Reisen nach Berlin

Reportage: Reisen nach Berlin

— 28.03.2011

Schwierige Übergangs-Phase

AUTO BILD-Archiv-Artikel 28/1987: Berlin ist eine Reise wert. Aber wer mit dem eigenen Pkw über die Transitstrecke fährt, muss ein paar Regeln beachten. Sonst kann der Ausflug teuer werden.

Wer nach Berlin fährt, muss halten – Schlagbaum. Die Schranke, die Deutsche von Deutschen trennt. Er muss seinen Pass vorzeigen und ab sofort genau aufpassen. Denn ab sofort fährt er über die Transitstrecke, den Reiseweg von Deutschland/West nach Berlin/West, der mitten durch Deutschland/Ost fuhrt. Dort gelten andere Regeln. Und die werden messerscharf überwacht. Etwa zwei Millionen Bundesbürger reisen Monat für Monat in die geteilte Stadt, etwa 70 Prozent mit dem eigenen Pkw. Volker Koop vom Berliner Senatsbüro für Bundesangelegenheiten warnt: "Beachten Sie unbedingt die Vorschriften, auch wenn Sie Ihnen ungerecht vorkommen."

Das Original: Der Artikel von 1987 als kostenloser Download

Nicht alle halten sich daran. Letztes Jahr griffen die den Transit überwachenden Volkspolizisten 131.000-mal zum Strafzettel – und tief in die Geldbörse der Sünder. Wer etwa das Tempo-100-Limit um 10 km/h überfährt, ist mit 50 Mark (West) dabei. "Dabei werden allerdings die Vermögensverhältnisse berücksichtigt", weiß Klaus Peter Stuckert, Senatsrat der bundesdeutschen Transitdelegation. Heißt: Der Fahrer einer Nobelkarosse zahlt meistens mehr als ein Student in seinem Schrott-Express. Wer mit Alkohol im Blut fährt, kann gar ins Gefängnis wandern, im Falle eines Unfalls bis zu zwei Jahren.

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Aber auch nüchtern kann ein Unfall – letztes Jahr krachte es 353-mal, 21 Menschen starben – schwere Folgen haben, wie der Fall Herrmann Schneider zeigt. Zum Verhängnis wurde ihm, dass die Transit-Autobahnen keine Mittel-Leitplanken haben: "Ich wollte gerade einen Ost-Laster überholen, da flog mir irgend etwas von der Ladung in die Scheibe." Sein Daimler schleuderte auf die Gegenfahrbahn, Sekunden später krachte ein westdeutscher Toyota in die Flanke. Im Ostberliner Krankenhaus wurde Herr Schneider erst von der Volkspolizei eine Stunde vernommen, bevor ihn ein Arzt untersuchte und eine Rippenprellung feststellte.

Erst Crash, dann Knast

Nach einer Woche wurde Herrmann Schneider aus dem Krankenhaus entlassen – direkt ins Untersuchungsgefängnis Potsdam. Der Vorwurf: Verursachen eines Unfalls. "Wir waren zwölf Westdeutsche", erzählt Herrmann Schneider, "in drei Zellen, vielleicht vier auf vier Meter. Neun saßen da wegen Alkohol, die anderen wegen Unfällen. Zu essen gab’s Suppe, am Sonntag ein Stück Fleisch, klein wie eine Zigarettenschachtel. Und die Toiletten waren dermaßen verschmutzt, das kann man sich gar nicht vorstellen." Nach sechs Wochen durfte Herrmann Schneider "von einer Sekunde auf die andere" nach Hause – seine Rechtsschutzversicherung hatte die Kaution, 50.000 Mark, vorgestreckt.

Zwei Monate später fuhr er zur Verhandlung nach Ost-Berlin. Urteil: acht Monate Haft. Oder die Kaution verfällt. "Was soll ich denn machen?" fragt Herrmann Schneider, "die Rechtsschutzversicherung will ihr Geld zurück, und ich bin arbeitslos." Transit-Experte Klaus Peter Stuckert weiß um die Entscheidungsnot: "Der Strafvollzug drüben ist härter als bei uns." Seine Behörde ist die Anlaufstelle für Transitgeschädigte. Auf östlicher Seite gibt es ein Gegenstück, beide Delegationen stehen miteinander in Kontakt. So soll das Transitabkommen, das, so Stuckert, "einen reibungslosen Verkehr sichert", überwacht werden. Niemand sollte sich denn auch aus Angst vor der östlichen Staatsmacht von einem Berlin-Besuch abhalten lassen. "Wer vorsichtig fährt und sich an die Regeln hält", glaubt Stuckert, "hat nichts zu befurchten."

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