Renault Espace

Renault Espace 1984 Renault Espace 1984 Renault Espace 1984

Renault Espace

— 12.02.2014

Der Plastik-Palast

Viel Platz, viel Kunststoff, viele Sitze – der Renault Espace war eine französische Revolution, Wegbereiter für alle Vans. Auch wenn Renault diesen Autotypus damals anders nannte.

1984 steht die Zukunft beim örtlichen Renault-Händler. Genau dort also, wo zuvor Langeweile herrschte. Der Fuego wird seit vier Jahren verkauft, der R18 seit sechs und der in Ehren ergraute Ur-R5 schon seit zwölf Jahren. Der biedere R11 wird nur vom noch biedereren R9 getoppt. Selbst der neue R25 weckt wenig Begeisterung. Für Renault-Verkäufer ist das Aufregendste in dieser Zeit vermutlich die monatliche Gehaltsabrechnung. Mitten in dieser innovationslosen Zeit bietet Matra – mehr aus der Not heraus – dem französischen Staatskonzern das Konzept für einen neuen Autotypus an: halb Bus, halb Limousine; das Design eine Mischung aus Hochgeschwindigkeitszug TGV und Raumschiff. Renault-Chef Bernard Hanon ist mutig genug und gibt grünes Licht – für ein Auto, das es in Europa noch nicht gab: Der Wagen bietet bis zu sieben Personen Platz, ist kürzer als heute ein VW Golf VII und aerodynamischer als ein Citroën CX.

Flott wie ein Pkw und praktisch wie ein Transporter: Der Espace war seiner Zeit voraus – auch dank futuristischer Linienführung.

©U. Sonntag

Manch ein Kunde, so erinnert sich ein Händler, sei erst mal mit drei Meter Abstand um das futuristisch anmutende Gefährt geschritten. Und dann – zack! – der nächste Schlag. Wahlweise mit Faust oder Gummihammer; ausgeführt von gewieften Verkäufern auf eigens hingestellten Türen. Zurück bleiben verdutzte Kunden – aber eben keine Beule; die Karosserie besteht ja größtenteils aus Kunststoff. Die kleine Vorführung brennt sich tief ins Gedächtnis potenzieller Käufer – ebenso die Erkenntnis, dass dieses Auto so gut gegen Rost geschützt sein muss wie selten ein Renault zuvor. Und es warten weitere Überraschungen. Etwa beim Einsteigen. Vor allem für jene, die sonst Granada oder Passat lenken – und sich fragen, wo bloß die Motorhaube geblieben ist. Weg ist sie, verschwunden aus dem Blickfeld des Fahrers. So treten viele Interessenten verstört den Heimweg an – ohne einen Kaufvertrag zu unterschreiben. Nach einem Monat meldet die deutsche Renault-Zentrale: Wir haben ein Problem. Gerade mal neun Bestellungen sind eingetrudelt. Vielleicht liegt es auch am Preis, denn ein Espace 2000 TSE kostet fast 30.000 Mark. Nicht gerade Peanuts für einen Renault, zumal es dafür fast schon einen 123er-Mercedes 230 TE gibt. Mit weniger Platz freilich, dafür mit dem Prestige des Sterns.
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Highway-Jet

Schon durch die großen Scheiben an Front, Seite und Heck kommt viel Licht herein; wem das nicht reichte, der orderte zwei Schiebedächer.

