Renault Espace

Renault Espace

— 20.04.2010

Diese Kiste ist ein Klassiker

Der Renault Espace, eine Großraumlimousine mit Kunststoffkarosserie, ein Klassiker? 1984 war der Espace ein Trendsetter, denn er begründete die Klasse der Großraumlimousinen.

Kinder, wie die Zeit vergeht. Der Renault Espace wühlt seit 1984 den Markt der familientauglichen Vans auf. Das bedeutet (alle Isabella-, Heckflossen- und Kapitän-Fahrer: jetzt ganz stark sein), dass Frankreichs tolle Kiste 2014 das H-Kennzeichen bekommt. Ein Van! Ja – wenn dann noch einer übrig ist. Der Espace teilt das Schicksal jener Fahrzeug-Gattung, die er mit der Summe seiner Qualitäten erst beerbte und dann fast verdrängte. Wurden seit Mitte der 50er-Jahre praktische Kombis gekauft, verbraucht und weggeschmissen, erlebten 30 Jahre später die ersten Vans das gleiche Schicksal. Was abgeritten war, wurde gequadert oder nach Afrika verschifft. Zum Sammeln ist es jetzt eigentlich schon zu spät.

Der Espace: Raumwunder mit Kunststoffkarosserie

1984 wirkte der kantige Espace wie ein Ufo auf vier Rädern. Kein Bus, kein Kombi, sondern ein Van für bis zu sieben Personen.

So ein Espace der ersten Jahre ist seltener als ein Adenauer-Benz. Ein Stück Autogeschichte ist er sowieso. Er hat es uns schmackhaft gemacht, das geniale Kasten-Konzept im One-Box-Design. Bei optionaler Vollbestuhlung fanden im Espace auf einmal sieben Menschen auf dem Verkehrsraum eines Opel Ascona Platz. Zulieferer Matra hatte den Trick ersonnen, bis dato als Erfinder schräger Typen wie des dreisitzigen Bagheera und des Pseudo-Offroaders Rancho bekannt geworden. Vier Jahre forschte die Auto-Abteilung des Waffen- und Raumfahrt-Konzerns am kompakten Kastenwagen, Codename "P16". Da das marode Marken-Konvolut Simca-Chrysler-Talbot ablehnte, ging die Idee 1982 an Renault.

Anfang der 80er-Jahre zweifelte man am Erfolg eines Vans

Wo schon einmal 1965 mit dem Schrägheck-Typ Renault 16 die Mittelklasse revolutioniert worden war, stieß die Minivan-Idee auf offene Ohren. Gebaut wurde der Espace bei Matra in Romorantin. Dort beplankten sie das tragende, im Zinkbad konservierte Stahlgerüst mit Karosserieteilen aus Schicht-Polyester. Fahrwerk und Antrieb, brave Vierzylinder, waren Massenware aus dem Renault 18 und Renault 20. Der Espace erregte Aufsehen. Und Ratlosigkeit. Seltsam, dieser Renault. Kein richtiger Bus, mehr Platz als ein Kombi, aber nur so lang wie eine Limousine. Ob das genial oder sinnfrei ist, überließen die Tester den Kunden. Wer hat schon eine Großfamilie? Oder immer einen Kühlschrank dabei?

Vom Flop zum Bestseller

Genau neun Bestellungen gingen für den Espace im ersten Verkaufsmonat ein. Neun. Es dauerte, bis der Groschen fiel. "Zu diesem Auto kommt man von selbst, wenn man alle Eitelkeiten beiseitelässt", sagte Renault-Chef Bernard Hanon bei der Vorstellung im Juli 1984. Nur 4,25 Meter lang, Drehsessel und Funk-Zentralverriegelung serienmäßig, Platz für fünf und ein Kofferraum wie beim Passat Variant – wo gab es das noch? 191.674 Einheiten verkaufte Renault bis 1991. Heute ist alles anders: Das Stufenheck ist rar geworden, der Kombi kämpft gegen die Flut der Vans, und ein Großraum-Pkw von Renault wird Oldtimer. So vergeht die Zeit.

Technische Daten Renault Espace 2000 TSE

Im kantig-kastigen Look der 80er sich auch der Innenraum.

