Bilder: Opel Kadett B Rallye

Opel Kadett B Rallye

— 14.05.2012

Liebling der Vorstadt

Der Kadett B ist ein Kumpel-Typ. Einer, der mit allen kann. Als Rallye haben wir ihn heute am liebsten. Aber er bleibt, was er immer war: einfach nur ein Opel, ein kleiner Renner ohne Allren.

Kompliziert war er nie, der Kadett B. Mavoll war er und immer nur so modern wie ntig. Nie fordernd, stets gebend. Ein Volkswagen im besten Sinne, aber eben einer von Opel selbst dann noch, als sie krawallig "Rallye" dranschrieben (unbedingt deutsch aussprechen: Ralli, niemals Rllie sagen) und aus dem braven Kfer-Konkurrenten ein Auto mit Herzschlag machten. Und wenn es denn einen Vorlufer der GTI-Klasse gab: Der Opel wars! Zehn Jahre vor dem Golf brachte der Kadett viel Leistung fr wenig Geld unters Volk. Sicher, es gab Glas 1304, BMW 1600-2 und NSU TT, doch erst der Rallye Kadett machte eine Massenbewegung daraus. ber 100.000 Stck bauten sie in Bochum bis 1973. Im brgerlichen Breitensport war Opel auf Jahre hinaus eine Macht. Nicht selten trug den Rallye Kadett allein seine unbedingte Zuverlssigkeit ins Ziel.

Als es noch keine GTI-Klasse gab, hie der Traum junger Leute Rallye Kadett.

©M. Gloger

Typisch. Damals, 1966, wirkte er wie ein Weckruf! Wie eine Verheiung! Wie eine Provokation! Opel lie die Hosentrger schnalzen und zog den Riemen des Rmer-Helms fest. Selbst im Pressetext. Angesichts der auf nationaler und internationaler Bhne eingefahrenen Rennerfolge "wnschten sich viele Sportfahrer eine heie Variante des Kadett, die ihnen gestattet, gegen hubraummig strkere Konkurrenz anzutreten". Mit dieser Denkweise lehnte sich das Management weit aus dem Fenster: Leistung fr alle, nicht nur fr die Gutverdiener. Gleich traten Bedenkentrger auf die Bremse, fragten, "ob es tunlich erscheint, leichtgewichtige Autos mit so hoher Leistung fr relativ wenig Geld unters Volk zu streuen". Ja, wirklich, Ende 1966 reichten 1,1 Liter Hubraum und 60 PS in 780 Kilo Kadett noch aus, um als Brandstifter aufzutreten. Dazu passte es, dass es den Rallye Kadett nicht als vernnftige Limousine oder praktischen Kombi gab. Bis zum Schluss wurde er nur als Coup gebaut, nie in gedeckten Farben lackiert, immer mit Rallye-Streifen und ohne Radkappen ausgeliefert.

Der mit dem Golf tanzt: Opel Kadett GSi Cabrio

Silberstreif am Horizont: Der Rallye Kadett half dem Opel-Image auf die Sprnge, die Kunden liebten ihn.

©M. Gloger

Die Signalwirkung war da: Opel traute sich was. Es durfte getrumt werden. Auch intern. Als die Optik feststand, spielten selbst die Designer mit Tuning-Kits herum leider schafften es Fcherkrmmer, Weber-Vergaser, Sportfahrwerk und Breitreifen nie in die Serie. Ein Kadett ist ein Kadett und bleibt immer ein Kadett und das macht ihn erst recht liebenswert. Auch als Rallye Kadett und selbst als Rennwagen, der im Jahr 1968 in Hnden von Privatfahrern bei 238 Veranstaltungen unglaubliche 222 Klassensiege, 345 Gold- und 287 Silbermedaillen errungen hat, bleibt so ein Typ auf dem Boden der Tatsachen. Der Kadett B ist ein Sinnbild dafr, wie und warum Opel erfolgreich und beliebt wurde. Er ist immer genau so, wie ihn sich sein Fahrer wnscht: einfach, adrett, praktisch, chic oder wild, aber niemals berkandidelt. Immer passen vier Leute rein, und auch beim Coup mit Rallyestreifen hat der Kofferraum Mittelklasse-Format, mindestens. Und ganz egal ob auf dem Heckdeckel der nackten 45-PS-Basis- Limousine nur Kadett steht oder unter der Motorhaube des aufgebrezelten, viertrigen Schrgheck- Olympia der 1700er mit 75 PS schnarrt: Dieser Opel ist ehrlich, nie kompliziert, stets einsatzbereit und berechenbar.

