NSU-Fans werden diskriminiert

Manfred Schiemer (53), NSU Prinz 4 von 1969 Jochen Zieher (69) und Annika (5), NSU Sportprinz von 1965 Ingrid Ohlhausen (52), NSU Prinz 2 von 1959

NSU-Autofans werden diskriminiert

— 31.05.2013

"Wir sind doch keine Nazis!"

Sie werden beschimpft und aus Lokalen geworfen. Seit "NSU" in der Öffentlichkeit für den "Nationalsozialistischen Untergrund" steht, müssen sich Fans der Neckarsulmer Auto- und Motorradmarke ständig rechtfertigen.

Jochen Zieher (69) und Annika (5), NSU Sportprinz von 1965: "Ich wurde als Nazi beschimpft, weil meine Hündin ...

Von Daniela Pemöller Jeden Morgen, wenn Jochen Zieher (69) aus Remseck am Neckar die Zeitung aufschlägt, kommt die Wut. "NSU-Kontakte nach Ludwigsburg" steht da heute in dicken Buchstaben. Drei Buchstaben, die den Rentner zur Verzweiflung bringen. Denn sie stehen für etwas, was seit mehr als der Hälfte seines Lebens einen Teil seines Herzens belegt: die legendäre Auto- und Motorradmarke NSU. Seit eineinhalb Jahren werden die drei Buchstaben nun aber fast ausschließlich nur noch als Abkürzung für den "Nationalsozialistischen Untergrund" genannt. Jenes rechte Terror-Trio, das in sieben Jahren zehn Menschen kaltblütig ermordet haben soll.

... ein Geschirr mit der Aufschrift 'NSU-Biene' trug. Meinen Sportprinz stell ich nicht mehr unbeaufsichtigt ab."

Doch Zieher und seine anderen NSU-Freunde haben mit dieser "braunen Pest", wie er sagt, nichts zu tun. Trotzdem werden sie schief angeguckt und beschimpft, wenn sie ihre Leidenschaft öffentlich zur Schau stellen. Erst vor wenigen Wochen war Zieher mit seiner Hündin Annika in Ludwigsburg einkaufen. Die Mischlingshündin trug ein Geschirr mit der Aufschrift "NSU-Biene". Plötzlich pöbelt ihn ein Pärchen, etwa Mitte 30, in der Fußgängerzone an. "Ob ich auch zur rechtsradikalen Szene gehöre, wollten die wissen", erzählt Zieher mit rotem Kopf. Man merkt, wie sehr ihn der Vorwurf noch heute verletzt. Lang und breit habe er erklärt, wofür NSU seit Jahrzehnten steht. Doch die Geschichten rund um Geschwindigkeitsrekorde und Weltmeistertitel schienen das junge Pärchen wenig zu interessieren.

Bilder: NSU TT

Manfred Schiemer (53), NSU Prinz 4 von 1969: "Bei mir in Österreich kam die Polizei vorbei. Die Beamten wollten prüfen, ob unsere NSU-Austria-IG nur Tarnung für eine Gruppe von Neonazis ist."

Ein Einzelfall? Weit gefehlt. Der Österreicher Manfred Schiemer (53), NSU-Fan seit er denken kann ("Ich war fünf und überglücklich, wenn ich unseren Prinz waschen durfte"), wurde während eines Kurzurlaubs in Berlin aus einem Lokal geworfen. Grund: Seine schwarze Wollmütze samt NSU-Aufschrift. "Man sagte mir, NSUler seien hier nicht erwünscht", sagt Schiemer. Wieder interessierten die Erklärungsversuche keinen. Zu Hause kam es noch schlimmer. Die Polizei klopfte an, um zu überprüfen, ob sein Verein NSU-Austria-IG, nicht bloß eine Tarnung von Rechtsradikalen war. Schiemer: "Ich führte den Polizisten in meine Garage und zeigte ihm meinen Prinz und den Ro 80 . Da staunte der Beamte, denn er kannte wohl die Marke NSU und ihre Motorräder, wusste aber nicht, dass die auch Autos hergestellt haben."

Clubverzeichnis: Audi, Auto Union, DKW, NSU

Thomas Sennert (55), NSU Ro 80 von 1973: "Im Winter, als ich mit meiner NSU-Schirmmütze unterwegs war, wurde ich öfter mal schräg angeguckt. Das ist mir früher nie passiert."

