Opel Kadett C Coupé Berlinetta

Opel Kadett C Coupé Berlinetta

— 18.06.2014

Opulenter Opel

Anspruchsvolle Opel Kadett-Fahrer bestellten in den späten siebziger Jahren das Coupé mit Berlinetta-Ausstattung. Unglaublich, was damals noch zu den Luxus-Extras in einem Auto zählte.

Es gibt viele Gründe, die Siebziger zu lieben. Die Mode, ganz bestimmt die Musik und natürlich Autos wie das Opel Kadett C Coupé. Mit seinen klaren Linien und großen Fensterflächen trifft es damals haargenau den Geschmack der Kundschaft. Design-Chef Dave Holls und sein Team haben die sachliche Gestaltung der neuen Kadett-Generation mit einem Schuss Eleganz kombiniert. Dazu gibt es Platz für fünf und einen großen Kofferraum – das passt. Gemeinsam mit der eher biederen Limousine und dem praktischen Caravan rollt das Coupé 1973 auf die Bühne der internationalen Autowelt. Und das dürfen wir durchaus wörtlich nehmen: Der neue Kadett C ist das erste "Weltauto" der Geschichte – in Deutschland entwickelt, um auf allen Kontinenten zu fahren. Opel hat mit dem "Projekt 1856" das kompakte T-Car für General Motors auf die Räder gestellt. Heißt: Karosserie und Fahrwerk übernehmen die GM-Werke in aller Welt von Opel, bei Motor und Innenausstattung darf jedes Land selbst entscheiden.

Erst ab Herbst 1978 gab es eckige Scheinwerfer mit seitlichen Blinkern für alle C-Kadett. Hier sind sie noch ein Erkennungszeichen der Berlinetta-Version.

©H. Neu

Auf dem deutschen Markt sind die Voraussetzungen für die neuen Kadetten bestens. Die Bundesrepublik steht in voller Blüte, und das nicht nur wegen der Pril-Blumen, die viele Küchen zwischen Flensburg und Sonthofen verzieren. Die Wirtschaft brummt, die Löhne steigen, und die Arbeitslosenquote liegt bei lächerlichen 1,2 Prozent. Deutschland ist amtierender Europameister im Fußball und Rüsselsheim Deutscher Meister. Im Autobauen: Opel hat 1972 tatsächlich mehr Autos produziert als VW. Und jetzt kommt auch noch der neue Kadett. Schon der Preis macht das Coupé zum Luxusartikel. Mit 8880 Mark liegt er 1705 Mark über dem der zweitürigen Limousine. Zuerst gibt es das Coupé nur in einer Ausstattungsvariante, die der L-Version bei der Limousine entspricht. Wem die karge Serienausstattung nicht reicht, der kann sich bei den Extras austoben. Opel verdient gut daran, denn viele Kunden geben sich mit der Opel-typischen Zuverlässigkeit allein nicht mehr zufrieden. Sie wollen auch im Kadett ein bisschen vom Wohlstand spüren, der sich in Deutschland ausbreitet. Luxus wird immer mehr zur Selbstverständlichkeit. Folgerichtig nennt Opel die Basisausstattung beim Coupé ab Mai 1977 "Luxus". Der wahre Luxus-Opel für den nicht ganz so großen Geldbeutel heißt fortan "Berlinetta" beim Coupé und "Berlina" bei den anderen Modellen. 23.033 Berlinetta-Coupés baut Opel bis zum Produktionsende 1979. Eines davon gehört heute Markus Herber aus Hattersheim.
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Opel, da weiß man, was man hat

Das Coupé von seiner schönsten Seite: Mit seinem schrägen Heck hebt es sich wohltuend von Limousine und Caravan ab.

