Pro und Kontra: Retro-Radios

— 30.01.2013

Retro-Radios im Oldie – ein Tabu?

Retro-Radios vereinen moderne Technik mit einer Optik im alten Stil. Zwei AUTO BILD KLASSIK-Redakteure diskutieren, ob der Trick mit der Blende eine blendende Idee ist oder nicht. Und was ist Ihre Meinung?

Bei Autoradios ist es wie mit der Musik, die sie spielen: Der eine mag es klassisch, der andere lieber modern. Retro-Radios versuchen, beides in einem Gerät zu vereinen. Ihre Technik von heute verstecken sie hinter Blenden und Knöpfen im Stil alter Geräte. Die Mehrheit lehnt Retro-Radios ab. Sie fallen zu sehr als Originalitäts-Fake auf. Soundfreaks greifen dagegen gern zu, weil sich moderne Medien und Verstärker problemlos anschließen lassen. Und weil Retro-Radios oft weniger kosten als gute, überholte Altgeräte. Grundsätzlich ist moderne Technik im Klassiker voll akzeptiert. "90 Prozent der Radios gehen mit Zusatzadapter für iPod oder MP3 in den Versand", weiß Autoradio-Experte Rainer Königs.

"Der (bessere) Ton macht schließlich die Musik"

Moderne Radiotechnik im Oldie-Look? Gern! Auch Retro-Radios rocken, meint Peter Michaely.

Peter Michaely, AUTO BILD KLASSIK-Autor:
Ich erinnere mich noch genau an den Tag, an dem ich mein erstes Auto kaufte. Die vier Jahre alte Ente stand beim Fähnchen-Händler um die Ecke, mit rechteckigen Lampen, rot, "I fly bleifrei"-Aufkleber auf der Fahrertür und dem Heckdeckel. Unter die Ablage vor dem Beifahrersitz hatte der Vorbesitzer ein Kassettenradio geschraubt, das ungefähr so gut in die Karre passte wie ein Pop-Art-Bild in den Kreuzgang eines romanischen Klosters – nämlich gar nicht. Zu allem Überfluss glotzten mir aus den Verkleidungen der Vordertüren zwei runde Lautsprecher in selbst ausgesägten Halterungen aus schwarz angepinselten Spanplatten entgegen. "Na und?", meinte der Verkäufer. "Hauptsache, das Radio macht Krach." Ich, gerade 18 geworden, konnte nicht umhin, ihm recht zu geben. Und wissen Sie was? Ich tue es noch immer! Wer meint, sich an den Verkleidungen oder den Armaturenbrettern von Klassikern mit der Laubsäge austoben zu müssen, nur um ein Baumarkt-Radio unterzubringen, ist mir zwar heute suspekt. Doch was spricht gegen passgenaue Radios im Retro-Stil mit moderner Technik, was gegen neue Lautsprecher unter Original-Blenden? Nichts. Für mich macht der (bessere) Ton die Musik.

"Ich liebe es, wenn das alte Blaupunkt Frankfurt knarzt"

Bitte nur Originale! Christian Steiger schätzt den Sound eines Radios aus der Bauzeit seines Oldies.

Christian Steiger, Stellvertreter des AUTO BILD-Chefredakteurs:
Da messen wir Millimeter, wenn es um die Passform neu aufgelegter Stoßstangen geht. Diskutieren über einzig wahre Original-Lacktöne, und notfalls lassen wir für ein kleines Vermögen originale Polsterstoffe nachweben. Und dann? Hängen wir ein neues Retro-Radio mit Navi und USB-Anschluss ins Cockpit des alten Autos, verstecken Bassröhren im Fußraum und neue Boxen hinter alten Blenden. Ja, geht's denn noch? Zum Originalzustand gehört für mich der Sound von damals. Zwischengas beim Runterschalten und Sechs-Volt-Phlegma-Scheibenwischer, aber Konzertsaal-Sound von 2013? Nee, das passt wie Lady Gaga beim Walkürenritt. Mir fehlt gar nichts, wenn mich authentische Technik beschallt. Ganz im Gegenteil, ich liebe es, wenn erst mal die ollen Röhren warm werden müssen, bevor in meiner Borgward Isabella das Blaupunkt Frankfurt losknarzt. Ich bin stolz auf das Becker Mexico in meiner alten S-Klasse – allein der Name! Und als ich mein Mercedes W 124 Cabrio kaufte, hab' ich zuerst das fiese Neuzeit-CD-Radio entsorgt. Jetzt höre ich MusiCassetten. Ja, die hießen mal so! Vielleicht liegt es ja am Alter. An meinem. Jedenfalls erinnere ich mich: Damals reichte das auch.

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Kommentare zum Artikel (1)

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Deichgraf63
30.01.2013, 10:33Uhr

Da gibt es auch gangbare Mittelwege: Für Radios der späten '60er und der '70er gibt es Adapter zum Anschluß an die Tonbandbuchse, dann wird der Verstärker und der/die Lautsprecher des Originals genutzt. Entweder ein moderner Medienabspieler oder gar ein ganzes Radio können dann unsichbar im Handschuhfach werkeln. Für jedes UKW-Radio praktikabel sind Medienspieler mit kleinem UKW-Sender, eigentlich für den Zigarrenanzünder, aber man kann sie auch unsichbar fest verlegen. Für solche Lösungen spricht, daß man damit auch zeitgenössische Musik in den Oldie bekommt. Was nützt das schönste Oldieradio, wenn daraus die aktuelle akustische Umweltverschmutzung von Lady Gaga & Co plärrt?

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