Pro und Kontra: Aufgeladene Motoren

Pro und Kontra: Aufgeladene Motoren

— 10.01.2014

Wieviel Turbo braucht der Mann?

Mehr Leistung? Klar, gern! Auto-Gourmets streiten allerdings nicht über das Wieviel, sondern über das Wie!

Sie waren schon ein alter Hut, als sie Mitte der siebziger Jahre im Auto populär wurden: Turbolader. Im Lastwagen gab es sie bereits in den Fünfzigern, in Flugzeugen seit den Vierzigern, in Lokomotiven seit den Dreißigern und seit den zwanziger Jahren in Schiffen. Im Automobil ging es erst nur um zwei Ziele: mehr Leistung und mehr Drehmoment. Heute hilft der Turbo auch beim Sparen. Die Direkteinspritzer-Diesel wären bestimmt nicht so populär geworden, wenn sie nicht seit 1988 fast ausschließlich mit Turbodruck auf den Markt gestürmt wären. 1989 waren sechs Prozent aller Neuwagen aufgeladen – 2013 waren es fast 75 Prozent. Aber was ist das bessere Prinzip, Aufladung oder Saugmotoren?

Wenn ein früher Turbo loslegt: Das gibt einen richtigen Kick!

Thomas Wirth, AUTO BILD KLASSIK-Mitarbeiter: Stimmt schon: Angenehmes Fahren gibt’s mit einem Sauger. Der holt sich, was er braucht. Ein Turbo dagegen bekommt eine Extraportion. Mit Nachdruck! Und so marschiert er dann. Mag ja sein, dass mancher das obszön findet, zu radikal, völlig unkultiviert. Wie die frühen Turbos, die manchen Piloten zur Verzweiflung trieben, weil der Push oft erst kam, wenn das Auto schon wieder in die Kurve musste. Wer damals mit Turbos auf Rallyes schnell sein wollte, richtig schnell, der musste seine Füße völlig neu und sehr geschickt choreografieren. Ging auch. Warum ich den Turbo liebe? Weil er mir das heißeste Erlebnis jener prägenden Zeit kurz vor (!) dem Führerscheinerwerb bescherte. Mein Cousin Ralph (der durfte schon fahren) saß damals am Steuer des väterlichen Saab 900 turbo, der Schwede trottete vor sich hin. Dann gab er plötzlich Gas, grinste: Das Ding trat uns so frech in den Rücken, dass ich diesen Moment nie wieder vergaß. Als zündete eine Rakete, das war Rodeo statt Ponyreiten. So, als hämmerte Motörhead lässig einen süßlich fiedelnden André Rieu weg. Headbanging statt Schunkeln! Stroboskopblitze statt Kerzengeflacker. Für mich sind Turbo-Benziner rot glühende 70er-Jahre mit 100.000 Umdrehungen: der absolute Kick.

Hohe Motorenbaukunst braucht keine Aufladung!

Mario Puksec, AUTO BILD KLASSIK-Mitarbeiter, Wenn es um Saugmotoren geht, sprechen Engländer von naturally aspirated – natürlich beatmet. Meine Schlussfolgerung daraus: Aufgeladene Motoren sind unnatürlich. Und so fühlen sie sich auch an. Wie Tütensuppe mit Geschmacksverstärker. Der Genuss bleibt auf der Strecke. Denn nicht die pure Kraft ist entscheidend für anhaltende Fahrfreude, sondern die Art, wie sie serviert wird. Ein Motor muss engagiert sein, Befehle des Fahrers unmittelbar umsetzen und dem Begrenzer freudig entgegenstürmen. All das können aufgeladene Motoren nicht, stattdessen sträuben sie sich gegen das obere Ende der Drehzahl-Skala und stellen die Leistung immer mit Verspätung zur Verfügung. Ambitionierte Piloten müssen das Gaspedal also treten, bevor der Schub einsetzen soll. Der zwangsbeatmete Motor holt dann erst mal langsam Luft, um irgendwann mit schwer dosierbarem Drehmomenthammer über Fahrer und Reifen herzufallen. Angenehmes Fahren geht anders. Und hohe Motorenbaukunst auch. Denn die erreicht hohe Literleistungen über leichte, hochfeste Materialien und sorgfältig konstruierte Ansaug- und Abgaskanäle. Kurz mal ’nen Lader anflanschen und auf dem Papier mit hohen Zahlen prahlen, klingt für mich nach Fünf-Minuten-Terrine.

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