Porsche 911 S Targa

Porsche 911 S Targa

— 08.01.2011

Ein Pyjama für zwei

1966 erklärt Porsche das Thema Cabrio für beendet – mit dem Reißverschluss-Konzept namens Targa. Nach ihm wird bis heute eine ganze Fahrzeuggattung benannt.

"Sicherheits-Cabriolet!" Wäre Mercedes als Erster draufgekommen, hätten sie es bestimmt so genannt, sehr ernst und sehr deutsch, wie sie damals noch waren. Porsche hatte hingegen einige Siege bei der Targa Florio aufzuweisen. Targa! Ein Name, der klingt wie Samt und Seide. Dass „targa“ übersetzt Schild bedeutet und Sicherheit verspricht, haben sie angeblich erst später gemerkt. In der Porsche-Palette der Neuzeit ist der Targa ein Liebling graumelierter Best Ager, der solventen Kenner der 911-Materie mit Hang zur Vorsorge. Allradantrieb ist deshalb immer an Bord. Das große Glasschiebedach verstört Anfänger noch immer: Wo ist der Überrollbügel? Denn ein Targa, das haben Auto-Freunde bis 1993 von Porsche gelernt, ist natürlich ein Auto mit Bügel und herausnehmbarem Dachteil.

Das herausnehmbare Heckfenster wurde zum Modelljahr 1970 gestrichen.

Aus einer Modellbezeichung ist ein Gattungsbegriff geworden, so wie Tesa und Tempo. 1965, beim Debüt auf der IAA, war die Erklärung noch mühsam: "Es ist Porsches Privileg, der erste Automobilhersteller der Welt zu sein, der ein Serienmodell mit Überrollbügel anbietet", war in der Pressemappe zu lesen. Denn: Porsche präsentierte nicht nur ein neues Auto, sondern eine neue Idee! Aber was sollte der Porsche-Fahrer damit anfangen? Der 911 Targa warf Fragen auf. Ob der Metallbügel, anfällig gegen Fingerabdrücke, mit Spüli zu pflegen sei, schrieb eine Targa-Fahrerin der Porsche-Hauszeitschrift "Christophorus", halb spöttelnd im Ton, halb fragend. Der erste Porsche, die Nummer eins von 1948, war offen gewesen. Warum also nicht gleich ein richtiges Cabrio oder besser noch einen Speedster? Und weshalb dieser Bügel? Der Targa sei, antwortete Porsche, ein Auto mit zwei Funktionen. Offen wie ein Cabrio, sicher wie ein Coupé. Ein "Sicherheits-Cabriolet". Wie ein Pyjama für zwei – wärmend, aber sexy.

Doppelt luftgekühlt: Porsche 911 Cabrio

Der karge Innenraum, das Holzlenkrad und die Uhren mit grünen Ziffern erinnern noch an den vierzylindrigen Vorgänger Typ 356.

Dass der 911 Targa auch eine Notlösung war, entstanden aus den Zwängen einer neuen Zeit, das verschwiegen sie. Schon seit Anfang der 60er steuerte alles auf den Bügel-Porsche zu. In den USA, auf dem wichtigsten Exportmarkt, drehte sich die Stimmung. Cabrios im Allgemeinen und Heckmotorautos im Besonderen galten plötzlich als gefährlich. In Zuffenhausen regierten derweil die Kostenkürzer, für die Entwicklung eines offenen Porsche fehlte das Geld. Die Coupé-Struktur des 911 erwies sich ohne Dach als zu weich, ein Klappverdeck auf dem hohen Rücken hätte die Linie gestört. Laut Designer Butzi Porsche konnten offene Schrägheck-Autos ohnehin niemals gut aussehen, er hätte einen eigenen 911-Entwurf mit Stufenheck bevorzugt. Roadster? Speedster? Cabrio? Nichts kam in Frage. Aber ein Targa. Schon im Juni 1964 liefen erste Versuche mit einem Henkel-Elfer. Die Rechnung ging auf: Die hinteren Kotflügel, das Heck und die Motorhaube konnten unverändert übernommen werden, Überrollbügel, Dachteil und Faltheckscheibe lösten alle Probleme auf einmal. Der Bügel gab der weichen Karosserie Stabilität und schützte die Insassen, Targa-Dach und Heckfenster ermöglichten unterschiedliche Frischluft-Stufen. Tempo 200, Schatten über dem Kopf und den Fahrtwind im Nacken! Wo gab es etwas Vergleichbares denn schon?

