Reportage: Oldtimer auf Kuba

— 25.06.2012

Die wahre Währung

Oldtimer gehören zur kubanischen Hauptstadt Havanna wie Zigarren, Rum und Salsa. Noch. Nachdem sich der Inselstaat langsam an der Gegenwart orientiert und sogar wieder Neuwagen ins Land lässt, mutieren die Veteranen zur Touristenattraktion.



Als Juan Luis zehn Jahre alt ist, begleitet er seinen Vater ein letztes Mal zum Opel-Händler der Stadt. Auf dem Weg dorthin hat ihm sein Vater von seinen Sorgen berichtet, von der Ungewissheit, was aus dem Land, was aus ihnen werden würde. Der kleine Juan versucht zu verstehen, was sein Vater da erzählt. Dass eine neue Ära begonnen hat. Fidel Castro, Che Guevara und die anderen Revolutionäre haben Diktator Fulgencio Batista gestürzt, Amerika und die westliche Welt wenden sich ab, und Ernest Hemingway trinkt seine Mojito längst nicht mehr in der Bodeguita del Medio. Auch der Opel-Händler in dem feinen Stadtteil Miramar, erklärt der Vater seinem Sohn, wird in ein paar Wochen schließen.

Mexiko: Die letzten VW-Käfer

Auf den Parkplatzen im Zentrum von Havanna warten Dutzende von Oldtimer-Taxis auf Touristen.

© M. Heimbach

Deshalb ist Señor Luis an diesem lauwarmen Herbsttag 1959 gekommen, um ein Auto seiner Lieblingsmarke zu kaufen. Er weiß, dass seine Landsleute auf Kuba die Köpfe darüber schütteln werden, die alle auf diese Amischlitten schwören, auf Chevy und Buick, auf Dodge und Plymouth, auf Ford und Cadillac. Niemand ahnt, dass ihre Autos auch in 50 Jahren noch durch die Straßen von Havanna und über die ganze Karibikinsel poltern und ein Ende fern ist. Auch Juan Luis’ Vater macht sich keine Vorstellung davon, als er stolz in seinem neuen Opel Rekord, dunkelgrün der Lack, weiß das Dach, vom Hof des Händlers rollt. Heute ist der kleine Juan fast 64 Jahre alt. Er sitzt in jenem Opel Rekord P1 von 1959 und lenkt diesen Oldtimer durch den Verkehr seiner Stadt. Auf dem Dach klebt ein Taxi-Schild. Er wird von einem Kia Picanto überholt, weicht einem Geely EC aus, passiert einen parkenden Audi A6. "Wenn mein alter Herr das sehen könnte", sagt Juan und rückt seine Brille zurecht. "Ich in seinem Opel, in diesen Zeiten." Wieder steht Kuba vor einer neuen Ära. Staatschef Raúl Castro, der jüngere Brudel Fidels, setzt eine kleine Reform nach der anderen um: Erst durften Kubaner ihre eigene Firma gründen, nun ist auch der Handel mit modernen Autos möglich, als nächstes der mit Immobilien. Vor dem Hotel Inglaterra wartet ein Polo auf Touristen, um sie zum Flughafen zu bringen. Juan Luis parkt zwischen dem modernen VW und einem 52er Plymouth – der Kampf um die gut zahlenden Ausländer hat begonnen.

Alte Straßenkreuzer sind Kubas wahre Währung

Sonnige Aussichten: Wer vor dem Capitol mit einem der hochglanzpolierten Oldie-Taxis wartet, verdient gut.

