Oldtimer mit Patina

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Oldtimer mit Patina

— 08.02.2010

Das Jahr der Ratte

Sie sind schlau, mutig und wahre Überlebenskünstler. Ratten genießen in Asien ein hohes Ansehen. Bei uns werden sie gejagt: auch vom TÜV. Der interessiert sich besonders für die Spezies der vierrädrigen Ratte. Eine scheue und exotische Art.

Sie tragen kein Make-up, verzichten auf Politur und meiden Waschanlagen. Sie sehen aus wie Kate Moss nach einer Koksparty. Autos, die Gesichter machen wie Helge Schneider. Vom Leben gezeichnet, traurig, komisch, aber immer unglaublich – lässig. Mit dem Effekt, dass alle hingucken. Mehr als bei makellosen Schönheiten. Auto-Ratten unterliegen einem natürlichen Alterungsprozess. Mit 50 sehen sie aus wie 50. Und nicht, als ob sie grad frisch vom Lackierer kommen. Mit Botox statt Benzin im Tank. Diese Ratten sind der Gegenentwurf zu keimfreien Concours-Stücken, deren Besitzer mit Q-Tips das Gras aus Reifenprofilen kratzen. Stattdessen wächst in ihren Lüftungsschlitzen Moos. Klingt schräg, ist aber unglaublich sympatisch. Und clever: Weil diese Autos gelassen machen. Kratzer geben nur mehr Charakter. Beulen sind Prunk statt Pest Durch diese gehörige Portion Pragmatismus sind Ratten als Stilrichtung in den USA entstanden. Flicken, um zu fahren – das ist die Idee dahinter. So machten sie nebenbei Hollywood-Karriere. In Filmen wie Mad Max oder Death Proof spielen Ratten Hauptrollen. Ebenso wie im asiatischen Glauben. Buddhisten verehren Ratten als mutige schlaue Tiere – was super zu den Autos passt. 2008 ist das Jahr der Ratte. Nicht nur in China, sondern auch bei uns.

Die Wanderratte: Christian Hellwig und sein VW Bus

Wie sehr ein kleiner Kratzer doch schmerzen kann. Christian Hellwig hätte er beinahe umgebracht vor Wut. Diese kleine, miese, oberflächliche Furche hat tiefe Spuren hinterlassen. Nicht nur im Lack seines Käfer. Danach schwor er: "Nie wieder ein gutes Auto!" Ein gutes Auto ist für Christian ein makelloses Auto. Mit blitzblank lackiertem Blech, natürlich beulenfrei, Sohnemann-Schnösel-Stil. Mit der Technik hat das nichts zu tun. Denn die ist bei seinem jetzigem Wagen, einem VW T1, ebenfalls top. Mit dem Unterschied: "Wenn man mit dem in eine Hecke fährt, bekommt der nur mehr Charakter".

Ratten im Rudel: Besuch auf dem Zeltplatz eines Tuningtreffens!

Achtung, Busverkehr: Die T1 Pritsche kaufte Christian Hellwig vor fast fünf Jahren im Internet.

Seine Pritsche fand Christian im Internet inseriert. "Weil ich der Einzige war, der im Mailkontakt Bitte und Danke sagte, habe ich den Zuschlag bekommen". Manieren hat er, stimmt schon. Das Hemd frisch gebügelt, sogar die Jeans. Und als sein damaliger Chef ihm den Autoteile-Laden in Lübeck anvertraute, weil er an einer seltenen Blutkrankheit litt, machte Christian auch das. So wie ihn wünschen sich Väter ihre Söhne. Wahrscheinlich wünschen sie ihnen aber andere Autos. Nicht diesen tiefergelegten Hardcore-Bulli in Samtgrün. Mattiert mit Einschusslöchern drin. "Kinder haben mit dem Kleinkaliber darauf geschossen. Das Auto hat schon was erlebt." Seit 2003 besitzt der 29-Jährige die Pritsche. Vier Jahre stand sie dann in seiner Halle, erst kurz vor dem diesjährigen VW-Maikäfer-Treffen in Hannover erneuerte er die komplette Elektrik. Literweise Kaffee und laute Musik halfen ihm, den Wagen noch rechtzeitig fertigzustellen.

