Peugeot 203

Peugeot 203 Peugeot 203 Peugeot 203

Peugeot 203

— 22.11.2013

Das hab' ich in Paris gelernt

Mit diesem Lied schafft es der Engländer Chris Howland 1959 auf Platz drei der deutschen Hitparade. Der Titel passt zum Auto, der Brite weniger. Singen wir lieber ein Chanson d’Amour auf den Peugeot 203.

Pardon, aber der 203 ist kein typischer Peugeot. Nehmen wir zum Beispiel seinen Namen: Die Ziffer 2 steht bei der Marke im Zeichen des Löwen seit dem 201 von 1929 traditionell für Kleinwagen. Mit einer Länge von 4,35 Metern ist der 203 aber eher ein Kompakter à la 302. Womöglich nur ein Zahlendreher? Keineswegs, denn da ist ja noch sein Aussehen: Das war 1948 zwar à la mode, aber nicht annähernd so avantgardistisch wie bei den Vorkriegsmodellen 402 und 302 mit ihren hinter dem Kühlergrill eingepferchten Scheinwerfern. Deren revolutionärer Chic zeigte unverhohlen, dass ihre Gestalter sich von Stromlinien-Pionier Paul Jaray beeinflussen ließen. Der 203 gab sich bescheidener, war keine Haute Couture für den Glitzer-Boulevard, sondern Prêt-à-porter für den Alltag, ideal für die holprigen französischen Chausseen der 50er-Jahre – von den zerklüfteten Pyrenäen im Süden bis zum rauen Pas-de-Calais im Norden, von der kargen Bretagne im Westen bis zum malerischen Elsass im Osten.

Der Peugeot 203 sieht aus wie ein geschrumpfter Ami, ein zuverlässiger Kumpel für die holprigen französischen Chausseen der 50er-Jahre.

©T. Starck

Und natürlich für das Stammland des Peugeot-Clans, die Franche-Comté an Frankreichs Grenze zur Schweiz. Hier liegt die Geburtsstätte der Marke, genauer gesagt in der kleinen Ortschaft Hérimoncourt südöstlich von Montbéliard, nicht weit vom heutigen Stammwerk Sochaux. Und aus dem Wappen der Franche-Comté haben die Peugeots ganz ungeniert den Löwen geklaut und als Markensymbol verwendet. Er wurde schon 1858 als Warenzeichen eingetragen. Aber wir reden hier ja über ein Auto und nicht über Sägeblätter, Uhrenfedern, Rockreifen oder Kaffeemühlen – alles Produkte des Hauses, bevor 1889 das erste Automobil der Marke – noch mit Dampfantrieb – erschien. Zumindest ein bisschen wirkt unser Foto-Modell wie ein zu heiß gewaschener Buick Roadmaster aus den Vierzigern. Sein "Gris bleu" harmoniert an diesem Morgen perfekt mit den dunklen Wolken, die der Wind langsam über den Himmel südlich von Berlin schiebt. Hier treffen wir uns mit seinem Besitzer Andree Schäfer (59), der dem deutschen 203/403-Club vorsitzt. Sein 203 ist ein spätes A-Modell, erstmals zugelassen am 1. April 1954 in einer kleinen burgundischen Gemeinde namens Chauffailles. "Eigentlich wollte ich nach dem Studium einen Buckelvolvo", sagt Andree. Er ist Diplom-Sozialpädagoge und Leiter einer Jugendeinrichtung in der Hauptstadt. "Doch dann habe ich 1983 eine Kinderfreizeit nach Frankreich begleitet."

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Oh, là, là, ein De-luxe-Modell: zu erkennen am Steinschlagschutz an den Kotflügeln, den Zierleisten über den Schwellern und der Einstiegsschiene.

