Reportage: Salzseerennen

Die blitzschnellen Salzseeautos von Bonneville Die blitzschnellen Salzseeautos von Bonneville

Salzseerennen im Westen der USA

— 08.01.2016

Die Salzsee-Monster von Bonneville

Amerikas große Salzwüste dient im Sommer als Rennstrecke der Superlative. In Bonneville stellen irre Mobile reihenweise Rekorde auf. Eine Reportage mit tollen Fotos – Fotobuch zu gewinnen!

Von Salt Lake City sind es mit dem Auto anderthalb Stunden zum großen Salzsee.

Es geht um Ruhm und Eh­re, da draußen auf dem Salzsee im Westen der USA. Um Geschwindigkeit und Adrenalin bei den Speedseekern von Bonneville. Die Welt der ausgetrockneten Salzseen ist unwirkliche. Eine lebensfeindliche Welt, die selbst Klapperschlangen und Skorpione meiden. Die Luft ist staubtrocken. Tagsüber denkst du, du verglühst bei 40 Grad, nachts frierst du. Nur die Speed Junkies brauchen genau dieses Umfeld zum Leben. Das ganze Jahr über feilen sie in Werkstätten an ihren irren Kisten, um noch ein paar PS aus den Motoren zu kitzeln. Nur damit am Ende auf einem kassenzettelartigen Wisch eine Geschwindigkeit steht, die vorher noch kein an­derer fuhr. Seit über 100 Jahren nutzen die Tempo-Freaks Amerikas den flockigen Untergrund des prähistorischen Salzsees von Bonneville für ihre Rekordfahr­ten. Vor 16.000 Jahren war er mit 52.000 Quadratkilometern kaum kleiner als der Lake Mi­chigan. Zum Ende der jüngsten Eiszeit trocknete er aus. Zurück blieb das Salz.

Das Alter der Fahrer spielt keine Rolle

Keine festen Boxengebäude, keine Tribünen für die Fans, auch gewaschen wird unter freiem Himmel.

Unzählige Rekorde stellten todesmutige Typen in ihren Höllenmaschinen hier schon auf - und brachen sie wieder. Zwischen August und Oktober, wenn das Salz trocken genug ist, rollen Hunderte Pick-ups und Trailer in diese weiße Wüste. Bis zu 1500 Autos treten jedes Jahr zur Speed Week an, und wer mal da war, der kommt immer wieder. Manche Fahrer sind schon über 70. Sie starten mit den unterschiedlichsten Vehikeln: Hot Rods, Stromlinienautos, soge­nannten Lakestern mit freistehenden Rädern oder Belly Tanks, die aus alten Flugzeugtanks gebaut sind. Es gibt keine festen Bo­xengebäude, keine Tribü­nen für die Fans, aber ein Speedway Museum im nächstgelegenen Kaff. Der 1500-Seelen-Ort Wendover ist geteilt: eine Hälfte liegt in Nevada, hier gibt es Glücksspiel und Oben-ohne-Bars, die andere im Mormonen-Staat Utah, wo selbst das Bier im Supermarkt niederoktanig ist.
Tipps für Speedseeker
Der Eintrittspreis zur Speed Week beträgt 15 Dollar pro Tag bzw. 40 Dollar für die ganze Woche. Die Flats liegen an der Interstate 80, an der Grenze zwischen Utah und Nevada. Nächste Stadt ist Wendover. Die bequeme Anreisevariante: Nach Salt Lake City fliegen, von da per Mietwagen anderthalb Stunden zu den Salt Flats fahren. Wichtig: Den Fußraum komplett mit Plastiksäcken auslegen, das Salz klebt hartnäckig an den Schuhen. Die Hotels der Gegend sind zur Speed Week früh ausgebucht. Alternativen: Reisemobil oder Zelt. Unverzichtbar in der Salzwüste: Sonnenhut, Sonnenbrille, Sonnencreme, Klappstuhl und viel Trink- wasser. Im Shop an der Sinclair-Tankstelle nahe der Flats bietet Marcello leckere Burritos an und Duschkabinen für fünf Dollar.

Die Kumpels schrauben, Mama backt

Buick Super Riviera von 1952 mit Bombenspitzen statt Scheinwerfern und Reihenachtzylindermotor.

Alexandra Lier aus Hamburg zieht es seit 1999 im­mer wieder nach Bonneville. In dieser Zeit gewinnt die blonde Fotografin viele Freunde bei den Speed Seekers. Als autoverrückter "Gearhead" ist sie näher dran als andere. Sie dokumentiert mit der Kamera, wie die abenteuer­lichen Gefährte entstehen – mit enormem Know-how in Werkstätten von Männern mit schmutzigen Händen, deren Gesichtsfurchen schon Geschichten erzäh­len. Die meisten Bonneville-Veteranen bauen ihre Autos selbst, daheim in der Garage. "Das Feeling ist familiär", sagt Alexandra Lier. "Ich freue mich jedes Jahr darauf, meine Freunde dort zu treffen. Tagsüber herrscht Konzentration, abends trinkt man ein paar Whiskey oder Bier."  Ein Mann, eine Maschine. Die Wüste. Ein Geschwindig­keitsrekord, den es zu knacken gilt. Die Kumpels schrauben, Mom bäckt Apfelkuchen. Bonneville ist Pathos, auch ein Stück altes Amerika.