© M. Heimbach

Die Chancen, einen Fahrgast abzugreifen, stehen für ihn nicht schlecht. Wer als Tourist nach Kuba kommt, der will in diesen Oldtimern mitfahren, will auf eine Zeitreise gehen, den schert es nicht, dass unter der Motorhaube des Plymouth inzwischen ein Isuzu-Motor arbeitet oder dass der Opel von Juan heute in Wahrheit mehr ein russisches als ein deutsches Auto ist. Motor, Getriebe, Hinterachse – alles Lada. Der Laie sieht den Unterschied nicht, und er kann oder will ihn auch nicht hören. "Das Grün des Lacks ist inzwischen auch viel heller als das beim Original", gesteht Juan Luis. Auf der Visitenkarte des Taxifahrers steht: english-speaking driver. Luis hat früher als Englischlehrer gearbeitet, wurde in kubanischen Peso bezahlt und verdiente umgerechnet rund 13 Euro im Monat. "Das war noch weniger als in den meisten anderen Berufen." Mit dem Taxi macht er nun ein Vielfaches, denn die Touristen zahlen in konvertiblen Peso, mit dem an den US-Dollar gekoppelten Geld. Für eine Stunde in seinem Opel Rekord geben sie schon mal gern umgerechnet 15 Euro aus. Kein Wunder, dass Juan und überhaupt jeder Besitzer eines Oldtimer-Taxis in der Stadt alles dafür tun, um ihre Autos am Leben zu halten – auch ohne Originalersatzteile. Denn diese alten Straßenkreuzer sind auf Kuba die wahre Währung. Sie sind die Lizenz zum Verdienen von gutem Geld. Wenn sie den Besitzer wechseln, dann zu Preisen, die nicht annähernd ihrem Wert entsprechen.

Das letzte Paradies: Im Wald der toten Autos

Ein fast 60 Jahre alter Chevrolet wartet vor einer Werkstatt-Hütte auf ein neues Spenderherz.

© M. Heimbach

Lázaro, Hobby-Schrauber aus dem Südosten Havannas, bietet seinen rostigen 57er Studebaker mit Moskwitsch-Motor und Nissan-Bremsen für umgerechnet 7500 Euro an. Für diese Summe lässt sich auf Kuba heute schon einiges kaufen; unter anderem einen dieser beliebten neuen Kia. "Das ist der Grund, warum jeder Kubaner in der Lage ist, einen neuen Motor in ein altes Auto einzubauen oder Ersatzteile aus einem Stück Blech zu basteln", sagt Juan. Niemand käme hier auf die Idee, ein Teil wegzuwerfen, und sei es eine noch so kleine rostige Schraube. Er fährt in einen Vorort Havannas, biegt in eine sandige Seitenstraße ein und hält vor dem Haus von Jendri, in dessen Garten ein 53er Chevrolet steht. Die Luft ist mild, ein leichter Wind weht vom Golf von Mexiko herüber und treibt Salsa-Musik unter die Sträucher. Eine Ente watschelt auf dem sandigen Boden, pickt gegen einen Plastikkanister und verschwindet in einer Wellblechhütte, Jendris Werkstatt. Er ist selbstständiger Automechaniker, und sein Tagewerk wird heute darin bestehen, einen SsangYong-Motor in den Chevy einzubauen. Gut 4500 Euro hat das koreanische Triebwerk gekostet, Jendri hat es bei einer staatlichen Werkstatt abgeholt, den Originalmotor musste er dafür abgeben. "So funktioniert das hier bei uns", sagt er und zuckt mit den Schultern. Sein Kunde wird den neuen Motor und Jendris Arbeitsstunden gern bezahlen. Die Touristen aus Kanada, Spanien oder Deutschland warten nur darauf, überzogene Preise für eine Stadtrundfahrt in seinem Korea-Chevy zu zahlen. Bevor sich Jendri und sein Freund Tijo, der stolz einen Blaumann von Mercedes-Benz trägt, an die Arbeit machen, erzählt er noch von einem Freund, der so arm sei, dass er sich nicht einen Liter des schlechtesten Benzins leisten kann. Trotzdem käme er nie auf die Idee, seinen alten Hudson zu verkaufen.

Immer mehr koreanische und chinesische Modelle prägen das Stadtbild

Wer seinen US-Oldtimer am Leben erhalten will, für den ist jedes noch so kleine Ersatzteil wertvoll.

