Vergessene Prototypen von Porsche

Porsche-Prototypen der 60er bis 80er Porsche-Prototypen der 60er bis 80er Porsche-Prototypen der 60er bis 80er

Porsche-Prototypen der 60er bis 80er

— 23.10.2014

Versuch und Irrtum bei Porsche

Ohne die Porsche-Prototypen von gestern gäbe es die Autos von heute nicht. Porsche hob sie auf, zahllose frühe und späte Um- und Abwege der  Entwicklungsgeschichte. Ein Blick auf vier Porsche-Prototypen.

Hätte, wäre, könnte: Der Konjunktiv, Liebling der Nicht-Käufer, ist auch das Schcksal vieler Porsche-Prototypen. Was alle Studien, Stilübungen und Versuchsträger verbindet, ist die Tatsache, dass ihnen eine Karriere in der Serienfertigung verwehrt blieb. Sie waren eben jene, die immer nur möglich blieben und allenfalls in Teilen Realität wurden. Geschichte haben sie trotzdem geschrieben. Weil es ohne die Prototypen von gestern die Autos von heute nicht gäbe. Porsche hat sie aufgehoben, zahllose frühe und späte Um- und Abwege der eigenen Entwicklungsgeschichte. Nicht nur die Solitäre der Vollgas-Vergangenheit auf Rennstrecken und Rallyepisten, sondern auch die Unvollendeten, die mitunter seltsamen Designübungen, die Technologieträger und Vorläufer einer Modellvielfalt, die ehrgeizigen und hoffnungsfrohen Versuche, die Millionengräber, die des Geldes wegen starben. Es braucht nicht viel Fantasie, um zu wissen, dass sie heute Sammler und Liebhaber elektrisieren.

Porsche-Museum in Stuttgart-Zuffenhausen

Porsche-Museum in Stuttgart-Zuffenhausen Porsche-Museum in Stuttgart-Zuffenhausen. Porsche-Museum in Stuttgart-Zuffenhausen.

Porsche 754 T7: Vorstufe zum 911er

Die Frontpartie des Porsche 754 T7 lässt das spätere Design der Porsche-Ikone 911 erkennen.

©G. von Sternfels

Der Prototyp zum Porsche 754 T7 von 1961 gehört dazu, der gleichzeitig Zeuge einer damals weit entfernten Zukunft ist, die sich nicht nur auf kleine, enge Sportwagen gründen sollte. Ferry Porsche gibt die grobe Richtung für das Auto, im Werk einfach "Butzi-Wagen" genannt, vor: Er will einen deutlich als Porsche zu erkennenden 356-Erben, der sich wie ein Sportwagen fährt, aber mehr Komfort und vier Personen plus Gepäck ausreichend Raum bietet. Auch eine Heckklappe wünscht er sich – vielleicht ein bisschen zu viel von allem. Intern ist seine Entstehung ein Kampf zwischen Tradition und Fortschritt, aus dem der junge Gestalter Ferdinand Alexander Porsche, kurz FA oder "Butzi" gerufen, als Sieger hervorgeht. Sein Entwurf wird gebaut und getestet. Doch das Urteil von Testchef Helmuth Bott fällt vernichtend aus. Der Zweiliter-Sechszylinder vom Typ 745 entpuppt sich als drehzahlschwache Sackgasse. Am Ende treibt den Prototypen das bekannte, 130 PS starke Carrera-2-Triebwerk an. Das Technik-Kunstwerk ist teuer, laut und aufwendig zu produzieren. Auch Ferry Porsche erkennt: Es passt vorn und hinten nicht. Am 10. November stoppt er das Projekt und macht den Weg für den neuen Sportwagen 901 mit 2+2 Sitzplätzen und neu zu entwickelndem OHC-Boxermotor frei. Der Zwitter 754 T7 wird weggestellt. Der erste große Porsche wird er nicht, aber sein Design nimmt Formen der Ikone 911 vorweg – und er macht den Weg für den Elfer frei.

Porsche 754 T7: Glückloser Prototyp

Auf dem Weg zum 911: Porsche 754 T7 Auf dem Weg zum 911: Porsche 754 T7 Auf dem Weg zum 911: Porsche 754 T7

… und was wurde daraus?