©U. Sonntag

Doch mit der Zeit werden die Autokäufer doch noch warm mit dem "Highway-Jet" (Prospekt): Im ersten Produktionsjahr rollen 5923 Exemplare vom Band, gebrauchte Espace erzielen bald hohe Preise. Es spricht sich wohl herum, als wie praktisch sich das revolutionäre Raum- und Sitzkonzept herausstellt: Die hinteren Einzelsitze lassen sich zu Tischen umklappen oder komplett herausnehmen, sodass sich eine ebene Ladefläche von 1,95 Meter Länge und 1,20 Meter Breite ergibt. Die Vordersitze einiger Versionen sind gar um 180 Grad drehbar. Espace-Fahrer können in ihrem Auto im Grunde alles tun: schlafen, essen, konferieren, Mau-Mau spielen ... Und jedem, der einsteigt, wird klar, dass die Modellbezeichnung adäquat gewählt ist: Espace, auf Deutsch: Raum. Doch nicht nur das Platzangebot des bei Matra zusammengeschusterten Renault ist riesig. Die Spaltmaße sind es auch. Vielen Kunden ist das wurscht. Schließlich lässt sich das Gefährt dank Fernbedienung für die Zentralverriegelung, zwei Sonnendächern und Radio mit Lenkrad-Fernbedienung zum Luxusvan aufrüsten. Außerdem versprüht der avantgardistische Espace jenen Hauch Andersartigkeit, der auch Citroën-Käufer fasziniert. Der Eindruck, in einem besonderen Automobil zu sitzen, setzt sich beim Fahren fort. Es fühlt sich an wie eine Mischung aus VW Bus und Citroën BX. Die hohe Sitzposition, der lange Schalthebel, die im Stand schwergängige Lenkung, der im oberen Bereich dünne Lenkradkranz und der leicht dröhnende Motor lassen bei jedem Kilometer mehr Bulli-Feeling aufkeimen. Dazu passt der Blick über die Unterkante der Frontscheibe direkt auf die Straße.
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Perfekt zum Cruisen

Renault hat den Dreh raus: Die vorderen Sitze lassen sich drehen. Die hinteren Sitze sind sogar einzeln herausnehmbar.

©U. Sonntag

Die Federung – ein ordentlicher Kompromiss zwischen Sänfte und guter Kurvenlage –, die Kraft des Motors und die Mittelkonsole erinnern an einen Pkw. Der dünne Blinkerhebel wiederum, der mit einem harten Klack einrastet, die indirekte Lenkung, die weichen Sitze sowie die flockige Verarbeitung – über all das sollte der Fahrer mit französischer Lässigkeit hinwegsehen. Auch wenn die Technik teilweise den 70ern entstammt: Es bereitet Vergnügen, mit dem Franzosen über die Landstraße zu gleiten; es hat etwas Beruhigendes. "Der Wagen ist perfekt zum Cruisen", bestätigt Besitzer Klaus Podellek. Wir könnten jetzt auch anderen Espace-Fahrern zuwinken, wie vor 30 Jahren üblich. Nur kommt uns keiner entgegen. Es sind ja nur noch 519 Modelle der ersten Serie zugelassen. Also genießen wir die Reise und fühlen uns wie ein TGV-Lokführer. Die Windschutzscheibe ist so weit weg wie das Lebensgefühl der 80er-Jahre. Schon wer die Sonnenblende erreichen will, muss sich strecken. Kein Vergleich zu heutigen Autos. Dabei ordert heute jeder zehnte Neuwagenkäufer einen Van – also einen "Raumkreuzer", wie ihn Renault 1984 nannte. Zusammen mit dem Chrysler Voyager bereitet der Espace den Weg für einen Fahrzeugtyp, der von der Konkurrenz erst belächelt – und dann kopiert wird. Bisweilen erst nach 15 Jahren, wie bei Opel mit seinem Zafira. 19 Jahre braucht VW, bis der Touran erscheint. Der Pionier von einst spielt heute kaum noch eine Rolle. So wurden im September 2013 zwar 4017 neue Touran zugelassen – aber nur 79 neue Espace.

Technische Daten

Modernes Cockpit mit Drehzahlmesser und Mittelkonsole. So ähnlich sah es auch in anderen Renault-Modellen aus – aber in keinem Transporter.

©U. Sonntag

Renault Espace 2000 TSE Motor: Reihenvierzylinder, vorn längs • obenliegende Nockenwelle, über Zahnriemen angetrieben, zwei Ventile pro Zylinder, Doppelvergaser • Hubraum 1995 ccm • Leistung 81 kW (110 PS) bei 5500/min • max. Drehmoment 160 Nm bei 3000/min • Antrieb/Fahrwerk: Fünfgang-Schaltgetriebe • Vorderradantrieb • Einzelradaufhängung an Dreiecks- und Querlenkern vorn, Starrachse an Längslenkern hinten • Reifen 185/ 70 R 13 • Maße: Radstand 2580 mm • L/B/ H 4250/1777/1660 mm • Leergewicht 1210 kg • Fahrleistungen/Verbrauch: 0–100 km/h in 11,9 s • Spitze 175 km/h • Verbrauch (Drittelmix) 8,7 l Super plus pro 100 km • Neupreis: 29.900 Mark (1985).

