Seat Ibiza GLX 1.5

Seat Ibiza GLX 1.5 Seat Ibiza GLX 1.5 Seat Ibiza GLX 1.5

Seat Ibiza

— 25.04.2014

Fast geschenkt

Ein Meilenstein, dieser Kompakte, doch kaum einer hat’s bisher gemerkt: Der Seat Ibiza von 1984 steht für die neue Freiheit der spanischen Marke Seat. Was ihn bei uns bekannt machte, war sein Porsche-Motor.

Lassen wir uns nicht von den fünfstelligen D-Mark-Preisen täuschen: In den achtziger Jahren war ein Porsche nicht erschwinglicher als heute. Doch für manche Porsche-Fans gab es einen kleinen Trost. Sie öffneten die Motorhaube ihres Seat Ibiza: "Schau", riefen sie und zeigten mit dem Finger auf den Ventildeckel: "Hier! Hier steht’s – Porsche!" In der Tat war dort zu lesen: Seat System Porsche. So verkehrt konnte das nicht sein, wenn die Stuttgarter ihren Namen für den Motor hergaben. Das schuf Vertrauen. Und das Design der Spanier gefiel auch. Obwohl – ein Auto aus Spanien...?

1984 kam mit dem Ibiza (Typ 021) der erste in eigener Regie entwickelte Seat auf den Markt.

©C. Bittmann

Seat war clever. Sie hatten Topfirmen beauftragt. Den Motor ließen sie vom Porsche-Entwicklungszentrum in Weissach komplett neu konstruieren, die Karosseriestruktur von Karmann in Osnabrück berechnen und das Design in Turin entwerfen. Von Großmeister Giorgetto Giugiaro stammten bereits Erfolge wie Golf I und Fiat Panda, und nun der erste Ibiza: ein griffig ausformulierter Kompakter, ohne jeden Schnickschnack, dennoch nicht langweilig. Erst heute, nach 30 Jahren, gelingt wieder ein frischer Blick auf diese Karosserie mit ihren knappen Überhängen: Sie stimmt in allen Details. Aus dem S-1 getauften Erlkönig, auf Fotos noch grob mit Fiat-Ritmo-Front verbrämt und hinten nach bester Italo-Tradition mit riesigen Platten verblendet, war ein völlig eigenständiges Auto geworden. Deswegen auch S-1: wie Seat 1. Ein Neuanfang nach der Trennung von Fiat. Nicht komplett zu Hause in Barcelona entwickelt, doch immerhin nach eigenen Vorgaben und auf eigene Rechnung. Und die ging auf. Am 27. April 1984 verließ der erste Ibiza das Seat-Werk in der Zona Franca vor den Toren Barcelonas. Am Jahresende meldete Seat ein Plus bei den Exporten von sagenhaften 76 Prozent.
Die karge Kiste: Fiat Panda

Seat schlüpfte bei Volkswagen unter

Design von Giugiaro, die Karosseriestruktur hat Karmann berechnet, den Motor Porsche entwickelt. Der Rest ist spanisch.

©C. Bittmann

Was sonst noch neu war bei Seat, Modelle wie der Fura und der Ronda, war nicht der Rede wert. Nicht mehr als Resteverwertung – hier der Fiat 127, dort der Ritmo. Doch schon im folgenden Jahr war der zum Staatsbetrieb mutierte Seat-Konzern flugs bei Volkswagen untergeschlüpft. Das brachte eine Menge Geschäft. Allein 10.000 Polo, Passat und Santana fertigte Seat nun – im Monat! Doch die Spanier verfolgten noch ein anderes Ziel: Seat wollte als großer europäischer Automobilproduzent verstanden werden, mit der Expertise, ein eigenständiges Modell zu bauen. Den Ibiza. Vorschusslorbeeren gab es freilich keine. Die Seat-Qualität, so hieß es damals, unterbiete zuverlässig italienisches Niveau. Und tatsächlich, als die Porsche-Entwickler die ersten Pilot-Motoren aus spanischer Fertigung prüften, schlugen sie Alarm: In Weissach waren ihre neu konstruierten Motoren mit den optimierten, vollständig in den Kolbenböden liegenden Brennräumen so viel freier und drehfreudiger gelaufen. Doch Seat legte sich ins Zeug, wollte lernen, verbesserte viel – der Ibiza reifte rasch. Zudem zählte, dass sich der straff abgestimmte, leer 910 Kilogramm leichte 1.5 GLX mit seinen 85 Vergaser-PS stets flott bewegen ließ. Da störte nicht einmal die hintere Querblattfeder, einzeln aufgehängt waren die Räder immerhin. Schließlich hatten Porsche-Ingenieure auch beim Fahrwerk mitgeredet. Und heute? Gibt es kaum einen Klassiker, der günstiger zu haben ist als der einzig wahre Seat, der kein Fiat mehr ist und noch kein Volkswagen. Und ganz sicher keinen, bei dem tatsächlich Porsche auf dem Motor steht.

Technische Daten

Prominent prangt "System Porsche" auf dem Ventildeckel – über Seat. Das brachte den Ibiza ins Gespräch.