Ähnlich erging es einem NSU-Fan in Braunschweig. Das NSU-Emblem auf dem Garagentor hatte die Beamten auf Streife stutzig gemacht. Sie klopften beim Besitzer, um mal "nach dem Rechten" zu schauen. Auf NSU-Treffen kursieren noch schlimmere Geschichten. Von zerkratzten Motorradtanks, eingeschlagenen Autofenstern oder gänzlich abgefackelten NSU-Prinzen ist da die Rede. Namen hinter diesen Horrorgeschichten gibt es keine. Dafür die Angst, dass so etwas mit dem eigenen Schätzchen passieren könnte. Dirk Weber (41), erster Vorsitzender des "Ro 80 Club International": "Eines unserer Mitglieder aus Berlin warb auf einem Treffen für eine im Oktober stattfindende Protestfahrt mit NSU-Fahrzeugen, die vor dem Brandenburger Tor enden soll. Viele Fans haben gleich abgewinkt. Aus Angst um ihre Autos."

Mit dem NSU Prinz auf der Hohenzollernstraße

Friedrich Gebele (63), NSU TT von 1968: "Beim Anblick der großen NSU-Flagge in meiner Garage haben die Gäste unserer Landpension irritiert gefragt, ob wir denn zu den Braunen gehören."

Auch Jörn Malisch (47) aus Speyer spürt sie, die Angst. Der stolze NSU-Fox-Fahrer vertreibt unter anderem Fanshirts bei Ebay: "Seit die Mordserie des 'Nationalsozialistischen Untergrunds' bekannt wurde, verkaufe ich etwa ein Drittel weniger. Ich merke auch selber, wie ich komisch angeguckt werde, wenn mich 16- oder 18-Jährige mit so einem T-Shirt auf der Straße sehen." Aus Angst vor Vandalismus und Beschimpfungen will Jochen Zieher dieses Jahr nicht zum internationalen NSU-Treffen nach Belgien fahren. Er ist enttäuscht, dass Audi aus dem Erbe der Marke nichts macht: "Sie hätten wenigstens eine Beschwerde beim Presserat einreichen können. Oder Werbung schalten und Sonderausstellungen zu NSU organisieren. Stattdessen nehmen sie NSU-Fanartikel aus ihrem Online-Shop. Da fühle ich mich als Fan arg im Stich gelassen."

Bilder: NSU Ro 80

Ingrid Ohlhausen (52), NSU Prinz 2 von 1959: "Freunde meiner Tochter wurden beim ersten Besuch nervös, als sie die große NSU-Leuchtreklame an unserer Garage sahen. Sie fragten, ob wir Rechte seien."

Auch Manfred Schiemer sagt: "Vor rund 15 Jahren wollte Audi Geld von mir, weil ich das NSU unter anderem für unsere Mitteilungsblätter und auf Aussendungen verwendet habe. Sogar auf privaten Fotos sollte ich das Kürzel 'NSU' unlesbar machen. Wo sind die Herrschaften jetzt?" Auf Anfrage von AUTO BILD heißt es bei Audi lediglich, die Marke NSU und der "Nationalsozialistische Untergrund" hätten nichts miteinander zu tun. Deshalb sehe man auch keinen Handlungsbedarf. In einem inoffiziellen Schreiben an die Clubs rät Audi, abzuwarten und "nicht in Aktionismus zu verfallen". Schließlich hätte NSU seit Jahrzehnten Bestand und schon ganz andere Krisen überstanden. Augen zu und aussitzen – diese Taktik macht Roland Fleischer (60), Fahrer eines NSU 1000 TT, wütend: "Es ist eine Schande, dass Audi so gar nichts macht und wir kleinen Leute uns rechtfertigen müssen. Früher habe ich stolz gesagt: 'Ich komme aus der NSU-Szene.' Das lasse ich jetzt lieber."

NSU Ro 80

Matthias Moetsch

Matthias Moetsch

Fazit

Gemessen am unfassbaren Leid, das die Terroristen über die Opfer und deren Angehörige gebracht haben, mögen die Sorgen von Autoliebhabern winzig erscheinen. Dennoch müssen wir uns damit beschäftigen. Denn dass die drei Buchstaben NSU in kürzester Zeit einen so dramatischen Bedeutungswandel erfahren haben, konnte nur passieren, weil die Öffentlichkeit Begriffe der Braunen übernommen hat – unreflektiert, unkommentiert und ohne sie in Anführungszeichen zu setzen. Das Pech der NSU-Fans ist, dass sie keine (Auto-)Lobby haben, die sich für den Schutz ihrer Marke engagiert. Hätten sich die Terroristen Bewaffneter Militanter Widerstand (BMW) oder Antidemokratische Union Deutschnationaler Ideologen (Audi) genannt, sähe das vermutlich ganz anders aus.

Autor: Daniela Pemöller

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