Kurz mal eben für 50 Jahre abgestellt: Bugatti 57 S von 1937.

Sensationeller Scheunenfund

— 01.01.2009

Bugatti wachgeküsst

Ans Licht der Welt: Fast 50 Jahre hat ein Edel-Sportwagen in England im Dunkeln einer alten Garage ausgeharrt, jetzt fand die Familie des verstorbenen Besitzers das sehr seltene Stück. Der Erlös könnte sie zu mehrfachen Millionären machen.

Er ist beinahe fahrbereit: Nur knapp 43.000 Kilometer hat ein 72 Jahre alter Bugatti 57 SC Atalante auf der Uhr. Er stand seit den frühen 60er Jahren in einer alten Garage im nordenglichen Gosforth nahe Newcastle. Es war 1937 für den blaublütigen Auto- und Rennsportfanatiker Francis Curzon, fünfter Earl von Howe, fabriziert worden. Aus 3,2 Liter Hubraum schöpfte die für damalige Zeit imponierende 175 PS – zum Vergleich: Das Traumauto Mercedes 540 K aus den späten 30ern erreichte 180 PS mit Kompressor, ohne lediglich 115 PS. Kein Wunder, dass der Leistungsträger Typ 57 zu den erfolgreichsten Autos der elsässischen Manufaktur gehörte. Zwei Jahr hatte der Landedelmann den schwarzen Atalante bewegt, dann kam der Krieg. Der Earl eilte zu den Waffen, das Auto blieb stehen. 1947 verkaufte Curzon den Sportwagen, zwei weitere Besitzer fuhren nicht lange damit herum. Wollte Dr. Harold Carr, der vierte Besitzer, ihn Anfang der 60er für lange wegstellen? Passte die Wagenfarbe nicht zum aktuellen Abendkleid seiner Gemahlin? War der Aschenbecher voll?

Wenige wussten von dem Schatz

Seine Lordschaft mit Zweisitzer: Francis Curzon, 5th Earl Howe, kurz vor dem Krieg.

Jedenfalls geriet das herrliche Automobil, von dem die legendäre Manufaktur Ettore Bugattis nur 17 Stück gebaut hatte, in Vergessenheit. Die Zeit strich drüber hin, Ölkrise, Kriege, Geburten und Todesfälle fanden ganz weit weg draußen vor der Tür statt, drinnen stand der 57 S mit Atalante-Aufbau sich die Pneus platt und staubte ein bisschen ein, während das Benzin im Tank sich verflüchtigte. Mehr geschah nicht. Als Carr 2007 verstarb, wussten nur wenige vom Schatz in seiner Garage. Als die Familie das seltene Sportcoupé entdeckte, war das Hallo groß. Nun soll der 57 S verkauft werden. Natürlich kann der neue Eigentümer, der das Bugatti-Schätzchen am 7. Februar auf der "Automobiles d'Exception à Retromobile" in Paris ersteigert, nicht sofort damit losfahren. Doch die Substanz ist in so gutem Zustand, dass eine Restaurierung – kein Neuaufbau – sich lohnt. Sagt zumindest das honorige Auktionshaus Bonhams, immerhin seit 1793 im Geschäft.

Nur vier Vorbesitzer legten mit dem Sportcoupé insgesamt knapp 42.300 Kilometer zurück.

"Das ist in der Tat einer der letzten großen Scheunenfunde", sagt James Knight, Leiter der Auto-Abteilung des Auktionshauses. Die gesamte Lebensgeschichte des Wagens ist dokumentiert , inklusive der relativ kurzen aktiven Jahre. Das Faszinierende: Keiner der vier Eigner hat das Fahrzeug wesentlich verändert. So besitzt der Bugatti mit dem seltenen Atalante-Aufbau noch heute das Gepäckgitter, das weiland Earl Howe an seinem Schätzchen montieren ließ. Auch eigene Stoßstangen und zwei Außenspiegel an den A-Säulen ließ der autoverrückte Adelige, erster Präsident des British Racing Driver's Club (BRDC), anbringen.

Das Sportcoupé mit der Chassis-Nr. 57502, ausgeliefert im Juni 1937, trägt sie noch heute. 1947 verkaufte Curzon den Wagen an einen anderen Rennsportfan, J.P. Tingay, der das Fahrzeug mangels verfügbarer Bugatti-Teile so kurz nach dem Krieg mit einem Marshall K200 Kompressor (englisch "Supercharger") aufrüstete und damit Rennen fuhr. Offenbar genügte das erzielte Ergebnis nicht lange den Ansprüchen Tingays, denn schon 1950 stieß er den Zweisitzer wieder ab. Doch auch in dritter Hand verblieb er nicht lange – als Teil der Sammlung von Lord Ridley erlebte der Bugatti 57S eine Art Vorruhestand. Schon ein Jahr darauf kaufte ihn der Mediziner Dr. Harold Carr. Auch er fuhr nicht lange damit herum; zum Glück für die Nachwelt.

Autor: Roland Wildberg

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