Mexiko-Käfer

— 22.05.2012

Mexiko vertreibt die letzten Käfer

Er läuft und läuft und läuft, aber die Schufterei hat bald ein Ende: Der betagte VW Käfer geht jetzt auch in Mexikos Hauptstadt endgültig in den Ruhestand.



Boxerwissenschaft, Luftkühlerei und Heckmotorologie sind untergehende Disziplinen. Selbst das Oval-Design strebt dem Ende entgegen. Der letzte dieser Art war unser aller Käfer, bis sie ihm 2003 das mexikanische Fließband abgeschaltet haben. Fortan existierte das volkstümliche, eiförmige Auto rudelweise nur noch in einer letzten Hochburg: Mexiko-Stadt. Käfer überall, als wäre er eine Plage, denn in der 20-Millionen-Metropole blieb der niedliche Rasselsaurier als Taxi ein Beweger der Massen und gleichzeitig das Wahrzeichen der Stadt. Vorbei – bald. Denn seine Tage als Kraftdroschke sind gezählt: Es geht dem erfolgreichsten Automobil des Universums endgültig an den krummen Buckel.

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Die denkbar schlechteste Wahl: 1971 wurde der VW Käfer zum offiziellen Taxi von Mexiko-Stadt.

Der Käfer scheidet aus dem Berufsleben aus, er wird Rentner. Nicht, dass er eine Umweltsau wäre, seit 1992 hat er ja einen Kat, aber in Mexikos Hauptstadt darf eine Taxe höchstens zehn Jahre alt sein. Und da die letzten Käfer-Taxen 2001 in den Verkehr kommen durften, hätte das nach deutscher Mathematik das Ende 2011 bedeutet. Doch Mexiko wäre nicht Mexiko, wenn nicht trotzdem noch ein paar Tausend von ihnen die Avenidas rauf- und runterkarriolten. Es sind vielleicht noch 5000 Stück unterwegs. Es waren aber mal 120.000! Vermutlich gibt es in Mexiko niemanden, der nie im Käfer saß. 1971 wählte ihn die Verwaltung aus, das Taxi der Hauptstadt zu werden. Ausgerechnet! Ein unpraktischeres Fahrzeug dafür ist ja kaum denkbar, und Ferdinand Porsche dürfte zuallerletzt an Droschkendienst gedacht haben, als er mit seinem Team den kargen KdF-Wagen entwickelte. Zwar hatte das kugelige Mobil seine Meriten, doch das Platzangebot zählte nie dazu. Der Käfer war eng, hatte nur zwei Türen, und der Laderaum war ein von außen zugängliches Handschuhfach. Zum bequemeren Einstieg und um Platz fürs Gepäck zu schaffen, bauten nun die meisten Taxler Mexikos den Beifahrersitz aus. Die Passagiere, eigentlich maximal drei, oft aber mehr, krabbelten nach hinten auf die gurtlose Sitzbank. Das Gepäck parkte vorn in der Zuwegung, und die Beifahrertür machte der Fahrer mit einem Strick zu, an dem er zog.

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Seit 2003 wird der Käfer nicht mehr gebautt, in Mexikos Hauptstadt taucht er trotzdem noch rudelweise auf.

Doch das mit den zwei Türen wurde dem Vocho letztlich zum Verhängnis. Vocho, das zur Erklärung, manchmal noch zärtlicher Vochito, ist der Kosename des Gefährts, weil die Mexikaner das Wort Volkswagen nicht unfallfrei über die Zunge bekommen. Offiziell heißt der Vocho in Mexiko allerdings Sedán, was nichts mit der gleichnamigen Kriegsstadt in den Ardennen zu tun hat. Es ist der Fachbegriff (von ital. Sedia, Stuhl, woraus im Englischen der Sedan, eine Sänfte wurde) für eine klassische Drei-Box-Limousine mit Motor vorn und Kofferraum hinten. Der Käfer ist zwar eigentlich das genaue Gegenteil – aber sei’s drum, da muss man locker bleiben. Der VW Sedán hat für den Job nun zwei Türen zu wenig. Die Stadtverwaltung lässt seit 2002 nur noch Viertürer neu zu, weshalb dem VW-Werk in Puebla der wichtigste Käuferkreis wegbrach. Ohne Taxifahrer lohnte der Käfer nicht mehr. Die Viertüren-Regel hat nicht nur Bequemlichkeitsgründe, sie ist vielmehr reine Notwehr: An Ampeln sprang nämlich gern ein bewaffneter Mann in den Käfer, hockte sich in den Leerraum, wo sonst der Beifahrersitz steht, und bedrohte Fahrer und Fahrgast. Der sitzt dann blöd in der Falle und kann leicht ausgeraubt werden.

