Rialto-Garage — 11.11.2008

Schrauben aus Leidenschaft

Rialto Garage am Ammersee - oder was ein rasender Polsterer, eine Modedesignerin und unzählige alte Vespa-Roller an einer stillgelegten Tankstelle vereint. Eine Homestory zwischen Roller, Sofa und Autoschrott.

Das Schönste an München ist die Nähe zu Italien, so geben viele Nicht-Bayern in Gesprächen rund um das Thema zu bedenken. Italophil zu sein gehört auch am Ammersee zum guten Ton, etwa eine Autostunde südlich von München. Aber wenn jeden ersten Samstag im Monat Vespa-Treffen ist an der Rialto Garage, glaubt man wirklich, man wäre mitten in Mailand und nicht in Oberbayern. Lange bevor sie einrollen, die Small Frames und Big Frames, gepimpt und auffrisiert, knallig smartiesfarben oder dezent in Creme, Schwarz oder Dunkelblau, hört man sie über die Kopfsteinpflaster Diessens knattern. Fehlzündungen übertönen den ohrenbetäubenden Lärm der blechern rasselnden Motoren.
Andreas Pospiech, 46, seit Sommer 2007 Besitzer der alten Kulttankstelle am südlichen Ortsende, flaniert in Lederjacke und Jeans zwischen den kreuz und quer aufgebockten Schmuckstücken hindurch.

Ein Stilleben, wie sorgfältig inszeniert. Der Zufall sorgt für den Mix aus Altteilen und Werkzeug, jedes Stück könnte eine Geschichte erzählen.

Unter der gräulichen Dunstglocke von gut 60 dampfenden Zweitakt-Auspufftöpfen schüttelt er Hände, bestaunt Neuerwerbungen, lobt Auf-, An- und Umbauten. Und passt höllisch auf, dass bei all dem Trubel kein Kratzer an sein eigenes Schätzchen kommt, eine dunkelgrüne Rallye 200. Die steht Tag für Tag zwischen den zwei längst stillgelegten Zapfsäulen, neben der schwarzen V50, die er seiner Frau Doris im vergangenen Jahr zur Hochzeit geschenkt hat. Zwei Vespa - „und meist noch ein paar schöne Roller und Oldtimer mehr, je nach Finanzsituation“ - als mobile Litfaßsäulen. Viel mehr Werbung braucht man nicht am Ammersee.
Pospiechs Business, neben der Polsterei auch Sattlerei für Auto- und Rollersitze, rollt durch Mundpropaganda. Dass der Handwerkermeister nebenbei auch Vespa-Schrauber ist, hält er für kaum nennenswert. „Machen doch alle hier.“ Kein historisches Zweirad ohne Werkzeugkasten im Handgepäck – es gibt so was wie Bikerehre.

Doris, genauer Dorothea Elisabeth Kotter, ist an diesem Morgen zum Kaffeeausschenken abkommandiert. „Wenn wir das regulär anbieten wollen, muss das alles schneller gehen“, sagt die patente 45jährige, die neben Hausfrau und Mutter dreier Söhne auch Maßschneiderin ist – für Damenhosen. Klassisch cool und konkurrenzlos in einer Gegend, in der Mode traditionell eher eine Nebenrolle spielt.
Im Atelier hinter dem alten Kassenhäusl, das heute als Ladenzeile für sportlich-schicke Brax, Burlington und Fred Perry-Kleidung dient, schneidet Sie Hosenmuster, macht Anproben und näht.

Von A wie Alfa Romeo bis V wie Vespa: Das Altblech-Aufkommen am Ammersee ist bemerkenswert und tritt in Zwei- und Vierradgestalt auf.

Nur die zwei Zapfsäulen vorm Haus, signalrot und wuchtig, erinnern daran, dass das Künstleratelier bis vor knapp 5 Jahren noch echte Tankstelle war. Wieder Sprit verkaufen, und wenn’s nur an die Rollerfahrer ist? Kommt für Andreas nicht in Frage. Von zwei Zapfsäulen kann heutzutage niemand mehr leben, außerdem ist ihm Benzin und alles, was damit zusammenhängt, irgendwie unsympathisch. Er hat seinen Frieden gemacht mit den klobigen Erinnerungsstücken. Auch, wenn sie auf den ersten Blick so gar nicht zur filigranen Ästhetik passen wollen.
Die Werkstatt dahinter ist Pospiechs zweites Wohnzimmer. Tagsüber bezieht er dort alte Sofas, nach Feierabend klacken die großen Scheinwerfer an und der Polsterer wird zum Mechaniker aus Passion. Meditatives Schrauben nennt er das. Sein Lieblingshobby. In Kombination mit dem ausgeprägten Tick für italienische und britische Autos jedoch fatal für die Familienfinanzen. Pospiech nennt sich „permanent pleite“, kein Wunder, der ganze Hof steht voller Fahrzeuge.
Was soll’s, Andreas macht sein Ding. Tipp eines guten Freundes, getestet und für gut befunden.

„Am Ammersee wohnen und arbeiten, da, wo andere Urlaub machen“. Für ihn gibt es nichts Schöneres. Außer vielleicht Rennen fahren, oder wenigstens mit dem Gedanken spielen? Wie früher, rund um den Chiemsee, im alten, hochgezüchteten Mini. „Kamikazetrips waren das!“ schwärmt er, „hochriskant, immer Rande der Legalität, aber Adreanlin pur“. Herzenswunsch wäre auch, in „irgendeiner coolen, historischen Schüssel“ wie einem Lancia Stratos bis nach Sizilien zu fahren. Frei nach Walter Röhrl „immer ganz nah an der Haftgrenze oder ein bisschen drüber.“
Doris gönnt Andreas seine kleinen Spleens. Auf seine neue Flamme muss sie auch nicht eifersüchtig sein. 55 Jahre alt ist die Lady, für die sich ihr Mann im Moment ganze Nächte lang ins Zeug legt, und sie sieht keinen Tag jünger aus, La Lambretta. Ein Stilleben aus Stahl, in Einzelteile zerlegt und mit Haken und Ösen an die Wand getackert. Wie ein altes Ölgemälde, das ein paar Umzüge zuviel hinter sich hat. Für Andreas ist sie die schönste der Welt. Wenn er die graue Two-Tone-Lackierung erst wieder hergestellt hat (lieber spricht er von „Patina rauspolieren“) ist sie wie neu, schwärmt er. Der runderneuerte Motor steht bereits fahrbereit im Regal.
Verkaufen? Nein, so ein Schmuckstück würde er niemals verkaufen, vielleicht eine persönliche Schwäche. Wenn sie fertig ist, kommt sie raus, zu den anderen - und er sucht sich ein neues Hobby. Er wäre nicht Schrauber aus Leidenschaft, wenn er nicht längst eins im Auge hätte: eine Vespa Rallye 200, Baujahr 76, die er entkernt hat und nun komplett neu aufbauen will. In Originalfarbe, sagt er. Sonnengelb. Die neue Flamme dürfte ihm den ganzen Ammersee-Winter lang Sommerlaune machen.





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