Behindertengerechter Umbau

Behindertengerechter Mercedes-Benz 280 SE 4.5 Behindertengerechter Mercedes-Benz 280 SE 4.5

Oldtimer: Behindertengerechter Fahrzeugumbau

— 29.08.2008

Mit Stil mobil

Sie springen Fallschirm, fahren Motorrad und laufen Ski – obwohl sie im Rollstuhl sitzen. Da kann auch ein Oldtimer keine Hürde sein. Karl Stückle zeigt seinen behindertengerechten Mercedes-Benz 280 SE 4.5, Lothar Budwill seinen Käfer.

Ein letzter Schwenk. Noch 25 Meter bis zur Landung. "Ich hatte einfach den Wind falsch eingeschätzt", sagt Lothar Budwill (38) aus Gottmadingen. Die Bö beschleunigte seinen Fallschirm. Es kam ein harter Schlag. Und ein anderes Leben. Vor sechs Jahren war das. Die Ärzte schauten besorgt: Inkomplette Querschnittslähmung, lautete wenig später ihre Diagnose. Lothar Budwill lag noch im Krankenhaus, als er seinen DKW 1000 Sp verkaufte. Mit Hobbys, glaubte er, sei nun Schluss. Doch heute ist er im Winter auf Pisten unterwegs, in einem Spezialsitz auf einem Monoski. Mehrere Fallschirmsprünge hat er bereits wieder hinter sich, und weil er Glück im Unglück hatte, dazu viel trainierte, kann er heute kurze Strecken zu Fuß gehen.

Alles ist original an dem Käfer 1300 von 1973

Die Handbedienung besitzt der Käfer seit seiner Erstzulassung.

Auch einen Oldtimer fährt Lothar Budwill wieder. Zufällig hatte er vor fünf Jahren von einem Käfer erfahren, der in der Garage einer älteren Frau parkte. Sie hatte ihn 1973 bestellt, mit Halbautomatik und einem Handgerät, das ihr die Bedienung von Gas und Bremse ermöglichte. Sie litt unter Kinderlähmung. 30 Jahre lang brachte sie ihr treuer Käfer überall hin, 90.000 Kilometer weit. Aus Altersgründen musste sie sich von ihm trennen. Lothar Budwill zeigt, wie einfach sich der 1300er fahren lässt. Unterhalb des Lenkrads sitzt ein Hebel. Sein Gasgriff erinnert an ein Motorrad, und so funktioniert er auch. Zum Bremsen drückt Lothar Budwill den Hebel nach vorn. Der lenkt die Kraft direkt aufs Pedal. "Das bekommt man schnell raus", sagt Lothar Budwill. Er ist zwar Elektroniker. Doch für solche Aufgaben genügt simple Mechanik.

Große Herausforderung beim Mercedes 280 SE 4,5: die Kupplung

Die alte S-Klasse bietet neben Servolenkung und Automatik auch viel Platz.

Das weiß auch Karl Stückle aus Brühl. Der 38-Jährige ist querschnittgelähmt, seit 1988 nur sieben Meter vor ihm ein Auto plötzlich wendete. Er prallte in den Wagen, dann flog sein Motorrad auf ihn. Schwer verletzt überlebte Stückle – und überstand unfassbare 17 Jahre, in denen sich zermürbende Schlachten vor Gerichten hinzogen. Dazu Schmerzen, Frust, Ärger. Doch Karl Stückle kämpft gegen Bitterkeit. Auch er sprang mit dem Fallschirm ab, solo sogar. Er fuhr Quad, stieg dann wieder auf ein Motorrad um. Wenn er mit seiner schweren BMW anhalten muss, klappen blitzschnell zwei Stützräder aus. Und auf dem speziellen Gepäckträger findet sogar sein Rollstuhl Platz. Dagegen war der Umbau seines Mercedes 280 SE 4.5 eine Fingerübung. Der rostfreie W 108 mit dem großen V8-Motor hatte die längste Zeit seines Lebens in Arizona verbracht. Für Karl Stückle ist er der ideale Klassiker, mit Servolenkung und der serienmäßigen Automatik, die einen schnellen Umbau auf Handbedienung garantierte.

Die Hebelei, ein Standardgerät, liegt perfekt in der Hand. Ergonomisch günstig sitzt sie am Mitteltunnel der S-Klasse. "Es musste kein zusätzliches Loch gebohrt werden", betont Stückle. Nach hinten stützt sich das System, das die Firma Reha Autotechnik Heinrich montierte, direkt an der Sitzaufnahme ab. Nach dem Lösen einiger Schrauben lässt es sich ausbauen, ohne Spuren zu hinterlassen. Der Originalzustand des Klassikers bleibt gewahrt. Doch mit diesen Lösungen ist das letzte Wort noch lange nicht gesprochen. "Mit individuellen Ideen lässt sich nahezu jeder Klassiker auf reinen Handbetrieb umrüsten", sagt Felix Liehr aus Schorndorf.

Der Spezialist für behindertengerechte Fahrzeugumbauten hat einen mechanischen Handgasring konstruiert, der dem Fahrer erlaubt, beide Hände am Lenkrad zu lassen. Bei Oldtimern ohne Servolenkung ist das eine große Hilfe. Eine große Herausforderung ist jedoch die Kupplung. Es gibt zwar Systeme mit Stellmotoren, die über die Motordrehzahl angesteuert werden. "Bis das Kuppeln überhaupt funktioniert, muss man endlose Stunden programmieren und testen", weiß Felix Liehr, "und perfekt wird es nie."

Besonders bei Temperaturschwankungen reagiert die Konstruktion empfindlich, klagen Benutzer. Deutlich zuverlässiger arbeitet eine ingeniöse Lösung, die auf Hydraulik setzt. "Mit Elektronik allein kommt man nicht überall weiter", sagt Peter Grundmann aus Dortmund. Der Maschinenbauer, der seit 40 Jahren als technischer Berater des André Citroën Clubs fungiert, hat bereits vor Jahren eine hydraulische Kupplungsbetätigung entwickelt. Sie hat sich in der Praxis bestens bewährt. Nur preiswert ist sie leider nicht: Allein 1500 Euro kosten die Industriepumpe und das Material, dazu addieren sich endlose Stunden des Tüftelns und Anpassens. "Es braucht viel Geduld und Erfahrung", sagt Peter Grundmann, "dafür funktioniert es am Ende auch."

Adressen

Felitec Fahrzeugtechnik für Behinderte Felix Liehr, Wiesenstraße 72, 73614 Schorndorf, Telefon 0 71 81-4 58 32
REHA Autotechnik Ralf Heinrich, Talweg 1, 69253 Heiligkreuzsteinach, Telefon 0 62 20-12 99
Petri + Lehr Hans-Böckler-Straße 1, 63128 Dietzenbach, Telefon 0 60 74-7 28 76 10
Költgen Behindertengerechter Fahrzeugumbau Oberbernrader Straße 407, 47804 Krefeld, Telefon 0 21 51-70 12 36
• Peter Grundmann Technischer Referent des André Citroën Clubs, Telefon 02 31-4 05 43

Autor: Barry Noggins

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