Sieger von gestern: Mini Cooper 998

Sieger von gestern: Mini Cooper 998

— 05.02.2004

Der Zufalls-Dominator

Moderne Technik, Top-Fahrer, neue Logistik-Maßstäbe – vor 40 Jahren dominierte der Mini die Rallye-Szene. Eine verrückte, zufällige und bis heute brauchbare Entwicklung.

Ende der 50er Jahre war die Alte Welt noch weitgehend in Ordnung. Es gab weder Atomkraftwerke noch private TV-Sender – und Rallyes wurden noch mit richtigen Autos bestritten: Man brezelte in stattlichen Limousinen durch englische Wälder, über französische Pässe oder von Lüttich nach Sofia und wieder zurück. Im Ziel unterlag man in der Regel einem Auto, das aussah wie ein Tier und von seinen Fahrern aufgrund seines abenteuerlichen Fahrverhaltens schlicht als "Schwein" beschimpft wurde. Das Teil hieß Healey, wurde von Austin gebaut und war bei Rallyes das Maß aller Dinge.

Das "Schwein" und sein Enkel

Ein Austin Mini Cooper von 1962 – nachdem der Exrennfahrer Cooper am Mini schraubte, wuchs der Kleine über sich hinaus.

Für den Alltag erwies sich das bis zu 220 PS starke Ungeheuer jedoch als wenig tauglich. Dafür brauchte man schon damals andere Autos. Wie den Fiat 500, den VW Käfer. Oder eben einen Mini – der war völlig anders als die Konkurrenz vom Kontinent. Erdacht hatte ihn Alec Issigonis. Der Grieche baute im Auftrag der British Motor Corporation (BMC) das mit Abstand modernste Auto seiner Zeit: Mit vorn quer eingebautem Motor und Frontantrieb entsprach der Mini bei seinem Debüt 1958 dem heute noch gültigen Standard für Kleinwagen.

Zufälle namens Moss, Cooper, Turner

Dass der Kleine auch eine große Sportkarriere machen sollte, hätte sich Issigonis allerdings nicht träumen lassen. Dazu bedurfte es zunächst einer Reihe von Zufällen. Der erste von ihnen hieß Pat Moss. Die hübsche Schwester des berühmten Stirling verhalf dem Mini 1959 zu seinem ersten Triumph bei einer englischen Rallye.

Der zweite Zufall hörte auf den Namen John Cooper. Der als Rennfahrer zu Ruhm und als Konstrukteur zu Wohlstand gekommene Brite war auf Anhieb vom sportlichen Potenzial des Mini überzeugt. Und 1960 überredete er den damaligen BMC-Boss George Harriman, dem Mini einen stärkeren Motor zu spendieren. So entstand der erste Mini Cooper, der im Unterschied zum 34 PS schwachen Ur-Mini schon über stolze 55 Pferdestärken verfügte.

Der dritte Zufall hieß Stuart Turner. Seinen ersten Mini-Kontakt hatte er 1959 als Beifahrer von Pat Moss. Dabei erkannte er nicht nur, dass ihm die Theorie mehr lag als die Praxis, sondern auch, dass der Mini mehr konnte als nationale Rallyes gewinnen. Im zarten Alter von 28 Jahren wechselte Turner vom harten Beifahrersitz 1961 in den weichen Sessel als BMC-Sportchef.

Herzhaftes Gas, virtuoses Bremsen

Ein Jahr später nahm er auf Anraten des finnischen Mini-Importeurs neben dem Iren Paddy Hopkirk zwei Talente aus den nordischen Wäldern unter Vertrag: Rauno Aaltonen und Timo Mäkinen. Die teilten zwar die Vorliebe für herzhaftes Gasgeben und virtuoses Linksbremsen, hätten ansonsten aber nicht unterschiedlicher sein können:

Während Aaltonen fließend in fünf Sprachen parlierte, Alkohol mied und die Raserei mit wissenschaftlicher Akribie betrieb, sprach Mäkinen bei seiner Ankunft auf der Insel nur zwei Worte Englisch: "Whisky Coke". Für die physikalischen Theorien Aaltonens hatte er so gar kein Interesse. Hopkirk, Dritter im Mini-Bunde, lernte das Linksbremsen nie und balancierte im Team irgendwo zwischen Alkohol und Physik.

