Reportage 100 Jahre Ford T

— 20.06.2008

Moderne Zeiten

1908 kam der Ford T – eine Revolution: das erste Auto vom Fließband. Und heute? Wie fühlt sich heute der Wagen an, der einst die Massen mobil machte? Eine Zeitreise mit Motorkutsche.



Vor 100 Jahren schrieb Henry Ford mit diesem Modell Autogeschichte. Inspiriert von baumelnden Schweinehälften in den Schlachthöfen Chicagos, brachte er die Fließbandarbeit in seine Montagehallen nach Detroit und produzierte das erste Auto für die Masse: günstig zu kaufen, leicht zu reparieren und einfach zu fahren. Einfach? Na ja ... Die Schwierigkeiten beginnen schon beim Starten des Motors. Zuerst muss der Benzinhahn des Ford T, Baujahr 1927, aufgedreht werden. Dafür kriecht Wolfgang Laufer, Classic-Car-Chef bei Ford, unter das Auto. Es folgt ein hektisches Hin- und Herspringen zwischen Innenraum und Motorhaube. Zuerst den Choke draußen neben der Handkurbel ziehen, dann Zündung an, Zündhebel links am Lenkrad hoch, den Gashebel nach unten schieben und die Handbremse festzurren. Nun wieder raus und kurbeln, bis der Arm lahmt. Der Motor spuckt und stottert, will aber nicht so richtig anspringen.

Fahren wie vor 100 Jahren

"Ford-Fraktur" schießt es mir durch den Kopf. So nannten die Ärzte früher den brutalen Armbruch, der so manchen ahnungslosen T-Besitzer beim Kurbeln ereilte. Ich bin froh, dass ich nicht kurbeln muss. Plötzlich: ein Knall, es pufft und dann knattert die Blech-Liesel los. Ohrenbetäubend laut, aber wunderschön. Laufer lächelt erleichtert. Dann hüpft er ins Auto, wechselt die Zündung von Batterie auf Spule und stellt das Kraftstoff-Luft-Gemisch ein. Früher, so erzählt er, haben die Amis im eiskalten Winter die Zündkerzen ausgeschraubt und auf dem Herd heiß gemacht. Andere haben eine Schüssel voll brennendem Petroleum unter den Motor geschoben, um die Ölwanne anzuwärmen. So mancher T ging in Flammen auf. Ich klettere hinters Lenkrad des Coupés. Die grauen Stoffpolster erinnern an Omas Sofagarnitur. Sicherheitsgurte, Blinker, Heizung, Schaltknüppel: Fehlanzeige. Das Cockpit ist überschaubar. Nur eine schlichte Amperemeter-Anzeige für die elektrische Lichtmaschine ziert das Armaturenbrett. Ich öffne alle Fenster – auch die obere Hälfte der geteilten Windschutzscheibe. Dann fällt mein Blick auf den Fußraum. Wie? Nur drei abgetretene Pedale? "Rechts, da, wo sonst das Gaspedal ist, liegt die Bremse", brüllt Laufer gegen das Knattern an. "Das Pedal in der Mitte ist der Rückwärtsgang."

Tückisch! Wenn man nicht aufpasst, tritt man reflexartig statt zu bremsen den Motor kaputt. "Ganz

Gemütlichkeit in Grau: Die plüschige Sitzbank des Ford T.

links, wo sonst die Kupplung liegt, befindet sich das Gangpedal – im durchgetretenen Zustand ist der erste Gang drin, losgelassen der zweite." Und wo ist das Gas? "Der Hebel rechts am Lenkrad." Oh je! Meine Hände umklammern das runde Kirschholz. "Fuß auf das linke Pedal und genau in dieser Position halten", schreit Laufer. "Die Handbremse langsam lösen, das linke Pedal vorsichtig nach vorn treten und mit der rechten Hand Gas geben." Meine logische Gehirnhälfte hinkt dem Kommando hinterher. Zögernd löse ich die sperrige Handbremse, drücke den linken Fuß sachte nach unten und tatsächlich: Lizzy rollt ruckelnd vorwärts. Wahnsinn. Ich gebe mit dem rechten Zeigefinger Gas. Lizzy kommt in Fahrt.

Ich denke, egal was passiert, bloß nicht auf das mittlere Pedal treten. "Jetzt den zweiten Gang", brüllt Laufer. Ich lasse das linke Pedal los. Lizzy – und mein Herz – springen nach vorn. Ein rascher Blick zu Laufer. Der tut, als sei nichts gewesen. Wir rauschen vorbei an lachenden Passanten. Euphorisch drücke ich aufs Klax-Horn. Die Sirene krächzt wie bei den Waltons. Geschätzte Geschwindigkeit: 45 Stundenkilometer. Ein Tacho kostete damals etwa ein Viertel vom Neupreis extra, erfahre ich. Dann versetzt mich eine herannahende Ampel in Panik. Ich schalte in den ersten Gang. Bin immer noch zu schnell. Wo war noch mal die Bremse? Mein rechter Fuß schwankt zwischen dem mittleren und rechten Pedal hin und her. Jetzt bloß nichts falsch machen. Mit aller Kraft trete ich rein. Es dauert eine Weile, doch dann greift die auf eine dosendeckelgroße Getriebetrommel wirkende Fußbremse. Uff! Jetzt fängt es auch noch an zu regnen. Wie soll ich denn die Windschutzscheibe schließen, den Scheibenwischer betätigen, mit der rechten Hand Gas geben und gleichzeitig abbiegen? Hilfe, Ford, tu was!

Ford T: einfach, robust, preiswert

Charly Chaplin fuhr einen und ab 1918 jeder zweite Autobesitzer in den USA: das Model T von Henry

Schwerstarbeit: Die Kurbel immer im Uhrzeigersinn und auf Zug nach oben drehen.

Ford war das erste Volumenmodell der Autogeschichte. Über 15 Millionen wurden von 1908 bis 1927 gebaut. Landärzte, Pfarrer, Bauern – sie alle liebten den T. Er war robust, leicht zu reparieren, Ersatzteile gab es in jedem Eisenwarenladen. Auf dem Lande wurde der T aufgebockt und als Kreissäge, Mähdrescher oder Wasserpumpe benutzt. 1908 kostete er 825 Dollar, nach Einführung der Fließbandproduktion 1914 nur noch 370 Dollar, später 260 Dollar. Durch die hohen Löhne von fünf Dollar pro Stunde und einer Gewinnbeteiligung konnten sich die Ford-Mitarbeiter die Autos, die sie produzierten, bald selbst leisten. Heute gibt’s – so Ford – noch fast 200.000 Tin Lizzys, davon 1000 in Deutschland.

Autor: Daniela Pemöller



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