Oldtimer-Import aus den USA
— 24.02.2009Die grüne Hölle
Ein Chevrolet Corvair Cabrio sollte es sein. Unbedingt. Fahrbereit und sogar mit Wertgutachten. Altmetall-Profi Jan-Henrik Muche (35) hat alles richtig gemacht. Fast alles. Und trotzdem eine Niete gezogen. Ein Mann sieht Rost. Und stößt auf Gips.
1962 der erste Großserienwagen mit Turboaufladung
1959, als das US-Design im Chrom-und-Flossen-Delirium angekommen war, stellte GM seinen neuen, nur 4,57 Meter kurzen "Compact" vor, dessen Styling mit Karmann-Ghia Typ 34 und NSU Prinz gleich Nachahmer auf den Plan rief. Ohne Kühlergrill fast nackt anzuschauen, mit umlaufender Karosseriekante, Platz für vier, Einzelradaufhängung rundum und dem außer der Reihe entwickelten, luftgekühlten, 80 PS starken 2,3-Liter-Sechszylinderboxer hinter der Achse im Heck. Euphorisch begrüßt, als Zwei- und Viertürer, Cabrio, Kombi und sogar als Kleinlaster, Bus und Pritschenwagen zu haben. 1962 folgte mit dem 150 SAE-PS starken "Spyder" der weltweit erste Großserienwagen mit Turboaufladung. Ein Ausreißer in jeder Hinsicht. Vor allem, wenn unerfahrene Kunden nicht auf die korrekte Luftdruckverteilung zwischen Vorder- und Hinterachse achteten. Dann klappte der Corvair (eine Verbindung aus den Namen Corvette und Bel Air) jenseits des Grenzbereichs die Räder der Pendelachse ein, Menschen verunglückten, und Verbraucheranwalt Ralph Nader veröffentlichte seine Anklage in Buchform mit dem Titel "Unsafe at any Speed". 1964, nach zahllosen Schadenersatz-Prozessen, war der Ruf ruiniert, auch wenn GM nachbesserte. Zum Modelljahr 1965 wuchsen die Abmessungen, der Hubraum und mit einem weiterentwickelten Fahrwerk auch die Sicherheit. Den Corvair rettete das aber nicht. Als die Fertigungseinrichtungen der zweiten Generation 1969 abgeschrieben waren, war dieser Teil des Compact-Kapitels nach fast 1,8 Millionen Exemplaren beendet.
Ein Traum in Grün mit goldener Innenausstattung
Eines davon sollte meines werden. Ein Jahr dauerte die Suche nach dem passenden Convertible, die in Deutschland erfolglos blieb. Da hatten sich ein paar Anfänger in den USA Schrott andrehen lassen und wollten ihn hier wieder loswerden. Da lachte ich noch – nicht mit mir. Erst im Sommer 2006 endete die Fahndung im Internet. Nach zahllosen Klicks bei Ebay und "stangfan69" in Ashland/Ohio, USA. "1963 Chevrolet Corvair Monza Convertible": ein Traum in Lorbeergrün mit goldener Innenausstattung, weißem Verdeck, mit Vierganggetriebe und "Super Turbo Air"-Motor mit 102 PS im Heck. Eine seltene Kombination und bis auf die zerrissene Armlehne auf der Fahrerseite schön erhalten. Mein Auto! Ich erzählte jedem davon, und jeder winkte ab. Warnte mich. Ungesehen bei den Amis kaufen, das kann nix werden. Da flattern ab 20 Sachen die Schnürsenkel lustig im Wind, weil unterm Lack das Blech so löchrig ist. Die Brüder spachteln sogar marode Ölwannen, so denn überhaupt ein Motor drin ist. Und das Verdeck besteht wahrscheinlich aus Klebeband. Aber alles schien zu passen.Ein Gutachter muss her
John Heidemann, deutschstämmig, hieß der Mann meines Vertrauens. Täglich schrieben wir uns – wie alte Brieffreunde. John war ein älterer Herr mit Farm, Pferden und Flugzeug, der wegen Umsiedlung seine Sommerliebe samt Wertgutachten inserierte. Ein Gutachten von August 2005, erstellt von Mr. Jason E. Hephner aus Leetonia/Ohio, Mitglied von International Vehicle Appraisers Network, einer Vereinigung von Oldtimer-Fachleuten, unter anderem in der Corvair Society of America organisiert. Mr. Hephner ist ein national anerkannter Fachmann, von Gerichten und Versicherungen akzeptiert. Vielfaches Jury-Mitglied, selbst Oldtimer-Besitzer.Das Fazit seines Gutachtens las sich wie folgt: "Das Auto ist in einem gepflegten Zustand und scheint einmal einer kosmetischen Restaurierung unterzogen worden zu sein. Das Auto fährt sehr gut. Das äußere Erscheinungsbild ist schön, der Innenraum zeigt Spuren des Alters. Ich konnte keine Schäden feststellen. Das Auto wirkt sehr solide und weist in keiner Weise irgendwelche größeren Rostprobleme auf. Nach eingehender Prüfung schätze ich den Wert des Wagens auf 7550 Dollar." Der Unterboden verdiene Lob, sei doch allenfalls oberflächlicher Rost festzustellen. Spätestens jetzt sah ich mich als formulargläubiger Deutscher auf der sicheren Seite, und allein blieb ich mit diesem Gefühl nicht. Halb Amerika zockte um das Auto mit, das Herz schlug mir bis zum Hals, als ich mein Gebot abgab. Ich siegte. Weit unter dem Limit, aber wir einigten uns. 4500 Dollar zahlte ich blind, aber voller Vertrauen.
