Rialto-Garage — 11.11.2008
Schrauben aus Leidenschaft
Rialto Garage am Ammersee - oder was ein rasender Polsterer, eine Modedesignerin und unzählige alte Vespa-Roller an einer stillgelegten Tankstelle vereint. Eine Homestory zwischen Roller, Sofa und Autoschrott.
Andreas Pospiech, 46, seit Sommer 2007 Besitzer der alten Kulttankstelle am südlichen Ortsende, flaniert in Lederjacke und Jeans zwischen den kreuz und quer aufgebockten Schmuckstücken hindurch.
Pospiechs Business, neben der Polsterei auch Sattlerei für Auto- und Rollersitze, rollt durch Mundpropaganda. Dass der Handwerkermeister nebenbei auch Vespa-Schrauber ist, hält er für kaum nennenswert. „Machen doch alle hier.“ Kein historisches Zweirad ohne Werkzeugkasten im Handgepäck – es gibt so was wie Bikerehre.
Doris, genauer Dorothea Elisabeth Kotter, ist an diesem Morgen zum Kaffeeausschenken abkommandiert. „Wenn wir das regulär anbieten wollen, muss das alles schneller gehen“, sagt die patente 45jährige, die neben Hausfrau und Mutter dreier Söhne auch Maßschneiderin ist – für Damenhosen. Klassisch cool und konkurrenzlos in einer Gegend, in der Mode traditionell eher eine Nebenrolle spielt.
Im Atelier hinter dem alten Kassenhäusl, das heute als Ladenzeile für sportlich-schicke Brax, Burlington und Fred Perry-Kleidung dient, schneidet Sie Hosenmuster, macht Anproben und näht.
Die Werkstatt dahinter ist Pospiechs zweites Wohnzimmer. Tagsüber bezieht er dort alte Sofas, nach Feierabend klacken die großen Scheinwerfer an und der Polsterer wird zum Mechaniker aus Passion. Meditatives Schrauben nennt er das. Sein Lieblingshobby. In Kombination mit dem ausgeprägten Tick für italienische und britische Autos jedoch fatal für die Familienfinanzen. Pospiech nennt sich „permanent pleite“, kein Wunder, der ganze Hof steht voller Fahrzeuge.
Was soll’s, Andreas macht sein Ding. Tipp eines guten Freundes, getestet und für gut befunden.
„Am Ammersee wohnen und arbeiten, da, wo andere Urlaub machen“. Für ihn gibt es nichts Schöneres. Außer vielleicht Rennen fahren, oder wenigstens mit dem Gedanken spielen? Wie früher, rund um den Chiemsee, im alten, hochgezüchteten Mini. „Kamikazetrips waren das!“ schwärmt er, „hochriskant, immer Rande der Legalität, aber Adreanlin pur“. Herzenswunsch wäre auch, in „irgendeiner coolen, historischen Schüssel“ wie einem Lancia Stratos bis nach Sizilien zu fahren. Frei nach Walter Röhrl „immer ganz nah an der Haftgrenze oder ein bisschen drüber.“
Doris gönnt Andreas seine kleinen Spleens. Auf seine neue Flamme muss sie auch nicht eifersüchtig sein. 55 Jahre alt ist die Lady, für die sich ihr Mann im Moment ganze Nächte lang ins Zeug legt, und sie sieht keinen Tag jünger aus, La Lambretta. Ein Stilleben aus Stahl, in Einzelteile zerlegt und mit Haken und Ösen an die Wand getackert. Wie ein altes Ölgemälde, das ein paar Umzüge zuviel hinter sich hat. Für Andreas ist sie die schönste der Welt. Wenn er die graue Two-Tone-Lackierung erst wieder hergestellt hat (lieber spricht er von „Patina rauspolieren“) ist sie wie neu, schwärmt er. Der runderneuerte Motor steht bereits fahrbereit im Regal.
Verkaufen? Nein, so ein Schmuckstück würde er niemals verkaufen, vielleicht eine persönliche Schwäche. Wenn sie fertig ist, kommt sie raus, zu den anderen - und er sucht sich ein neues Hobby. Er wäre nicht Schrauber aus Leidenschaft, wenn er nicht längst eins im Auge hätte: eine Vespa Rallye 200, Baujahr 76, die er entkernt hat und nun komplett neu aufbauen will. In Originalfarbe, sagt er. Sonnengelb. Die neue Flamme dürfte ihm den ganzen Ammersee-Winter lang Sommerlaune machen.
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