Renault 9 im Alltagstest — 24.02.2011

Was taugt ein Klassiker für 450 Euro?

Muss ein Klassiker immer ein Vermögen kosten? Kann ein 28 Jahre alter Franzose für lumpige 450 Euro nicht auch ein zuverlässiger Alltagsklassiker sein? Er kann! Dieser goldene Renault 9 Automatic beweist es.

Für 500 Euro bekommt man einen Satz Reifen, aber kein Auto. Und erst recht keinen Youngtimer. Hatte ich immer gedacht. Dann schickte mir meine Frau einen Link zu einem kantigen Ding mit nur einem (!) Außenspiegel, Dreistufenautomatik und frischem TÜV. Und das alles für nur 500 Euro. Etwas Fahrendes mit mehr Platz musste es sein, eine Familienkutsche, wir erwarteten ein Kind. Mehr Platz war nicht schwer, wir fuhren einen Fiat 126, der sich als cooler und billiger Smart-Ersatz erfolgreich durch Hamburg kämpfte. Der Renault 9 stand in Göttingen, auf dem Hof eines Taxiunternehmens. Der Eigentümer von R9 und Unternehmen hatte sich wohl verkalkuliert – und bot neben dem Franzosen eine Handvoll Honda CRX, einen VW 1600 und weitere Fahrzeuge an, die er "aus Versehen im Internet ersteigert hatte".

Die Tops der Flops: Autos, die ins Abseits fuhren

Rentnertraum der 80er: schwarze Gummilippe auf dem Kofferraum und Modefarbe Goldmetallic.

Nicht mal unflott: Die 68 PS des Renault 9 reichen für Tempo 150.

Uns interessierte nur das Goldstück, dieses stelzbeinige kleine Auto, das trotz seiner 4,06 Meter eines zu sagen schien: Ich bin, was ihr sucht. 500 Euro für einen jungen Klassiker mit frischer HU, einem anspringenden Motor und fünf Vorbesitzern – was sollte da schiefgehen? Andere Leute geben mehr Geld für eine Jacke aus. Es folgte die Preisverhandlung mit dem klammen Unternehmer. Als werdender Familienvater guckt man mindestens genauso aufs Geld. Ich fand ein Loch im Auspuff, wir bekamen den ansonsten rostfreien, gerade 91.000 Kilometer jungen R9 für 450 Euro. Heute hoffe ich, dass diese 50 Euro dem Anbieter nicht das Genick gebrochen haben. Ich habe nie einen alten Franzosen fahren wollen. Das hatte ich mir schwammig und lahm vorgestellt. Und so war es auch, als es 300 Kilometer zurück nach Hause ging: Weiches Fahrwerk, weiche Automatik, die ab 45 km/h die dritte und letzte Stufe einwirft, weiche Feincordsitze und dazu das metallische Geräusch der Motor-Steuerkette.

Diese Kiste ist ein Klassiker: Renault Espace

Plüsch und Plastik der 80er: Dreigangautomatik und elektrische Fensterheber vorn versüßen das Leben im Renault 9.

Das Cockpit des R9 verströmt den Charme der 80er-Jahre.

Der R9 konkurrierte in den 80ern mit Rentnermobilen wie VW Derby und Ford Orion. Typen, die vom Sport befreit waren. Zum Glück. Dafür hat er andere Qualitäten. Zwei Meter lange Bretter habe ich reinbekommen. Sechs Sack Gartenabfälle. Zwölf Regenrinnen-Steine à 25 Kilo. Und dann kam dieses Klackern von hinten. Beim Renault-Händler hatten sie schon gelacht, als ich den Hebel für die Lehnenverstellung am Fahrersitz nachbestellen wollte: längst nicht mehr lieferbar. Da wollte ich nicht auch noch um schnelle Hilfe wegen des Klackerns bitten. Der Schrauber einer freien Werkstatt schlug mir nach Rütteln am R9 vor, die Stoßdämpfer zu tauschen, "außer denen ist da ja nichts an der Achse". Die Dämpfer gab's im Internet, neu für 30 Euro. Wenn es Teile gibt, sind sie billig. Wenn.

