Peugeot 504 Familiale

Peugeot 504 Familiale Peugeot 504 Familiale

Peugeot 504 Familiale

— 19.04.2010

Eine Nummer geräumiger

Wer in den 70er-Jahren viel Platz haben und dabei nicht auf Fahrkultur verzichten wollte, der wählte den Peugeot 504 Familiale. Der große Peugeot packt’s bis heute. Wem der Platz nicht reicht, sollte einen Reisebus kaufen.

Nein, ein VW Bus hatte es 1977 nun wirklich nicht sein dürfen. Auf keinen Fall! "Undenkbar", schüttelt Hans Cervenka (81) noch heute den Kopf: "Da hätten wir ja gleich eine Leiter und einen Farbeimer aufs Dach schnallen können!" Aber der stilbewusste Architekt aus Dortmund musste sich entscheiden, immerhin vier Kinder brachten den langsam erlahmenden VW 1600 Variant zum Überquellen. VW Bus also zu sachlich, Citroën CX zu teuer – beinahe automatisch fand sich Cervenka beim Peugeot-Händler wieder. Und bestellte sogleich. Ein nagelneuer 504 Familiale in hellem Grünmetallic parkte alsbald in der Waschbeton-gepflasterten Einfahrt des Dortmunder Flachdach-Reihenhauses.

Charmanter Chic: Die Franzosen der 70er-Jahre

Die meisten Peugeot 504 sind nach Afrika ausgewandert, wo sie heute noch im Alltag geschunden werden.

Mit Luxus-Ausstattung: elektrische Zeituhr, heizbare Heckscheibe, Scheibenwischer-Intervall, Sicherheitsgurte vorn. Einziges Zugeständnis an die Pragmatik: Kunstlederausstattung, bei Peugeot vornehm "Skye-Polsterung" genannt. "Wegen der Kinder." So wie den Cervenkas ging es vielen Großfamilien in den 60er- und 70er-Jahren: Wollten sie großzügiges Raumangebot mit gehobener Fahrkultur und günstigem Preis kombinieren, bot sich ein Franzose an. Schließlich prunkte schon die von Pininfarina gestylte 504 Limousine in der Werbung als "Der große Peugeot". Das toppten 504 Break (Kombi) und Familiale (Siebensitzer mit dritter Sitzreihe) locker. Auf 4,80 Meter Außenlänge und einen Radstand von 2,90 Meter brachte es der familiäre Franzose, dazu 640 Kilogramm Zuladung und ein Ladevolumen von 980 Litern.

König der Löwen: Peugeot 504 Coupé

Raumgleiter: Im 504 Familiale sitzt und fährt es sich kommod.

Bei voller Besetzung mit sieben Passagieren blieben immer noch 435 Liter übrig. Das reicht selbst im Zeitalter der Minivans, um Fernziele anzupeilen. Mit den 96 PS des Zweiliter-Benziners geht es zügig voran. Und immer schön soft über Furchen und Frostaufbrüche, wie es sich für einen Peugeot jener Epoche gehört. Beschaulicher lässt es der zähe 2,3-Liter-Diesel angehen, dessen 70 PS aus dem Schnelllaster einen Lastesel machen: Bei Tempo 130 ist Schluss. Sofern es überhaupt noch einen Diesel-504 gibt, der nicht nach Afrika ausgewandert ist. Aber bei Cervenkas ist 32 Jahre nach der Auslieferung alles beim Alten: Name und Anschrift der Halter, das nicht reflektierende DIN-Kennzeichen.

32 Jahre in Erstbesitz

"Einmal zugelassen, nie abgemeldet", kommentiert Ehefrau Elfriede den Fahrzeugbrief mit nur einem Eintrag. Im Kofferraum findet sich eine alte Ledertasche mit Bordwerkzeug, dem ADAC-Straßenatlas von 1975 – und eine wassergefüllte Sinalco-Cola-Flasche. Fürs Händewaschen nach dem Reifenwechsel. Richtige Pannen erlebte das "Krokodil" getaufte Auto ("Was ist grün und frisst viele Menschen?") nicht. Nur am riesigen Dachgepäckträger kam die Großfamilie nicht vorbei. Und der stammte ausgerechnet – von einem Handwerker-Bulli.