©T. Starck

Deren Reisebus rollte auch durch das verschlafene Nest in Burgund. "Und dort, bei einem Händler, stand dieser 203. Der erste Besitzer – ein alter Herr – hatte ihn abgegeben, weil er sich das Fahren nicht mehr zutraute. Das Auto hatte erst 40.000 Kilometer auf der Uhr", erzählt Andree. Es war Liebe auf den ersten Blick, und so tauschte der 203 im gesegneten Auto-Alter von fast 30 Jahren sein beschauliches Rentner-Dasein im altehrwürdigen Burgund gegen ein Großstadtleben in Westberlin. "Als Erstes habe ich damals die Karosserie restauriert", sagt Andree 30 Jahre später. "Innen ist bis auf die Vordersitze aber alles original." Die Sessel stammen aus einem 205 und passen ohne viel Aufwand auf die Original-Sitzschienen. „Ich habe die Sitze mitsamt Kopfstützen und Dreipunktgurten nachgerüstet, nachdem ich in einem anderen alten Auto einen schweren Unfall hatte“, erklärt Andree. Die Originalsitze stehen seither gut verpackt in der Garage. Mittlerweile lässt es das Wetter zu, dass wir das riesige Schiebedach öffnen – ein Extra, für das sich die Mehrzahl der 203-Limousinen-Käufer entschied.

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Durch das offene Dach wirkt der Himmel weit wie die Felder der Champagne. Hinterm Kunststofflenkrad: ein Kombiinstrument als Informationszentrale.

©T. Starck

Jetzt gilt es, den 45-PS-Vierzylinder unseres 54er-Modells zum Leben zu erwecken. Gott sei Dank ist er angewärmt, das macht die Prozedur einfacher. Also, Schlüssel im Schloss unter dem Lenkrad nach rechts, Zündschalter reindrücken, Anlasserknopf gaaanz weit rausziehen – und schon verfällt der Vierzylinder in einen sonoren Leerlauf. Er klingt so rauchig wie die Stimme von Charles Aznavour, hält sich aber stets dezent im Hintergrund. Butterweich lassen sich die Gänge wechseln, vom unsynchronisierten Ersten über den Zweiten in den direkt übersetzten Dritten und den als Schongang ausgelegten Vierten. Den Befehlen der Zahnstangenlenkung folgt die Limousine – vorn mit Einzelradaufhängung – erstaunlich direkt, während ihr Fahrwerk die Insassen gefühlt auf Wattebäusche bettet. Als wir nachmittags durch Berlin zur letzten Fotolocation müssen, hält der 203 auch im Großstadtverkehr gut mit und wieselt mit seinem Mini-Wendekreis (neun Meter!) um die Ecken wie Louis de Funès als Gendarm durch Saint-Tropez. Schade, dass unser lauschiges Tête-à-Tête bald vorbei sein wird. Denn einen 203 vermisst man schnell. Das hab’ ich in Paris – Pardon, Berlin – gelernt.

Technische Daten

Das 1954er Modell hat einen 45-PS-Vierzylinder. Ventildeckel und Luftfiltergehäuse sind nachlackiert

©T. Starck

Peugeot 203 A Motor: Reihenvierzylinder, vorn längs • eine seitliche Nockenwelle, über Kette angetrieben, zwei Ventile pro Zylinder, V-förmig hängend, ein Solex 32 PBIC-Vergaser • Hubraum 1290 ccm • Leistung 33 kW (45 PS) bei 4500/min • max. Drehmoment 80 Nm bei 2400/min • Antrieb/Fahrwerk: Viergangschaltgetriebe • Hinterradantrieb • vorn Einzelradaufhängung, je ein Dreiecklenker oben, Querblattfeder unten, hinten Starrachse, Dreieckstreben, Schraubenfedern, Panhardstab • Reifen 155 x 400 Maße: Radstand 2580 mm • L/B/H 4350/1620/1500 mm • Leergewicht 915 kg • Fahrleistungen/Verbrauch: 0–100 km/h in circa 25 s • Spitze circa 120 km/h • Verbrauch circa 8 l pro 100 km • Neupreis: 7600 Mark.

