Allan Hill lebt in den Ruinen des Packard-Werks in Detroit

Packard-Werk in Detroit

— 19.06.2014

Leben in Trümmern

Das große Werk der Automarke Packard ist heute nur noch eine gruselige Industrie-Ruine. Im fahlen Schatten des einstigen Luxus-Glanzes lebt nur noch Allan Hill, ein ehemaliger Mitarbeiter der Firma. Wir gehen auf Endeckungstour!

Zum Beginn des 20. Jahrhunderts als modernste Autofabrik der Welt gebaut, sind die Packard-Werke heute nur noch eine apokalyptische Wüstenei.

Allan geht mit Gott, ich gehe lieber außen herum. In der Decke klafft ein riesiges Loch, an dessen Rändern einzelne Brocken herunterhängen. Das da über uns ist eine Beton-Asbest-Regenwasser-Pampe, zusammengehalten nur noch vom Zufall, und es scheint lediglich eine Frage der Zeit zu sein, bis alles herunterkommt. Ich laufe einen Bogen, Allan durchquert die Halle auf direktem Weg. Er hat das Grundvertrauen eines tiefreligiösen Menschen. Außerdem hat Allan Hill, 68 Jahre alt und geläuterter Alkoholiker, mit seinen blaugrauen Augen schon zu viel gesehen, um noch vor irgendetwas Angst zu haben. Allan führt ein Leben in Trümmern. 6540 East Palmer Avenue, Detroit, USA. Das klingt wie eine ganz normale Adresse, ist in Wahrheit aber die Postanschrift der Hölle. Das hier ist die gefährlichste Gegend der gefährlichsten Stadt der USA. In Detroit leben weniger Menschen als in Köln, aber es werden fünfmal so viele umgebracht wie in ganz Deutschland.

Der Niedergang der Marke Packard

So edle Autos wie dieses Packard Six Convertible Coupe Modell 2000 baute die Luxusmarke in den 30er Jahren.

Der Wohnsitz von Allan Hill liegt mitten in diesem Alptraum aus Gewalt, Drogen und Hoffnungslosigkeit: Allan lebt im alten Packard-Werk. Oder besser: in dessen Ruinen. Packard war in den 1920er-Jahren die dominierende Luxusmarke der USA, verkaufte mehr Autos als Cadillac und die anderen Konkurrenten zusammen. Aus dem Werk, das der im Hunsrück geborene Architekt Albert Kahn bereits 1903 gebaut hatte, kamen Nobelmodelle wie der Packard Six oder der Packard Eight. Nach dem Zweiten Weltkrieg konzentrierte sich das Management zunehmend auf Autos der gehobenen Mittelklasse, litt unter dem Verlust von Rüstungsaufträgen, verlor seinen Karosseriezulieferer Briggs an Chrysler und traf die fatale Entscheidung, mit dem selber kriselnden Hersteller Studebaker zu fusionieren. 1954 lief das letzte Auto in den Gebäuden rund um East Grand Boulevard, Concord Street und East Palmer Avenue vom Band. Die weiteren Packard, die bis 1958 noch gefertigt wurden, stammen aus einer Halle an der zehn Autominuten entfernten Conner Avenue sowie aus der Studebaker-Fabrik in Indiana.

Allan Hill war ein Packard-Mann

Das sind die fragwürdigen Besitztümer von Allan Hill – er kann einfach nichts wegschmeißen.

