Mit dem Mercedes W140 nach Bonn

Kanzlerbungalow Mercedes S-Klasse w 140

Mit dem Mercedes W140 nach Bonn

— 13.07.2011

Bonn Voyage

1991 erschien der Mercedes W140: Wir streifen den Mantel der Geschichte über, steigen in den Mercedes-Benz S 600 und suchen zwischen Oggersheim und dem Kanzlerbungalow nach Spuren der späten Bonner Republik

Die Bonner Republik endet nicht, sie bleibt zurück. Als der Bundestag am 27. Oktober 1998 zum ersten Mal nach 5911 Tagen wieder einen anderen als Helmut Josef Michael Kohl zum Regierungschef wählt, endet nicht nur die Ära des Langzeitkanzlers, sondern auch die der provisorischen Hauptstadt und die der Vorherrschaft von Mercedes-Benz im Fuhrpark. Gerhard Schröder, der so gern die Legende beschwört, in der Adenauerallee am Zaun des Kanzleramts um Einlass gerüttelt zu haben, fährt Audi A8 und schert sich nicht mehr um die Stadt am Rhein. Die Zukunft ist Berlin. Deswegen zieht Schröder für die kurzen Monate, in denen Bonn noch Regierungssitz ist, nicht mehr in den Kanzlerbungalow. Den darf Kohl behalten, wie seine Dienst-S-Klasse der Baureihe W140.

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Der leicht abgeschirmte Deidesheimer Hof serviert unter dem gütigen Blick des Kanzlers a. D. Pfälzer Saumagen.

Seit Adenauer und dem 300 gehen Limousinen und Kanzler nicht mehr eine so symbiotische Partnerschaft ein wie der Pfälzer und der W140. Beide stammen aus der Provinz (sorry, Sindelfingen, aber schau dich doch mal an), sind streng konservativ, kommen mehr als nur ein bisschen stabil daher, passen Anfang der Neunziger nicht mehr so recht in die Zeit, ignorieren Kritik aber nicht einmal. Kohl wird im Mai 1991 in Halle mit Eiern beworfen, weil sie trotz seiner Versprechen einfach nicht blühen wollen, die ostdeutschen Landschaften. Der W140 muss sich schon im März desselben Jahres bei seiner Premiere auf dem Genfer Salon Maßlosigkeit vorwerfen lassen: zu schwer, zu durstig, zu selbstverliebt. 1992 will er als 600 SE mit V12 den BMW 750i stürzen. Der ist 1987 der erste deutsche Zwölfzylinder "nach dem Kriege", wie Autojournalisten bejubeln und ihn zu einem Wendepunkt in der Geschichte gefühlsduseln. Als habe die Bundesrepublik erst mit ihm und nicht bereits im Mai 1955 ihre Souveränität erlangt.

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Baujahrrätseln für Kenner: noch Vierstufenautomat und Klimaquadrate, aber schon Autopilot-System.

Das bringt die Mercedes-Burschen natürlich fast um den Verstand, sie entwickeln für die 90er-Jahre ein Auto wie für die Wirtschaftswunderzeit. Bis in die Spitzen seiner Peilstäbe perfektioniert, steht er in Genf und scheitert dann am sorglosen Umgang mit dem Thema Zeitgeist. Der fordert damals Bescheidenheit und Umweltbewusstsein. Eigenschaften, die sich der Mercedes trotz Modellpflege nicht aufzwingen lässt. Natürlich ist es Zufall, aber es passt, dass beide, Kohl und der Wagen 140, im Oktober 1998 abgelöst werden, obwohl sie nicht wollen. Heute ist die S-Klasse rehabilitiert, schon weil Mercedes viel fettere Fregatten baut, Dinosaurier wie den S 65 AMG mit gewaltigen 630 PS und 1000 Nm Drehmoment.

Zum Jubiläum darf sich der 140er noch einmal als Staatskarosse inszenieren. Wir starten mit unserem langen S 600 in Helmut Kohls Heimat, dem Ludwigshafener Stadtteil Oggersheim. In gehobener Randlage steht dort Kohls Flachdachbungalow, daneben in einer großen Baulücke ein winziges Wachhäuschen, immerhin solide gebaut und – wir sind in Deutschland – mit eigener Mülltrennung. Der V12 säuselt unter dem strengen Blick der Personenschützer durch die Straße. Ohne anzuhalten, weil es unauffälligere Autos als einen alten S 600 mit AMG-Rädern gibt, dessen Qualitäten nicht nur die seriösen unter den osteuropäischen Geschäftsleuten zu schätzen wissen. Wir halten erst vor einem anderen Haus. Weil es eine Metzgerei ist. Als er noch Kanzler ist, lässt Kohl seinen Konvoi gern vor Fleischereifachgeschäften stoppen, um Wegzehrung zu besorgen. Danach steigt er wieder auf den verstärkten Beifahrersitz mit erweiterter Längsverstellung – die beiden Extras, die ihm neben Telefon und Fax wichtig sind. Sonst interessiert sich der Kanzler, der privat in jungen Jahren Peugeot fährt, kaum für seine Dienstwagen – solange Pfefferminzpastillen sowie Kölnisch Wasser an Bord sind und Vivaldi aus den Lautsprechern plätschert.

