Porsche 911 Carrera Speedster

— 22.03.2013

Kings of Speed

So dünn und karg und einfach gestrickt wie sein urtypischer Vorgänger von 1954 war er nie, aber mehr Luft und Leichtigkeit bot in den fetten 80er-Jahren kein anderer Elfer. Der 911 Speedster von Porsche – damals wie heute ein König.



Als sie sich bei Porsche selbst im Weg standen, als die Traditionalisten das Elfer-Erbe verteidigten und die Modernisierer den Neubeginn im Namen des 928 unterstützten, war es ein Außenstehender, der ihnen ihr liebstes Kind wieder näherbrachte. Der Deutschamerikaner Peter W. Schutz rettete den 911 in die Neuzeit: Erst hob der seit 1981 amtierende Vorstandschef, der nie zuvor einen Porsche besessen hatte, nach 18-jähriger Abstinenz wieder ein echtes Cabrio ins Porsche-Programm. Dann schob er die Weiterentwicklung der 911-Baureihe an, die kurz vor Schluss mit ihrer extremsten Ausprägung gekrönt wurde: dem Speedster. Damit schloss sich der Kreis: Zwei Amerikaner hatten den Speedster 1954 ins Leben gerufen, ein Amerikaner belebte die Idee mit frischem Denken wieder.

Für damalige Verhältnisse breit und aggressiv im Auftritt: der 911 Speedster von 1989.

© H. Neu

Natürlich hatten sich die Zeiten geändert. Der 356 Speedster der 1950er Jahre war ein sehniger Leichtathlet gewesen, splitternackt und sparsam, sogar der Drehzahlmesser kostete Aufpreis. Beim 911 Speedster bestimmten schon künstlich stimulierte Muskeln und Wohlstandsspeck die Form und Performance. Auch fuhr sich der Neuzeit-Speedster nicht wie ein leichtfüßiges Sportgerät, sondern wie ein herkömmliches, straff gefedertes Elfer-Cabrio. Was nicht verwunderte, weil der Speedster auf der offenen Version des breiten Turbo basierte und dessen Fahrwerk samt Rädern und Reifen übernahm. Das gedrungene Erscheinungsbild mit der acht Zentimeter niedrigeren, stärker geneigten Frontscheibe und dem kräftigen GFK-Buckel spiegelt den unbescheidenen, selbstverliebten Zeitgeist der ausgehenden 80er-Jahre wider. Breit und aggressiv trat der Speedster von 1989 auf, wie ein 911 Cabrio nach jahrelangem Anabolika-Missbrauch.

Der pure Porsche: Porsche 356 1500 Speedster

Platz ist nur für zwei, und ab Werk gibt es trotz bedingungsloser Offenheit triste Stoffsitze.

© H. Neu

Immerhin: Gemäß der Idee seines historischen Vorbilds war auch der 911 Speedster 70 Kilogramm leichter als seine Basis. Ein wenig Komfort war gestrichen worden, elektrische Fensterheber und die Rücksitze fehlten, der frei gewordene Raum, verborgen unter der Abdeckung mit den zwei Höckern, diente als Gepäckablage und beherbergte das leichte und wider Erwarten wetterfeste "Not-Faltdach". Der Name zeigte an, dass es mit der komplexen Bedienung nicht zum Besten bestellt war, aber Porsche erklärte dies mit einer eigenen, Verzicht fordernden Definition des Begriffs Speedster: "Ein Cabriolet ist ein geschlossenes Auto, das man mit geöffnetem Dach fahren kann. Ein Speedster ist ein offenes Auto, das man mit geschlossenem Dach fahren kann." Porsche sah außerdem vor, dass die Windschutzscheibe samt Aluminiumrahmen für Motorsport-Zwecke schnell und einfach demontiert werden konnte. Der Fahrgastraum sollte dann unter einem großen GFK-Deckel mit ausgesparter Öffnung für den Fahrer bedeckt sein.

Die Ungeliebten: Porsche, die keiner haben wollte

Wie der Ur-Speedster von 1954 präsentierte sich die Neuauflage simpel und zweckgebunden, mit Not-Faltdach statt Rücksitzen.

© H. Neu

Natürlich kam es so gut wie nie dazu, dass ein Kunde seine Clubsport-Abdeckung in ernsthafter Weise montierte. Kaum ein Speedster wurde je auf der Piste gesichtet, dafür war jeder Einzelne viel zu wertvoll. Leider beraubte der werkseitige Exotenstatus den 911 Speedster seiner Funktion und machte ihn zum Spekulationsobjekt der Bussi-Bussi-Gesellschaft. Dankbar zahlten Yuppies die 112.000 Mark für einen am Ende seiner Laufbahn stehenden 911, kaltherzige Wiederverkäufer strichen gut und gern ein Drittel mehr ein. Das alles war eines Modells unwürdig, das einst als Einstieg in die Traumwelt Porsche und als ernstes Sportgerät erdacht worden war. Der wahre Erbe des Ur-Speedster blieb eine noch seltener gefertigte, noch teurer gehandelte Rarität: Den schmalen 911 Speedster auf Basis der unverbreiterten Carrera-Karosserie baute Porsche nur 171-mal für den Export. Er passte nicht zu den fetten Zeiten.