Genau um 23 Uhr lief alles, sieben Stunden später rollte die Pritsche auf die A1 Richtung Hannover. Von Lübeck bis zum Messegelände im Süden der Landeshauptstadt sind es etwa 185 Kilometer. Der Bus hielt. "Auf dem Treffen sind von dem ganz viele Fotos gemacht worden", erzählt Christian stolz. Damit der Bus von 1964 so alt aussieht, wie er ist, bearbeitete er ihn mit einem Mattierungsschwamm.  "So eine Art Ako-Pads". Neu sind einige Bleche, Scheibenbremsen rundum statt der zeitgenössischen Trommeln, Bremskraftverstärker. "Durch die Ladefläche bin ich durchgefallen." Nur der Tresor stoppte ihn. So nannten Bulli-Fans das Staufach unter dem Ladeboden. "Da kann man prima drin pennen." Zum Beispiel, wenn der 44-PS-Motor partout nicht mehr anspringen will. Obwohl – das ist unwahrscheinlich. Denn der 1,5-Liter-Boxer schnattert jugendlich wie nach einer Frischzellenkur. So wird Christian bestimmt vor tiefen Seelenkratzern bewahrt.

Technische Daten VW T1 Pritsche Vierzylinder-Boxermotor • Hubraum 1493 cm3 • Leistung 32 kW (44 PS) bei 4000/min • maximales Drehmoment 102 Nm bei 2000/min • Vierganggetriebe • Länge/Breite Höhe 4290/1750/1910 mm • Radstand 2400 mm • Spurweite vorn 1375/hinten 1360 mm • 4 Scheibenbremsen • Leergewicht 1085 Kilogramm • Zuladung 985 kg • Ladefläche 4,2 m2 • Höchstgeschwindigkeit 95 km/h • Verbrauch 9,7 l /100 km

Die Stadtratte: Patrick Nix und sein Opel Kadett B

Patrick fährt mit seinem Kadett täglich zur Arbeit. Die gelben Zusatzscheinwerfer sind nachträglich montiert.

Es ist leicht, über Patricks Kadett B Witze zu reißen. Und für Patrick ist es schwer, sie nicht persönlich zu nehmen. "Der taugt doch nix", "Der kann nix", "Von nix kommt nix". "Ich kenn' sie alle", winkt Patrick ab und schnippt mit Daumen- und Zeigefinger seine Zigarettenkippe weg. Scherze, die immer wieder um seinen Namen kreisen: Patrick Nix. Wie wärs denn mit dem? Fast nix (haha!) gekostet hat der Kadett B, Bj. 1972. Für den Preis zweier Konzertkarten kaufte er ihn von einer Bekannten. Das war im November 2007, als keiner wusste, von welcher Seite sich das nächste halbe Jahr geben würde. Der Kadett B kennt alle Winter, die zähneknirschenden und die Treibhauswinter. Vom härtesten erzählt das Dach. Wie eine Eisenbahn-Miniaturlandschaft liegt es da, Modell: Siebengebirge. Mit vielen Höhen, noch mehr Tiefen. "Eisschollen", erklärt Patrick knapp und zündet sich wieder eine Kippe an. Diese Spuren wollte er den Sommerautos Rekord C und Commodore B ersparen, seiner Seele auch.

Der Kadett B kennt alle Winter, die zähneknirschenden und die Treibhauswinter.

Andere Menschen tauschen im Mai ihre Jacken aus, Patrick seine Autos. Außer dem roten Kadett fährt er seit zehn Jahren noch einen mattschwarzen Kadett. Das gleiche Modell. "Ja, ich bin leicht Opel infiziert", gesteht der 32-Jährige Hamburger. Und das kam so: "Als Kind habe ich mir den Arsch auf den Kunstledersitzen des Rekord Sprint und Manta B meines Vaters verbrannt. Das ist hängengeblieben." Zu seinen beiden Kadett pflegt er ein pragmatisches Verhältnis. Nichts findet Nix schlimmer als polierte Autos, die anfangen zu gammeln. Deshalb tut er nix (Tschuldigung!), um den 60-PSKadett optisch aufzumotzen. In den Lüftungsschlitzen warten Moospolster, dick und saftig wie im Wald. Im Innenraum hängt der Dachhimmel in Fetzen, ein blaues Kettchen der Vorbesitzerin baumelt am Innenspiegel. "Der Wagen sieht aus, als hätte ich ihn im Wald gefunden. Das finde ich geil". Aber er fährt, als käme er frisch von der Hebebühne. Rundum überholt, Bremsen ausgebessert, drei neue Bleche reingeschweißt. Der Motor war mit 70.000 Kilometern für einen Opel gerade gut eingefahren. 60 PS haben mit 730 Kilo leichtes Spiel. Durch den Hamburger Freihafen fährt Nix mit der Leichtigkeit einer Ballerina. Große Geschmeidigkeit in den Kurven, viel Disziplin auf der Geraden. So cruist der Automechaniker jeden Tag zur Arbeit. Patrick würde seinen Fahrstil etwas deftiger beschreiben: "Race now, Apocalypse later". Dieses Motto schrieb er unter die Motorhaube. Kein Witz.