©H. Neu

Zugegeben, auch mit Top-Ausstattung ist das Coupé kein Auto für Angeber. Damals versteht man unter Luxus das, was über das absolut Notwendige hinausgeht. Zur Erinnerung: Wir reden von einer Zeit, in der sich die Kandidaten bei "Am laufenden Band" über Gewinne wie einen Toaster oder einen tragbaren Schwarz-Weiß-Fernseher freuen. So ein jamaikagelbes Coupé wäre ihnen bestimmt lieber gewesen. Die äußeren Erkennungsmerkmale seiner Topausstattung beschränken sich auf den Berlinetta-Schriftzug am Kotflügel, die seitlichen Schutzleisten mit PVC-Einlage, ein paar Chromleisten und den Sportspiegel auf der Beifahrerseite. Die serienmäßigen Vierspeichenräder sind bei unserem Fotowagen durch Fuchsfelgen ersetzt, die es ab Werk nur beim GT/E gab. Auch im Innenraum fällt der Luxus jener Zeit erst auf den zweiten Blick auf – jedenfalls aus heutiger Sicht. Zu den Extras von damals gehören die braunen Velourssitze und eine Scheibenwaschanlage mit elektrischer Pumpe und Intervallschaltung. Hat da gerade jemand gelacht? Dann ist er bestimmt kein Fahrer der Luxus-Version. Denn die mussten das Wischwasser noch per Fußpumpe auf die Scheiben befördern. Weitere Berlinetta-Extras: ein Schlingenteppich, ein Deckel fürs Handschuhfach und Ausstellfenster hinten. Als Gipfel opelscher Opulenz hat der Berlinetta eine Quarzuhr, die bei eingeschaltetem Licht beleuchtet ist. Ob Opels Werbestrategen den Spruch "Opel, da weiß man, was man mehr hat" wirklich ernst meinten, ist nicht überliefert. Sicher dagegen ist: Auch der Berlinetta lässt sich mit Extras wie einem Schiebedach für 465 Mark oder einem Blaupunkt Le Mans mit Verkehrsfunk für 287,57 Mark noch ein wenig "luxuriöser" aufpeppen. Das Fünfganggetriebe gibt es bei den kleinen Motoren grundsätzlich nicht. Für die 55 PS der 1,2-Liter-Maschine müssen vier Gänge oder die Dreistufenautomatik reichen.
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Die Schaltung lässt Sportfeeling aufkommen

Serienmäßig: das Vierspeichenlenkrad. Dieses hier, der Drehzahlmesser und die Zusatzinstrumente wurden später nachgerüstet.

©H. Neu

Wie fährt sich so ein C-Kadett? Besser als sein Vorgänger. Das liegt am überarbeiteten Fahrwerk und der Vorderachse vom großen Bruder Ascona. Mit nur 790 Kilo Leergewicht lässt sich das Coupé angenehm flott bewegen. Nicht ganz so schnell, wie es mit seiner kecken Bugschürze aussieht, aber schnell genug. Die 19 Sekunden bis Tempo 100 fühlen sich kürzer an, was am Getriebe liegen könnte. Der kurze Schalthebel flutscht nur so durch die Gassen und lässt ein bisschen Sportfeeling aufkommen. Die Vierzylinder-Nähmaschine ist immer zu hören, ihr unnachahmlicher Sound aber durchaus sympathisch. Der Motor scheint die akustische Übersetzung von "Opel, der Zuverlässige" zu sein, so vertrauenerweckend brummt er. Im Innenraum fallen die Kunststoffe auf – einfach, aber robust. Wie das ganze Auto. Die Velourssitze sehen noch immer kuschelig aus. Gemütlich statt sportlich, das gilt auch für die Federung. Das Fahrwerk käme mit mehr Leistung zurecht, obwohl der hintere Stabilisator fehlt. Sonst ist er Opel besonders wichtig: Bei den stärkeren Modellen wird explizit auf sein Vorhandensein hingewiesen. Die aufpreispflichtigen 175er-Reifen stehen dem Kadett ausgezeichnet und erlauben etwas höhere Kurvengeschwindigkeiten als die serienmäßigen 155er. Insgesamt macht das ganze Auto nach 36 Jahren und einer Komplett-Restaurierung einen äußerst fitten Eindruck.
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58 Modellvarianten im Angebot

Der 1.2N-Motor war für Normalbenzin ausgelegt und hatte mit 55 PS fünf weniger als der 1.2S.