Opel in alter Gre: Kapitn und Admiral

Geschlitzte Lenkradspeichen, imitiertes Holz, Knppelschaltung, viel Kunststoff und wenig Komfort.

©M. Gloger

Klingt langweilig? Nein, es ist beruhigend! Rauchverbot, Umweltzonen, freiwillige Helmpflicht? Ende der frisch frisierten Sechziger Jahre wren solche Zukunftsspinnereien noch nicht einmal in Hobby, dem Magazin fr Technik, diskutiert worden. Die Einfhrung von Luftkissenautos auf breiter Front schien wahrscheinlicher. Nein, als Deutschland am Wochenende zum Motorsport anstatt zum Grillen ging, sahen die lssigen jungen Autos am Rande der Bergrennstrecke aus wie die Rallye Kadett auf der Strecke. Rennsport war hip. Mehr noch als andere Klassiker transportiert so ein wild gemachter Opel deshalb jede Menge Zeitgeist, Unvernunft und Naivitt. Und das Schnste an ihm ist, dass er sich nicht allzu ernst nimmt. Weder mit munteren 60 noch drehmomentstarken 90 PS hlt sich ein Rallye Kadett fr einen Sportwagen, das unterscheidet ihn von artverwandten Typen wie Simca Rallye 2 oder einem VW-Porsche 914 mit 80 PS. Er trgt zwar dick auf und tut halbstark, aber im Grunde ist er ein ganz vernnftiger Kerl, der fr Langstrecke, Alltag und Familie taugt. Und ganz nebenbei auch kein Vermgen kostet so einen Typ muss man lieben. Auch dann, wenn er keine Rallyestreifen trgt.

Seine schwache Seite

Sein groer Erfolg war seine groe Schwche, und so kann man dem Kadett B kaum vorwerfen, dass ihn vorherige Generationen einfach totgeliebt haben. Sie haben ihn hart rangenommen bis zum Schluss. Unter der Woche auf dem Weg zur Arbeit und am Wochenende auf Asphalt und Schotter. Ein Besitzer nach dem anderen, jeder ein bisschen gleichgltiger. Korrosion war nur eine Frage der Zeit, und als die rostanfllige Karosserie in Fetzen hing, fuhr die unzerstrbare Technik den Rest aus eigener Kraft zum Schrott. Wer hebt schon einen Kadett B auf?! Es braucht keine Opel-Vergangenheit oder ausgeprgte Markentreue, um sein Herz an den Kadett B zu verlieren. Die schlanke Form, die solide Technik, der hohe Praxisnutzen und die groe Seltenheit vieler Kadett-Versionen schlagen unterschiedlichste Saiten in uns an. Auch das Fahrverhalten ist berraschend agil, beim kleinen 1100er sogar noch ausgeprgter als beim starken Rallye 1900. Im Ernst: Sogar berzeugte Kfer-Fahrer und Porsche-Piloten knnen sich im Kadett wohlfhlen. Sein unbekmmertes Wesen und die unprtentise Art machen ihn zu einem Glcksbringer. Und diese Gabe haben wirklich nicht viele Autos.

Technische Daten

Die kleine "Nhmaschine" rhrte dank gelochter Luftfilter wirklich wie ein Groer.

©M. Gloger

Opel Rallye Kadett 1100 SR Motor: Reihenvierzylinder, vorn lngs untenliegende Nockenwelle, ber Kette angetrieben, zwei hngende Ventile pro Zylinder zwei Fallstrom-Vergaser Solex (35 PDSI) Hubraum 1078 ccm Leistung 44 kW (60 PS) bei 5200/min max. Drehmoment 83 Nm bei 4400/min. Antrieb/Fahrwerk: Viergangschaltgetriebe Hinterradantrieb Einzelradaufhngung, vorn mit Doppel-Querlenkern und Querblattfeder, hinten Zentralgelenk-Starrachse und Blattfedern (ab August 1967: hinten Lngslenker, Schraubenfedern, Panhardstab) Scheibenbremsen vorn, Trommelbremsen hinten Rder/Reifen 5 J x 13 mit 155 SR 13. Mae: Radstand 2416 mm L/B/H 4182/1573/1405 mm Leergewicht 780 kg. Fahrleistungen/Verbrauch: 0100 km/h in 17 s Spitze 140 km/h Verbrauch 10,5 l S pro 100 km Neupreis: 7115 Mark (1966).