© M. Heimbach

Zurück im Zentrum von Havanna. Auf den Parkplätzen rund um den "Parque de la Fraternidad", dem Park der Brüderlichkeit, warten über hundert US-Oldtimer auf Kundschaft. Viele, die hier stehen, sind heruntergekommen, grob geflickt, die Verkleidung der Türen in Fetzen, die Rostlöcher tellergroß. Wer hier steht, kommt am Tag auf maximal eine Tour und macht vielleicht umgerechnet 20 Euro. Immerhin so viel wie das durchschnittliche Monatseinkommen derer, die in den Tabakfabriken ihren Lohn in Peso ausbezahlt bekommen. Richtig gut verdienen – das schaffen die, die ihre auf Hochglanz polierten US-Schlitten direkt vor dem Capitol parken. Die Touristen spiegeln sich im Chrom der Räder offener Cadillac, die Fahrer tragen große Hüte und Kostüme. Sie lassen sich mit Zigarre im Mund fotografieren, sind mehr Schauspieler als Taxifahrer. Wer sich täglich ein paar "Peso Convertible" zur Seite legt, der kann es irgendwann weit bringen – bis zu einem der Gebrauchtwagenmärkte in den Villenvierteln, wo die staatlichen Hyundai, Kia oder Peugeot angeboten werden, streng bewacht von Beamten des Innenministeriums. Hier wird der Traum vom modernen Auto wahr. Mit Klimaanlage und Airbags. Immer mehr von koreanischen, chinesischen oder europäischen Modellen prägen das Straßenbild Havannas. Sie verdrängen langsam die russischen oder tschechischen Modelle der 70er- und 80er-Jahre, die zwar noch immer durch diese laute, anstrengende, aber wunderhübsche Stadt knattern, aber in Wahrheit nur noch als Ersatzteileträger fungieren.

Sogar Elvis lebt noch – im Chevrolet Bel Air Nomad

Postkartenidylle: Ein 56er Chevrolet Bel Air unter Palmen am Playas del Este.

© M. Heimbach

Irgendwann aber wird auch der letzte Lada- oder Moskwitsch-Motor in einen alten Buick, die letzte Skoda-Hinterachse unter einen 50er-Jahre-Ford gebastelt sein. Wenn es so weit ist, wird die Zahl der Oldtimer auf Kuba, die keiner ganz genau kennt, sinken, wahrscheinlich sogar rapide. Noch kommen auch die abgetakelsten Oldtimer durch die regelmäßige technische Untersuchung, weil die Beamten korrupt sind und ein neuer Zulassungsaufkleber auf der Windschutzscheibe nur eine Frage des Geldes ist. Im sozialistischen Kuba des Jahres 2012 dreht sich fast alles um Geld und um westliche Konsumgüter. Und wer als junger Kubaner heute in der Fußgängerzone schon Adidas, Coca-Cola und Red Bull kaufen kann, der will auch mal einen Volkswagen fahren oder einen Hyundai. Yenima Rodríguez Roque und Dairan Fortún sind solche jungen Kubaner. Auch sie verdienen sich ihren Lebensunterhalt mit einem US-Oldtimertaxi. Yenima spricht perfekt Englisch und kassiert als Reiseführerin noch extra. In ihrem 56er Chevrolet, blau und weiß wie der Himmel über Kuba, geht es raus aus Havanna ans Meer, an die Playas del Este. Auch ihr hübscher Wagen: nur Fassade. Unter der Motorhaube Teile von Toyota, Isuzu, Nissan. Die elektrischen Fensterheber, die Dairan eingebaut hat, stammen von einem chinesischen Geely. Das Lenkrad ist zwar ein Chevrolet-Original, aber aus dem 21. Jahrhundert. "Wir brauchen unbedingt ein echtes Lenkrad von 1956", sagt Yenima, "aber das kostet 200 Peso, und die haben wir gerade nicht." Kuba nähere sich immer mehr dem Westen an, klar spüre sie das. Und es sei gut so. Sie ist sicher, dass auch sie bald frei reisen dürfen. Ob sie ihren Chevy und ihr Land verlassen würden? Nein, sagt sie. Niemals.

Autor: Hauke Schrieber

Fotos: M. Heimbach


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