Der letzte Targa: Porsche 911 Generation 964

Der Zweiliter-S-Motor, zu erkennen am roten "Luftleitblech" aus GFK, liefert hochtourige 160 PS.

Der Targa wurde ein Kassenschlager, erfolgreicher als das 356 Cabriolet davor. Den 100.000 Porsche baute das Werk im Dezember 1966 als Targa in Polizeiausführung für das Land Baden- Württemberg, Blaulicht am Bügel inklusive. Selbst Bundespräsident und Kanzler führten einige Porsche Targa als Begleitwagen im Fuhrpark. Personenschützer im Sicherheits-Cabrio – die gute Rundumsicht sprach wohl dafür. Nur die Faltfenster-Konstruktion machte sich bald unbeliebt: Der Reißverschluss war fummelig, ein vollständiger Ausbau inklusive Targa-Dach kostete Zeit und Nerven, und bei Kälte zog sich der Kunststoff zusammen. Unter 15 Grad nicht öffnen, war die Empfehlung des Herstellers. Es könnte sein, dass es nicht wieder zuging. Vom Herbst 1967 an konnte der Targa mit abnehmbarer fester Scheibe geordert werden, und ab Januar 1968 durften Softwindow-Targas in den USA aufgrund neuer Sicherheitsbestimmungen nur noch als Zweisitzer zugelassen werden.

Targa total

Das Faltfenster verlor seinen Reiz, zum Modelljahr 1970 war es Geschichte. Erst mit der Panoramascheibe aus Glas wurde der Targa erwachsen: Die steife Scheibe stützte die Karosserie, war luft- und wasserdicht, zudem einbruchssicher. So alltagsnah und attraktiv zugleich, erlebte das Targa-Konzept seine größte Zeit im ersten Jahrzehnt. Als 1969 der VW-Porsche auf den Markt kam, trug er wie selbstverständlich in der Mitte einen Bügel. Anfang der 70er-Jahre lag der Targa-Anteil an der Porsche-Produktion bei über 40 Prozent. Der Rest der Autowelt übernahm die Targa-Idee nur allzu gern. Selbst wenn alle davon sprachen, durfte nur der Erfinder sie so nennen. Porsche hatte das Sicherheits-Cabriolet erfunden und sich die Bezeichnung des Schutz-Schildes schützen lassen. Passte ja auch.

Historie

Den Mittelweg zwischen Cabrio und Hardtop beschreitet Porsche erstmals 1965 mit der Präsentation des 911 Targa auf der IAA. Das von Porsche propagierte "Sicherheits-Cabriolet" trägt einen Überrollbügel aus Nirostastahl, ein herausnehmbares und faltbares Dachteil sowie eine flexible Heckscheibe. Es tritt – in Ermangelung einer Alternative – die Nachfolge des 356 Cabrio an. Die Serienproduktion des Targamodells verzögert sich, erst im Dezember 1966 läuft die Fertigung an. Der Aufpreis zum Coupé beträgt 1400 Mark, ab Herbst 1967 liefert Porsche auf Wunsch eine aufsetzbare Panorama-Heckscheibe aus Sicherheitsglas. Das ursprüngliche Targa-Konzept endet zwei Jahre später: Zum Modelljahr 1969 wird die Softwindow-Variante durch eine Version mit Glasscheibe ersetzt, die PVC-Heckscheibe ist noch ein Jahr lang und gegen Aufpreis erhältlich. Der Targa bleibt fester Bestandteil der Modellpalette, auch als 1982 beim 911 SC wieder ein Cabrio angeboten wird. Der letzte 911 Targa mit Überrollbügel wird 1993 gebaut. Seitdem tragen 911 mit Glasschiebedach diesen Namen.  

