Opel Speedster Turbo

Opel Speedster Turbo Opel Speedster Turbo Opel Speedster Turbo

Opel Speedster Turbo

— 27.05.2014

Leichter Lotus-Klon

Seit mit dem Speedster der heißeste Opel der 2000er von uns ging, fehlt der Marke ein Traumwagen mit Sexappeal — die Serpentinenstraße zum Kultauto ist also frei für das Leichtgewicht. Zeit für ein Blitz-Date bei Windstärke 12.

Noch schnell die Kapuze ausklinken, zusammenrollen und hinter den Sitzen verstauen, dann kann’s auch schon losgehen. Oder auch nicht. Denn auf den Dreh am Zündschlüssel hin passiert – nichts. Ein paar bunte Warnlämpchen leuchten auf, doch der 200-PS-Turbomotor hinterm Cockpit bleibt stumm. Die Suche nach der Betriebsanleitung ist mühsam in einem Cockpit ohne Handschuhfach oder Türtaschen. Die Sache droht peinlich auszugehen, da fällt ein verchromter Knopf auf dem Armaturenbrett ins Sichtfeld — aha, der Speedster will wie ein Rennwagen geweckt werden! Sofort startet das Zweiliter-Spaßpaket, bekannt aus Astra Coupé Turbo und Zafira OPC, mit heiserem Röcheln. Hinterm winzigen Airbag-Lenkrad des Roadsters herrschen derweil Enge und Askese. Die Beschaffenheit verschiedener Fahrbahnbeläge lässt sich mit dem Opel Speedster lebensecht studieren — zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie ihren Chiropraktiker.

Insgesamt wiegt der Opel Speedster dank Alu-Chassis von Lotus und Glasfaserkarosserie nur 930 Kilogramm.

©U. Sonntag

Diesseits des Grenzbereichs ist der Speedster im Prinzip genauso leicht zu handhaben wie ein Corsa C. Nur dass er viel mehr Spaß macht: Anbremsen, Herunterschalten, den Scheitelpunkt der Kurve treffen, Herausbeschleunigen — herrlich. Enge Radien passen viel besser zum Wesen dieses Lotus-Klons als die überfüllte A 5, auch wenn er theoretisch 243 Sachen rennt. Der Opel wird hier zur anatomischen Erweiterung seines Fahrers. Der Opel Speedster Turbo sei "hart am Kart", schreibt AUTO BILD-Tester Jörg Maltzan zur Premiere und feiert den Roadster als "ultimative Fahrmaschine". Zehn Jahre danach fühlt sich diese neue deutsche Härte noch genauso bissig an. Nicht nur wegen der fest zupackenden AP-Rennbremsen. Biegungen sind Speedsters Grundnahrungsmittel: Er verschlingt sie, ohne dass sich irgendwann ein Völlegefühl einstellen würde. Und ja: Direkter lässt sich eine Sportwagenlenkung kaum wünschen. Was kaum verwundert, denn unter der kantigen Glasfaserhülle verbirgt sich Renntechnik — wer würde das damals von Opel erwarten, als Zafira der Erste der wichtigste Technologieträger des Hauses ist? Doch die Rüsselsheimer können einen Partner mit großem Namen anzapfen – und übernehmen das Aluminiumchassis der Lotus Elise für ihren neuen Imageträger. Die Jungs aus Hethel, Norfolk, gehören damals noch zum General-Motors-Konzern. Was liegt also näher, als das neue Spaßmodell in England montieren zu lassen?
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Viel Schub bei wenig Gewicht

Sein zackiges Kart-Handling erfüllt Sportfahrer/innen mit Freude.

