Rote 07er-Nummer

Rote 07er-Nummer Rote 07er-Nummer

Rote 07er-Nummer

— 12.04.2006

Das Todesurteil für Youngtimer

Der Bundesrat hat eine neue Fahrzeug-Zulassungsverordnung beschlossen. Sie läßt Nachwuchsklassikern keine Chance. Denn zukünftig erhalten nur noch Autos die rote Nummer, die mindestens 30 Jahre alt sind.

Jetzt ist es passiert. Das 07er-Sammelkennzeichen für Oldies ist in bisheriger Form am Ende. Zumindest so gut wie. Es geschah im Bundesrat. Am 10. Februar 2006, unter dem staubigen Titel "Bundesratsdrucksache 811/05". Dem 78. von 87 Tagesordnungspunkten, zu denen etwa die Änderung der Käseverordnung gehörte. 811/05 bezeichnet die "Verordnung zur Neuordnung des Rechts der Zulassung von Fahrzeugen zum Straßenverkehr". Aufgerufen, abgenickt, weiter mit der Gefahrgutverordnung Binnenschiffahrt. Zack, zack, zack. Schneller als Haare waschen geht so was. Wir hatten geahnt, daß es so kommen würde. "Stirbt jetzt eine ganze Auto-Generation?", fragten wir damals. Nun haben wir die Antwort, und die zahlreichen Anhänger der Fast-Oldtimer ihren schwarzen Tag.

Rückblende. 1994 wird per Ausnahmeverordnung das rote 07er-Kennzeichen zur Pflege kraftfahrzeugtechnischen Kulturguts geboren. Probefahrten, Überführungen, Reisen zu Treffen – Zulassung unnötig, dafür gibt es die 07er. Für beliebig viele Autos und zum Pauschalsteuersatz von nur 192 Euro pro Jahr. Doch schnell entpuppt sich die windelweich formulierte Verordnung als Nährboden für behördlichen Wildwuchs. In einem Bezirk ist ein TÜV-Gutachten nötig, im nächsten reicht es, Fotos der Oldies vorzulegen, der dritte verlangt nicht mehr als einen überzeugenden Vortrag am Schalter. Hier liegt das Mindestalter der Autos bei 30 Jahren, dort bei 20 (die häufigste Variante), und irgendwo darf das Stück auch gern fast neu sein, solange es denn exotisch genug ist. Wie etwa ein Morgan von 2001.

Schließlich wird es den Gesetzgebern, die das Chaos ohne jegliche Rechtssicherheit für den Verbraucher selbst schufen, zu bunt. Was auch an reißerischen TV-Beiträgen liegt: 80er-Jahre-Amis beim Szene-Cruising, Kettenlenkrad, Lachgaseinspritzung für kurzfristig 500 PS. Und hinten dran die 07er. Illegal? Piepegal. Solange die Ordnungskräfte leidlich billigend zusehen. Klar, daß es derart nicht weitergehen kann. Allerdings: Das Mißbrauchspotential des Rot-Schilds wurde zu keiner Zeit als Grund für eine Gesetzesänderung angeführt. Aber was dann? Zeit, Fachleute zu fragen, wie es weitergeht.

Massensterben durch Unterhaltskosten

Der erste Anruf geht an den Marktbeobachter Classic Data (www.classicdata.de). "Hier ist die Hölle los", stöhnt Geschäftsführer Jochen Strauch: "Hunderte Anfragen, täglich über 10.000 Klicks im Internet-Forum – die Oldie-Gemeinde ist in heller Aufruhr." Strauch erklärt, was sich bald – vermutlich zum 1. Februar 2007 – ändert: "Die Erteilungsvoraussetzungen der 07er werden denen des H-Kennzeichens angeglichen. Heißt: Mindestalter 30 Jahre. Für Youngtimer zwischen 20 und 30 bleibt nur die normale Zulassung bei voller Steuer: beim Benziner 25,36 Euro, beim Diesel 37,58 pro 100 Kubikzentimeter. Das bedeutet 1127,40 Euro per anno für einen Mercedes 300 D – statt 192 für mehrere Autos." Unglaublich, aber wahr: Die Jahressteuer eines erhaltenswerten Klassikers kann dessen Marktpreis überschreiten!

