schaue mir nicht diese ominöse Auktionsseite vom 124er-Spezi aus Neuß an, nein, ich rede jetzt auch nicht mit dem rührigen w124-clubdt, der "reichlich gut erhaltene W124 Kombi" hat, und gönne meinem Kumpel den traumhaften Mercedes-Benz 300 TE in 172-Anthrazit aus zweiter Hand, der ab sofort als klimatisierte Hundehütte mit 180 PS und besabberten Heckscheiben durch Norddeutschland tobt. Mein 200er ist ab sofort ein Sammlerstück. Er hat viel Geld gekostet und reichlich Nerven. Er ist zwangsläufig unverkäuflich, denn ich habe unwiderruflich beschlossen, mit ihm alt und grau zu werden, und so langsam begreift er das auch. Zuvor hatte der kleine Mercedes 200 TE in zurückhaltendem Impala-Metallic alle Register gezogen, seinen Geburtskreis in Baden-Württemberg nicht verlassen zu müssen, und dabei sogar zum Äußersten gegriffen. Doch der Reihe nach.

Der Markt bietet viele Typen mit hohe Laufleistungen

Die unendlichen Weiten des T-Modells: Rund 1800 Liter fasst das Ladeabteil eines W 124 T bei umgelegter Rückbank.

Nach irgendeinem T-Modell der Baureihe 124 muss auch heute keiner lange suchen, gepflegte Typen indes sind so selten wie Direktoren im Blaumann. Heerscharen von Handwerkern, Vertretern und Hundebesitzern haben diesen einstigen Lifestyle-Kombi für "Transport und Touristik" konsequent genutzt, voll gepackt bis unters Dach und locker mit dem ersten Aggregat 300.000 Kilometer Asphalt fressen lassen. Folge: Die Masse der T-Modelle ist gnadenlos runtergeritten, der 124 folgt insofern seinem 123-Vorgänger, beim Veteranen-Treff 2015 in Mannheim rarer als Rolls-Royce zu sein. Immerhin: 340.503 Exemplare des 124er mit Steilheck wurden in zehn Jahren gefertigt, das letzte verließ im Februar 1996 das Band des Werkes Bremen. Derzeit sind noch alle Zustände und Typen am Markt, bei den großen Autobörsen im Web sind es aktuell jeweils Hunderte E-Klasse-Kombis. Wer sich die Mühe macht und nach Hubraum eingibt (200, 220, 230 usw.) findet nochmals mehr. Doch schon die Kilometerbeschränkung auf "max. 150.000" reduziert den Kreis der Kandidaten auf knapp 100 T-Modelle, mit Automatikgetriebe (empfohlen wegen Aufschaukeleffekt "Bonanza" beim Schalter) und Scheckheft-Nachweis bleiben gerade mal fünf. Das Online-Auktionshaus Ebay hält im Schnitt ein gutes Dutzend Komplettfahrzeuge bereit, die meisten verdienen das Prädikat Bastelbuden. 

Die Anzeige verspricht: Mercedes 200 T – 2300 Euro

Das Interieur "Brasil" präsentiert sich nach der Kur beim Aufbereiter im 1a-Zustand. Einschließlich Laderaum.

"200 T, 120.800 km, 77 kW/105 PS, Schaltgetriebe, EZ 6/1986, HU/AU 10/2008, Farbe: Grau. Winter-/Sommerbereifung, Radio, Batterie neu, guter Zustand, Garagenfahrzeug, Privatanbieter, 70736 Fellbach." So stand es am 15.12.2007 online zu lesen, und im Grunde ist alles falsch. Nur der Preis, der stimmt. Ein T-Modell mit nur 120.000 Kilometern auf der Uhr. Garagenfahrzeug, guter Zustand, mein lang ersehnter T? Keine Chance, sich ein Bild zu machen, die Anzeige ist ohne Foto. Und Stuttgart-Fellbach aus Hamburger Sicht verdammt weit weg. Ein sprach- und mundartgewaltiger Kollege grätscht ein, erschwäbelt sich das Vertrauen der Verkäuferin und hört die unglaubliche, aber auch typische Geschichte: Opa geh'’s nicht mehr gut, er ist in letzter Zeit kaum noch gefahren, davor immer nur "höchstens acht Kilometer ins Schrebergärtle". Ein paar Apfelkistle habe er dort gelegentlich geladen, und natürlich sei der Wagen ebenso sauber wie unfallfrei.

Was sie nicht verriet: "Er hoppelt wie ein Hase und zieht die Wurst nicht vom Teller." Unser Mann für alle Fälle, also auch für gefühlvolle Überführungen, hat Höhe Kassel Richtung Norden dennoch gute Nachrichten: Die fürs Hoppeln verantwortlichen defekten Luftspeicher der Niveauregulierungen kosten nicht die Welt, die Sitze sind dank Schonbezügen tatsächlich blitzsauber, und die Automatik schaltet butterweich. Automatik? Der Blick in Wagen und Papiere zeigt: Der "200 T mit Schaltgetriebe" ist ein 200 TE Automatik, die Erstzulassung fand nicht Juni 1986 statt, sondern Juni 1989, die Leistung beträgt immerhin 87 kW, also 118 PS, und "Grau" ist zurückhaltendes Bronze, heißt bei Mercedes "Impala-Metallic" und lässt den letzten unbeplankten T betont klassisch aussehen. Glänzende Aussichten also, endlich mal wieder einen Schnapper gemacht zu haben, was soll da noch schiefgehen?

Der Totalausfall: Bei 150 hat es peng gemacht

So sieht ein Totalschaden aus: abgerissenes Auslassventil am vierten Zylinder.