Historie

Philippe Guédon, Technischer Leiter des auf Kleinserien spezialisierten Autoherstellers Matra, bringt 1978 die Van-Idee aus den USA mit. Im Unterschied zu den dortigen Maxi-Formaten will er eine Lösung, die zu europäischen Platzverhältnissen passt. Guédon beauftragt den Designer Antoine Volanis mit dem Entwurf eines solchen Fahrzeugs. Bereits 1979 sind mit "P16" und "P17" die ersten Prototypen fertig. Guédon bietet das Konzept der Simca-Chrysler-Talbot-Gruppe an, um den Rancho zu ersetzen. Doch der neue Eigentümer PSA (Peugeot/Citroën) lehnt ab. 1982 präsentiert Guédon das Projekt Renault-Chef Bernard Hanon, der gibt grünes Licht für die Serienentwicklung. Die Teile stammen von Renault, Matra übernimmt die Fertigung. 1984 wird der Espace vorgestellt – ein paar Monate nach dem "Minivan" Plymouth Voyager in den USA und ein Jahr nach dem kleineren Mitsubishi Space Wagon. 1988 erfährt der Espace ein Facelift, die Front wird verändert, das Heck verlängert, außerdem gibt es Allradantrieb. Der extravagante zweitürige Ableger Avantime wird infolge der Matra-Insolvenz 2003 eingestellt.

Plus/Minus

Bei herausgenommenen Rücksitzen entsteht eine Ladefläche von 1,95 mal 1,20 Meter.

©U. Sonntag

Wer einen Youngtimer mit viel Platz und laissez-faire Fahrgefühl sucht, kommt kaum am Espace vorbei. Er ist etwas kürzer als der aktuelle Opel Meriva, hat aber bis zu sieben Sitze. Einige Modelle besaßen gar drehbare Vordersitze. Dazu gibt es robuste Mechanik, sehr langlebige Motoren (selbst die Benziner) – und wenig Rostprobleme, denn das tragende Stahlgerüst wurde im Zinkbad konserviert, die Karosserieteile bestehen aus Schicht-Polyester. Allerdings: Ein offenes Rahmenteil hinter den Vorderrädern, eins am Ende des Kofferraumbodens und die Türrahmen rosten gern unter dem Kunststoff, da hier nicht genug Zink hinkam. Und wer Ersatzteile sucht, merkt irgendwann, dass er keinen Mercedes besitzt. Das gilt im Übrigen auch für Verarbeitung und Spaltmaße.

Ersatzteile

Die mechanischen Teile, meist von R18 und Fuego, gibt es mitunter noch im Teilehandel, ansonsten finden Espace-Fahrer einiges auf Teilemärkten und über den Gebrauchtmarkt. Sehr schwer wird es bei Innenausstattung, Scheinwerfern und vor allem den GFK-Karosserieteilen. Da hilft entweder Espace-Teilespezialist Espace haus.de oder eine Anfrage beim D’ARC (Bundesverband Deutscher Alpine- und Renault-Clubs), der bis nach Frankreich Kontakte herstellt. Achtung: Beim Espace nach dem Facelift 1988 wurden einige Teile von Matra gefertigt, zum Beispiel der obere Querlenker. Diese Teile sind inzwischen nicht mehr zu bekommen.

Marktlage

Als die Gebrauchtwagenpreise in den 90er-Jahren fielen, wurde er für Gewerbe und wenig betuchte Käufer interessant – und entsprechend runtergeritten. Viele Autos wurden nach Russland und Afrika exportiert. Daher kann es Monate dauern, bis man ein gutes Exemplar erwischt. Hohe Wertsteigerung ist nicht zu erwarten.

Empfehlung

Da alle Motoren robust und kräftig sind, ist es fast egal, welches Aggregat man nimmt – es wurde gar von einem 2,2-Liter- Benziner mit 996.000 Kilometern berichtet. Außerdem ist das Angebot ohnehin begrenzt. In Frankreich werden zwar mehr Exemplare angeboten, auch in gutem Zustand, wie die Inserate versprechen. Allerdings ist die Definition von "gut" dort eine andere als hierzulande.

Autor: Hinrich Blume

Fotos: U. Sonntag

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