Problem: der Kinderwagen

Den Hebel für die Lehnenverstellung suche ich bis heute. Und die neuen Dämpfer brachten nichts, es klackerte weiter. Dafür entpuppte sich das 50-Euro-Loch im Auspuff als lose Manschette. Ansonsten? Nichts. 5000 Alltags-Kilometer ohne Zicken, jede Fahrt ein Ausflug in die kuscheligen 80er. Dann kam Emil zur Welt, der Kinderwagen nahm Beifahrersitz und den halben Kofferraum in Anspruch. Bei einem verzweifelten Versuch, den Kinderwagen in den Kofferraum zu stopfen, verbog ich das Schloss. Die Klappe sprang fortan während der Fahrt auf. Ich hatte das Auto nicht beschädigt, sondern ihm wehgetan. Kurz darauf erlöste ich den R9, wickelte den Kofferraumdeckel mit Paketschnur fest – und brachte den kleinen Franzosen in eine Scheune. Ja, er hat es geschafft: Er gehört zur Familie. Jetzt warten er und ich auf die kinderkarrenlose Zeit. Wir überbrücken sie mit einem Mercedes W 124 T-Modell. Auch ein Youngtimer – nur viel teurer und fast an jeder Ecke zu sehen.

Technische Daten Renault 9

Reihenvierzylinder, vorn quer • zwei Ventile pro Zylinder • Hubraum 1397 ccm • Leistung 50 kW (68 PS) bei 5250/min • max. Drehmoment 106 Nm bei 3000/min • Vorderradantrieb • Dreistufenautomatik • Länge/Breite/Höhe 4063/1634/1406 mm • Reifen 155 SR 13 • Verbrauch ca. 8 Liter Super • CO2 ca. 185 g/km • Spitze 150 km/h • Leergewicht 875 kg • Zuladung 450 kg • Kofferraum 402 Liter • Tank 47 Liter • Neupreis: 15.450 D-Mark.
Roland Kontny

Roland Kontny

Fazit

Keine Panne, passabler Verbrauch, guter Komfort: Der fast 28 Jahre alte Franzose besteht den Alltagstest – bis auf das ganz individuelle Problem mit dem Kinderwagen. Die niedrigen Preise und der Umstand, dass heute weniger als 500 Exemplare auf der Straße sind, eröffnen dafür die Möglichkeit, für wenig Geld an einen komfortablen und seltenen Youngtimer zu kommen.

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Kommentare zum Artikel (14)

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wiegepaul
20.03.2011, 10:51Uhr

Ich hab da nich einen 82er Audi Typ 43 1,6, mit Beulen und defektem Simmering im Getriebe. Wenn man das in Ordnung bringt, ist er wieder zuverlässig und preiswert zu fahren, entsprechend abzugeben.

Meiermann
17.03.2011, 14:46Uhr

Toller Artikel, mehr davon.

rascal
05.03.2011, 20:59Uhr

danke für diesen Artikel über den R9. Über den R9 liest man heute sogut wie nix, war mal Auto des Jahres 1982. Ein einfacher, praktischer Wagen. Bin mit / im R9 aufgewachsen ... schöne Erinnerungen.

der fahrer dieses Wagens
03.03.2011, 08:07Uhr

auch solche Autos sind es wert gerettet zu werden, außerdem viel individueller, Mercedes fahren kann jeder. Das schlimmste ist, an Teile zu kommen, weil diese Autos als Wegwerfprodukt gebaut wurden. Ich habe aktuell einen Peugeot 305 (Bj. 80), einen Datsun Bluebird (Bj. 78) und einen Citroen Visa (Bj. 79), Teile für die Dinger zu kriegen ist eine Katastrophe, aber man erregt richtig Aufsehen, besonders mit dem Datsun und den Citroen. Da finden es manche Leute echt ungalublich, daß die Dinger weder Servo noch Klima haben, von Airbags, ABS, ESP und dem ganzen Scheiß gar nicht zu reden...

RS-Stone
02.03.2011, 12:24Uhr

@eddieangelo

Auf keine Fall verschrotten.??
Ich habe selbst einige Youngtimer und kann mir die Sprüche nicht mehr anhören.. Das waren noch Autos .. blos nicht verschrotten.. #
Alles nur Sprüche, dann kauf Dir doch einen und halte das Auto in Schuß. Dann kommen die Fragen, wie der hat keine Servo, Klimaanlage usw. Von den Fahreigenschaften ganz abgesehen. Keiner von den Sprücheklopfer setzt sich heute in so eine Kiste und fährt damit zur Arbeit. Selbst ein Corsa der heute keine Klimaanlage hat ist ein Ladenhüter.

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