Rekonstruktion eines Klassikers

Rekonstruktion eines Klassikers

— 25.03.2008

Lancia Aprilia Zagato

Dieses Auto kommt aus dem Nirgendwo: Vom Original waren nur zwei Fotos geblieben. Jetzt hat Zagato die Sport-Aprilia von 1937 neu gebaut. Moderne Computer-Technologie half dabei.

Ein Traum, dieses Auto: Sein Profil folgte dem Schnitt einer Flugzeugtragflche. Die leichte Barchetta-Karosserie formte eine rollende Skulptur aus Aluminium, sie verhllte exzellente Lancia-Technik. Drei oder vier Exemplare hat Karossier Zagato in den spten 30er-Jahren auf Aprilia-Chassis fr gute Kunden gebaut. Die fuhren damit Rennen, die legendre Mille Miglia zum Beispiel. Aber niemand kann sich erinnern. Die Sport-Aprilia gingen im Dunkel der Zeit verloren, vielleicht nach Unfllen. Das geschah ja oft mit Rennwagen: Sie waren zum Schnellfahren gebaut, ihre Besitzer genossen Spa und Erfolge. Pflege, Konservierung? Ach was. Doch heute fhrt wieder eine Sport-Aprilia. Neu. Oder alt? Was fr ein Verwirrspiel. Der Tragflchen-Lancia flitzt ber die Straen rund um den Zagato-Stammsitz Terrazzano di Rho so, als htte es ihn immer gegeben.

Ugo Zagato schuf 1937 in Mailand ein Meisterwerk

Die zweisitzige Sport Karosserie entstand auf dem Serienchassis der viertürigen Aprilia.

"Wir hatten jahrelang in aller Welt nach den verschollenen Wagen gesucht", sagt Andrea Zagato (47). "Vergeblich." Er ist Chef der Firma, die weiterhin Auto-Design entwirft, aber auch Entwicklungsauftrge bernimmt. In den 30er-Jahren war es neu, bei Rennwagen auf Schnheit zu achten. Ugo Zagato, Andreas Opa, tat es 1937 und schuf in Mailand ein Meisterwerk. Der technischen Eloquenz der Aprilia bekam die sportliche Note gut, die Verbindung zwischen Lancia und Zagato wurde fester. Enkel Andrea wnschte sich den kompromisslosen aerodynamischen Entwurf des Grovaters zurck, der Zagato 1919 gegrndet hatte: "Seine Aprilia war eine Ikone", sagt er: "Mit einfachem, sehr sauberem Design."

Erbe großer Werke: Andrea Zagato (47) besitzt die Rechte Hunderter Karosserie-Entwürfe.

Nur zwei Fotos haben im Archiv berlebt. Eines zeigt den Wagen schrg von vorn. Das andere von hinten. Aber diese beiden Ansichten gengen vollauf, um einen Klon der verschwundenen Aprilia zu bauen. Zumindest, wenn man einen Stab aus rund 50 Designern, Konstrukteuren, Computer-Experten, Mathematikern und Modellbauern unterhlt, dazu einen modernen Maschinenpark fr die Prototypenfertigung. Whrend Ugo Zagato seinen Entwurf vor gut 70 Jahren noch per Hand zeichnete, war der Neubau eine Ingenieurarbeit. Anhand der wenigen bekannten Abmessungen, den Rdern etwa, konnten die Zagato-Konstrukteure mit CAD-Programmen die Karosserieform mathematisch definieren. Sie wurde mit den Daten eines digitalisierten Chassis verknpft. "Immer wieder musste korrigiert werden", sagt Paolo Di Taranto, der das Projekt von Beginn an betreute: "Man sieht sehr schnell, wo es klemmt."