Ähnlich und doch anders – der erste 911 von 1964. Aus der Front des 754 T7 formte "Butzi" Porsche das Gesicht der Marke, während aus dem Gesamtprojekt die Erkenntnis stammt, dass Heckmotor Sportwagen, Fließheck und vier Sitzplätze zusammen nicht funktionieren – beim 911-Vorläufer kam das Zusammenwirken von Versuch und Irrtum zum eindeutigen Ergebnis, wie es nicht geht. Deshalb wurden für den 356-Nachfolger unter anderem ein Zweiliter-Boxer mit oben liegender Nockenwelle und 130 PS (Typ 901) und eine moderne Hinterachsaufhängung mit Schräglenkern entwickelt.

Turbo Porsche No. 1: Das erste Alphatier

Der erste 911 mit Aufladung war ein 240 PS starkes Geburtagsgeschenk an die Porsche-Tochter Louise Piëch.

©G. von Sternfels

Vom Porsche 911 turbo (klein geschrieben!) wird ein Fahrzeug vor dem Verkaufsstart in den Straßenverkehr entlassen – der Prototyp "Turbo Porsche No. 1", den Ferry Porsche seiner Schwester Louise Piëch 1974 zum 70. Geburtstag schenkt. Louise Piëch, Sie steigt in ein Auto, das sich auf halbem Weg zur Serie befindet. Zwar trägt ihre No. 1 schon den großen Heckspoiler, der gemeinsam mit den ausgestellten Radhäusern zum Erkennungszeichen des aufgeladenen Elfers und stilprägend für den "Turbo-Look" wird, aber die Technik steckt noch in einer schmalen Karosserie. Sie stammt vom 911 Carrera mit Saugmotor, die perfekte Tarnung für die Turbo-Technik im Heck. Dort sitzt damals ein 2,7 Liter großer Boxer, den die Ingenieure um Motoren-Magier Hans Mezger auf 240 PS aufblasen.

Turbo Porsche No. 1: Das erste Alphatier

Turbo Porsche No. 1:  Das erste Alphatier Turbo Porsche No. 1:  Das erste Alphatier Turbo Porsche No. 1:  Das erste Alphatier

... und was wurde daraus?

Die Legende vom Turbo. Im Oktober 1974 steht das Serienauto, der 911 turbo auf dem Pariser Autosalon, der Verkauf beginnt 1975. Anders als das Einzelstück Turbo-Porsche No. 1 bekommt der reguläre Turbo-Elfer einen Dreilitermotor mit 260 PS und fettere Radhäuser. Ab 1977 leistet der überarbeitete 911 turbo dank Ladeluftkühlung und auf 3,3 Liter vergrößertem Hubraum 300 PS. Erst 1987 ergänzten die aufgeladenen Versionen des 911 Targa und Cabrio die Modellpalette. Der letzte luftgekühlte 911 Turbo ist der 993, der serienmäßig über Allradantrieb und Biturbo-Aufladung verfügt.

Porsche 984: Der streng Geheime

Statt eines flattrigen Faltdachs findet ein versenkbares Hardtop hinter den Sitzen Platz.

©G. von Sternfels

Dass niemand mit dem Porsche 984 etwas anfangen kann, ist Absicht. Nicht nur die Entwicklung des Mittelmotor-Roadsters geschieht im Verborgenen, auch seine Existenz bleibt streng geheim. Mit der Entwicklung, die 1984 beginnt, betritt Porsche Neuland, die Ingenieure haben einen Sportzweisitzer auf Seat-Basis im Kopf. Als Seat abspringt, macht Porsche das Beste daraus: "Junior" nennen sie den 984, in der zukünftigen Modellpalette zwischen 924 und 944 eingeordnet. Seine Besonderheit: Statt eines flattrigen Faltdachs findet ein versenkbares Hardtop hinter den Sitzen Platz, Hinterradantrieb ist Pflicht, der Rest wird munter improvisiert. So besteht der Innenraum aus 944-Teilen, die Bremsen stammen vom alten Elfer, die Lenkung von dessen Nachfolger 964, die Steuerelektronik vom 928 und das überarbeitete Getriebe vom 912 E, der ja auch schon eine Notlösung war. Doch ausgerechnet beim Motor, geplant als luftgekühlter 4-Ventil-Boxermotor, der auch mit Turbolader und als Flugmotor arbeiten soll, hakt es, Die kühne Innovation verendet schon in der Konzeptphase. Stattdessen wird ein steinalter, aber frisch frisierter Vierzylinder aus dem 914 verbaut. Aus 2,4 Liter Hubraum holt der Boxer schmale 135 PS. Im Juni 1987 startet der Prototyp zur Jungfernfahrt, es finden sogar Messungen im Straßenverkehr statt. Der 984 fährt nicht nur, er wirkt sogar schon leidlich ausgereift. Doch der Vorstand senkt den Daumen: zu teuer! So wird der Typ 984 im März 1988 nach vierjähriger Entwicklungszeit weggestellt, und weil ihn niemand kaufen wird, kommt von den zehn Millionen Mark Entwicklungskosten keine einzige Mark wieder rein. Trotzdem: Die Idee eines kleinen Porsche ist in der Welt.

