Mercedes W201 und W124 — 03.09.2010
Opas Benz: Er kriegt sie alle
Der Hamburger Jörn Schwarze handelt mit Autos, die echtes Klassiker-Potenzial haben. Seine Handelsware: Mercedes 190 und W124, alle top gepflegt und wenig gefahren. Hier verrät er, wie er seine Benz findet.
Baby-Benz ganz groß: Mercedes 190 E 2.3-16
Die Sterne an den Kühlern, sie funkeln wie vor 20 Jahren. Schwarze hält einen riesigen Stahlkoffer in der Hand. Inhalt: Schlüssel für 39 Autos. So viele Exemplare der Mercedes-Baureihe W 201 stehen in seiner Garage, zu Preisen ab 2950 Euro. Dazu kommen 43 E-Klassen vom Typ W 124, noch mal 70 G-Modelle. Der Hamburger handelt mit betagten Sternen, besonders der Baby-Benz hat es ihm angetan. Der 190er. Im Dezember 1982, zwei Monate nachdem Helmut Kohl die "geistig-moralische Wende" verkündete, war der Wagen für Mercedes auch so eine Art Umbruch. Einen Kompakten, so einen wie den 3er-BMW, nein, den hatten die Schwaben nicht. Aber die Leute lechzten danach. Bis 1993 orderten 1,88 Millionen Kunden einen 190er, viele davon fahren noch.
Der 190er: Die beste Qualität, die Mercedes je gebaut hat
Für Schwarze kein Wunder: "Der Wagen gehört zum Besten, was Mercedes je gebaut hat. Kaum Rost, weil alle Teile versiegelt sind, Top-Qualität." Dann schließt er das Stahltor hinter sich zu, sagt: "Sonst würden uns Alibaba und die 40 Räuber, der Osterhase und der Weihnachtsmann beglücken." In den Internet-Autobörsen werden derzeit knapp 2000 der Einstiegs-Sterne zum Kauf angeboten. Schwarze kennt sie alle, bei den meisten winkt er ab: "Zu viele Kilometer, zu viele Vorbesitzer, zu viele Macken." Der Händler macht Jagd auf gepflegte Ersthandautos, auf Opas Benz. Und er kriegt sie alle. Neulich erst wieder. Ein Neffe verkloppte über Ebay Opas 190er. Scheckheftgepflegt, 17.000 km. Dutzende Spaßbieter witterten das große Geschäft, Schwarze machte es. Für 5950 Euro ersteigerte er den Benz, über den er sagt: "Zustand 1, wie aus dem Laden." Ein 190er aus dem Internet.
Die Suche nach dem Opa-Benz ist eine Sisyphusaufgabe
Es ist die Ausnahme. "Überleg doch mal." Er holt tief Luft. "Wer sich Ende der 80er-Jahre so ein Auto gekauft hat, musste lange darauf sparen und hat es entsprechend gepflegt." Die meisten Kunden waren Ende 50, Anfang 60 und unendlich stolz auf ihren ersten Benz. Schwarze hakt nach: "Und, wie alt sind die heute? Über 70. Deshalb musst du nicht nur im Internet suchen, sondern auch in der Zeitung." Eine Sisyphusaufgabe. Schwarze durchforstet sämtliche Kleinanzeigen Europas. Neulich hatte er wieder Erfolg, kaufte einen schwarzen 190er in Köln, "Opa hat den Wagen alle zwei Tage innen mit dem Taschentuch geputzt." 35.169 D-Mark kostete der billigste Benz damals, nackt. Nach 18 Jahren und 70.000 km hatte Opa Tränen in den Augen, als Schwarze die Kurzzeitkennzeichen montierte.Belegte Kilometer
Aber stimmen die Kilometer? Dafür hat der Profi ein Auge. "Wenn ich die Tür aufmache, weiß ich, wie der Hase läuft. Ich sehe am Lenkrad, am Zustand des Lacks, des Motorraums, ob die Kilometer stimmen. Und am Besitzer, der den Wagen aus seiner Garage fährt." Und dann wird Schwarze zum Detektiv. Wenn Opa nicht alle Rechnungen aufgehoben hat, forscht er nach, beim TÜV, in der Werkstatt. Anhand der Belege kann Schwarze feststellen, ob an der Uhr gedreht wurde: Auf jeder Rechnung steht die Laufleistung, jeder Beleg ist eine Urkunde. Der Händler holt eine Mappe, die aussieht wie ein Akkordeon, nur ohne Tasten. Die Lebensläufe von 18 Autos. Er schlägt Fach Nummer 16 auf, Mercedes 190, Sondermodell Rosso, 6500 Euro. Zugelassen am 4. Januar 93, stillgelegt am 20. Februar 2009 bei Kilometerstand 86.980. Die Vorbesitzerin heißt Charlotte K. und hat alle 31 Rechnungen aufgehoben.