Das ist oft vorgekommen. Überhaupt waren die Taxen der Hauptstadt in den letzten Jahren höchst ungesunde Orte. Daher greifen seit zwei Jahren neue Regeln. Da die Taxifahrer mit den Gaunern oft unter einer Decke steckten, hat die Verwaltung rigoros durchgegriffen. Die Fahrzeugnummer muss an mehreren Stellen groß angebracht sein, der Fahrer muss sich immer ausweisen, seine Lizenz muss am Seitenfenster angebracht sein. Das alles hat die Situation verbessert, aber nur ein bisschen. Nebenbei mussten die Taxen 2009 zum 200-jährigen Jubiläum Mexikos umgespritzt werden, vom markanten Grün-Weiß in Rot-Gold. Bei Julio-César Guerrero haben wir keine Bedenken. Er kutschiert uns Mexiko-Stadts Straßen rauf und runter, und ich werde ein großer Bewunderer seiner Kunst. Selten habe ich einen Fahrer mit größerer Spielübersicht erlebt. Wie er sich geschmeidig durch diesen Mörderverkehr bewegt, hat etwas Geniales; mit ständigen Spurwechseln in winzige Lücken, eleganten Abkürzern über Seitenwege oder auch die Gegenfahrbahn, knappen Abbiegungen durch Wohnviertel, wenn der Hauptweg dicht ist. Und das alles völlig unaufgeregt, ohne Hektik oder Aggression, sogar ohne Hupen. Der Mann ist im Fluss und in seinem Element. Ein Gedicht.

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Schluckspecht: Der VW Käfer genehmigt sich durchaus unbescheidene zwölf Liter auf 100 Kilometer.

Er besitzt nicht nur den Käfer, er fährt meist einen Nissan Tsuru (Kranich), das ist heute das 08/15-Taxi der Stadt. Eigentlich ein Sentra/ Sunny des Jahrgangs 1991, der hier immer noch gebaut wird. Drei-Box, also echter Sedan, mit vielen blinden Schaltern am Armaturenbrett, denn er wurde total abgespeckt. "Der Nissan ist mir lieber als der Vocho", sagt Julio-César, denn er lässt sich einfacher fahren, ist bequemer, geräumiger und sparsamer. Der Käfer braucht zwölf Liter auf 100 Kilometer." Das Problem in Mexiko waren auch die vielen illegalen Taxen, die Piratas, die keine Steuern und Konzessionsgebühren bezahlten und schwer überprüfbar waren. Gerade unter den Vochos. Da meist sie die Kriminalitätsprobleme bereiteten, hat die Polizei Tausende von ihnen aus dem Verkehr gezogen. Auf mehreren eingezäunten Plätzen in den Vorstädten stehen sie jetzt einfach übereinander gestapelt. Ja, gestapelt, was traurig aussieht. Theoretisch könnten die bestraften Eigentümer sie auch wieder auslösen, doch berechnet die Polizei für jeden Tag Einlagerung eine saftige Parkgebühr. Die ist schnell höher als der Wert der Wagen. Daher bleiben sie und werden peu à peu verschrottet. Nicht mal Ersatzteile werden herausgemetzgert, sehr zum Bedauern von Julio-César. "Bezahlbare Ersatzteile sind schon echt knapp geworden. Es ist doch ein Jammer, das ganze Zeug wegzuschmeißen." Er überlegt, ob er seinen Käfer nicht auch weggeben sollte. Die Stadtverwaltung spendiert derzeit fürs Abwracken eines alten Käfers umgerechnet knapp 900 Euro, das ist für einen wie Julio- César ein Haufen Geld. 6500 Euro würde ein neuer Tsuru kosten.

Für VW-Clubs kommen die ausgenudelten Taxis kaum infrage

Das traurige Ende: Die meisten Käfer landen auf dem Schrott, werden nicht einmal ausgeschlachtet.

Was passiert denn jetzt mit den letzten Vochotaxis? "Na ja, die werden umgespritzt, und dann fahren sie noch als Privatauto. Oder sie werden in irgendeine Kleinstadt verkauft, wo sie noch länger erlaubt sind", sagt Julio-César. "Außerdem haben wir eine ganze Menge Volkswagen-Klubs hier, die ganz wild nach Vochos sind. Aber nur nach guten natürlich. Taxen kommen da eher nicht infrage. Die sind ja alle ausgenudelt." Auch Julios Käfer klappert, hat Beulen, und die Stoßstange hinten hängt auf halb acht. Und es geht auch immer etwas kaputt. "Eigentlich ist so ein Vocho natürlich sehr robust", sagt er, "aber meiner ist 13 Jahre alt, ich weiß gar nicht, wie viele Kilometer er runterhat", sagt er, als er mal anhalten muss, weil der Gaszug wieder klemmt. Wie er es jedoch anstellt, noch mit einem 13 Jahre alten Vocho zu fahren, obwohl zehn Jahre die Höchstgrenze sind, kommentiert er nur mit einem kurzen Lächeln. Ob er traurig ist, weil der Vocho nun seine Taxizeit beendet, will ich wissen. "Jein", sagt er, "er hat mir immer gut gedient, war billig zu reparieren, das meiste konnte ich selbst machen. Aber seine Zeit ist nun einfach gekommen. Ich sage Danke, Vocho, und freue mich auf eine neue Epoche."

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Mexiko vertreibt die letzten Käfer

Noch rund 5000 Käfer-Taxen sind in Mexiko-Stadt unterwegs, obwohl das
eigentlich seit Jahresbeginn verboten ist:
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Veröffentlicht:

22.05.2012

Preis:

1,00 €

Autor: Bernhard Schmidt

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