Historie

Der 356 ist zu teuer, die US-Importeure Max Hoffman (Ostküste) und John von Neumann (Westküste) wünschen einen Einsteiger-Porsche zu einem Preis von weniger als 3000 Dollar, gut zum Flanieren und ebenso tauglich für Sportwagenrennen am Wochenende. 1954 erscheint der Speedster, 70 Kilo leichter und 450 Dollar billiger als ein 356 Coupé. Bis 1957 wird der Ur-Speedster gebaut, im August 1958 erscheint das Convertible D (gefertigt bei Drauz in Heilbronn), das über eine höhere Frontscheibe, Kurbelfenster und eine komfortablere Innenausstattung verfügt. Dem Convertible D folgt 1959 der Roadster auf Basis des neuen 356 B. Nach 2902 Stück geht die Speedster-Story im Juni 1962 vorerst zu Ende. 1989 greift Porsche das Thema mit dem 911 Carrera 3.2 wieder auf. 2103 Autos im breiten Turbolook und 171 Speedster mit schmaler Carrera-Karosserie entstehen. 1992 legt Porsche eine Speedster-Variante des aktuellen 964 auf, 8475 Mark billiger als das Carrera 2 Cabrio, aber viel seltener. Der letzte Speedster basiert auf der vorletzten Generation des Porsche 911 vom Typ 997/2 und wird 2010 in einer limitierten Sonderedition bei Porsche Exclusive gebaut.

Technische Daten

3,2 Liter Hubraum und standfeste 231 PS (mit Kat: 217 PS) – der vorläufige Höhepunkt der Boxer-Evolution im Carrera 3.2.

© H. Neu

Porsche 911 Carrera Speedster Motor: luftgekühlter Sechszylinder-Boxermotor, hinten längs • eine obenliegende Nockenwelle pro Zylinderreihe, über Kette angetrieben • zwei Ventile pro Zylinder • Digitale Motor Electronic (DME) • Hubraum 3164 ccm • Leistung 170 kW (231 PS) bei 5900/min • max. Drehmoment 284 Nm bei 4800/min Antrieb/Fahrwerk: Fünfganggetriebe • Motor/Getriebe im Heck zu einer Einheit verschraubt • Hinterradantrieb • Einzelradaufhängung, vorn Federbeine, Dreieckquerlenker, Torsionsfederstäbe, Stabi; hinten Federbeine, Schräglenker, Drehfederstäbe, Stabi • Reifen vorn 205/55 ZR 16, hinten 245/45 ZR 16 • Maße: Radstand 2272 mm • L/B/H 4291/1775/1300 mm • Leergewicht: 1160 kg Fahrleistungen/Verbrauch: 0–100 km/h in 5,8 s • Spitze 254 km/h • Verbrauch 9,8 l Suer Plus pro 100 km • Neupreis: 111.575 Mark (1988).

Historie

Der Carrera 3.2 gilt, angemessene Pflege und Wartung vorausgesetzt, zu Recht als der solideste und langlebigste unter den klassischen luftgekühlten Elfern, quasi als Krönung des 901-Urentwurfs von 1964. Mechanik und Motor des von 1984 bis 1989 gebauten C1 sind lange haltbar, das Blech ist voll verzinkt – aber auch dieser Elfer ist nicht unsterblich. Ist die Zinkschicht am Ende, rostet der Porsche wie jedes andere Auto, die Triebwerke neigen im Alter zu Leckagen und hohem Ölkonsum, Anbauteile des Motors schwächeln, verwohnte Innenräume schlagen schwer ins Kontor. Zwar muss sich ein werkseitiges Sammlerstück wie der 911 Speedster nur selten um mangelnde Zuwendung sorgen, aber dafür kostet er heute auch mehr als das Doppelte eines vergleichbaren Coupés.

Ersatzteile

Der Carrera 3.2 gilt als der solideste und langlebigste unter den klassischen luftgekühlten Elfern.

© H. Neu

Nur obenrum unterscheidet sich der Speedster vom herkömmlichen Carrera 3.2 mit Saugmotor – Blech, Technik und Interieur teilt sich der Exot mit den weniger auffälligen Vertretern der Baureihe. Das hilft beim kostspieligen Zeitvertreib Porsche 911, die Kosten im Rahmen zu halten. Die Ersatzteilversorgung ist hervorragend, auch der Hersteller unterstützt die Klassik-Klientel nach Kräften, bittet sie dafür aber gehörig zur Kasse. Wer sorglos im Porsche-Zentrum einkauft, anstatt im Internet oder bei freien Anbietern nach Alternativen zu suchen, kann an einem mäßigen Elfer verzweifeln. Vergleichen lohnt nicht nur, sondern ist, vielleicht sogar für Besitzer eines Speedster, überlebenswichtig.

Marktlage

In Relation zur Stückzahl ist das Angebot üppig. Weil ein Speedster nie ein Auto für den Alltag war, sind fast ausschließlich gute bis sehr gute Autos mit niedriger Laufleistung im Umlauf, Standschäden sind häufiger als Rostschäden. Zum Nachfolger 964 greifen hilft auch nicht, der ist noch seltener und nur geringfügig billiger.

Empfehlung

Muss es wirklich ein Speedster sein? Tut es nicht auch ein Cabrio? Das ist billiger, alltagstauglicher, leichter verfügbar und zieht fast genauso. Außerdem fällt der Umgang mit dem Cabrio leichter, weil der Status als Wertanlage geringer ausfällt als beim Speedster. Wenn Geld keine Rolle spielt, am besten den schmalen 911 Speedster wählen: Der ist noch seltener und optisch näher am Original aus den 50ern.

Autor: Jan-Henrik Muche

Fotos: H. Neu

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