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Eine Erfolgsstory wie aus dem Bilderbuch also? Keineswegs. Dass der Kadett C als Meilenstein in die Unternehmensgeschichte eingeht, ist keine Selbstverständlichkeit. Die große Euphorie zum Verkaufsbeginn 1973 bekommt schon bald einen herben Dämpfer. Die Ölkrise lähmt Deutschland mit autofreien Sonntagen und steigenden Spritpreisen. Erst fahren die Scheichs ihre Ölförderung runter, bald darauf Opel seine Auto-Produktion. Der erste ABBA-Hit von 1974 passt zur Situation – Opel erlebt sein Absatz-Waterloo. Selbst der spontan reaktivierte 40-PS-Sparmotor aus dem A-Kadett kann nicht verhindern, dass die Verkaufszahlen einbrechen. Dann kommt 1974 auch noch der Golf und lässt den Kadett mit Hinterradantrieb recht alt aussehen. Unverschämtheit! Zum Glück stabilisieren sich die Zahlen bald wieder. Auch, weil Opel 1975 mit dem Dreitürer Kadett City kontert. Inklusive dem Targa-Cabrio Aero bieten die Rüsselsheimer zu Spitzenzeiten konkurrenzlose 58 Modellvarianten für den Kadett an. Und so wird das Weltauto Kadett C am Ende doch noch ein Welterfolg. Allein in Deutschland baut Opel 1,7 Millionen Stück, davon 23.033 Coupés mit und 142.378 ohne Berlinetta-Schriftzug. Die letzten Opel Kadett C Coupés stehen im Juli 1979 bei den Händlern. Die ausländischen Kadett-Ableger halten etwas länger durch, in Brasilien bis 1994. Kurioserweise feiert der Kadett C noch ein kurzes Comeback. Von 1980 bis 1982 heißt er Opel Chevette und kommt aus England, allerdings nicht mehr als Coupé. Was Opel-Fans noch mehr schmerzt: Auch beim Nachfolger für die achtzigerf Jahre, dem Kadett D, verzichtet Opel auf ein Coupé. Noch ein Grund, die Siebziger zu lieben.

Technische Daten

Opel Kadett Coupé Berlinetta 1200 Motor: Reihenvierzylinder, vorn längs • seitliche Nockenwelle, über Rollenkette angetrieben, zwei Ventile pro Zylinder • ein Solex 35 PDSI Fallstromvergaser • Hubraum 1196 ccm • Leistung 40 kW (55 PS) bei 5400/min • max. Drehmoment 85 Nm bei 3400/min • Antrieb/Fahrwerk: Viergang-Schaltgetriebe • Hinterradantrieb • Einzelradaufhängung vorn an Doppel-Querlenkern, Schraubenfedern, Drehstab-Stabilisator, Teleskop-Stoßdämpfer, hinten Starrachse, Längslenker, Panhardstab, Schraubenfedern, Teleskop-Stoßdämpfer • Reifen 155 SR 13 • Maße: Radstand 2395 mm • Länge/Breite/ Höhe 4127/1580/1340 mm • Leergewicht 790 kg Fahrleistungen/Verbrauch: 0–100 km/h in 19 s • Spitze 142 km/h • Verbrauch 8,3 l pro 100 km • Neupreis: 11.073,88 Mark (1978).

Historie

Wenn es ein Berlinetta-Coupé sein soll, heißt es: Geduld haben und schnell zuschlagen.