Einig aber waren sich alle drei in der Überzeugung, mit dem Mini über ein fabelhaftes Gerät zu verfügen: Kaum vorhandene Karosserie-Überhänge sorgten für ungekannt neutrales Fahrverhalten. Die kompakte Karosserie ließ auf engen Bergstraßen immer noch ein wenig Luft zum nächsten Mäuerchen, wo man mit dem vergleichsweise riesigen Healey längst angeeckt wäre. Letztlich garantierten die lächerlichen 650 Kilo, die ein Rallye-Mini auf die Waage brachte, trotz der schütteren 55 PS ein für damalige Verhältnisse akzeptables Leistungsgewicht.

Monte-Carlo-Sieger 1964-1965-1967

Der Rest war kein Zufall mehr: Stuart Turner entwickelte eine professionelle Logistik, setzte neue Maßstäbe in Sachen Service-Organisation und schickte als erster Teamchef Eisspione auf die Sonderprüfungen. Derweil feilte John Cooper beharrlich am Brennraumvolumen und lockte nach der fünften Hubraumerweiterung auf 1275 cm3 fast 80 PS von der Welle.

Die Fahrer dankten es ihnen, vor allem bei der Rallye Monte Carlo: Hopkirk/Liddon siegten 1964, Mäkinen/Easter gewannen 1965 und galten nach umstrittener Disqualifikation wegen angeblich irregulärer Leuchten in den Scheinwerfern auch 1966 als moralische Sieger, Aaltonen/Ambrose gaben sich 1967 die Ehre.

Danach war plötzlich mehr Leistung gefragt: 1968 gewann Vic Elford (Porsche 911) die Monte. Aaltonen rettete mit Platz drei nur die Ehre der Minis. 1970 war endgültig Schluss: Der Leyland-Konzern geriet finanziell ins Schleudern – der zum Sanierer bestimmte Lord Stokes besiegelte mit einem kleinen Federstrich das Ende einer großen Ära.

Mini – britisch und kritisch

Kein anderes Modell symbolisiert besser den Niedergang der englischen Autoindustrie als der Mini. Entwickelt in nur zwei Jahren, gespickt mit bahnbrechenden Innovationen in ebenso zweckmäßigem wie sympathischem Design, hatte der Kleine beste Anlagen zum Erfolgsmodell. Sein geniales Konzept begeisterte sogar die Prominenz: Enzo Ferrari besaß mehrere Minis, Beatle Ringo Starr bekannte sich vehement zu ihm – und im Swinging London der 60er Jahre gab es fast so viele Minis wie Miniröcke.

Konstrukteur und Ex-Rennfahrer John Cooper sorgte mit seinem Tuning von 34 auf 80 PS für die sportliche Variante Mini Cooper. Doch auch seine größten Sympathisanten mussten erfahren, dass es mit der Zuverlässigkeit nicht so weit her war. Die Minis waren Rostlauben, litten chronisch unter Defekten an Elektrik und Mechanik. Auch mit der Verarbeitung nahm man es in England nicht so genau. Wer Mini fuhr, musste leiden können.

Doch statt Mängel auszubügeln, das Konzept zu entwickeln, beschieden sich die Briten mit dem Ur-Mini und bauten ihn weiter für die Freaks, deren Zahl naturgemäß immer kleiner wurde. Das Einzige, was sich änderte, waren die Besitzverhältnisse. Die aus der Fusion von Austin und Morris entstandene British Motor Corporation ging in British Leyland auf. Später wanderten die Markenrechte zu Rover – und durch deren Übernahme an BMW, die den Mythos Mini mit einem neuen Modell 2002 mit Erfolg wieder aufleben ließen.

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