Bernd Aust ist kein Mann großer Worte. Der 43 Jahre alte Mercedes-Spezialist aus Hamburg-Altona sagt nur leise: "Sieht übel aus." 150 Euro kostet der Abschlepper ins 50 Kilometer entfernte Ziel an der Elbe – "aber heute garantiert nicht mehr". Zuvor auf der A7 in Höhe Garlstorf hat es einfach nur peng gemacht. Ein lauter Knall "bei Tacho höchstens 150 (Bürschchen, wir reden später darüber). Und schon wurde aus dem schönen Vier- ein zuckeliger Dreizylinder. "Vermutlich ein Ventil abgerissen", sagt der professionelle 124er-Verarzter. Er sollte, wie immer, recht behalten.

Die Diagnose: Kopf runter – Rübe ab?

Nein, ich werde dem Fahrer keine Schuld geben, er hat schon ganz andere Standuhren und Problemfälle sicher-sanft von A nach B getragen. Das Bild des Grauens glänzt bläulich-silbern und präsentiert nach der Demontage des Zylinderkopfs eine nahezu künstlerische Kraterlandschaft: Das Auslassventil des vierten Zylinders ist am Ventilschaft abgerissen und hat den oberen Teil des Kolbens, den Kolbenboden, regelrecht zerstückelt – Reparatur sinnlos. "Tja, so was passiert. Selten, aber es passiert. Das ist einfach nur Pech!" Bernd Aust versucht zu trösten, nimmt seinen Mann fürs Grobe in die Pflicht ("Einspritzanlage runter, die brauchen wir noch!") und liefert eine Kür.

Die Möglichkeiten: neu, gebraucht oder überholt

Das Auslassventil des vierten Zylinders ist am Ventilschaft abgerissen und hat den Kolbenboden zerschlagen.

Die E-Mail erreicht mich, als ich nach vergeblicher Suche bei großen Verwertern frustriert beschlossen habe, den gestrandeten T ins übliche Ebay-Umfeld der Benz-Bastelbuden zu stellen. "Sie haben jetzt drei Möglichkeiten", so rät es Meister Aust, "Neumotor vom Instandsetzer. Hier sind alle Teile neu (Kolben, Ventile, Nockenwelle, Lager, Ringe etc.) bzw. überholt (Kurbelwelle, Block). Nur die Anbauteile wie Lichtmaschine, Einspritzanlage etc. sind nicht dabei. Preis liegt bei 2150 Euro plus Mwst. 2.: gebrauchter Motor (Laufleistung zwischen 80.000 und 150.000). So einen könnte ich aus Berlin von einem zuverlässigen Händler bekommen. Preis ohne Transport liegt bei netto 950 Euro. Und 3.: überholter Motor mit null Kilometern (ähnlich Neumotor). Preis ohne Transport bei 1750 Euro plus Steuer." Die Wahl fällt auf Lösung zwei: gebrauchter Vergasermotor aus seriöser Quelle. 90.000 glaubhafte Kilometer. Der Umbau inklusive Montage der Einspritzanlage liegt bei 500 Euro plus Material für Dichtungen, Öl usw. Also: Augen zu und durch.

Der Anspruch: Ab hier wird's richtig teuer

Was danach passiert, ist eine Sache, die nur mich was angeht. Die gute Nachricht: Unter den Passform-Bezügen kam das gute alte Mercedes-Sofa zum Vorschein – Stoff, braun (Brasil). Zustand: neuwertig, sogar die linke Wange des Fahrersitzes ist nicht abgeschubbert, und Opa scheint ein Leichtgewicht gewesen zu sein – alles straff. Jetzt nur noch die anderen Positionen abarbeiten: Dämmmatte Motorhaube (70 Euro), Türhalteband vorn links (70 Euro), Stoßfängerschienen (zweimal 120 Euro), Luftspeicher-Niveauregulierung (320 Euro), TÜV/ AU mit Twin-Tec-Kaltlaufregler für Euro 2 (zusammen 300 Euro) und natürlich der überfällige 120.000er-Wartungsdienst (500 Euro). Die schlechte Nachricht: Der Wagen ist im Blech kerngesund, mit Ausnahme der Wagenheberaufnahmen frei von Rost. Um Himmels Willen: Fangen wir etwa demnächst noch an, ihn hübsch zu machen?

Opas Kratzer müssen weg. Also: Lack neu im sowieso grundsätzlich kritischen Heckbereich.

Tatsächlich ist es so, dass Opas Einpark-Beulen nach so viel Aufwand spätestens auf dem Parkplatz vorm Nobel-Italiener beginnen zu kratzen. Der Kostenvoranschlag von A- bis D-Säule: Montepulciano-beschwingte 2500 Euro. Am Ende ist Impala-Metallic 441 noch mal teurer, denn nicht nur der Grappa, auch Konservierungsmittel gehen ins Geld, original Kanaldeckel-Alus sowieso (650 Euro). Die Firma Aust hat perfekte Arbeit geleistet, an mir und am TE. Mein klassischer Kombi ist nun viel schöner als diese anthrazitfarbene 300-TE-Hundehütte und hat – ganz wichtig – viel weniger runter. Eines werde ich garantiert nicht tun: zusammenzählen, was das alles gekostet hat. Schließlich waren da noch der Lenkungs-Dämpfer, die neuen Reifen, die Zulassung, das Wunschkennzeichen, der car-cleaner.

Lust auf mehr? AUTO BILD KLASSIK 2/2008 ist ab sofort im Handel.

Autor: Karl-August Almstadt

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