©U. Sonntag

Und Opel kann einen nicht so arg teuren Traumwagen im Händler-Schauraum gut gebrauchen. Als die Opel-Ingenieure den Speedster zwei Jahre nach dem Debüt des 147-PS-Saugers mit dem OPC-Zweiliter-Turbo als Topmotorisierung spicken, sind die Autotexter voll des Lobes. Das Kraftmodell ist optisch sofort am deutlich vergrößerten Lufteinlass für den Ladeluftkühler auf der Beifahrerseite zu erkennen. Sein maximales Drehmoment von 250 Newtonmetern liegt schon bei 1950 Touren an, der Vierzylinder entfaltet seine Kraft dabei gleichmäßig, vom Turboloch fehlt jede Spur. So viel Schub in Verbindung mit einem Gewicht von 930 Kilo lässt die Opel-Werber im Pro- spekt ganz neue Sprüche drechseln: "Sir Isaac Newton definierte im 17. Jahrhundert die Kraft (N) in Beziehung zu Gewicht (kg), Strecke (m) und Zeit (s). Ohne seine bahnbrechende Erkenntnis wäre die Entwicklung einer konsequent gewichtsreduzierten Fahrmaschine für das 21. Jahrhundert schwer denkbar. Thank you, Sir Isaac." Aha. Doch Jahrhundert-Opel hin oder her: Speedster-Fahrer müssen damit leben, dass ihre Umwelt auf sie herabblickt, ständig und überall, während sie nur zwei Handbreit über der Fahrbahn hocken. Wer gern mal Verwirrung stiftet, genießt es dafür, wenn die süße Passantin mit den Musikstöpseln in den Ohren den nur 1,12 Meter hohen Opel für einen Ferrari hält und für zehn mal so teuer wie die 36.500 Euro, die Opel damals für einen Speedster Turbo aufruft. Wir, die Autoverrückten in der Unterstufe des Provinzgymnasiums, finden den nagelneuen Speedster nie uncool, und trotzdem würde ihn damals keiner auf seine Top-10-Traumwagenliste setzen. Schwester Elise schon.
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Fahrleistungen auf Supersportwagen-Niveau

Speedster-Fahrer müssen damit leben, dass ihre Umwelt auf sie herabblickt, während sie nur zwei Handbreit über der Fahrbahn hocken.

©U. Sonntag

Dabei ist der größte Makel des Speedster vor allem das glanzlose Image seines Markenemblems. In den 70ern, als böse Manta und Kadett GT/E durch die Träume der Führerscheinneulinge ballerten, hätte der Speedster eine andere Karriere haben können. Nur wenige kaufen einen Speedster, weil ihnen die Understatement-Idee des Flacharbeiters gefällt. Eigentlich paradox: Das Opel-Logo am kantigen Bug müsste uns ja eigentlich die Angst vor dem Klischee des kapriziösen Inselroadsters nehmen. Zudem meint es der Speedster schon als Sauger ernst, schließlich hat er deutlich mehr Bums als das Lotus-Original. Es liest sich märchenhaft: ein Youngtimer, so pflegeleicht wie ein Astra, mit Fahrleistungen auf Supersportwagen-Niveau, zum Neupreis eines Familienvans. Einer, der was kann und nicht nur so aussieht. Und der Einzige, der den Geist Colin Chapmans unter seiner Kunststoffhülle trägt und in allen Farben hinreißend aussieht, außer in Leasingsilber. Das finden auch Anna und Elisabeth, die beiden Rennmädels auf diesen Bildern. Am Fotoauto mögen sie vor allem das "Europablau". Dass er es in 4,9 Sekunden auf 100 schafft – Nebensache. Doch anstatt zu den ganz heißen Nummern auf dem Basar der Zukunftsklassiker zu gehören, fristet der Speedster ein Schattendasein. So lange, bis uns allen ein paar bunte Lichter aufgehen, wir kollektiv den Startknopf finden und ihn als das anerkennen, was er ist — der, sorry, geilste Opel aller Zeiten. 

Technische Daten

Hinter dem 200 PS starken Zweiliter-Turbo, der quer hinter den Passagieren sitzt, versteckt sich ein winziges Kofferräumchen.

©U. Sonntag

Opel Speedster Turbo Motor: Reihenvierzylinder, quer in der Fahrzeugmitte • zwei obenliegende Nockenwellen, Antrieb über Kette, vier Ventile pro Zylinder, elektronische Benzineinspritzung • Hubraum 1988 ccm • Leistung 147 kW (200 PS) bei 5500/min • max. Drehmoment 250 Nm bei 1950/min • Antrieb/Fahrwerk: Fünfgang-Schaltgetriebe • Hinterradantrieb • Einzelradaufhängung, vorn und hinten an doppelten Querlenkern, Schraubenfedern, Teleskopstoßdämpfer • Reifen vorn 175/55 R 17, hinten 225/45 R 17 • Maße: Radstand 2330 mm • L/B/H 3786/1708/1117 mm • Leergewicht 930 kg • Kofferraum 206 Liter • Tankinhalt 36 Liter • Fahrleistungen/Verbrauch: 0–100 km/h in 4,9 s • Spitze 243 km/h (Werk) • Verbrauch 8,5 l S pro 100 km • Neupreis: 36.500 Euro (2003).