Reihenvierzylinder • oben liegende Nockenwelle, zwei Ventile pro Zylinder • Hubraum 1995 ccm • Leistung 80 kW (109 PS) bei 5500/min • max. Drehmoment 160 Nm bei 3000/ min • Fünfgang-Schaltgetriebe • Vorderradantrieb • Einzelradaufhängung an Dreieck- und Querlenkern vorn, Starrachse an Längslenkern hinten • Reifen 185/70 R 13 • Scheibenbremsen vorn, Trommel hinten • L/B/H 4250/1777/1660 mm • Leergewicht 1210 kg • Spitze 175 km/h • 0–100 km/h in 12,0 s • Neupreis 1985: 29.900 D-Mark

Historie

1984: Vorstellung des Renault Espace GTX/TSE (Zweiliter-Benziner, 109 PS) und Turbo D (2,1-Liter- Turbodiesel, 88 PS). 1988: Facelift mit geänderter Front und längerem Heck, auf Wunsch mit Allradantrieb. 1991: 2. Generation, auch mit V6 und Automatik. 1997: 3. Generation, ab 1998 optional als 27 cm längerer Grand Espace. 2002: Ende der Fertigung bei Matra, Start der 4. Generation mit Plattformchassis und Stahlkarosserie. 2006: letztes Facelift.

Plus/Minus

Unendliche Weiten im variablen Innenraum. Neue Ersatzteile für den Innenraum des ersten Espace sind nicht mehr erhältlich.

Ein früher Espace der Vor-Facelift-Ära ist der praktische Alltags-Begleiter für den frankophilen Youngtimer-Liebhaber mit Familie: viel Platz, solide Mechanik, Karosserie aus Kunststoff. Dazu kommen eine teilweise mild-luxuriöse Ausstattung und der Individualisten-Status – 2020 wird so ein Espace auf dem Oldie-Treffen der rare Exot sein. Minus: Ein Espace war meist zum Verwohnen da, gute Autos sind nur sehr schwer zu finden, und Ersatz für Ausstattungsdetails ist kaum zu bekommen. Vorsicht bei Autos mit Unfallschäden: Hat das verzinkte Stahlgerüst Schaden genommen, rostet es hier ungehemmt im Verborgenen – wirtschaftlicher Totalschaden.

Marktlage

Einige frühe Espace modern noch da draußen im Todeskampf vor sich hin, die aufgerufenen Preise liegen zwischen null und ein paar Hundert Euro. Ein Auto ohne Reparaturstau und/oder Restaurierungsbedarf ist extrem selten anzutreffen, ganz wenige Autos sollen sogar schon restauriert worden sein. Vielleicht gibt’s ja im südlichen Frankreich noch ein paar ordentliche Exemplare?! Wenn ja: kaufen! Sofort!

Ersatzteile

Benzin- und Dieselmotoren, die Getriebe und die Vorderachse stammen aus dem Konzern-Baukasten, die Mechanik eines Espace der ersten Serie ist millionenfach erprobt und leicht zu beschaffen. Schwer wird es, bei Schäden an der Kunststoffbeplankung und bei Teilen des Innenraums guten und passenden Ersatz zu finden. GFK und Plastik des Van-Vorreiters bleichen unter starker UV-Strahlung extrem aus.

Empfehlung

Ein Espace ist kein Mercedes W123, das ist sein größter Vorzug und Nachteil. Es wird in europäischen Metropolen wohl nie chic werden, den französischen Trendsetter des Van-Zeitalters zu besitzen. Wer aber einen künftigen Klassiker abseits eingetretener Pfade sucht, kann mit ihm glücklich werden. Er hat Charme, Pfiff und ist für kleines Geld zu haben. Instandsetzen lohnt nicht, deshalb rechnet sich der höhere Preis für das optimale Auto.

Autor: Jan-Henrik Muche

Diesen Beitrag empfehlen

Kommentare

Datenschutz

Die Technik der Kommentarfunktion "DISQUS" wird von einem externen Unternehmen, der Big Head Labs, Inc., San Francisco/USA., zur Verfügung gestellt. Weitere Informationen, insbesondere darüber, ob und wie personenbezogene Daten erhoben und verarbeitet werden, finden Sie in unseren Datenschutzbestimmungen

comments powered by Disqus
Anzeige

Automarkt

Finden Sie im Automarkt von autobild.de Ihren Gebrauchtwagen.

Bei autohaus24.de Neuwagen günstig kaufen und Geld sparen.