Technische Daten

Porsche 911 S Targa: Sechszylinder-Boxer, hinten längs • zwei Ventile pro Zylinder • zwei oben liegende Nockenwellen, über Duplexkette angetrieben • zwei Dreifach-Fallstromvergaser Weber 40 IDS • Hubraum 1991 ccm • Leistung 118 kW (160 PS) bei 6600/min • max. Drehmoment 179 Nm bei 5200/min • Fünfgangschaltgetriebe (optional Viergang-Sportomatic) • Hinterradantrieb • Einzelradaufhängung, an Federbeinen vorn, an Längslenkern hinten • Reifen 165 R 15 • Radstand 2211 mm • L/B/H 4163/1610/1320 mm • Leergewicht 1030 kg • 0–100 km/h in 7,6 s • Spitze 225 km/h • Verbrauch 10,2 l S • Neupreis 1966: 25.880 Mark.

Plus/Minus

Wenn das kein echtes Cabrio ist: Frischluft und freier Himmel sind garantiert.

Ein 911 Targa ist kein herkömmliches Cabrio, darauf mussten Porsche-Fans bis 1982 warten. Frischluft gibt es im "SicherheitsCabrio" dennoch mehr als genug, vor allem Softwindow-Autos lassen den Bügel über dem Kopf leicht vergessen. Also: keine Scheu vorm Targa-Konzept. Frühe Elfer dürfen darüber hin aus mit Fug und Recht als krisenfeste Investition gelten, seit Jahren steigen die Preise – gut ist dran, wer schon einen besitzt. Allerdings liegen auch die Unterhaltskosten (Wartung, Reparaturen) und Ersatzteilpreise auf sehr hohem Niveau. Das Blech der ersten 911-Generation ist kaum konserviert und deshalb besonders rostgefährdet. Das gilt besonders für Targa-Modelle, die rund um den stabilisierenden Bügel verheerende Schäden entwickeln und verbergen können. Vorsicht: Wo die Gewinnmargen so üppig ausfallen, sind Rosstäuscher nie weit.

Ersatzteile

Vor allem originale Teile für einen Porsche dieser Zeit sind unanständig teuer. Händler und Hersteller – einige Ersatzteile werden bei Porsche inzwischen nachgefertigt – nehmen saftige Preise. Wer Geld sparen möchte, sollte sich Zeit bei der Suche lassen, Kontakte knüpfen, auf Glückstreffer hoffen und kompromissbereit sein. Umso wichtiger ist es, beim Kauf des Autos auf die Vollständigkeit der korrekten Teile zu achten. Mangelnde Originalität kostet beim Verkauf nämlich wieder Geld.

Marktlage

Echte (!) 911 S Softwindow-Targa der ersten Baureihe mit kurzem Radstand sind selten und gesucht wie das Bernsteinzimmer. Preise für gute Stücke: ab 50.000 Euro, Skala nach oben sehr offen. Zueinander passende Nummern wichtiger Baugruppen ("matching numbers") kosten extra. Leichter verfügbar: Targa mit fester Heckscheibe und 2,2- oder 2,4-Liter-Motor vorm großen Facelift 1973. Schwächere 911-Ausführungen oder der 912 mit Vierzylinder notieren zwar günstiger, billig sind Porsche Targa aus den 60ern aber längst nicht mehr.

Empfehlung

Ur-Elfer werden so teuer gehandelt, dass nachfolgende 911-Generationen für Käufer immer interessanter werden. So etwa die Typen der Baujahre 1973 bis 1977, gemeinhin als G-Modell mit Faltenbalg-Stoßstangen bekannt. Die glänzen mit unverfälschtem Fahrgenuss und satten 2,7 Liter Hubraum zu einigermaßen zivilen Preisen. Auch Carrera 3.0 und SC Targa vertreten klassische Elfer-Tugenden durchaus überzeugend. Rund 30.000 Euro kosten solche Traumwagen im Zustand 2.

Autor: Jan-Henrik Muche

Diesen Beitrag empfehlen

Kommentare

Datenschutz

Die Technik der Kommentarfunktion "DISQUS" wird von einem externen Unternehmen, der Big Head Labs, Inc., San Francisco/USA., zur Verfügung gestellt. Weitere Informationen, insbesondere darüber, ob und wie personenbezogene Daten erhoben und verarbeitet werden, finden Sie in unseren Datenschutzbestimmungen

comments powered by Disqus
Anzeige

Automarkt

Finden Sie im Automarkt von autobild.de Ihren Gebrauchtwagen.

Bei autohaus24.de Neuwagen günstig kaufen und Geld sparen.


Kfz-Versicherung