Historie

Er sieht nicht so aus, aber der 203 war die erste Peugeot-Neuentwicklung nach dem Zweiten Weltkrieg. Sein Debüt feierte er bereits auf dem Pariser Salon im Oktober 1948. Mit selbsttragender Karosserie, Einzelradaufhängung vorn, hydraulischen Trommelbremsen und Leichtmetall-Zylinderkopf mit V-förmig hängenden Ventilen war er dem Fortschritt zugewandt, sein Design orientierte sich dagegen an amerikanischen Vorbildern – und wirkt weniger exzentrisch als bei den Vorkriegs-Modellen 202, 302 und 402 mit hinter dem Kühlergrill platzierten Scheinwerfern und Stromlinien-Optik. Bis zu zwölf 203-Karosserieversionen standen zeitweise zur Wahl, darunter neben der viertürigen Limousine ein Cabrio und ein Coupé, die Kombi-Versionen Commerciale und Familiale, eine Cabrio-Limousine und Nutzfahrzeug- Varianten. Unter dem Namen 203 VPS baute Peugeot sogar Jeep-Prototypen fürs Militär, die sich aber nicht durchsetzen. Äußerst rar sind Exemplare, die vom legendären französischen Karosserie-Experten Emile Darl’mat (1892–1970) umgebaut wurden. Bis 1960 wurden insgesamt genau 685.828 Peugeot 203 hergestellt.

Plus/Minus

Ein Peugeot 203 ist dank unkomplizierter Technik ein guter Klassiker für Selbstschrauber.

©T. Starck

Rost nistet sich beim 203 gern hinter den Schweller-Verkleidungen ein, hinter denen sich links und rechts ein Längsträger versteckt. Aber besser gleich die gesamte Karosserie unter die Lupe nehmen, denn originale Blechteile sind praktisch nicht zu bekommen. Die Technik ist dagegen robust. Wichtig: Die Antriebsschnecke des Hinterachs-Differenzials ist aus Bronze und soll mit speziellem Rapsöl von Castrol geschmiert werden. Motor und Getriebe vertragen praktischerweise beide 30er- Einbereichsöl. Nicht vergessen: Das Fahrwerk braucht regelmäßig frisches Schmierfett.

Ersatzteile

Es gibt Nachfertigungen, zum Beispiel von den vorderen Bodenblechen. Eine gut erhaltene Innenausstattung ist Gold wert. Türverkleidungen gibt es vereinzelt noch bei französischen Teilehändlern, manche Plastikteile als Nachfertigungen über den 203-Club. Zum Beispiel die obere Lenksäulenblende aus Kunststoff. Doch Blinker- und Lichtschalter sind zum Beispiel kaum aufzutreiben. Was die Mechanik betrifft, ist die Versorgung relativ gut. Zum Teil sind Komponenten verwendbar, die von jüngeren Peugeot-Modellen stammen. Den besten Überblick über die Teilesituation hat der 203-Club. Neben französischen Teilehändlern ist der Fischer Veteranen Service die beste Anlaufstelle für 203-Besitzer. Auf seiner Homepage ist eine Ersatzteil-Preisliste hinterlegt.

Marktlage

Halbwegs ordentliche 203-Limousinen gibt es ab 8000 Euro. Billigere sind nur etwas für Bastler. Sehr gute Viertürer können auch mal über 15.000 Euro kosten. Generell gilt: Kombis, Coupés und Cabrio-Limousinen sind teurer als Limousinen, die begehrten Vollcabrios können das Drei- bis Vierfache des Viertürers kosten.

Empfehlung

Ein Peugeot 203 ist dank unkomplizierter Technik ein guter Klassiker für Selbstschrauber. Eine Limousine im Bereich um 15.000 Euro ist für sie der beste Kompromiss – am besten eine mit großem Schiebedach, denn dann ist ein Hauch von Cabrio-Flair garantiert. Wer Geduld bei der Suche aufbringt, wird auch in Deutschland fündig. Im Heimatland Frankreich ist das 203-Preisniveau kaum niedriger.

Autor: Peter Michaely

Fotos: T. Starck

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