Historie

Premiere feiert der Speedster 1999 auf dem Genfer Salon, im Jahr darauf steht er beim Händler. Die technische Basis bildet der Lotus Elise, beide Sportwagen laufen im englischen Hethel bei Lotus vom Band. Baugleich mit dem Speedster ist der VX220 der britischen Opel-Schwester Vauxhall. Der schnellste Opel der 2000er startet mit einem 2,2-Liter-Saugmotor und 147 PS, die Wartelisten sind lang. 2003 folgt der Speedster Turbo mit zwei Liter Hubraum und 200 PS, der 2.2 läuft aus. Die Tester sind euphorisch, während die Nachfrage stagniert. Der Opel Eco Speedster, eine Studie mit 1,3-Liter-Common-Rail-Diesel, stellt im Rahmen einer 24-Stunden-Fahrt 17 internationale Rekorde auf. Als der Motor kurz vor Schluss versagt, schieben ihn die Fahrer über die Ziellinie. Im Juli 2005 stellt Opel den Speedster nach 7207 Exemplaren ein. Er bekommt keinen Nachfolger. Erst 2007 bietet Opel mit dem GT auf Basis des US-amerikanischen Pontiac Solstice wieder einen zweisitzigen Roadster an. Der Motor des Speedster Turbo lebt im Lotus Europa S weiter. Der kleine englische Hersteller gehört heute nicht mehr zum General-Motors-Konzern.

Plus/Minus

Egal ob Sauger oder Turbo: Mit einem Opel Speedster können Sportwagenfans nicht viel falsch machen.

©U. Sonntag

Der Speedster ist eine reine Fahrmaschine, da unterscheidet er sich nicht von seiner britischen Schwester, der Elise. Auf kurvigen Bergsträßchen und Rennstrecken ist gegen ihn kein Kraut gewachsen – dank sensationellem Leistungsgewicht (4,7 kg/PS beim Turbo), ausgewogener Gewichtsverteilung und sehr straffem Fahrwerk. Allerdings ist er ein Spielzeug, nicht mehr und nicht weniger. Nicht mal für Wochenendtouren taugt der Porsche-Jäger mit dem Blitz am Bug, denn sein Kofferraum verdient den Namen nicht. Und hat der Opel die Kapuze auf, wird das Ein- und Aussteigen zur Akrobatennummer. Die wenigsten Speedster sind klapperfrei. Typische Schwachstellen sind neben klöternden Kabelbäumen undichte Lampengehäuse und erhöhter Ölverbrauch. Müssen Karosserieteile ersetzt werden, wird es schnell teuer: also Hände weg von Unfall-Speedstern.

Ersatzteile

Der Opel Speedster profitiert von seiner robusten Großserientechnik: Alles, was nötig ist, um den Motor gesund zu halten, ist vergleichsweise günstig zu bekommen, und zwar für Sauger und Turbo gleichermaßen. Schwieriger wird es bei Brems-, Fahrwerk- und Auspuffteilen oder wenn die Glasfaser-Karosserie Schaden nimmt – kurz: bei allen Komponenten, die speziell für den Speedster gefertigt wurden. Was die lokale Opel-Vertragswerkstatt nicht mehr liefert, lässt sich gut über Clubs oder im Internet auftreiben. Manchmal können auch Tuner helfen.

Marktlage

Vom verspoilerten Sauger im Flip-Flop-Lack für weniger als 15.000 Euro bis zum gepflegten Ersthand-Turbo für deutlich mehr als 25.000 gibt der Markt einiges her. Vor allem die Turbos sind oft leistungsgesteigert. Von solchen Tuningexemplaren raten wir ab, denn nur Originale behalten langfristig ihren Wert. Die Preistalsohle ist fast erreicht.

Empfehlung

Egal ob Sauger oder Turbo: Mit einem Opel Speedster können Sportwagenfans nicht viel falsch machen – außer ihr Chiropraktiker hebt warnend den Zeigefinger. Das größere Potenzial zum Klassiker hat das Topmodell, das in knalligen Lackierungen wie Mandarin oder Chagallblau garantiert der Hingucker bei der "Creme 21"-Rallye 2023 sein wird – und als Drittwagen bis dahin jede Menge Spaß macht.

Autor: Lukas Hambrecht

Fotos: U. Sonntag

Stichworte:

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