©H. Neu

Von 1967 bis 1970 baut Opel den Olympia. Die Luxusvariante des B-Kadett gibt es als Limousine und Coupé. Der erste C-Kadett läuft im April 1973 in Brasilien als Chevrolet Chevette vom Band. Kurz darauf startet die Produktion in Bochum. In den USA gibt es das als T-Car bezeichnete Weltauto von GM als Opel by Isuzu, Buick Opel by Isuzu, Isuzu I-Mark und Chevrolet Chevette. Der Pontiac 1000 hat die gleiche Basis, aber eine andere Karosserie. In Japan heißt der Kadett Bellet Gemini und Isuzu Gemini, in Australien Holden Gemini. Weitere wichtige Modellbezeichnungen: Vauxhall Chevette (Neuseeland und Großbritannien), Chevrolet Chevette (Südafrika), Chevrolet Acadian (Kanada), Sehan Bird, Daewoo Maepsy, Shinjin Maepsy (Südkorea), Opel K-180, GMC Chevette (Argentinien), Aymesa Condor (Ecuador) und Grumett Sport (Uruguay). Das Coupé bleibt den USA, Japan, Australien, Ecuador und Deutschland vorbehalten. Insgesamt baut GM mehr als sieben Millionen T-Cars, 1,7 Millionen allein in Deutschland. Einen direkten Nachfolger hat das C-Coupé nicht. Erst im Jahr 2000 bietet Opel auf Basis des Astra G wieder ein kompaktes Coupé an.

Plus/Minus

Die Robustheit der Kadett-Technik ist legendär. Und wenn doch mal etwas kaputtgeht, können auch Bastler ohne großes Schrauber-Diplom viele Arbeiten selbst erledigen. Bei hohen Laufleistungen kann die Synchronisation des Schaltgetriebes schwächeln, und die Hinterachsen fangen an zu jaulen – viel mehr passiert in der Regel nicht. Erweiterte Kenntnisse im Schweißen sind auf jeden Fall hilfreich, denn Rost ist beim Kadett C ein ganz großes Thema. Wegen des Baukastensystems bei Opel passen auch Motoren anderer Modelle. Das macht den Kadett C seit jeher zu einem beliebten Tuning-Objekt. Gerade das Coupé wurde und wird gern seiner Optik entsprechend etwas stärker motorisiert. Gute originale Exemplare sind daher Mangelware. Wer seinen Kadett auch im Winter bewegen will, darf sich über die gute Heizung freuen.

Marktlage

Für den C-Kadett gibt es so gut wie alles, und zwar gebraucht oder neu. Das Angebot bei Teilehändlern, auf Teilemärkten oder auch in Internet-Shops und Opel-Foren ist reichlich. Von Klammern für Zierleisten bis zur Innenausstattung ist alles irgendwo zu haben. Allerdings ziehen die Preise langsam an. Das zeigt sich besonders bei neuen Original-Blechteilen. Ein Kotflügel kostet etwa 250 Euro, Türen 400 bis 600 Euro, Seitenteile um die 1000 Euro. Gesuchte Teile wie der Sport-Spiegel des Berlinetta sind mit etwa 400 Euro sehr teuer. Relativ günstig sind dagegen Lichtmaschinen, die es für 60 bis 100 Euro gibt.

Ersatzteile

Opel Kadett C gibt es noch reichlich. Coupés sind schon deutlich seltener. In Berlinetta-Ausstattung sind sie eine Rarität. Und im unverbastelten Originalzustand die absolute Ausnahme. Die Nachfrage liegt hier deutlich über dem Angebot, weshalb die Preise für Topexemplare sich der 10.000-Euro-Grenze nähern können.

Empfehlung

Wenn es ein Berlinetta-Coupé sein soll, heißt es: Geduld haben und schnell zuschlagen. Wem es eher um die Karosserieform als um die Ausstattung geht, der sollte ein normales Coupé nehmen. Denn seien wir ehrlich: Sooo viel besser ist die Berlinetta-Version nicht ausgestattet. Ein bisschen mehr darf es gern beim Motor sein. Der 1.6 S verbraucht zwar mehr, bietet aber auch bessere Fahrleistungen.

Autor: Michael Struve

Fotos: H. Neu

Stichworte:

Coupé

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