Technische Daten

Peugeot 504 Familiale/Familiale D: Reihenvierzylinder, vorn längs • Hubraum 1971 (Diesel: 2304) ccm • Leistung 71 (51) kW (96/70 PS) bei 5200 (4500)/min • max. Drehmoment 161 (131) Nm • Hinterradantrieb • Viergang-Schaltgetriebe • Einzelradaufhängung vorn/Starrachse an Blattfedern hinten • Bremsen vorn/hinten Scheiben/Trommeln • Reifen 185 SR 14 vorn/hinten • Länge/Breite/Höhe 4803/1695/1450 mm • Radstand 2900 mm • Leergewicht 1330 kg • Kofferraum 980 Liter • Tank 60 Liter • Zuladung 640 kg • Spitze 162 km/h • Verbrauch ca. 12 l Super/100 km • Neupreis 1977: 16.500 Mark

Historie

1968: Der 504 erscheint als viertürige Limousine. 1971: Kombivarianten Commerciale (Lieferwagen), Break (fünfsitziger Kombi) und Familiale (sieben bis acht Sitzplätze). 1975: Türgriffe in Karosserie eingelassen, neues Armaturenbrett. 1977: schwarzer Kühlergrill (Kunststoff statt Chrom). 1979: 504 Pick-up, Nachfolger 505 debütiert. 1983: Ende der 504-Auslieferung in Deutschland. 2005: Produktionsende in Nigeria nach über 3,7 Millionen Exemplaren.

Plus/Minus

Wer mehr Platz braucht, sollte einen Reisebus kaufen!

Irres Raumangebot und -gefühl, kultivierte Benziner (teils mit Thermikproblemen), unkaputtbare Diesel, tolle Linienführung. "Leise knirschender Kies kündigt Ihre Ankunft an", dichteten einst die Prospekt-Texter, wenige Jahre später knirschten die 504 selbst. Größter Feind der sanften Sänften war und bleibt die braune Pest, die sich sowohl der tragenden Struktur als auch der Anbauteile bemächtigt. Achtung: Bei Break und Familiale in jedem Fall den Hilfsrahmen der Hinterachse prüfen! Motoren und Heckdifferenzial neigen zu Ölverlust, Letztgenanntes gern zum Singen nach hoher Laufleistung. Sitzbezüge oft gerissen, Fensterkurbeln und Zuggriffe werden brüchig.

Marktlage

Chambre, chambre, wie der Franzose sagt – Gemach, Gemach: 504 Break und Familiale sind zwar selten wie guter Rotwein aus dem Tetrapack, doch es gibt sie und sie kosten nicht die Welt: maximal 7000 Euro für ein Top-Auto. Die Anzahl käuflicher Fahrzeuge und die der Interessenten halten sich die Waage. Selbst der natürliche Feind aller 504, der Afrika-Exporteur, hechtet keinem Exemplar mehr vor die Haube.

Ersatzteile

Engagierte Klubs und Teilespezialisten haben sich längst der Baureihe 504 angenommen. Es gibt fast alles: Motoren und Fahrwerk sind massenkompatibel (Gleichteile von 505 und 604), selbst hintere Türen und Heckklappen (je ca. 500 Euro) sind verfügbar. Problematisch wird’s beim Interieur: Türpappen oder desolate Sitze müssen zum Spezialisten. Das gilt auch für Elektrik und Elektronik (der späten Baujahre).

Empfehlung

Aufgrund des schnell voranschreitenden Rostbefalls sollten nur wirklich Hartgesottene sich einen 504 Break oder Familiale als Projektauto anlachen – wenn es solche Exemplare überhaupt noch gibt. Viel besser sind Fahrzeuge mit geringer Laufleistung und nur wenigen Vorbesitzern (doch, so was ist zu finden). Mit Pflege und Achtung fährt so ein 504 bis ans Ende der Welt.

Autor: Knut Simon

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