Unterwegs im Rolls-Royce Silver Shadow

Mit dem Rolls-Royce Silver Shadow auf der Silberstraße Mit dem Rolls-Royce Silver Shadow auf der Silberstraße

Mit dem Rolls-Royce Silver Shadow auf der Silberstraße

— 07.04.2009

Schicht im Schacht

Die goldenen Zeiten sind vorbei. Für den sächsischen Silberbergbau wie für den britischen Autobau. AUTO BILD spürte im Rolls-Royce Silver Shadow der glänzenden Vergangenheit der Silberstraße nach.

Herr Findeisen baut sich auf. Er spreizt die Beine, streckt die Arme nach vorn, in den Händen eine Karbid-Lampe, wie sie die Bergleute noch Anfang der 60er-Jahre benutzten. "Mein Name ist Programm", sagt der junge Mann in einem Ton, mit dem Vertreter an Haustüren Staubsauger verkaufen. Der 31-Jährige scheint ein guter Geschäftsmann zu sein. Einer mit Sinn für Kunden, die in der Freiberger Filiale mehr erwerben wollen als nur Touristen-Tinnef und Silbersteine. Doch diesmal läuft seine Charme-Offensive ins Leere. Den Rolls-Royce vor seinem Laden hat Findeisen nicht gesehen. Er muss ihn gewittert haben – und mit ihm ein Bombengeschäft. Das platzt. Weil weder ein Millionär noch die Queen zum Geldausgeben nach Freiberg gekommen ist. Sondern wir von AUTO BILD, um Schätze entlang der Silberstraße zu erkunden.

Sonnen wie die sächischen Könige in Pillnitz

Leises Summen des V8, gemütliches Knirschen des antiken Leders: königliches Reisen im Fond des Rolls-Royce.

Die führt über 150 Kilometer von Dresden nach Zwickau, eine Gegend, die im Mittelalter reich geworden ist durch Silberfunde. 800 Jahre zu früh, um die Landesfürsten in den Genuss eines Silver-Shadow-Dienstwagens kommen zu lassen. Der chauffierte von 1965 an den Jetset durch das Bonzen-Biotop Monte Carlo und das hysterische Hollywood. Sexbomb-Sänger Tom Jones besaß einen, Münchens ermordeter Modemacher Rudolph Moshammer fuhr seinen Yorkshire-Terrier Daisy darin Gassi. Der Silver Shadow gilt als "der" Rolls-Royce schlechthin, als "Brot-und-Butter-Auto", wie ihn die deutsche Sektion des RR-Enthusiasts Clubs auf der Internetseite beschreibt. Heute steht er schon mal zum Golf-Neupreis bei Fähnchen-Händlern zum Verkauf. Oh, my God ...

Schneeberg: Der Rolls-Royce Silver Shadow auf der Durchreise nach Zwickau.

Auch wenn die damals 150.000 Mark teure Limousine an Wert verloren hat, so nicht an Wirkung. Vor dem Schloss-Hotel Pillnitz in Dresden dürfen die Rolls-Insassen nicht nur ihr Gepäck entladen, sondern "selbstverständlich dort stehen bleiben", so die Dame an der Rezeption des Vier-Sterne-Hauses. Während Alfa-Fahrer höflich gebeten werden, um die Ecke zu parken. Direkt hinter dem familiären Hotel liegt einer der schönsten Gärten Deutschlands, ehemals Sommersitz der sächsischen Könige. Familien und Rentner stapfen durch die frühlingsgrüne Anlage mit Palais und Pavillons, picknicken im barocken Lustgarten. Nur zwölf Kilometer, 20 Autominuten, vom Schloss-Hotel entfernt verwöhnt Dresdens Zentrum mit verschwenderischem Luxus. Escada, Prada, Miu Miu logieren in bester Altstadt-Lage. Reiche Touris mit Immobilien-Blick shoppen sich durch teure Boutiquen den Frust von der Seele, weil Semperoper, Zwinger und Frauenkirche nicht käuflich sind.