Strauchs Prognose: Wegen unerschwinglicher Unterhaltskosten wird es zum Massensterben kommen. Damit wird der Oldtimer-Branche, mit 4,8 Milliarden Euro Jahresumsatz ein respektabler Wirtschaftsfaktor, ein Großteil der nachwachsenden Altersklasse entzogen. Ein trauriges, aber realistisches Szenario.

Nächster Adressat: Thomas Schäfer von der Württembergischen Versicherung, die sich für altes Blech gerademacht. Frage: Kommen mit der Steuerkeule auch hohe Haftpflicht- und Kasko-Tarife? Er gibt Entwarnung: "Wir wissen, daß die sehr schadenarme Bilanz der Youngtimer nicht an den Nutzungseinschränkungen der roten Oldie-Nummer hängt. Deshalb bleiben die Prämien auch bei einer Normalzulassung sehr niedrig." Schäfer stellt sogar ein Trostpflaster in Aussicht: "Wir überlegen, für einen geringen Festbetrag mehrere Deckungskarten für Klassiker-Fahrten mit gelbem Kurzzeitkennzeichen auszugeben."

Gegenvorschlag "politisch nicht gewünscht"

Gute Idee. Das war einst auch der Kompromißvorschlag des DEUVET, das Einstiegsalter für 07er- und H-Zulassungen wenigstens auf 25 Jahre festzulegen – eine Variante, die sogar Mitglieder des Verkehrsausschusses im Bundestag, etwa Gero Storjohann (CDU) und Heidi Wright (SPD), unterstützten. Doch jetzt wurde das Parlament durch den Bundesrat, das Gremium der Bundesländer, ausgehebelt – der Gegenvorschlag sei "politisch nicht gewünscht". Wright redet am Telefon Klartext: "Die Kfz-Steuereinnahmen gehen eben an die Länder, nicht an den Bund. Damit dürfte ein wesentlicher Grund für die Neuregelung feststehen." Natürlich, daher weht der Wind.

Das wirft die Frage auf, inwieweit für bereits zugelassene 07er-Youngtimer ein Bestandsschutz gelten wird. Frank Wilke, Jurist und Analyst bei Classic Data: "Das hängt von der Art der Zuteilung ab, die im Bescheid oder im Fahrzeugschein steht. Befristete 07er werden zeitgerecht auslaufen, bei den unbefristeten mit Widerrufsvorbehalt hängt es wohl vom Einsatzwillen der jeweiligen Zulassungsstelle ab. Aber: Beide Versionen können wohl noch bis Anfang 2007 um ein weiteres Jahr verlängert werden. Sicherste, aber rarste Variante: unbefristet und nicht widerrufbar. Die müßte künftig weiterlaufen. Änderungen der Rechtslage sind hier jedenfalls kaum ein K.o.-Kriterium."

Unterm Strich gilt bis Januar 2007 somit für Youngtimer die Parole: Flink eine 07er holen, sofern das Amt mitspielt. Danach ist sie nur noch für Oldtimer zu haben – und nach teuren Eingangsuntersuchungen, die denen der historischen Zulassung entsprechen. Die Nutzungseinschränkungen gelten indes trotzdem. Also greift man gleich zum H-Schild. Mit anderen Worten: Wenn nicht noch ein Wunder passiert und die Bundesminister für Umwelt, Inneres und Verkehr die Vorlage abzeichnen (woran kaum zu rütteln wäre), dann ist das 07er tot. Und damit unzählige Klassiker, die bisher förderungswürdige Kulturgüter waren. 928, 500 SE, 735i: Wir werden euch vermissen.

Autor:

Diesen Beitrag empfehlen

Anzeige

Automarkt

Finden Sie im Automarkt von autobild.de Ihren Gebrauchtwagen.

Bei autohaus24.de Neuwagen günstig kaufen und Geld sparen.