Historie

Im Herbst 1965 lst der Kadett B seinen Vorgnger "A" ab, am 11. Oktober 1966 verlsst in Bochum bereits der einmillionste Kadett B das Band. Gut drei Wochen spter beginnt die Fertigung des Rallye Kadett 1100 mit 60 PS starkem 1,1-Liter-ohv-Vierzylinder. Nach den Werksferien 1967 wird die Modellreihe durch den Rallye Kadett 1900 erweitert: Sein 1,9-Liter-cih-Motor (90 PS) stammt aus dem Opel Rekord C. Neben dem Coup L ("Kiemen-Coup" wegen der Sicken in der C-Sule) bietet Opel nun auch das Coup LS ("Coup F", breite C-Sule) an als Kadett Limousine oder Caravan gibt es die Rallye-Version nie zu kaufen. Das Kiemen-Coup fllt 1970 aus dem Programm, gleichzeitig erweitern Rallye 1200 S (1196 ccm, 60 PS) und Rallye 1900 Sprint (1896 ccm, 106 PS) das Angebot. Mit dem vom Rekord C Sprint bernommenen 106-PS-Motor baut Opel seine Vormachtsstellung in der seriennahen Gruppe 1 weiter aus. Am 31. April 1971 luft der 100.000. Rallye Kadett vom Band, bis Sommer 1973 werden 103.662 Stck gebaut. Letzter Rallye-Kadett ist der Kadett C, den Opel 1978/79 als 1.6 S (75 PS) oder 2.0 E Rallye (110 PS) anbietet.

Plus/Minus

Echte Rallye Kadett der Baureihe B, egal ob 1100er oder 1900er, sind extrem selten, originale Fahrzeuge handelt die Szene unter Ausschluss der ffentlichkeit.

©M. Gloger

Auch wenn ein Rallye Kadett heute den Status eines Exoten geniet, ist er in der Tiefe seines Wesens immer ein Opel geblieben. Die Technik ist berschaubar konstruiert, gleichzeitig aber leistungsfhig und geradezu unwirklich zh. Vor allem die 1100er-Variante fhrt sich dank geringem Gewicht auf der Vorderachse zauberhaft leichtfig und unangestrengt, nie wirkt der drehfreudige Kurzhuber angestrengt oder berfordert. Vier Leute und Gepck fr acht passen auch noch in ein Kadett-Coup hinein, auerdem sind die Unterhaltskosten niedrig, und Neid erzeugt solch ein Kompakt-Opel nur unter Gleichgesinnten herrlich. So weit zur Habenseite. Das Soll ergibt sich aus der lausigen Verfgbarkeit originaler Rallye-Modelle, der Rostanflligkeit und knapp werdenden Teilen. Und selbst bei einem so seltenen Modell wie dem Rallye Kadett bersteigen die Restaurierungskosten noch immer den Marktwert.

Ersatzteile

Ersatz fr schadhafte Technik ist noch am einfachsten zu bekommen. Der Baukasten bei Opel war seinerzeit riesig, groe Teile der Mechanik liefen auch bei anderen Baureihen wie Ascona A, Rekord D oder spter im Nachfolger Kadett C, auerdem spuckten die Opel-Bnder in Bochum fast 2,7 Millionen Kadett B aus das hilft. Doch bei Blechteilen sieht es finster aus. Vordere Kotflgel sowie Tren sind vergriffen, gutes Chrom fast nicht zu bekommen. Spezifische Rallye-Teile wie Jod-Scheinwerfer, Zusatzinstrumente, Auspuffanlagen sowie Embleme sind lngst Mangelware.

Marktlage

Echte Rallye Kadett der Baureihe B, egal ob 1100er oder 1900er, sind extrem selten, originale Fahrzeuge handelt die Szene unter Ausschluss der ffentlichkeit. Ein restauriertes Note-1-Auto wie unser Foto-Objekt ist 11.300 Euro wert sagt die Liste im Frhjahr 2012. Zu dem Preis sofort kaufen! Falls Sie eins finden.

Empfehlung

Flexibel bleiben! Muss es partout ein Rallye sein? Wie wre es mit einem normalen Kadett B Coup? Oder ist die Luxus-Version Olympia mit 1,7- oder 1,9-Liter-Rekord-Motor eine Alternative? Ganze 28 Kadett und neun Olympia-Versionen je zwei Stufenheck, Fastback, Coup und Caravan-Modelle mit Motoren zwischen 1,1 und 1,9 Litern hlt die Generation B parat. Oder mal beim Kadett C gucken, da gab es neben dem Rallye ja auch noch den GTE.

Autor: Jan-Henrik Muche

Fotos: M. Gloger

Diesen Beitrag empfehlen

Anzeige

Automarkt

Finden Sie im Automarkt von autobild.de Ihren Gebrauchtwagen.

Bei autohaus24.de Neuwagen gnstig kaufen und Geld sparen.


Kfz-Versicherung