So wie unser Rolls-Royce, der normalerweise nur zum Angucken im Privatmuseum von Hans-Günter Zach in Mühlheim am Main steht. Jetzt läuft sein V8 mit stoischer Ruhe durch die sächsische Waldlandschaft und lässt die stolze Kühlerfigur mit ausgebreiteten Flügeln über die Straßen fliegen. Aus dem nachgerüsteten Blaupunkt-Radio singt der blinde Tenor Andrea Bocelli, das zarte, schwarze Rindsleder knirscht. Sonst – nur Ruhe. Wahrer Reichtum kommt von innen, zumindest in Freiberg, der Hauptstadt des Silbers. Im Schacht "Reiche Zeche" unterrichtet heute die Bergbau-Akademie Studenten, kümmert sich der Förderverein um Besucher. Maschinist Rudi hat über 15 Jahre hier gearbeitet, jetzt engagiert er sich ehrenamtlich. "Hier sind alle eingefahren: Humboldt, Goethe", zählt der 65-Jährige im Blaumann auf, "auch Moderator Gunther Emmerlich war da. Dem habe ich gesagt:, Ihr Schicksal liegt in meinen Händen". Vertrauen ist nötig, um in den Aufzug zu steigen. Der taucht geräuschlos 150 Meter in die Tiefe, die Ohren fühlen sich an, als hätten unsichtbare Hände Kopfhörer aufgesetzt, von der Decke tropft es.

Im Frohnauer Museum kreist der Hammer

Dresden: Blaue Stunde oder, um es mit Richard Wagner zu sagen: Götterdämmerung.

Draußen braut sich ein Gewitter zusammen. Dunkler Himmel über Sachsen, im Rolls-Royce leuchtet er heller und ist aus beigem Leder. Über die Bundesstraße 101 rollt die britische Limousine Richtung Annaberg-Buchholz, vorbei an Wiesen und Wäldern. Die Landschaft atmet tief durch, erholt sich von frühen Rodungen. Bäume feuerten einst Maschinen an. Heute gibt es das nur noch im Museum. 50.000 Besucher kommen im Jahr im Frohnauer Hammer vorbei, wo "der alte Martin" fleißig Werkzeuge schmiedete. Eine wahre Goldgrube. Die Silberstraße Sachsens erste Ferienstraße führt von Dresden bis nach Zwickau. Den Namen Silberstraße erhielt die ca. 150 km lange Strecke durch den Bergbau. Im Mittelaltergehörte der Abbau von Silber zu den wichtigsten Einkommensquellen der Gegend.

An der Route liegen heute viele gut erhaltenetechnische Denkmäler wie das Silberbergwerk in Freiberg, der Pferdegöpel in der Nähe von Schwarzenberg oder das Museum Frohnauer Hammer. Goldstückder Ferienstraße ist Dresden. Die Landeshauptstadt bietet mit  "Pfunds Molkerei" (Neustadt, Bautzener Straße 79) nicht nur den schönsten Milchladen der Welt, sondern im Sommer italienisches Lebensgefühl. Weiteres Dresden-Highlight: Ganzjährig rollen handgefertigte VW Phaeton aus der Gläsernen Manufaktur am Straßburger Platz. Die größere Auto-Historie besitzt aber Zwickau. 1909 legte August Horch den Grundstein für die spätere Auto Union aus Horch, Audi, Wanderer und DKW. Daran erinnert das August-Horch-Museum Zwickau, das – hört, hört! – selbstverständlich in der Audistraße steht.

Der Rolls-Royce Silver Shadow

Der Silver Shadow ist "der" Rolls-Royce schlechthin, auch aufgrund seiner Stückzahl. Von 1965 bis 1981 verkauften die Briten mehr als 28.000 Stück. Als erster RR besaß die 5,2-Meter-Limousine eine selbsttragende Karosserie und einzeln aufgehängte Räder. Der anfangs eingesetzte V8-Motor mit 6,2 Liter Hubraum wurde 1970 durch ein Aggregat mit 6,8 Litern ersetzt. Traditionell umschrieb RR die PS-Zahl mit "ausreichend", eine genaue Angabe machte der Hersteller nicht. 1977 erhielt der Silver Shadow einen neuen Kühlergrill und schwarze Stoßstangen.

Technische Daten

V8 • zwei Horizontalvergaser SU 8 • Bohrung x Hub 104,1 x 91,4 mm • Hubraum 6750 ccm • Leistung 146 kW (199 PS) bei 4000/min • Hinterradantrieb • Dreistufenautomatik mit Drehmoment- wandlergetriebe • Einzelradaufhängung mit Schraubenfedern vorn und hinten • Reifen 235/70 HR 15 • L/B/H 5170/1800/1520 mm • Leergewicht 2160 kg • Tankinhalt 107 l • Höchstgeschwindigkeit 184 km/h Preis (1977): ca. 150.000 Mark

Autor: Margret Hucko

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