Oldtimer in Kalifornien
— 04.06.2010Die Straßen von San Francisco
Wo alte Autos zum Alltag gehören, lässt es sich gut leben. In San Francisco zum Beispiel: Unzählige Klassiker prägen die steilen Straßen der Stadt am Pazifik. Cable Car und Oldtimer geben sich ein Stelldichein.
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"Ich mag die deutsche Technik", sagt der 61-jährige Ingenieur. Er schraubt gern selbst – und fährt im Alltag 02. Es ist tatsächlich so: Auf den steilen Straßen von San Francisco rollen überraschend viele Klassiker. Oft sind es keine verhätschelten Schoßhündchen für die Wochenend-Tour. Sie stehen nicht in der Garage, sondern am Bordstein. Voll im Leben eben. Viele Europäer sind dabei. Sehr viele, aber die Stadt hängt ja auch mental stärker an der Alten Welt als der Rest der USA. Hoch im Kurs stehen BMW 02, aber auch andere Modelle der Münchner. VW ist populär, Porsche immer noch die alte, große Liebe. Mercedes gibt's endlos viele, obwohl die sich für eine Stadt wie San Francisco beinahe zu preußisch, zu staatstragend geben. Da passen schon eher die Volvo – nicht nur Kombitypen der 60er und 70er, sondern auch der Schneewittchensarg und seine Coupé-Vorläufer ohne Glastür im Nacken.Und Saab natürlich, in allen Stadien des Zerfalls. Früher, in den 50ern, gab es in San Francisco sogar einen DKW-Klub. Und Borgward fand kalifornische Liebhaber für seine Isabella, unterhielt einen großen Schauraum auf der Van Ness Avenue. Hauptsache, anders – das muss beim Autokauf in dieser Stadt ein gängiges Motto gewesen sein. Das Straßenbild zeigt es noch heute, und zwar fast ohne Einschränkungen. Umweltzonen, Smogplaketten, Fahrverbote wie in Deutschland? Undenkbar. Die Alltagsfahrer von San Francisco sind stattdessen ungehalten darüber, dass junge Klassiker ab 1976 den Smog-Test bestehen müssen – und häufig daran scheitern. Für ältere Autos gibt es dagegen freie Fahrt. Sofern sie die Steigungen schaffen.
Manche Straßen sind so steil, dass man beim Aussteigen mit dem Gleichgewicht kämpft. Allein das Parken: Wenn das Auto quer zur Straße steht, hat man Sorge, die Tür ins Schloss fallen zu lassen – der Wagen könnte sich überschlagen. Das war die einzig mögliche Kulisse für Frank Bullitt. Steve McQueen spielte 1968 diesen Lieutenant, der zehn Film-Minuten lang zwei Gangster jagt. Er im Ford Mustang Fastback, sie im Dodge Charger. Das Ende im Feuerball ist Filmgeschichte. Szenen wie diese kann es nur in San Francisco geben: Von oben stürzt Bullitts Mustang in die Tiefe, auf die erste Querstraße zu, die hochgeklappt wie eine Wand steht. Auf ihr schlagen die Federn brutal durch, radong-dong. Absprung zum Flug: Blick über die Bucht, auf Alcatraz, in den weiten Himmel. Bis zu 33 Prozent Steigung. Und 42 Hügel. Sicher, ein V8 samt Automatik meistert das lässiger als ein Käfer.
Dennoch sieht man oft die vertrauten Beetle, dazu viele Karmann Ghia und Überlebende der Typ-3-Sippe. Erstaunlicherweise sind sie häufiger als Vertreter des amerikanischen Auto-Mainstreams – luftgekühlte VW galten in Kalifornien als Zeichen des Protests. Alles, was sie mögen, haben sie sich in San Francisco erhalten. Die Cable Cars zum Beispiel, diese einzigartigen, seilgezogenen Anachronismen des öffentlichen Personennahverkehrs. Seit 1873 machen sie ihren Job. Und treffen zwischendurch auf neuere Straßenbahnen. Neuer heißt: rund 60 Jahre, mindestens. Die älteste stammt aus dem Jahr 1895 – auch sie ist einsatzbereit. San Francisco leistet sich das Vergnügen, auf zwei Linien echte Klassiker einzusetzen. Die knapp 80 historischen Straßenbahnen stammen unter anderem aus Hamburg, Moskau, Osaka, Melbourne und Mailand. Alles, nur nicht konformistisch: Wenn in Amerika die Boheme je eine Heimat fand, dann in San Francisco. Auf den Straßen sieht man es.
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