Auf der Hohenzollernstraße

Mit dem NSU Prinz auf der Hohenzollernstraße

— 16.10.2009

Kleiner Prinz auf großer Fahrt

Die Hohenzollernstraße ist wie ein riesiger Adventskalender - hinter Garagentoren und Fassaden schlummern verborgene Auto-Schätze. AUTO BILD ist mit einem NSU 1200 TT von 1965 auf Entdeckungsreise gegangen.

Alte Koffer. Der ganze Dachboden ist voll davon. An ihren Griffen baumeln vergilbte Anhänger mit Städtenamen, geschrieben in zackiger Schrift: Stuttgart, Stockholm, Sigmaringen. Die Hohenzollern waren viel und mit ihrem halben Hausstand unterwegs. Jetzt verstauben die Relikte fürstlicher Reiselust auf dem Speicher des Pferdestalls von Schloss Sigmaringen. In den kleinen Front-Kofferraum unseres 44 Jahre alten NSU TT – des zweitschnellsten Typs der Prinz-Familie – würde so eine Reisekiste nie passen. Der 65 PS starke Viersitzer war alles andere als ein Reisewagen, eher ein früher Golf GTI.

Teil 1 der Reihe "Deutsche Strecken entdecken": die Barockstraße

Kurvenräuber: Der NSU 1200 TT, genannt Prinz, ist sowas wie ein früher Golf GTI.

Er adelte jene, die sich vom ersten Wohlstand was gönnen und nebenbei Spaß haben wollten. 685 Kilo waren das Idealgewicht für die Berg- und Slalomrennen der 60er und 70er, der TT ist wie gemacht für die langen Geraden und kurvigen Strecken der 300 Kilometer langen Hohenzollernstraße. Vor 150 Jahren waren dies noch die Straßen der Prinzen und Könige. Ihre Kutschen und Schlitten hatten immer Vorfahrt. 20 der damaligen Staatswagen sind erhalten und in der Sammlung von Schloss Sigmaringen zu bewundern. Ein Gefährt von 1753 heißt ganz offiziell Wurstwagen – eine Jagdkutsche mit großer Pritsche für erlegtes Wild.

Teil 2: mit dem feuerroten Spielmobil auf der Spielzeugstraße

Prinzen unter sich: Karl Friedrich Erbprinz von Hohenzollern mit dem NSU und seinem Schätzchen, einem 280 SL.

Der jetzige Schlossherr dagegen lenkt lieber Benzinkutschen – vorzugsweise seinen Mercedes 280 SL von 1970. "Ich konnte bereits mit elf Jahren fahren – natürlich nur auf Privatgrund", erzählt Karl Friedrich Erbprinz von Hohenzollern stolz. Im Sigmaringer Schloss hat der Waldbesitzer und Chef der Unternehmensgruppe "Fürst von Hohenzollern" (3000 Angestellte) eine Wohnung, ein Großteil des Gebäudes ist öffentlich zugänglich. Der 57-jährige Erbprinz kennt fast jeden Oldtimer-Liebhaber in seinem "Fürstentum". Einer von ihnen ist Horst Pfefferle. Der NSU-Fan betreibt in Sigmaringen eine preiswerte Pension und vermietet in Gutenstein Paddelboote.
Technische Daten NSU 1200 TT (Prinz TT)
Motor Vierzylinder-Reihenmotor, hintenquer
Hubraum 1177 ccm
Leistung 48 kW (65 PS)
Drehmoment 88 Nm bei 2500 U/min
Antrieb Hinterradantrieb
Reifen 145 SR 12
Länge/ Breite/ Höhe in mm 3793/ 1490/ 1364
Radstand 2250 mm
Leergewicht 685 kg
Kofferraumvolumen 350 l
Tankinhalt 37 l
Zuladung 375 kg
Vmax 155 km/h
Preis (1970) 6500 Mark

Teil 3: auf der Schwedenstraße

Gästen zeigt er gern seinen 66er NSU Wankel Spider – und startet auf Wunsch auch den ohrenbetäubend lauten Motor dieser Rennausführung. Pfefferles NSU 5/15 von 1923 dagegen ist noch nicht fahrbereit – Miro Geiger restauriert ihn in seiner im Stil der 40er-Jahre gehaltenen Fachwerkstatt. Dort haucht der Sigmaringer Karosseriebaumeister auch edlen Patienten wie einem Veritas Comet aus dem nahen Meßkirch neues Leben ein. Nach dem Zweiten Weltkrieg baute Veritas hier Sportwagen auf Basis alter BMW, heute erinnert in Meßkirch ein Museum neben dem Schloss an die Rennwagen-Schmiede.

Teil 4: Mit dem Pontiac Firebird auf der Vulkanstraße

Bei NSU-Fan Horst Pfefferle kann man nicht nur seltene NSU bewundern, sondern auch noch preiswert übernachten.