Renault R4 auf Rekordkurs

Renault R4 Renault R4 Renault R4

Auf der Jagd nach Rekorden

Dieser 288 GTO mit Big-Block-V8 und 1.000 PS ist der schnellste Ferrari der Welt.

Ab Jen­kins, Bürgermeister von Salt Lake City und Profi-Rennfah­rer, holt Bonneville 1935 in die Geschichtsbücher. Die Legende beginnt mit einem 24-Stunden-Ausdauerrekord (Durchschnittstempo 135 mp/h (217 km/h)), den er in seinem Duesenberg "Mormon Meteor" aufstellt. Die Jahre 1935 bis '39 sind ge­prägt von den beinharten Du­ellen zwischen John Cobb und George Eyston, nachdem der Brite Malcolm Campbell auf den Salt Flats zum ersten Mal schneller als 300 Meilen pro Stunde fährt (483 km/h). 1949 veranstaltet die SCTA die erste Speed Week für Amateur-Rekordjäger. 1956 wird der 200-mp/h-Club gegründet. Rein kommt nur, wer 200 Meilen pro Stun­de knackt. Im selben Jahr erreicht Wilhelm Herz mit seinem NSU-Delphin-Stromlinienmotorrad über 200 Meilen pro Stunde. Als die goldene Ära der Landspeed Records in Bonneville wird heute der Kampf um den Titel des schnellsten Mannes der Erde in den Jahren 1963 bis 66 bezeichnet. Das Resultat sind Beinahe-Desaster und Re­korde jenseits von 400, 500 und 600 Meilen pro Stunde. Legen­där ist der Rekord von über 1001,66 km/h (622,4 mph), den Gary Gabelich 1970 mit dem Raketenauto Blue Flame auf­stellt.

Versumpfen gefährtet das schnelle Treiben

Doch die Tage Bonne­villes als schnellster Ort der Er­de scheinen gezählt. Der trotz Natur­schutz fortgesetzte Salzabbau in den letzten 40 Jahren hat die Flats versumpfen lassen. Die Speed Week und das Shootout 2015 werden abgesagt. Schon in den 90ern startet das "Save the Salt"-Programm zur Ret­tung der Flats. Vielleicht hilft das Aufspülen des Nachbarsees mit frischem Salz, doch das ist nicht gewiss. Für die Speed Seekers von Bonneville geht es um mehr als einen Salzsee. Für sie geht es um ihren Lebensraum. Der benachbarte Salzsee könnte die Rettung sein.

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Neun Fakten zu Bonneville
Seit 1896 finden auf den Bonneville Salt Flats Fahrradrennen statt.

1914 erreicht "Terrible" Teddy Tetzlaff im Blitzen-Benz 229,85 km/h.
1935 schraubt der Brite Malcolm Campbell mit dem Blue Bird den Land Speed Record auf 484,62 km/h (für die Amis wichtiger: über 300 mph).
1949 veranstaltet die North California Timing Association (SCTA) die erste Speed Week, bei der die Fahrer tagelang auf Rekordjagd gehen.
Die 1960er-Jahre bringen Autos mit Turbinen- und Raketenantrieb wie den "Spirit of America" nach Bonneville. Regeländerungen und Verbote folgen.
1970 fährt Gary Gabelich mit dem Flüssiggas-Raketenauto "Blue Flame" 1001,66 km/h. Kein Auto war seither schneller auf den Flats unterwegs. Der aktuelle Landgeschwindigkeitsrekord- halter Andy Green durchbrach die Schallmauer mit dem "Thrust SSC" im Black Rock Valley, nicht in Bonneville.
Das Regelwerk der SCTA für die Speed Week umfasst rund 1000 Klassen für vierrädrige Fahrzeuge sowie rund 2000 Klassen für Zwei- und Dreiräder.
Das Alter spielt bei der Speed Week keine Rolle: Joe Fontana (82) fährt mit dem Ferguson Number 75 Streamliner im Jahr 2006 256 mph (412 km/h).
Schnellstes Elektroauto ist mit 495,14 km/h der Venturi Buckeye Bullet 2.5 Streamliner. Roger Schroer stellt den Rekord 2010 in Bonneville auf.

Die schnellen Salzsee-Monster von Bonneville

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Autor:

Fotos: Alexandra Lier

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