Was Händler Schwarze privat fährt? 190er!
In der Zeitung entdeckt? Schwarze winkt ab. "Von Mercedes." Dort ist er bekannt wie ein bunter Hund, seitdem er Anfang der 90er-Jahre jede Menge S-Klassen aufgekauft, gestrippt und mit allen Anbauteilen für Umrüstung auf Rechtslenker nach Thailand exportiert hat. "Du kannst dir gar nicht vorstellen, was damals los war." Jetzt will er einfach nur noch mit Opas Benz handeln. Und seine Ruhe. Doch entspannend ist das auch nicht. Viele Kunden, die vor der Betonburg stehen und auf Einlass ins Paradies warten, sind sprachlos, wenn sie die verhüllten Schätze sehen. Dann muss er alle Stofftücher lüften, die von Mercedes mit Farbcode 888 Beryll, 481 Bornit, 199 Blauschwarz, 147 Arcticweiß, 702 Rauchsilber. Ob er sich selbst einen zurückgestellt hat? Schwarze grinst: "Na klar, einen mit 7000, einen mit 9000 und einen mit 11.000 Kilometern. Alle von Oma und Opa."
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Kommentare zum Artikel (22)
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Ich habe mir im Oktober 2010 einen Mercedes 190e 2.0 bei Jörn Schwarze in Hamburg gekauft und meine Familie und ich sind begeistert. Wir haben uns am ersten Tag in der Tiefgarage den Wunschwagen ausgesucht und am folgenden Tag konnten wir den Wagen auch schon abholen. Der Baby Benz hat mich bis heute nicht enttäuscht.
Wenn ich mal wieder einen Wagen brauche fahre ich erst dorthin.
Ich hab mir 1992 einen 190E 2.0 als Jahreswagen gekauft und fuhr diesen bis2001, mein Vater fuhr das Auto dann noch 4 Jahre. Bis auf eine defekte Wasserpumpe ohne Probleme. Den Wagen hätte ich gerne wieder.
Natürlich ist die Unfallgefahr ein bischen übertrieben, aber ein Auto mit 5 Sterne in NCAP ist schon ein bischen stabiler, als die klass. 2-3 Sterne-Modelle. Beim Parken mit einen Rad auf einem Bordstein gingen bei manchen alten Modellem gar nicht mal mehr die Türe zu. Ich denke, es ist heute sinnvoll ein modernes Auto mit 5 Sternen zu kaufen, auch als Gebrauchtwagen besser als eine Aygo oder 206+.
Danke für diesen herzerwärmenden Artikel! Da möchte man ja gleich hinfahren, in die Oma/Opa-Garage... Mein erster Wagen mit 18 Jahren (vor 17 Jahren :-) war ein gebrauchter 190E BJ 1983 - was war ich stolz und glücklich. Dann folgten 190E 2.6, 250D Touring, 300E Touring, 300D Touring. Dieses Raumgleiter-Gefühl werde ich nie vergessen - die letzten "echten" Mercedese, wenn man altmodische Soliditäts-Maßstäbe ansetzt...
@Risikominimierer: rein statistisch muss jeder mensch einmal sterben.
wie hoch ist eigentlich zur zeit die moeglichkeit in der U-Bahn erstochen oder totgeschlagen zu werden?