Technische Daten Opel Kadett 1200 S Vierzylinder-Reihenmotor • Hubraum 1196 cm3 • Leistung 44 kW (60 PS) bei 5400/min • maximales Drehmoment 88 Nm bei 3400/min • Vierganggetriebe • vorn Doppel-Querlenker, 2 Blatt-Querfeder/hinten Starrachse, Längslenker, Schraubenfedern • vorn Scheiben, hinten Trommelbremsen • Reifen 155 SR 13 • L/B/H 4105/1573/1400 mm • Leergewicht: 805 kg • 0–100 km/h 17,0 s • Spitze 140 km/h

Die Laborratte: Tina Lechner und ihr Karmann Ghia

Es passt nicht zusammen, so ganz und gar nicht. Wir sehen: eine Rostlaube mit abgeblättertem Lack. Mindestens vier Schichten. Orange war die Karosserie, auch mal blau, creme und weiß. Bis der Besitzer den Karmann Ghia im Garten parkte und aus seinem Gedächtnis löschte. Wie ein verlegtes Paar Socken. Und dann ist da noch die andere Seite: perfekte Technik, geschmacksicheres Tuning mit Weber-Doppelvergasern, Fünfloch-Bremsanlage und tiefergelegter Karosserie. "Wir haben den Wagen im Internet gefunden(www.thesamba.com) und einfach dem Bild nach entschieden", erzählen Tina Lechner (28) und ihr Freund Sven (38).

Tina Lechner (28) kaufte den Wagen für 2000 Dollar in den USA.

Gemeinsam surfte das Pärchen aus Itzehoe im Worldwideweb nach alten Karmann Ghia, Tinas Traumwagen. Fündig wurden sie in den USA, Sunshine-State Kalifornien. Das Mini-Bild im Internet zeigte einen zugewachsenen Typ 14 mit zarter, harmloser Rostbräune. Für Karosseriexperten so einfach zu entfernen wie Sonnenmilch. Aber warum nur? "Der Wagen brauchte über 30 Jahre, um so zu werden", schwärmt Tina. "Der erzählt eine Geschichte". Viele Kapitel sind leider weiß, weil nicht überliefert. Der Kauf lief anonym übers Netz, anschließend schaltete Sven einen Mittelsmann für die Überführung ein. Die Geschichte des Karmann von 1956 beginnt offiziell 2005 nach zwei Vorbesitzern: sein drittes Leben. Von einem Holzgerüst gestützt, in einer Kiste verpackt, landet der Oldtimer im Container-Hafen Bremen. Kopfschüttelnd begrüßt ein Lagerarbeiter den Wagen: "Wie kann man sich nur so was kaufen?" Aus der Holzkiste krabbelte eine schwarze, fette Spinne. "Ich liebe solche Autos", sagt Sven. Autos, die andere Menschen verzweifelt zum Schrott fahren würden.

Um den 1,8-Liter-Motor einzufahren, darf der Karmann momentan nicht höher als 4000 U/min drehen.

Bei Tina und Sven genießt der Karmann den Status "Sonntagsauto". Nur zu besonderen Gelegenheiten holen sie ihn raus. Dazu gehören VW-Treffen wie das der Luftgekühlten im belgischen Spa. "Die Leute haben sich in den Sand geschmissen, um den Wagen zu fotografieren. Die Optik ist einfach einmalig." Auch der Motor. Der klingt dumpfheulend wie ein Höllengerät. Statt der üblichen 30-Käfer-PS leistet der Karmann durch Hubraumvergrößerung etwa 90. "Der ist noch in der Einfahrphase". Sein Autometer mit Shift-Light wärmt sich gerade noch im unteren Drehzahl-Drittel auf. Irgendwann soll der Karmann auf die Viertelmeile. Auch, wenn das gar nicht zu seiner Optik passt.

