Oldtimer in den Katakomben von Neapel

Fiat Fiat 508C

Oldtimer in den Katakomben von Neapel

— 14.09.2009

Autos aus der Unterwelt

Unter Müll begraben und von der Welt vergessen: In den Katakomben von Neapel blieben 30 historische Autos jahrzehntelang unentdeckt. Jetzt stieß ein Geologe bei seinen Arbeiten auf die fossilen Automobile.

Du musst warten, bis die Leute weg sind. Bis sie nach draußen gehen in die andere Welt, um sich im Café um die Ecke einen Espresso zu bestellen und ein Panino. Sie werden dort scherzen und lachen und erzählen, vielleicht von ihren Kindern, vielleicht auch nur vom Fußball, aber das spielt jetzt keine Rolle. Wichtig ist nur, dass deine Begleiter dich allein zurücklassen. Damit es um dich herum still wird, nein, besser: damit die Stille dich einhüllen, dich umschließen kann. Du wirst seltsame Dinge bemerken. Du wirst feststellen, dass das hier unten alles dominierende Grau viele verschiedene Nuancen haben kann. Du wirst auf die alten Autos blicken, die in den Gängen stehen und dir eben noch als verrostete Blechklumpen erschienen. Und plötzlich werden sie dir wie Freunde vorkommen, wie treue Gefährten.

Die Oldies in 40 Meter Tiefe wurden vor 30 Jahren einfach vergessen

Die vergessenen Oldies stehen in einem langen, geraden Hauptgang des komplexen Tunnelsystems.

Es sind seltsame Gedanken, die dir in den Katakomben von Neapel kommen können. Das mag an der hohen Luftfeuchtigkeit liegen oder an dem beklemmenden Gefühl, 40 Meter unter der Erde zu sein und fern von jedem Tageslicht. Vielleicht ist der Geist aber auch schlichtweg überfordert damit, zu begreifen, was er hier vorfindet – nämlich Autos aus der Unterwelt. Diese Geschichte beginnt zur Zeit von Jesu Geburt und führt dann über das 17. und 19. Jahrhundert, aber das spannendste Kapitel hat jetzt der Geologe Gianluca Minin, 39, aufgeschlagen. Im Auftrag der Stadt sollte der Direktor des Ingenieurbüros InGeo herausfinden, ob die Gebäude Neapels sicher stehen – oder ob der seit 2000 Jahren betriebene Abbau von Tuffstein nicht doch die Statik gefährdet.

Komplex: das unterirdische Bunkersystem

Minin seilte sich in Neapels Unterwelt ab. Erkundete die gigantischen Tuffsteinhöhlen. Kroch durch das Anfang des 17. Jahrhunderts angelegte Aquäduktsystem. Erforschte den 1853 unter Ferdinand II. gebauten Bourbonen-Tunnel. Fand die unterirdischen Bunker, in denen die Neapolitaner im Zweiten Weltkrieg Schutz gesucht hatten. Und blieb plötzlich stehen. Irritiert. Fasziniert. Minins Stimme hallt jetzt durch den Tunnel. "Ich möchte, dass ihr da vorn anhaltet und euch erst mal sammelt", ruft der Geologe, "der Anblick wird euch den Atem rauben!" Minin will uns das gleiche Erlebnis schenken, das er einst selbst an dieser Stelle hatte. Der Weg führt über ein vierstöckiges Baugerüst, über einen langen Gang, der von nackten Glühbirnen beleuchtet wird, durch ein altes Gittertor. Okay. Hier also stehen bleiben. Durchatmen. Langsam weitergehen. Und staunen.

Ehemaliges Polizeilager

Gleich links hinter dem Tor, in einem riesigen grauen Haufen, liegt das Wrack einer Autobianchi Primula aus den 60er-Jahren. Daneben ein Topolino, der erste Fiat 500. Und ein Fiat 1100-103, der Mittelklassewagen aus den 50er- und 60er-Jahren. "Das hier sind Autos, die in Verkehrsunfälle verwickelt waren", sagt Paolo Sola, "über die Jahrzehnte haben sie die Farbe des Tunnels angenommen." Im Verein Borbonica Sotteranea, dessen Präsident Minin ist, gilt Sozialarbeiter Sola als der Autoexperte. Er kann auch erklären, wie die Wagen überhaupt in die Katakomben gelangt sind. "Die Polizei hat die Tunnel vom Ende des Krieges bis in die 70er-Jahre als Lager benutzt. Neben Unfallwracks stehen hier Autos aus Kriminalfällen. Viele wurden zum Zigarettenschmuggel benutzt", sagt der 49-Jährige. Wir gehen ein paar Meter weiter und bleiben vor einem Fiat 1100 sowie zwei Fiat 1400 stehen.

Jedes der 30 Autos erzählt eine eigene Geschichte

Parkpatz der Geister-Roller: In Reih und Glied stehen die beschlagnahmten Vespa in den Katakomben.

Das Exemplar ganz rechts erzählt anhand von zwei Details eine ganze Story: Die Rückbank ist ausgebaut und die linke Seite eingedrückt. Die Geschichte dazu geht vermutlich so: Das Auto wurde zum Schmuggeln verwendet, die Rückbank musste Platz machen für Zigaretten oder andere Waren. Auf frischer Tat wurden die Täter dann von der Polizei entdeckt – und bei der Verfolgungsjagd gerammt oder durch einen Unfall gestoppt. Und so hat jedes Fahrzeug hier unten seine (mutmaßliche) Geschichte, nicht nur die rund 30 Autos, sondern auch die vielen Motorräder und Vespa. Aber warum, zum Teufel, musste erst Minin kommen und den Tunnel entdecken? Wie konnte der innerhalb von 30, 40 Jahren komplett in Vergessenheit geraten? Um das zu verstehen, muss man mit Minin mal durch das komplette Tunnel- und Aquäduktsystem gegangen, geklettert und gekrochen sein.

Aus dem Sensationsfund wird ein Museum

Kaum noch zu retten: Das Schicksal dieses Fiat 508C (1937 bis 1939) scheint besiegelt.

Dann landet man irgendwann in einer Höhle aus dem 16. Jahrhundert und findet darin kunstvoll bemalte Kacheln aus dem 19. Jahrhundert. Sie liegen einfach so auf dem Boden herum. "In Neapel kommen die Archäologen schon mit den Funden aus der Zeit der Griechen und Römer nicht hinterher", erklärt Minin, "für neuere Sachen interessiert sich hier niemand. Den Tunnel und die Autos hat man einfach vergessen." Zumal die Neapolitaner auch noch ihren Müll in die Tunnel geschmissen hatten, die Autos also mitten im Dreck standen. Gianluca Minin und seine Freunde von der Borbonica Sotteranea wollen aus den Katakomben und den Unterwelt-Autos jetzt ein Museum machen. Vorn, am Eingang zum Tunnelsystem, entsteht sowieso gerade ein unterirdisches Parkhaus, von dem aus man die Gänge bequem erreichen könnte. Der Politiker Diego Guida, in Neapel für die historischen Archive zuständig, sagt: "Ich würde die Autos gern von jungen Leuten restaurieren lassen, damit sie dabei lernen und die Handwerkskunst nicht verloren geht." Eine gute Sache ist das sicher, bestimmt auch eine tolle Sehenswürdigkeit für die Touristen. Aber diese absolute Stille wird dann niemand mehr empfinden können. Und diesen ganz besonderen Moment, wenn aus verrosteten Autos auf einmal Gefährten werden.

Autoren: Eleonora Cucina, Alex Cohrs

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