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Helmut Schmidt lässt 1979 vor dem Kanzleramt Henry Moores Plastik "Large Two Forms" aufstellen.

Unser 600 strömt nun über die Autobahn nach Süden, stattlich, nicht energisch. Etliche der 394 PS versumpfen im Wandler der Vierstufenautomatik. Sie legt die Gänge bei gemächlicher Fahrt zwar so beflissen und sachte nach wie ein Butler Holzscheite auf das Kaminfeuer. Auf der Landstraße aber ruckt und haspelt die Box, statt sich auf das Drehmomentmassiv des V12 zu verlassen, dessen Gipfelkreuz auf 570 Nm über null liegt. In Deidesheim zirkelt der 140er seine zehn Quadratmeter Grundfläche durch enge Gässchen zum Marktplatz. Dort, im Deidesheimer Hof, lässt Kohl einer Generation von Regierungschefs (Thatcher, Gorbatschow, Reagan, Mitterrand) Pfälzer Saumagen servieren. Seinen Stammplatz, links in einer Nische, ziert ein professionell gelächeltes Porträt. Sollte man ein Urteil über die Ära Kohl revidieren, dann das über Saumagen, eine etwas wirre, aber schmackhafte und sättigende Mischung aus Fleisch, Brät und Kartoffeln. Gestärkt brechen wir nach Bonn auf. Die A 61 windet sich durch Pfalz und Hunsrück, streift Ansiedlungen, die Hungenroth oder Naßheck heißen, schwingt sich vor Koblenz dramatisch über die Mosel, schlängelt sich durch die Eifel, immer umgeben von viel Landschaft und wenig Leben.

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Wo Helmut Kohl nie saß: Auch als Bundeskanzler reist er immer auf dem Beifahrersitz.

Der weich gefederte Mercedes schunkelt seine Passagiere sacht über Bodenwellen, selbst bei Richttempo pendelt der Zeiger der Verbrauchsanzeige zwischen 15 und 20 Litern. Doch wenn dabei der Fahrtwind leise um die Karosserie säuselt, von der Doppelverglasung ebenso gedämmt wie das leise Motorenbollern, wird man schnell schläfrig auf der Einzelsitzanlage im Fond, erwacht erst nach dem Wechsel auf die A 565 kurz vor der Abfahrt Bonn-Poppelsdorf. 1994 wurde aus der Bundeshauptstadt Bonn die einzige deutsche Bundesstadt, ein Titel, der sich durch den Verbleib von sechs Ministerien und mehreren Behörden erklärt. Den Verlust ihrer einstigen Haupt-Aufgabe hat die Stadt verkraftet. Na gut, es steht noch immer das ein oder andere überflüssige Bundesgebäude leer herum, aber in früheren Ministerien residieren nun Unternehmen, im Abgeordnetenhaus, dem Langen Eugen, benannt nach Bundestagspräsident Eugen Gerstenmaier, sitzen die UN und die Deutsche Welle. Es gibt nun weniger zu bewachen, was am Sicherheitsbedürfnis nichts ändert. Unten an der Rheinpromenade sitzen Rentner auf Bänken, die an Bäumen festgekettet sind. Gleich nebenan steht das ehemalige Bundeskanzleramt samt atombombensicherem Bunker.

So sieht die Einfahrt zum Bundeskanzleramt aus, als es noch den "Bericht aus Bonn" gibt.

Heute beherbergt es das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung. Als Bonner Dienstsitz nutzt die Kanzlerin das Palais Schaumburg. Seit 1999 wohnt niemand mehr in dem von Ludwig Erhard in Auftrag gegebenen und von Sep Ruf gestalteten Kanzlerbungalow. Der S 600 rollt leise den Hügel hinunter, hält unter dem großen Vordach. Im Bungalow residieren ab 1964 fünf Kanzler, jeder gestaltet das Interieur nach seinen Wünschen um: Kiesinger mangelt es an Behaglichkeit, deswegen holt er mittelalterliche Kunstwerke und Stilmöbel ins Haus. Kohl lässt Klinkerwände mit Seidenstoffen verhängen, einen Halogensternenhimmel über dem Esstisch anbringen und legt Perserteppiche auf die Steinfliesen. Dennoch wirkt der für repräsentative Zwecke genutzte Teil des Bungalows auf angenehme Art bescheiden, modern und weltoffen. Wir gehen in den Privattrakt, der noch so eingerichtet ist wie zu Kohls Zeiten. Und dort steht dieses Sofa: eine braune Plüschcord-Landschaft von unglaublicher Gutbürgerlichkeit, die mehr über das Wesen einer Ära sagt, als ganze Videotheken mit Guido-Knopp-Dokumentationen das könnten. Hier haben wir sie gefunden: das war die Bonner Republik.

Autor: Sebastian Renz

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