©C. Bittmann

Seat Ibiza 1.5 GLX (Typ 021) Motor: Reihenvierzylinder, vorn quer • obenliegende Nockenwelle, über Zahnriemen angetrieben, zwei Ventile pro Zylinder, Doppel-Fallstromvergaser Weber • Hubraum 1461 ccm • Leistung 63 kW (85 PS) bei 5600/min • max. Drehmoment 116 Nm bei 3550/min Antrieb/Fahrwerk: Fünfgang-Schaltgetriebe • Vorderradantrieb • Einzelradaufhängung, vorn an Mac-Pherson-Federbeinen, unteren Querlenkern und Zugstreben; hinten Einzelradaufhängung mit Dämpferbeinen, Dreieck-Querlenkern, Querblattfeder und hydraulische Teleskopstoßdämpfer • vorn Scheibenbremsen, hinten Trommelbremsen • Reifen 165/65 R 14 • Maße: Radstand 2447 mm • L/B/H 3637/1610/1394 mm • Leergewicht 908 kg • Fahrleistungen/Verbrauch: 0–100 km/h in 12,2 s • Spitze 175 km/h • Verbrauch 6,7 l Super pro 100 km (ECE) • Neupreis: 15.130 Mark (1984).

Historie

Seat hatte sich mit Fiat-Lizenzen auf den Weg gemacht, und so gelten als Ibiza-Vorläufer der Seat 600 und der Fura (gleich Fiat 127). 1984 kam mit dem Ibiza (Typ 021) der erste in eigener Regie entwickelte Seat auf den Markt. Die 1,5-Liter-Version ergänzten 0,9-, 1,2- sowie ein 1,7-Liter- Benziner (40 bis 103 PS), sogar einen 1,5-Liter-Turbo gab es, jedoch nicht für den deutschen Markt. Einen Saugdiesel lieferte noch Fiat zu. Einspritzer und Katalysator bot Seat ab 1988 an, ebenso die sportliche Variante SXI. 1991 gab es eine Überarbeitung (Typ 021A), 1993 folgte eine neue Generation: Der 6K basierte nun komplett auf Volkswagen-Technik. Für den ersten Ibiza war das jedoch noch nicht der Schlussstrich – ihm gelang eine zweite Karriere in China. Dort baute man ihn in Nanjing ab 1999 als NJ6400, später hieß er GHR Encore und Unique. Richtig wirr wurde es, als 2004 ein Mobiltelefonhersteller die Rechte übernahm – nun hieß der Ibiza Soyat, es gab ihn zudem in einer Lieferwagen-Variante mit hohem Heck. Sogar die "System Porsche"- Motoren kamen zum Einsatz. Die Stückzahlen jedoch enttäuschten, und 2008 endete dann auch in China die Produktion.

Plus/Minus

Der frühe Ibiza ist ein patentes, hübsches, flottes, kompaktes Auto. Doch wer traut ihm ein H-Kennzeichen zu?

©C. Bittmann

Der frühe Ibiza (Typ 021, um präzise zu sein) hat es schwer: Er ist ein patentes, hübsches, flottes, kompaktes Auto. Doch wer traut ihm ein H-Kennzeichen zu? Vielleicht ist es einfach Zeit, das zu ändern. Findet sich ein optisch ansprechendes Exemplar, ist ein intensiver Rost-Check jedoch Pflicht. Typische Nester finden sich an den Schwellerfalzen – sind die Ablauflöcher frei? Dann folgt ein Blick in den Motorraum – idealerweise auch von unten. Weder im Bereich der Achsaufnahmen noch der Stabilisierungsstreben darf sich Rostfraß finden. Gern gammelt der Ibiza auch unter der Rücksitzbank im Bereich der Gurtverankerungen. Sinnvoll ist zudem ein Blick vom Kofferraum aus in Richtung Rückleuchten – sowie rund um den Tankstutzen. Die Technik ist nicht kapriziös, die Verarbeitung jedoch recht lax. Ein dickes Plus ist es also, wenn zumindest das meiste funktioniert.

Ersatzteile

Nur die wenigsten Seat-Händler können weiterhelfen, wenn es um frühe Ibiza-Teile geht. Kein Wunder: Die Nachfrage ist seit Jahren bei null, die Ersatzteilgarantie längst erloschen. Manches lagert zwar noch verstaubt in Regalen, doch die Suche wird spannend. Zum Beispiel nach der hinteren Querblattfeder – ja, so etwas hat der erste Ibiza noch, trotz Einzelradaufhängung. Bricht sie, was gern passiert, könnte sich Ersatz beim Verwerter finden. Allerdings ist auch hier der erste Ibiza längst rar. Sicher ist: Es braucht Geduld. Gibt es jedoch Teile, sind sie günstig.

Marktlage

Ibiza vom Typ 021 finden sich ab und an sogar mit kleinen Kilometerständen aus Rentnerhand. Sie sind sehr billig – die Preise bewegen sich im dreistelligen Bereich. Ganz frühe Exemplare sind rar. Mit einem späteren G-Kat-Modell lässt sich preiswert dem H-Kennzeichen entgegenfahren.

Empfehlung

Die Zeiten, in denen einem ein früher Seat Ibiza aus den Händen gerissen wird, werden vermutlich nie kommen. Macht nichts: Für Youngtimer-Rallyes ist er eine individuelle Startplatz-Garantie. Und es gibt eine Menge zu erzählen, von Fiat und Volkswagen, Porsche, Giugiaro und Karmann. Von Barcelona natürlich. Alles in einem Auto, so teuer wie ein paar Tankfüllungen eines V8-Boliden. Einfach den besten Ibiza suchen, den es gibt. Kaufen.

Autor: Thomas Wirth

Fotos: C. Bittmann

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