So alt kann neu sein

Viele Hundert Stunden Arbeit stecken in dieser Phase, an deren Ende es keinen Zweifel mehr gab. Nichts soll Spekulation sein an der Sport-Aprilia: Genau so sah sie einst aus. Doch das stimmt nicht ganz. Denn die neue Form bertrifft das Original. Sie ist ausgewogener, noch harmonischer. "Wir haben die Ideen meines Grovaters besser umsetzen knnen als er selbst", sagt Andrea Zagato dazu. Ugo kontrollierte seine Linien mit einfallendem Licht. Heute ist selbst das Licht virtuell. Frher fhrten begnadete Hnde die Hmmer, deren Schlge Aluminiumtafeln in flieende Formen verwandelten. Das Anpassen und Korrigieren forderte Augenma und seismografisches Gefhl. Es bot Raum fr eine persnliche Handschrift des Blechvirtuosen. Auch das ist Geschichte: Das moderne Klopfmodell, das eine Frsmaschine erstellt hat, ist unbestechlich. "Fr Interpretationen bleibt da kein Raum", gibt Andrea Zagato zu.

Wie vor 70 Jahren: Eine historische Aprilia wird geopfert

Bis zu neun neue Karosserien will Zagato bauen –ursprünglich gab es drei oder vier.

Die erste neue Aprilia Sport entstand fr einen Lancia-Sammler. Er kannte das Projekt von Beginn an. So wusste er auch, dass wie vor 70 Jahren eine historische Aprilia geopfert werden muss eine Limousine, unrestauriert, aber original, rund 10.000 Euro teuer. Ein Frevel ist das fr Andrea Zagato nicht, trotz der wenigen Exemplare, die berlebt haben: "Wir setzen ber Chassis und Motor immerhin eine wertvolle Karosserie." Wertvoll, weil sie echt ist: Denn Zagato besitzt alle Urheberrechte. Er will noch einige Exemplare bauen. Rund 150.000 Euro zahlen Kunden fr eine Aprilia Sport, maximal neun soll es geben viel mehr als zu Grovaters Zeit. Karosserien liefert Zagato auch pur, ohne Drumherum. Ihr Preis: 100.000 Euro. Zagato will seine Kunden von Hand verlesen, an preistreibenden Spekulationen hat er kein Interesse. Feine Geschmacksnerven sind dem Meister wichtiger: "Wir bauen Kunstwerke fr Sammler", sagt Di Taranto.

Als Ugo Zagato die Sport Aprilia 1937 zeichnete, dachte er an einen Flugzeugflügel.

Ein Handel wird sich allerdings ebenso wenig unterbinden lassen wie unlizenzierte Nachahmungen. Schon heute tauchen diese Autos immer wieder bei Veranstaltungen auf. Ihre Karosserien stimmen nie: zu schwlstig, zu hoch, seltsame Proportionen, dazu falsche Details. Sie beweisen: Die Form mag schlicht sein. Einfach zu bauen ist sie nicht. Fr Zagato dagegen stellte die Rekonstruktion kein Problem dar. "Wir sind schlielich Karosseriebauer", sagt Andrea. "Fr uns war die Lancia-Mechanik die grere Herausforderung." Es ist nicht der letzte klassische Zagato-Entwurf, den er aus dem Nirgendwo zurckholen will. Fr viele davon gibt es im Firmenarchiv mehr als nur zwei Schwarzweifotos aus den 30ern.

Technische Daten

Aprilia Sport VR4-Motor mit 18 Grad Zylinderwinkel, vorn lngs eingebaut, wassergekhlt, V-frmig hngende Ventile, 1486 cm3, Bohrung x Hub 75 x 85 mm, 48 PS bei 4300/min, Radstand 2750 mm, Spur vorn/hinten 1262/1292 mm, Hchstgeschwindigkeit (mit Serienkarosserie): 126 km/h, rundum Einzelradaufhngung, vorn mit gekapselten Feder-Stodmpfer-Einheiten, hinten Fahrschemel mit Lngslenkern, kombinierte Querblatt-Drehstab-Federung.

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