Porsche 984: Geheimer Roadster-Prototyp

Porsche 984: Der streng Geheime Porsche 984: Der streng Geheime Porsche 984: Der streng Geheime

… und was wurde daraus?

Tja, vermutlich der Boxster. Vieles spricht für die zumindest ideelle Verwandtschaft der beiden Junior-Modelle: Die Idee eines kompakten, leichten und agilen Roadsters, eines echten Porsche als Einsteigermodell unterhalb des 911, die Mittelmotor-Konzeption, die Abmessungen. Mit großer Wahrscheinlichkeit haben Ingenieure, Stilisten und Vertriebler einen Blick auf den 984 geworfen, bevor sie den Boxster entwarfen.

Porsche 928 Cabrio: Offener Porsche ohne Zukunft

Ein großer Designentwurf, der nicht wie ein Prototyp wirkt. Die Form des 928 Cabrio erscheint serienreif.

©G. von Sternfels

Der 928 sorgt zeitlebens für Diskussionen. Die Traditionalisten nehmen ihm Komfort und Abkehr von Heckmotor und Luftkühlung übel. Er sollte den 911 beerben, damit macht er sich Feinde. Während seiner Bauzeit von bald 20 Jahren werden viele Entwürfe durchgespielt. Eine der Überlegungen führt 1987 zum Prototyp des 928 Cabrio. Sie fällt in eine Zeit hektischer Betriebsamkeit, sogar ein 928-Viertürer scheint denkbar. Gebaut werden zwei Cabrio-Studien, als Basis dient der S4, der erste 928 mit Fünfliter-Vierventil-V8. Noch heute steht der offene Transaxle-Porsche groß, kraftvoll und elegant da. So aalglatt, als wäre der 928 nur als Cabrio gedacht gewesen. 1991 hätte er für rund 150.000 Mark auf den Markt kommen können, heißt es. Doch leider bröckelt damals der Gewinn bei Porsche. Finanzvorstand Heinz Branitzki tritt auf die Kostenbremse: 1991 werden ein letztes Mal die Kosten für ein 928 GTS Cabrio kalkuliert. Es folgt das Aus.

Porsche 928 Cabrio: Studie ohne Zukunft

Porsche 928 Cabrio: Studie ohne Zukunft Porsche 928 Cabrio: Studie ohne Zukunft Porsche 928 Cabrio: Studie ohne Zukunft

Was wurde daraus?

Leider gar nichts. Wer in den 80er- und 90er-Jahren Porsche, Frontmotor UND Cabrio wollte, der musste zum offenen 944 sowie zu dessen Nachfolger 968 greifen. Als die Vier- und Achtzylinder-Transaxle-Typen 1995 ersatzlos ausliefen, blieb Cabrio fahrenden Porsche-Kunden nur der 911 übrig. Ob das 928 Cabrio das Zeug zum Markterfolg gehabt hätte, bleibt Spekulation. Der ähnlich positionierte und ebenfalls mit V8-Motoren liefer-bare Mercedes SL vom Typ R 129 verkaufte sich in 13 Jahren über 200.000-mal. Ein großer offener Porsche blieb Wunschdenken, stattdessen kam 1996 der kleine Boxster.

Vergessene Prototypen von Porsche

Porsche-Prototypen der 60er bis 80er Porsche-Prototypen der 60er bis 80er Porsche-Prototypen der 60er bis 80er

Autor: Jan-Henrik Muche

Fotos: G. von Sternfels

Stichworte:

Oldtimer Sportwagen

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