Bei der Ankunft war die Freude noch groß
Katastrophe, ja. Katastrophe ist das richtige Wort
Aber alles so kunstvoll kaschiert, dass eine richtige Reparatur wohl nur halb so lang gedauert hätte. Das wird teuer. Kosten laut Karosseriebauer: um die 10.000 Euro. O-Ton: "Ist ja nichts übrig." Was blieb, waren ein Wertgutachten und viele Fragen an die Fachleute von I-Van. Eine Spachtel-Krücke mit ausgeschlagener Vorderachse und fehlendem Unterboden mit Note 2 im Gutachten? Vier Wochen brauchte es unter Androhung von Anwälten für dürre Worte: "Es tut mit leid, dass Sie mir Ihrem Auto nicht zufrieden sind. Bei meiner Inaugenscheinnahme waren die reparierten Stellen nicht zu sehen. Unter den gegebenen Umständen war ein anderes Gutachten nicht zu erstellen. Danke, Jason Hephner", schrieb der Gutachter.
US-Bewertungen bleiben "oberflächlich und visuell"
Für 125 Dollar Gebühr hatte sich Hephner ein Auto angeschaut und per Handauflegen den Wert ermittelt? Ich wollte es kaum glauben. Jeff Locke, Chef der Freizeit-Gutachter von I-Van, bestätigte dies treuherzig: "Unser Bewertungs-Prozess bleibt oberflächlich und visuell. Wir demontieren keine Teile des Autos, entfernen keinen Teppich oder Lack oder Unterbodenschutz. Zudem waren Sie ursprünglich ja auch zufrieden mit dem, was Sie sahen. Ich denke, dass Sie erst unzufrieden wurden, als Sie das Auto zerlegten. Außerdem lagen zwischen Gutachten und Kauf acht Monate. Ich glaube, dass Mr. Hephner guten Gewissens gehandelt hat."Er hätte auch sagen können: "Ja, wir arbeiten schlampig, aber das machen wir schon immer so. Und bis der Schweller abfiel, sah der Wagen doch gut aus." Verkäufer John Heidemann blieb ähnlich konsterniert zurück: "Ich habe das Gutachten extra für den Verkauf anfertigen lassen. Das Auto hat problemlos eine historische Zulassung erhalten. Sorry, no refund." Die Reaktion von Anwälten: "Zu viel Aufwand für zu wenig Chancen, das Geld zurückzubekommen." Was am Ende bleibt? Ein guter Freund, der in zugiger Scheune mit importierten Blechen meinen Unterboden neu erfindet. Eine Warnung vor I-Van-Gutachten und ähnlichen Dilettanten-Organisationen aus dem Land der Pimp-my-Ride-Gehhilfen. Und 52 US-Cent, gefunden beim Rausreißen der Innenausstattung. Die investiere ich in meinen nächsten Oldie. Aus Deutschland. Mit Gutachten.
Technische Daten 63er Chevrolet Corvair Monza Convertible
Sechszylinder-Boxer im Heck • Hubraum 2372 ccm • 75 kW (102 PS) bei 4400/min • max. Drehmoment 185 Nm bei 3000/min • Vierganggetriebe • Hinterradantrieb • selbsttragende Karosserie• vorn Einzelradaufhängung mit oberem Dreieckquerlenker, unterem einfachen Querlenker, Schubstrebe und Schraubenfeder; hinten Einzelradaufhängung mit Schraubenfedern und Längslenkern • vorn und hinten hydraulische Teleskopstoßdämpfer • L/B/H 4670/1700/1310 mm • Leergewicht 1185 kg • Spitze 150 km/h • 0-100 km/h in 18,1 s • 15,0 l S/100 km • Tankinhalt 53 l • Preis 4500 US-DollarAnzeige