Technische Daten Karmann Ghia Luftgekühlter Vierzylinder-Reihenmotor • Hubraum 1776m3 • zwei Ventile pro Zylinder • Leistung 66 kW (90 PS) bei 4800/min • maximales Drehmoment 130 Nm bei 4100/min • manuelles Vierganggetriebe • vorn Bundbolzenachse / hinten Pendelachse • vorn Scheiben-/ hinten Trommelbremsen • Reifen vorn 165/50 R 15, hinten185/ 65 R 15 • Leergewicht 880 kg • L/B/H 4140/1634/1330 mm

Die Landratte: Bernd Volkens und seine Heckflosse

Oskar aus der Mülltonne? Nein, der Mann heißt Bernd. Und ist stolzer Besitzer eines rattenscharfen W 110.

Als die Entscheidung fiel, saß Bernd Volkens in einem schwedischen Schnellrestaurant an der E 45 zwischen Stockholm und Arjeplog und biss in einen billigen Burger. Handyklingeln, drei Kumpels aus Deutschland am Apparat. Bierselige Stimmung am anderen Ende der Leitung. Und die Frage: "Kopf oder Zahl?" "Beim Münzwurf habe ich meine Mercedes Heckflosse gewonnen", erzählt Bernd, der im Service-Ressort von AUTO BILD arbeitet. Es war Januar, arschkalt, und die Raststätte gemütlich wie ein Operationssaal. "Ich hab auf Kopf gesetzt. Kopf kam. Wahnsinnig habe ich mich gefreut. Meine Kumpels hätten den Münzwurf ja auch türken können". Oder den Vertrag nach ausgeschlafenem Rausch einfach annullieren. Alles schon dagewesen – wie Britney Spears Promille-Blitz-Ehe im Spielerparadies Las Vegas beweist. Aber wer wie Bernds Freunde aus Dithmarschen kommt, kennt keine Starallüren. Da gilt: ein Wort, ein Handschlag, ein W 110.

Flossen-Flair: Zu den besonderen
Merkmalen des 190er Diesel gehören Kullerscheinwerfer und
die einfache Stoßstange.

Der stand bis dahin in einer Scheune, umgeben von Futtertrögen, Kartoffelmaschine und einem Massey-Ferguson-Trecker. Nahne, sein Vorbesitzer, hatte irgendwie die Lust am 190er verloren. Und Bernd war schon lange scharf auf die Kurzflosse mit legendärem OM621-Vierzylinder. Ein typischer Taxi-Motor, eigentlich: DER Taximotor. Coole Jungs konnten rechts den Vorglühknopf ziehen und während der Dieselgedenkminute mit der linken eine Drum-Zigarette drehen. Bis der sogenannte "Salzstreuer" rot glimmte. In den ersten Minuten läuft der 55 PS-Vorkammer-Diesel geräuschvoll wie ein Kind mit Keuchhusten. Im Cockpit knistert das Gebläse. Hart und schmal liegt das weiße Lenkrad in den Händen, zart der Schalthebel daneben. Der Auspuff zittert, als wolle er jeden Moment abfallen. Bernd will den mattschwarz gerollten Mercedes so lassen. Selbst der durchgerostete Schweller auf der Fahrerseite stört ihn nicht. Der gehört zum Ratten-Style. Und zum Alter von mittlerweile 45 Jahren.

Flosse fahren bezeichnet Bernd als "eine Zeitreise". Auch in die eigene Vergangenheit. Denn sein erster Oldtimer war ebenfalls eine Flosse, ein später 200er-Diesel aus den wilden 60ern. In Blau und schöner als all die Rosteimer, die seine Kumpels damals fuhren. Gefrickelt wurde, bis der TÜV das Okay gab. Dann stand er "schier" da, wie Dithmarscher sagen. Ein Lob, das soviel bedeutet wie: mehr geht nicht. Da hat einer alles richtig gemacht.

Technische Daten Mercedes- Benz W 110 Vierzylinder-Vorkammerdiesel • Hubraum 1988 cm3 • Leistung 40 kW (55 PS) bei 4200/min • maximales Drehmoment 113 Nm bei 2400/ min • Vierganggetriebe • vorn Doppelquerlenkerachse, Schraubenfedern, Stabi/hinten Eingelenk-Pendelachse, Schubstreben, Schraubenfedern • vorn Scheiben-/hinten Trommelbremsen • L/B/H 4370/ 1795/1495 mm • 0–100 km/h 29,0 s • Spitze 130 km/h • Verbr. 9,0 l D

Autor: Margret Hucko

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