Allan Hill, ehemaliger Karosseriebauer, ehemaliger Lackierer, ehemaliger Promoter von Blues-Bands, richtete die Trümmer seines Lebens vor sieben Jahren in den Packard-Ruinen ein. Er hatte angefangen zu trinken, weil er das Leben, das den Normen entsprach, nicht mehr ertragen konnte. "Immer nur arbeiten, um Sachen zu kaufen und vor den Nachbarn gut dazustehen, das wollte ich nicht mehr." Aus dem Haus, das Allan Hill vorher gekauft hatte, musste er raus, als herauskam, dass es dem Verkäufer gar nicht gehört hatte. Also zog er in einige zusammenhängende Schuppen auf dem ehemaligen Werksgelände. Rechts neben seinem neuen Heim, das komplett eingestürzte Gebäude, da haben sie früher Automatikgetriebe gebaut. Und gegenüber, die Ruine, das war einst die Endmontage. Allans Schuppen selbst sind, in jeder Beziehung, überwältigend. Es liegt Schutt herum, Hunde laufen durch die Hallen, ihre Haufen stinken. Dazwischen ein Dodge Pick-up, ein alter Ford, ein Lkw, ein Gabelstapler, Eimer, Kabel, Gasflaschen, Reifen. Und ein silberner BMW 530i der ersten Serie. Der Deckel des Schiebedachs fehlt, der Kofferraum steht offen, die Motorhaube liegt nur auf, aber aus dem Auto ließe sich vielleicht etwas machen. "Werde ich später reparieren", sagt Allan, erst mal versucht er, mithilfe zweier Freunde aufzuräumen.

"Jesus ist der König!"

Allan Hill.

"Ich kann nichts wegschmeißen, aber jetzt muss sich endlich etwas ändern." Es war an einem Morgen, als Allan Hill, noch verkatert, einen Mann vor seinem Schuppen bemerkte. Allan vermutete einen Einbrecher, aber es war ein Pastor. Eigentlich wollte dessen Gemeinde nur etwas in Allans Schuppen lagern, doch nun sprach der Geistliche über Gott. Allan konnte damit nichts anfangen, bis der Pastor von Motorrädern erzählte und dass sie in der Gemeinde manchmal einen Biker-Gottesdienst abhalten. Damit konnte Allan etwas anfangen! Am Ende des Gesprächs, so erzählt es Hill, habe der Geistliche ihn gefragt, ob er Jesus als Erlöser akzeptiere. "Ich habe 'Ja' gesagt. In dem Moment war mein Kater weg." Allan sieht das als Erweckungserlebnis an. Immer sonntagmorgens um sechs fährt er die armen Seelen aus der Gegend mit einem Kleinbus der Kirchengemeinde zum Gottesdienst. Als draußen ein alter schwarzer Mann vorbeigeht, steckt Allan ihm einen Dollar zu und ruft: "Jesus ist der König!"

Mit einer Waffe zur Arbeit

Harold Jones, 52, ein Freund von Allan. Er arbeitet in einer kleinen Lackiererei in den verwitterten Hallen. Er kommt immer bewaffnet zur Arbeit.

Nachts schließt sich selbst der unerschütterliche Allan Hill ein, aber tagsüber ist aus einer der Hallen Musik zu hören. Allans Kumpel Harold Jones, 52 Jahre alt, arbeitet für den letzten noch laufenden Betrieb auf dem Gelände. Die "Chemical Processing Inc." lackiert hier Teile, unter anderem für Autofahrwerke. Mitten in der Halle hängt ein Schild: "Wir sind stolz auf unser Versprechen, uns immer zu verbessern." Kaum etwas könnte absurder wirken in dieser Umgebung. Seit 34 Jahren macht Harold diesen Job, inzwischen meistens allein, und er erinnert sich noch, wie es früher war. "Ich bin hier groß geworden, es war mal eine ganz normale Gegend. Heute ist es schwierig geworden, wir schaffen es einfach nicht, die Kriminellen draußen zu halten. Fast jede Nacht werden die Stromleitungen geklaut." Harold kommt morgens mit einer Waffe zur Arbeit und hofft, dass er irgendwann wegkann: "Ich muss weitermachen, bis mein Boss mich hier rausholt."

Keine Zukunft?!

Oder bis vielleicht wirklich ein millionenschwerer Investor kommt und den Karren aus dem Dreck zieht. Immer wieder kursieren in Detroit Gerüchte über Leute mit Ideen und Vermögen. Wenn du Allan Hill fragst, was er von dem ganzen Theater hält, dann nuschelt er nur in seinen weißen Bart. Allan hat nicht nur zu viel gesehen, um noch vor irgendetwas Angst zu haben. Er hat auch schon zu viel gehört, um noch an irgendetwas zu glauben. Außer an Gott, natürlich.

Die Ruinen des Packard-Werks in Detroit

Autor: Alex Cohrs

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