In der ehemaligen Remise steht auch das vergessene Schakomobil: ein Plastikauto von 1957 mit 12-PS-Motor von Heinkel – der erfolglose Versuch eines örtlichen Heizungsteile-Bauers, vom Kleinwagen-Boom der Aufbau-Ära zu profitieren. Etwas erfolgreicher war Zündapp mit dem Janus, einem kuriosen Gefährt aus den 50ern. Fahrer und Mitfahrer saßen Rücken an Rücken. Ein Janus steht heute zusammen mit rund 100 anderen Exponaten im Sigmaringer Zündapp-Museum der Brauerei Zoller-Hof. Ein riesiger Adventskalender – das ist die Hohenzollernstraße; hinter vielen Garagentoren warten faustdicke Überraschungen.

Benz-Motorwagen nachgebaut

Das erste Türchen öffnet sich in Balingen. Michael Leibfritz hat ein Zweirad in der Wohnzimmer-Vitrine: den Nachbau einer Hildebrand & Wolfmüller von 1894. Fast zehn Jahre lang hat der Werkzeugmacher dieses erste Motorrad der Welt detailgetreu nachgebaut. Außerdem sammelt Leibfritz Fotoapparate, betätigt sich als Tierfotograf und besitzt neben seinen 20 Motorrädern noch drei Würgeschlangen. Das Hohenzollernland ist das Land der Tüftler und Schrauber. Thomas Simmendinger arbeitet tagsüber in einer Firma, die Blutdruckmessgeräte herstellt. Nach Feierabend hat der Feinmechaniker in jahrelanger Fleißarbeit den Benz-Motorwagen von 1886 rekonstruiert.

Aus der Not wurde ein Museum

Im ehemaligen Einkaufszentrum von Hechingen haben diese Isabella und 54 weitere Oldtimer ein trockenes Zuhause gefunden.

Dass nun alles fertig ist, macht den 57-Jährigen fast ein bisschen traurig: "Mir geht es nur ums Herstellen. Wenn ich etwas fertig habe, ist das Schönste vorbei", sagt er. Simmendingers Replika parkt in einem ehemaligen Einkaufszentrum. Der Verwaltungsbeamte und Oldtimerbesitzer Georg Lohmüller hat aus der Not nicht nur eine Tugend, sondern gleich ein ganzes Museum gemacht. Nachdem im ehemaligen Hechinger Einkaufszentrum ein Geschäft nach dem anderen dichtgemacht hatte, erhielt er das Gebäude für sein Museum. Oldtimer-Besitzer bekommen einen kostenlosen Stellplatz und die Besucher eine Menge zu sehen: 55 Autos, ebenso viele Motorräder, einen Wohnwagen und vier Traktoren. Hier geht es zur Hohenzollernstraße auf Google Maps.

30 rot leuchtende Porsche-Trecker

Anton Biselli hat genug Platz für seine Schätze. In einer Halle neben der hofeigenen Schnapsbrennerei hütet der Landwirt einen rot leuchtenden Schatz: 30 Porsche-Trecker. Die Sammlung des Landwirts ist ein Geheimtipp – ebenso wie das von seinem Schwiegersohn geführte, 525 Jahre alte „Gasthaus zum Adler“. Spezialität: in Heu geschmorter Rinderbraten. Ein fürstliches Mahl.

Tipps und Übernachtungsangebote: kurz-nah-weg.de/Hohenzollern
Hohenzollernstraße: Tipps und Adressen entlang der Route
Burg Hohenzollern Der Stammsitz des Hauses Hohenzollern oberhalb von Hechingen zählt zu den schönsten und meistbesuchten Burgen Europas. Öffnungszeiten Mo.–So. 9–17.30 Uhr (März–Oktober) bzw. 10–16.30 Uhr (November– März). Tel. 0 74 71-92 07 87
Oldtimer-Museum Zollernalb in Hechingen Auf über 1800 m2 Fläche wird den Besuchern die Welt der mobilen Fahrzeugentwicklung ab 1886 gezeigt. Öffnungszeiten April–Oktober: Mi.–Fr. 13–18 Uhr, Sa.–So. 11–18 Uhr; November– März: nur Sonn- und Feiertage 11–18 Uhr. Obere Mühlstraße 7, Tel. 0 74 71-6 20 11 27
Zündapp-Museum Sigmaringen Legendäre Motorräder, das berühmte Automobil „Janus“ und rund 100 weitere einzigartige Exponate der Kultmarke Zündapp. Öffnungszeiten Do.– So. 13– 17 Uhr (April–Oktober), Di.–So. 10–17 Uhr (Juli/August). Leopoldstraße 40, Tel. 0 75 71-7 21 40
Schloss Sigmaringen Auf einem Felsen über der jungen Donau thront das fürstliche Residenzschloss mit vielen Türmchen, Erkern und Terrassen. Öffnungszeiten Mo.–So. 9–17 Uhr (Mai–Oktober), 10– 15.30 Uhr (November–Februar) bzw. 9.30–16.30 Uhr (März– April). Karl-Anton-Platz 8, Tel. 0 75 71-72 92 30

Autor: Claudius Maintz

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