Servolenkung: Pro und Kontra — 06.12.2011

Darf Servo sein? Muss Servo sein?

Die Fakten: Neue Technik ermöglicht es jetzt, jeden Klassiker preisgünstig mit Servolenkung auszurüsten. Ansichtssache: Zwei Redakteure messen sich in verbalem Armdrücken.

Bis in die 1970er-Jahre waren Servolenkungen im Pkw ein Oberklasse-Gimmick. Und dass man auch heute noch ohne Servo Auto fahren kann – das beweisen Klassiker vom Käfer bis zum Sechszylinder-Mercedes. Dass das aber kaum jemand will, beweist folgende Zahl: 96 Prozent aller Gebrauchtwagen in Deutschland werden servounterstützt gelenkt – die restlichen vier Prozent verteilen sich auf Smart, andere Kleinwagen und eben Klassiker. Bisher konnten Werkstätten nur hydraulische Servolenkungen nachrüsten, was sehr teuer und nur bei wenigen Modellen möglich ist. Jetzt aber gibt es elektrische Systeme, die weniger kosten und in praktisch jedes Auto passen – das heizt eine neue Diskussion an.

Frank B. Meyer: "Im Zweifel geht Sicherheit vor Geschmack"

Frank B. Meyer lenkt gern leicht.

Klassische Automobile müssen gefahren werden. Weil sie sonst kaputtgehen. Und weil sonst niemand etwas von ihnen hat. Bevor der Wagen stehen bleibt, weil der Fahrer zu bequem ist, ist die Nachrüstung einer elektrischen Servolenkung des geringere Übel. Klar gibt's gute Argumente dagegen. Das klassische Taubenzüchter-Argument: "Das ist nicht original." Stimmt. Wer sich konsequent daran hält, wer freudig jede Parkplatzsuche und jede Alpentour ohne Servolenkung unternimmt, weil er die Segnungen späterer Jahrzehnte konsequent ausschlägt, verdient Respekt. Darf sich dann auch nicht mit kontaktloser Zündung oder mit Korrosionsschutzfett erwischen lassen. Übrigens: Die Lenkung von EZ lässt sich abschalten, sogar zurückrüsten. Und das Macho-Argument: "Ich bin doch kein Warmduscher." Dann schwitz doch, Macho. Das tut den anderen nicht weh, sofern du nachher duschst. Dass die zarte Lady neben dir ihren Oldtimer einparkt, tut aber auch niemandem weh. Spätestens wenn ein Kind vor den Kühler läuft, sind Geschmacksdiskussionen unwichtig. Dann zählt nur, ob das Auto mit den Trommelbremsen rechtzeitig steht – oder wenigstens ausweichen kann.

Heinrich Lingner: "Wer cool Oldie fahren will, sollte auch leiden können"

Heinrich Lingner lenkt lieber live.

Es gibt so viele Argumente gegen nachträglich eingebaute Servolenkungen im Klassiker, dass ich gar nicht weiß, mit welchem ich beginnen sollte. Vielleicht mit einem Zitat von Dr. Kelso auch der zu Recht hochgelobten US-Fernsehserie Scrubs: "Nichts, was sich auf dieser Welt zu haben lohnt, fällt einem in den Schoß." Das ist eine sehr altmodische Ansicht, doch eine, die ich teile: Wer cool mit seinem Klassiker durch die Gegend fahren will, soll sich dabei anstrengen. Und wem das zu mühsam ist, der kann sich ja ein Auto mit Servolenkung kaufen. Im Vorkriegsauto oder 50er-Jahre-Sportwagen posen, aber heimlich per Servo lenken, das geht gar nicht. Was kommt dann als nächstes? Wandlerautomatik im Mercedes 500 K? Klimaanlage im Cadillac V16? Der Reiz, ein klassisches altes Automobil zu bewegen, besteht doch gerade in der Auseinandersetzung mit der alten Technik, mit Seilzugbremsen, unsynchronisierten Getrieben, Vergaser-Motoren und servolosen Lenkungen. Ein auf moderne Technik umgerüsteter Oldtimer kann dagegen nur ein schales Vergnügen sein – Fahrspaß aus zweiter Hand, hergerichtet und dargebracht für Warmduscher und Laubader. Und das sind wir doch nicht, oder?

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Kommentare zum Artikel (14)

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Rolo
20.01.2012, 17:48Uhr

Soll doch jeder so halten wie er es mag. Solange das ganze rückrüstbar ist ... who cares. Und bzgl. Youngtimer/Oldtimer original lassen: solange man es nicht sieht oder hört ... bin ich für jede technisch machbare Nachrüstung, sofern ordentlich dokumentiert und bei einem evtl. Verkauf auch von vorn herein angegeben.

inschinoer
20.01.2012, 17:13Uhr

Es gibt so Dinge, die auch in den TüV-Richtlinien drin stehen, wie unter Umständen Zweikreis Bremsanlagen, die auch der Sicherheit unter Umständen dienen. Aber was bitte hat eine Servolenkung damit zu tun? Damals wusste man, dass wenn sich das Auto nur ein klein wenig bewegt, geht's sofort leichter. Bei normaler Fahrt ist die Servolenkung überhaupt kein Thema. Meistens wird die Servowirkung bei hohem Tempo sogar reduziert. Servo ist zum Rangieren, nicht zum Fahren und hat somit nix mit Sicherheit zu tun. Wer seine Reifen im Stillstand rumkratzt, ist nicht nur schwach sondern blöd.

Gustav Benzin
04.01.2012, 00:48Uhr

Von meinen drei Oldtimern haben zwei keine Servo: der Käfer und die 200er Mercedes Heckflosse. Ich vermisse sie auch nicht. Die Fahrzeuge sind gut gewartet und die Schmiernippel werden regelmäßig benutzt. Die dünnen Reifen dieser Fahrzeuge sind auch für meine zarte Frau problemlos auch in Parklücken zu lenken. Das Fahrzeug muss nur ein klein bisschen rollen, dann lenkt es sich fast von selbst. Servo braucht da Keiner. Die drehzahlabhängige Servolenkung meines 6er BMW hingegen geht sogar gefühlt schwerer, als die servolose der Flosse.

Denart
21.12.2011, 22:28Uhr

Ich finde es in Ordnung, einen Oldie auf einen moderneren Stand zu bringen. Wie viele millionenschwere Mercedes 300SL oder E-Types oder Porsche wurden auf Scheibenbremsen und kontaktlose Zündanlagen umgerüstet?
Letztendlich zählt doch nur das Gefühl selbst, welches jeder einzelne bei Ausfahrten mit seinem Oldie empfindet.

wiegepaul
17.12.2011, 17:49Uhr

...was leider nicht selten auch dazu führt, dass dieselben eine Auto ohne ESP etc. nicht mehr sicher bewegen können; - wie sollten Sie dann auch verstehen welchen Spaß ein Auto ohne Servos; Klima und ESP und Automatik und massenhaftem Gewicht gerade darum macht, weil DAS ALLES eben nicht vorhanden ist.

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